Passivabendmahl

Passivabendmahl

In unserer kleinen Reihe „das Abendmahl“ ist heute nach den Tunkern eine ganz spezielle Gruppe dran: Die Passiv-Abendmahlsgäste. Das sind die, die durchaus mit vor gehen zum Abendmahl, dann aber da stehen und überhaupt nichts tun. Bei manchen steht durchaus auch ein theologischer Gedanke dahinter: Ich bekomme das Abendmahl geschenkt. Gott wendet sich mir zu, und ich muss überhaupt nichts dafür tun. Das drückt sich darin aus, dass sie sich die Hostie in den Mund legen lassen und auch den Kelch nicht anfassen. Eigentlich eine durchaus nachvollziehbare Haltung, die ich sogar recht schön finde. Leider ist sie mit einigen kleinen Tücken verbunden, wie das halt beim Abendmahl immer wieder passiert.

Zum einen: Haben Sie schon mal zugeschaut, wenn jemand sich ein Lebensmittel in den Mund legen lässt, egal was? Ja, genau: Da wird erst mal die Zunge rausgestreckt. Sieht lustig aus, wenn die Abendmahlsgäste reihum ihrem Pfarrer oder ihrer Pfarrerin die Zunge rausstrecken. Noch lustiger wird's, wenn diese wiederum sich so darauf konzentrieren, dass sie ebenfalls den Mund aufmachen und – ja – die Zunge rausstrecken. Kommt vor. (Schon mal Eltern beim Füttern ihrer Babys beobachtet? Da passiert das ständig. Nennt sich Carpenter-Effekt oder ideomotorische Bewegung. Ha, schon wieder was gelernt.)

Mein größtes Problem als Pfarrer ist dann aber der Kelch. Der ist nämlich nicht durchsichtig, und ich habe schlicht und einfach keine Ahnung, ob der Wein – oder Saft – nun schon die Lippen berührt oder möglicherweise schon zu den Nasenlöchern reinläuft. Wie weit muss ich den Kelch kippen? Natürlich bekommt man mit der Zeit ein Gefühl dafür. Wenn dann aber ein 2,15 Meter großer Mensch vor einer 1,65-Meter-Pfarrerin steht und keine Anstalten macht, den Kelch irgendwie in die Hand zu nehmen, kommt man sich ein wenig vor wie ein Gabelstaplerfahrer am Hochregal – und dann noch den Kelch im richtigen Maß zu kippen, ist schon eine große Kunst.

Sehr ungünstig ist auch die Kombination „langer, schmaler, momentan bis zum Rand gefüllter Kelch“ mit „vollbusige Frau, die den Kopf nicht vorstreckt“. Muss ich weiter erzählen?

Also, liebe Passivabendmahler: Helft doch den Austeilenden ein bisschen. Eine Hostie kann man auch wunderbar „passiv“ in die Handfläche empfangen. Vor allem, wenn es eine ist, auf der noch ein Symbol abgedruckt ist. Dann ist es ja auch sinnvoll, erst einmal zu sehen, was man heute Schönes bekommen hat. Und beim Kelch ein klein wenig mitzuhelfen ist für die Austeilenden sehr entlastend, manchmal auch für einen selbst. Aber: Wenn es euch wirklich ein Anliegen ist, das Abendmahl so passiv zu empfangen, wie ich es am Anfang beschrieben habe – dann werde ich auch gerne weiterhin alle Verrenkungen auf mich nehmen, um es euch zu ermöglichen.

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