"Terre des Femmes": Schülerinnen werden in den Ferien zwangsverheiratet

"Terre des Femmes": Schülerinnen werden in den Ferien zwangsverheiratet
Die Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" fordert von Behörden eine größere Sensibilität für die Zwangsverheiratung von Schülerinnen im Ausland.
10.08.2015
Christina Özlem Geisler
epd

Der gemeinnützige Verein kritisierte im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd), dass Abmeldungen von der Schule und deren Gründe zu oft unhinterfragt blieben. "Wenn das Schuljahr wieder anfängt und ein Mädchen nicht erscheint, wird das in keiner Studie erfasst", sagte die Leiterin der Berliner Beratungsstelle von "Terre des Femmes", Katrin Schwedes. "Manche Mädchen gehen dadurch einfach verloren."

Es sei zwar nicht Aufgabe der Schule im Fall einer Abmeldung bei der Familie nachzuhaken, erklärte Schwedes. Aber das Jugendamt könne nicht tätig werden, wenn es keine Informationen über eine Abmeldung hat.

"Terre des Femmes" berate bundesweit betroffene Frauen am Telefon oder per E-Mail, aber sensibilisiere auch Lehrer für Anzeichen einer Zwangsverheiratung und vermittele Fachkenntnisse an Sozialarbeiter vor Ort, sagte die Beraterin. Der Großteil der Betroffenen, die sich an den gemeinnützigen Verein wenden, sei zwischen 17 und 25 Jahre alt, aber es gebe auch Fälle noch jüngerer Mädchen.



Etwa zwei Drittel der Beratungen bestünden nur aus einigen Kontakten. "Bei denen, die ihre Familie verlassen möchten, ist die Flucht hingegen ein riesiger Schritt am Ende einer mehrmonatigen Entscheidungsfindung", unterstrich die Expertin. "Terre des Femmes" begleite die jungen Frauen in diesem zwiespältigen Prozess. Zwar versuchten sie aus ihrer Notlage auszubrechen, hätten aber auch Angst, durch ihren Auszug Familienmitgliedern zu schaden oder ihre Geschwister zu verlieren.

Schwachstellen im deutschen System sieht die Diplom-Psychologin im Zusammenspiel von Politik und Verwaltung. Bei jedem neu in den Fokus gerückten Kinder- und Jugendschutzthema müssten sich beide erst darauf verständigen, wie man es gründlich erfassen kann. "Vor 30 Jahren wussten Jugendämter nicht, wie sie mit sexuellem Missbrauch umgehen sollen. Heute stecken die Behörden im Fall von Gewalt im Namen der Ehre in den Kinderschuhen", erklärte Schwedes.

Die Bundesregierung hatte 2011 ein Gesetz zur Bekämpfung von Zwangsehen verabschiedet. "Terre des Femmes" sei mit dem Ergebnis im Strafgesetzbuch aber nicht zufrieden. Daher unterstütze der Frauenrechtsverein die Konferenz der Gleichstellungs- und Frauenminister der Bundesländer, die Anfang Juli in Berlin eine Erweiterung des Paragrafen gefordert hatte. "Der Paragraf 237 erfasst nur standesamtliche Ehen. Viele Zwangsehen werden jedoch in religiösen Zeremonien geschlossen", erläuterte Schwedes. "Für die Mädchen ist es am Ende egal, wie die Ehe geschlossen wurde. Sie alle fallen bei dem Gesetz durchs Raster."

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