Angst ist die Ebene, wo man sich trifft

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Foto: Matthias Albrecht

Julia Merkel

Angst ist die Ebene, wo man sich trifft
Sie demonstrieren gegen den Bildungsplan, die "Gender-Ideologie" und eine angebliche Sexualisierung von Kindern. Seit Monaten gehen tausende Menschen in Baden-Württemberg unter dem Motto "Demo für Alle" auf die Straße, darunter auch viele Christ_innen. Aber nicht nur bei der "Demo für Alle" sind Nachfolger_innen Jesu anzutreffen, sondern auch bei der Gegendemonstration "Regenbogen für alle". Julia Merkel ist eine von ihnen. Matthias Albrecht sprach mit ihr.

ALBRECHT: Demo für Alle, das kling ja erst einmal ziemlich einladend. Aber wer sind denn diese Alle eigentlich? Was für Menschen gehen zu dieser Demo?

MERKEL: Der Name wurde von der französischen Manif pour tous-Bewegung gegen die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare übernommen. Sie bezeichnen sich als Alle, weil für sie erst mal alle willkommen sind. Tatsächlich sind es aber nur diejenigen, die gegen den neuen Bildungsplan und die sogenannte "Gender-Ideologie" demonstrieren möchten. Besonders das politisch konservative Spektrum, wie CDU oder AfD, ist vertreten. Wir haben ja im kommenden Jahr Landtagswahlen in Baden-Württemberg.

ALBRECHT: Warum demonstrieren diese Menschen gegen den neuen Bildungsplan oder gegen Erkenntnisse der Geschlechterforschung?

MERKEL: Sie fürchten sich davor, was den Kindern im Unterricht an Sexualaufklärung mitgegeben wird, zum Beispiel, dass Kindern gesagt wird,  Homosexualität sei normal. Die Auflösung der natürlichen Geschlechter und die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare sind weitere Themen.  Ich denke, sie sollten bei ihrer Kritik an Gender und Gendermainstreaming ihre Behauptungen mit der Realität abgleichen, das heißt mit dem, was wirklich getan und gewollt wird. Da werden einfach viele Ängste unnötig heraufbeschworen.

ALBRECHT: Laut Medienberichten soll ein junger Mann erklärt haben, homosexuell zu empfinden, dieses aber zu unterdrücken, weil er es mit seinem christlichen Glauben nicht vereinbaren kann. Dafür bekam er viel Beifall von den Teilnehmer_innen der Demo für Alle. Im gleichen Atemzug warnte er, dass der geplante Bildungsplan junge Menschen auf den falschen Weg führen könnte. Was denkst Du, wenn Du so etwas hörst?

MERKEL: Es macht mich traurig! Mir hätte es damals wahnsinnig geholfen, in der Schule darüber zu reden, dass es Menschen gibt, die schwul oder lesbisch sind. Das hätte mich nicht auf den falschen Weg geführt, sondern ich hätte gesehen, dass ich nicht allein bin. Vielleicht hätte es mir sehr viele Ängste, die ich mir selbst gegenüber empfunden habe, erst einmal etwas abgemildert. Ich glaube nicht, dass man durch die Thematisierung im Unterricht, die Selbstidentifikation als Schwuler oder Lesbe unterstützt, sondern dass klar wird:"Es gibt noch andere außer mir".  Außerdem wird an vielen Stellen unterschätzt, welche Rolle Ausgrenzungs- und zum Teil auch Gewalterfahrungen bei LGBT noch spielen.

ALBRECHT: Die Veranstalter_innen weisen den Vorwurf der Homophobie zurück. Findest Du das glaubwürdig?

MERKEL: An dem Wort Homophobie stört mich, dass es für jeden etwas anderes bedeutet. Ich weiß nicht, was der Begriff für die Demonstrierenden bedeutet, wenn sie sagen, sie seien nicht homophob. Was ich wahrnehme, ist beispielsweise der vorhin genannte Redner, der sagt:  "Ich lebe meine Homosexualität nicht aus." Ich  habe Respekt vor Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen für das Zölibat entscheiden, darum geht es mir nicht. In seiner Rede schwingt allerdings mit "Homosexualität ist das Symptom einer Störung, aber man kann etwas dagegen tun."  Das widerspricht der Erfahrung von vielen Menschen, die sowohl an Zölibat als auch an dem Versuch, heterosexuell zu leben, gescheitert sind. Dann denke ich an Demoplakate und Aussagen  in Interviews, wo es sehr schnell auch ordinär und niveaulos wird; da erlebe ich eine tiefe und feste Abneigung gegenüber Schwulen und Lesben. Da kann man nach außen noch so oft sagen,  "wir haben ja nichts gegen Homosexuelle", aber wenn versucht wird, die Sichtbarkeit von LGBTIs in der Gesellschaft zu minimieren, sie z.B. nicht im Unterricht zu erwähnen, dann ist das doch genau das Gegenteil davon.

ALBRECHT: Was glaubst Du, welche Rolle die Demo für Alle im Kontext der Landtagswahl spielt, die in weniger als einem halben Jahr stattfindet?

MERKEL: Für mich ist es eine ganz klare, scharfe Abgrenzung der CDU in Baden- Württemberg. Die CDU will sich als konservatives Schlachtschiff formieren. Jede Partei hat ihr Klientel, das sie gern bedienen möchte und die CDU will diejenigen bedienen, die gegen den Bildungsplan sind. Eine ganz klare Parteinahme und Positionierung gegen die Gleichstellung von LGBTs.

ALBRECHT: Das klingt sehr polarisierend. Hat die Stimmung auf der Demo für Alle auch etwas Polarisierendes? Oder wie kann ich mir die Stimmung dort vorstellen?

MERKEL: Wenn man die Positionen dort teilt, dann ist es ganz locker und entspannt. Wenn man natürlich nicht deren Position teilt und trotzdem da ist, in dem Wissen, dass da auch Nationalisten und Rechte mitlaufen, ist es für mich bedrückend. Wenn sich die Teilnehmer_innen der beiden Demonstrationen treffen, dann ist die Stimmung sehr angespannt. Beide Seiten berichten von Übergriffen und Beleidigungen.

ALBRECHT: Wie fühlt es sich für Dich persönlich an, der Demo für Alle beizuwohnen?

MERKEL: Beängstigend. Das habe ich auch nur einmal gemacht. Normalerweise bin ich nur bei der Gegendemo Regenbogen für Alle. Ich trug damals, als ich mir die Demo für Alle angeschaut habe, jetzt nichts Offensichtliches, was mich als Gegendemonstrantin erkennen ließ, also Regenbogenfahne oder so. Aber ich hatte ein T-Shirt an mit dem Spruch "we are equal"  und ich hatte manchmal wirklich Angst, allein deswegen in Bedrängnis zu geraten.

ALBRECHT: Du gehst zur Gegendemo, die Regenbogen für Alle heißt. Was ist das für eine Demo?

MERKEL: Das sind ganz viele unterschiedliche Menschen, die sich für die Rechte von LGBTs einsetzen. Letztes Mal waren beispielsweise VertreterInnen von der Aktion 100% Mensch, Aktion Transsexualität und Menschenrecht e.V. oder auch eine Pfarrerin aus Stuttgart als Redner_innen dabei. Die Rednerin von der trans*-Gruppe, hat mir am besten gefallen Sie stellte selbst fest, " eigentlich muss ich Euch hier nichts sagen, eigentlich müsste ich jetzt bei der anderen Demo reden."  Und dann haben wir eine Schweigeminute für die Opfer transphober Gewalt gehalten. Das hat alle sehr bewegt.

ALBRECHT: Kommen viele Menschen zu der Gegendemo?

MERKEL: Ich persönlich fand die letzte Gegendemo sehr schlecht besucht. So zwischen 300 und 500 Menschen. Das war schade. Ich glaube, für viele ist das Thema Bildungsplan  gerade nicht so präsent. Ich finde es schade, dass da vielen Schwulen, Lesben und Transgender scheinbar das politische Bewusstsein fehlt, um den Hintern hochzukriegen!

ALBRECHT: Gibt es Momente, bei einer der Demonstrationen, die Dir besonders in Erinnerung geblieben sind, die Dich besonders angerührt haben?

MERKEL: Ja. Das war diese Schweigeminute, die ich sehr schön fand. Zur Ruhe zu kommen, während gleichzeitig die Glocken einer Kirche in der näheren Umgebung geläutet haben. Bei der  Demo für Alle war nicht nur für mich das Gefühl da, dass ich Angst habe, wenn ich zwischen den Leuten stehe, sondern dass bei den Menschen, die dahin gehen, selbst auch viel Angst herrscht. Angst vor dem was da gerade in der Politik und in der Gesellschaft passiert. Angst ist dann eine Ebene, wo man sich letztlich wieder trifft. Auch wenn das natürlich traurig ist.

ALBRECHT: Was entgegnest Du Menschen, die Dir sagen, sie gingen bei der Demo für Alle für Jesus auf die Straße?

MERKEL: Ich stelle die Frage: Was würde Jesus tun? Es widerspricht sich für mich einfach, extreme politische Aktionen gegen die Politik einer bestimmten Landesregierung zu machen und als Christ daneben zu stehen und das alles zu bejubeln und zu beklatschen, was gesagt wird. Natürlich ist es das Ziel einer Demonstration, die eigenen Ideen und Forderungen vielleicht auch übertrieben darzustellen. Aber als Christin fühle ich mich dazu aufgefordert, mir auch Gedanken darüber zu machen, was die Menschen auf der Gegendemonstration  in ihrem Handeln antreibt und motiviert. Christsein heißt doch, dass man anders mit den Mitmenschen umgeht, aufeinander zugeht und sich nicht abgrenzt und Mauern aufbaut.

ALBRECHT: Gegenfrage. Was würdest Du einem Menschen entgegnen, der Dich fragt, wie Du Jesus nachfolgen und zur Gegendemonstration gehen kannst?

MERKEL: Ich würde erläutern, dass Homosexualität, wie wir sie heute verstehen, nicht in der Bibel vorkommt. Darin würde ich anschließen, dass Jesus für ein gelingendes Leben steht. Er möchte, dass wir unser Leben auf die Reihe bekommen, sowohl jeder einzelne für sich als auch als Gesellschaft. Dazu gehört eben auch die Anerkennung von Anderssein. Ein weiterer Aspekt ist, dass schon seit der frühen Kirche tiefgreifende Konflikte ausgefochten wurden, beispielsweise zum Thema " Wer ist eigentlich Christ?" oder  "Was heißt eigentlich Christsein?". Muss man dazu beschnitten werden oder nicht? Sogar Petrus und Paulus haben sich da völlig überworfen und trotzdem haben sie sich immer noch als Geschwister angenommen.

ALBRECHT: Gibt es ein Gebetsanliegen, dass Du unseren Blogleser_innen zur Fürbitte mit auf den Weg geben möchtest?

MERKEL: Die Bitte um einen innerchristlichen Dialog darüber, warum auf beiden Demonstrationen Christen auf die Straße gehen. Dann denke ich aber auch an andere Länder, wo LGBTs verfolgt, unterdrückt und ermordet werden.

 

Julia Merkel (35) lebt mit ihrer Frau in Stuttgart. Sie ist Studentin der Informatik, baptistischer Konfession und Mitglied im Vorstand von Zwischenraum e.V..

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