Der grüne Trend: Gärtnern in der Stadt

Urban Gardening

Foto: Martin Rasper

Der grüne Trend: Gärtnern in der Stadt
"Urban Gardening" - städtisches Gärtnern - ist in aller Munde, ständig entstehen neue Projekte. Doch handelt es sich um eine kurzlebige Mode oder gibt es Anzeichen einer dauerhaften Entwicklung?
Deutschland spricht 2019

Ein Gespenst geht um in Europa, ein fröhlich-buntes Gespenst mit Dreck unter den Fingernägeln: der neue Gärtner. Aufgetaucht aus dem Nichts, hat er in kürzester Zeit die Städte erobert. Die Illustrierten überschlagen sich mit Geschichten über coole Guerilla-Gärtner und urbane Gemüsezüchter. Auf dem Tempelhofer Feld in Berlin wird in wild zusammengeschusterten Hochbeeten gegärtnert, das Hamburger "Gartendeck" blüht auf dem Dach einer Tiefgarage mitten in St. Pauli. Junge Designer entwerfen futuristische Hängebeetkonstruktionen und Gartengeräte aus Recyclingmaterial. Gärtnern ist hip, ist "der neue Rock'n Roll", wenn nicht gar, wie aus London zu hören war, "der neue Sex". Was ist da los?

Das Treiben hat viele Namen: Urban Gardening, City Farming, Gemeinschaftsgärten, mobile Landwirtschaft, Stadtlandwirtschaft, urbane Subsistenz – selbst der Schrebergarten hat in jüngster Zeit sein Spießerimage abgelegt und ist salonfähig, das heißt: szenefähig geworden.

Und in den Großstädten entstehen allerorten urbane Gartenprojekte. In Köln werkelt die Initiative Neuland, in Leipzig betreibt die Initiative für zeitgenössische Stadtentwicklung den Nachbarschaftsgarten "Annalinde", in Dresden belebt der Aprikosengarten den Stadtteil Pieschen, in München zeigt die Initiative O'pflanzt is! an der Südspitze des Olympiaparks, wie aus Recyclingmaterial Hochbeete und Biotope entstehen können. Überall wird mitten in der Großstadt ökologisches Gemüse gezogen, wird Regenwasser aufgefangen, Material recycelt, werden Pflanzen kompostiert.

Gemüsezüchter sind klügere Verbraucher

Es geht ums Pflanzen, Säen, Ernten; um Selbstversorgung, um frisches gesundes Gemüse. Aber nicht nur. Es geht auch darum, etwas Sinnvolles zu tun, gemeinsam mit anderen und nicht zuletzt für sich selbst. Es geht darum, wieder teilzuhaben am Prozess der Lebensmittelerzeugung, denn der Mainstream geht trotz Öko-Boom und trotz aller Appelle zum regionalen Wirtschaften unvermindert weiter in Richtung Globalisierung und Industrialisierung.

"Die Leute fühlen sich zunehmend abgeschnitten vom Produktionskreislauf der Lebensmittel", urteilen die Soziologen Daniel Dahm und Gerhard Scherhorn. Produkte wie der Analogkäse, der kein Käse ist, und die immer dreisteren Lügen auf den Lebensmittelverpackungen schärfen das Bewusstsein dafür, wie sehr sich die Food-Industrie von den Bedürfnissen vieler Menschen entfernt hat. Wer seine eigenen Erfahrungen mit dem Gemüseanbau macht, lässt sich dagegen nicht mehr so leicht für dumm verkaufen.

Zukunftsorientierte Bewegung - "postfossil"

Für Christa Müller, Geschäftsführerin der Stiftung Interkultur, die viele Gartenprojekte unterstützt, ist das, was derzeit in den Städten geschieht, keineswegs Bewegung "zurück" zu irgendetwas – sondern eine sehr zeitgemäße. "Modernität bedeutete ja bisher immer, dass man sich nicht selbst versorgen muss", sagt sie, "sondern dass man das delegiert. An die Bauern, an die Lebensmittelindustrie, an die Supermärkte. Und das hat ja auch eine Weile ganz gut geklappt. Aber jetzt spüren immer mehr Menschen, dass es so nicht weitergeht."

Bei den Medien stoßen die Initiativen häufig auf Interesse und Sympathie. So ist die Mutter aller urbanen Gartenprojekte, der 2009 eröffnete Prinzessinnengarten in Berlin, längst zum Medienliebling avanciert, dessen Gründer gefragte Gesprächspartner auf Podien und in Talkshows sind. Die Urban-Gardening-Bewegung trifft sich mit Überlegungen der Stadtplaner und Politiker, wie unsere Städte zukunftsfähiger werden können. "Die urbanen Gärten werden zu Treibhäusern einer postfossilen Stadtgesellschaft", sagt Christa Müller.

Die Verbindung zweier Welten

Trotzdem erscheint das Treiben vielen Zeitgenossen wie ein überdrehter Zeitvertreib neurotischer Stadtmenschen. Ist das Ganze also nur eine Mode, die bald wieder abflauen wird?

Im Gegenteil: Alle Indizien weisen darauf hin, dass es sich um eine nachhaltige Bewegung handelt. Ein erstes Anzeichen war vor einigen Jahren die Tatsache, dass Schrebergärten plötzlich nicht mehr als spießig galten, sondern zunehmend auch von jungen Leuten wieder entdeckt wurden. Dazu kamen die Interkulturellen Gärten, die es bereits seit 1995 gibt und deren Zahl stetig wächst; derzeit sind es rund 120. Ebenfalls stark im Wachsen begriffen, ist das Modell der Selbsterntegärten, die besonders für Anfänger geeignet sind.

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Zudem ist das Anlegen von Gärten Nachhaltigkeit par excellence. "Wer einen Garten anlegt, übernimmt Verantwortung", sagt Claudia Plöchinger vom Hamburger Gartendeck. "Zum einen natürlich für die Pflanzen – das sind ja Lebewesen – aber auch für die Menschen, die in den Garten kommen und das auch weiterhin tun wollen." Das unterscheidet diese Bewegung, wenn man sie so nennen will, von anderen politischen Bewegungen: Sie schafft etwas Lebendiges, etwas Dynamisches, etwas das wächst und das vielleicht bleibt.

"Occupy Blumenbeet!", rief die "Süddeutsche Zeitung" kürzlich ihren Lesern entgegen und brachte die Aufbruchsstimmung dieser Verbindung zweier Welten, das zuweilen Absurde, die ganze fröhliche Anarchie des Urban Gardening auf den Punkt: "Man kann herrlich darüber lachen – aber noch viel schöner ist es, mitzumachen."