Schalom Ben-Chorin: "Jesus ist mein jüdischer Bruder"

Vor 100 Jahren wurde der Religionswissenschaftler Schalom Ben-Chorin geboren
Schalom Ben-Chorin

Foto: epd-bild/Hans-Reiner Fechte

Den Frieden trug er schon im Namen: Schalom Ben-Chorin heißt "Friede, Sohn der Freiheit". Schon früh setzte er sich für Gespräche zwischen Christen und Juden und für Versöhnung ein. Nicht selbstverständlich für jemanden, der den Nazis entkommen ist.

Als "Kind stürmischer Epochen" hat sich Schalom Ben-Chorin (1913-1999) einmal bezeichnet. Fritz Rosenthal, wie er ursprünglich hieß, kam vor 100 Jahren am 20. Juli 1913 in München zur Welt und wuchs in einem assimilierten jüdischen Elternhaus auf: Zu Ostern suchte man bunte Eier im Garten, an Weihnachten roch es unter dem Lichterbaum nach Lebkuchen und Marzipan, und der Nikolaus kam auch ins Haus.

Lediglich am jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana und am Versöhnungstag Jom Kippur kramte der Vater den Zylinder hervor und ging mit dem staunenden Fritz in die Synagoge. Er ahnte nicht, dass sein Sohn heimlich die im Küchenschrank verstaute hebräische Bibel las. Und dass er später zum Pionier des theologischen Gesprächs zwischen Juden und Christen in Deutschland werden sollte.

"Isar und Jordan münden in mein Herz"

In der Weihnachtsnacht 1928 erklärte der 15-jährige Fritz Rosenthal der Familie, den bürgerlichen "Klimbim" mache er nicht mehr mit. Er stapfte durch den tiefen Schnee zu einer befreundeten, streng orthodoxen Familie, wohnte dort ein Jahr, schloss sich einer zionistischen Jugendgruppe an und nannte sich fortan Schalom Ben-Chorin: "Friede, Sohn der Freiheit".

Er machte eine Buchhändlerlehre, studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München Germanistik, Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft, Philosophie sowie vergleichende Religionswissenschaften und schrieb Lyrik. Doch 1933 übernahmen die Nationalsozialisten die Macht. Ben-Chorin wurde mehrfach verhaftet. Während des Boykotts jüdischer Geschäfte etwa war er mit einer Kamera durch München gelaufen. SA-Männer schlugen ihn zusammen und warfen ihn ins Polizeigefängnis.

1935 gelang ihm mit seiner Frau die Ausreise nach Jerusalem, wo er als Journalist, Zeichner, Dichter und Theologe arbeitete. Weiterhin schrieb er fast nur in deutscher Sprache. Lediglich zwei seiner Bücher erschienen auf Hebräisch. "Isar und Jordan münden in mein Herz", stellte er wehmütig fest.

Die gemeinsamen Wurzeln erkennen

Sein früher Gedichtzyklus "Der Rabbi von Nazareth" aus dem Jahr 1935 sorgte in jüdischen Kreisen für einen Skandal. Denn Schalom Ben-Chorin wies dem "Rabbi Jesus" einen Platz zu "an der Seite jener, welche die Revolution des Herzens in Israel vollzogen". 1958 gründete Ben-Chorin dann die erste Reformgemeinde Israels in Jerusalem. Sein Sohn Tovia Ben-Chorin ist heute Rabbiner in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Zusammen mit anderen hob Schalom Ben-Chorin 1961 die Arbeitsgemeinschaft "Juden und Christen" beim Deutschen Evangelischen Kirchentag aus der Taufe. Er war Dozent und Gastprofessor in Jerusalem, Tübingen und München.

1999 starb Ben-Chorin im Alter von 85 Jahren in Jerusalem. Dort, in der "Hauptstadt der Religionen", hatte er sich ein Zentrum des christlich-jüdischen Dialogs gewünscht, der Islam sei noch nicht so weit. Aber Christentum und Judentum stünden sich näher, als den meisten bewusst sei, sie müssten nur ihre gemeinsamen Wurzeln erkennen.

Die Hoffnung für diese Welt nicht aufgeben

Auf jüdischer Seite war die Resonanz verhalten. Die Christen reagierten umso respektvoller, als er in Büchern wie "Bruder Jesus", "Mutter Mirjam" oder "Weil wir Brüder sind" für eine Wiederentdeckung der jüdischen Wurzeln des Christentums und der zutiefst jüdisch geprägten Religiosität seines Gründers plädierte.

"Jesus ist für mich der ewige Bruder, nicht nur der Menschenbruder, sondern mein jüdischer Bruder", schrieb Schalom Ben-Chorin. Als Gott und Erlöser konnte er ihn nicht anerkennen: "Es ist nicht die Hand des Messias, diese mit den Wundmalen gezeichnete Hand." Den Glauben der Christen an den Gottessohn Jesus nahm er aber sehr ernst und versuchte ihn "um seinet- und um meinetwillen" zu begreifen.

Auch Ben-Chorin stellte die klassische Frage "Können wir nach Auschwitz noch glauben? Können wir Gott vergeben, dass er dem entmenschten Menschen nicht gewehrt hat?" Die einzig mögliche Antwort fand er im Neuen Testament, bei Paulus im Hohelied der Liebe: Die Liebe "hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf." Denn der Hass dürfe nicht weitergegeben werden von Generation zu Generation.

"Muss man nicht ein bisschen verrückt sein, um die Hoffnung nicht aufzugeben in dieser Welt?", fragte er zweifelnd - und textete ein Lied, das als erstes jüdisches Poem Aufnahme in ein christliches Gesangbuch fand, in die Regionalteile der Evangelischen Gesangbücher: "Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt? Dass das Leben nicht verging, soviel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering, in der trübsten Zeit."