Sexuelle Orientierung k_ein Thema in Österreichs Lutherischer Kirche?

Lars Müller-Marienburg, Superintendent der Diözese Niederösterreich.

Foto: epd/M. Uschmann

Lars Müller-Marienburg, Superintendent der Diözese Niederösterreich.

Sexuelle Orientierung k_ein Thema in Österreichs Lutherischer Kirche?
Österreichs Evangelische Kirche A.B. hat einen neuen Superintendenten. Lars Müller-Marienburg lebt offen schwul.

Am Samstag wird der neue Superintendent der evangelischen Diözese A.B.[1] Niederösterreich, Lars Müller-Marienburg, offiziell in sein Amt eingeführt. Der 39-jährige Pfarrer wurde im Juni im fünften Wahlgang zum Superintendenten, welcher die geistliche Führung der Diözese innehat, gewählt.

Müller-Marienburg lebt offen schwul. Ja und?, denken sich viele Kirchenmitglieder, andere allerdings sind nach wie vor nicht bereit, die Vielfalt der menschlichen Liebe und des menschlichen Begehrens zu akzeptieren. Vieles wird erzählt über die schmutzige Wäsche, die gewaschen wurde, als Müller-Marienburg sich zur Wahl stellte. Aber auch darüber, dass einige sagten, sie würden ihrer Kirche den Rücken zukehren, sollte Müller-Marienburg aufgrund seiner sexuellen Orientierung nicht zur Wahl zugelassen werden. Kocht es doch endlich mal (wieder) hoch, das viel gemiedene Thema Homosexualität in der evangelischen Kirche in Österreich?

Für die evangelische Kirche in Österreich ist es auf jeden Fall eine Premiere, dass ein offen homosexueller Mensch ein so hohes Amt bekleidet. Der ORF[2] zeigte vergangenen Sonntag einen Beitrag zu diesem Ereignis, in dem sowohl Müller-Marienburg selbst als auch Kolleg_innen und andere Kirchenmitglieder zu Wort kamen. Müller-Marienburg äußert sich darin eher unauffällig und bescheiden, wirkt angepasst: auf seinen Glauben käme es an, nicht darauf, ob die Kirchenmitglieder es gut oder schlecht fänden, dass er schwul ist. Er spricht zwar an, dass es ihm stark darum gehe, was NACH dem Lutherjahr 2017 passiere – das heißt, welche Schritte vorwärts gemacht würden und nicht nur, was im Jahr des Festes passiere. Ob aber ein besonders progressiver Kurs von Seiten des neuen, bezeichnend jungen, Superintendenten zu erwarten ist, bleibt offen. Natürlich darf nicht der Fehler gemacht werden, von einer schwulLesBischen Person zu erwarten, dass sie queere Agenden in den Kirchen vorantreibe – dies ist Aufgabe aller! Andererseits muss davor gewarnt werden, eine Kirche als queer-friendly zu bezeichnen, nur weil sie eine_n schwulen oder lesbische Superintendenten_in hat.

Seinen Schwerpunkt hingegen, so kündigte Müller-Marienburg im ORF-Beitrag an, lege er in Zeiten der "gesellschaftlichen Realität von verschiedenen Religionen und Konfessionen" v.a. auf den Dialog der Religionen sowie auf Ökumene. "Es wird unübersichtlicher, aber vielleicht auch schöner", sagt Müller-Marienburg in Bezug auf die wachsende Vielfalt. Eine andere Stimme aus der niederösterreichischen evangelischen Kirche beschwichtigt, sexuelle Orientierung sei kein Thema – sowohl homosexuelle Pfarrer als auch sie als heterosexuell verheiratete Person mit mehreren Kindern werden akzeptiert. Kein Thema!? – Wie jetzt? In einer Kirche, in der noch immer in zwei Klassen unterschieden wird – heterosexuell und nicht heterosexuell – ist 'kein Thema' nie gut, zumindest nicht für die Marginalisierten und Diskriminierten. Und: natürlich ist Heterosexualität kein Thema – so gut wie nie!

Es wäre schön, wenn (nicht nur durch die hohe Position Müller-Marienburgs) in der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich das Thema Vielfalt der Lebensweisen endlich tatsächlich thematisiert wird – aktiv, progressiv und positiv! Denn: nach wie vor gibt es beispielsweise keine Möglichkeit einer öffentlichen Segnung homosexueller Paare in der lutherischen evangelischen Kirche Österreichs. Vielleicht sollte sie also endlich (wieder) zum Thema werden, die sexuelle Orientierung!

Eine Kirche in der Diaspora, die um jedes (neue) Mitglied ringt und dabei nur die konservativen (in diesem Fall homofeindlichen) Mitglieder im Blick hat, versäumt es, offen und gleichwohl attraktiv zu sein für (potenzielle) Gläubige aus dem LGB(T)-Spektrum bzw. sogenannte Allies (LGBT-Verbündete). Gerade in einem Land, das von alten römisch-katholischen Traditionen schwer behangen ist, wo viele Menschen sich – viel stärker noch als beispielsweise in Deutschland – bewusst auflehnen gegen beengende christliche (in diesem Fall römisch-katholische) Moralvorstellungen und die dadurch erlebten persönlichen Verletzungen und Beschädigungen skandalisieren, ist es wichtig, eine offene (evangelische) Kirche zu sein.

Die Kritik muss sein. Die Freude ist dennoch groß. Der Erfolg – sollte er in meinen Augen noch so selbstverständlich sei – nun einen schwulen Superintendenten zu haben, ist ohne Zweifel zu beachten. Ich wünsche Lars Müller-Marienburg und der niederösterreichischen evangelischen Diözese alles Gute und gratuliere herzlich!

 

[1] A.B. = Augsburger Bekenntnis = lutherisch. Daneben existiert in Österreich ebenfalls die – kleinere – Evangelische Kirche H.B. = Helvetisches Bekenntnis = reformiert.

[2] ORF 2, Sendung: Orientierung, ausgestrahlt: 09.10.16, 12:30 h.

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