Der schwierige Weg in ein christliches Finanzsystem

Gibt es ein "Finanzsystem fürs Himmelreich"? Symbolbild: iStockphoto

Gibt es ein "Finanzsystem fürs Himmelreich"? Symbolbild: iStockphoto

Geldkreislauf - Immer mehr Christen wollen anders mit Geld umgehen – gerechter, nachhaltiger. Dafür soll die Kirche aus dem Zinssystem aussteigen, forderten gläubige Wissenschaftler am vergangenen Reformationstag. Eine christliche Bewegung will das jetzt in die Praxis umsetzen und ein alternatives Finanzsystem schaffen.

von Miriam Bunjes

Franz Meurer braucht für vieles kein Geld. Der katholische Pfarrer aus Köln setzt auf Nachbarschaftshilfe. Transportiert gebrauchte Kinderfahrräder aus reichen Kölner Stadtteilen in die armen, die er betreut. "So haben sie Schenker und Beschenkte glücklich gemacht. Ansonsten wären sie einfach im Müll gelandet." Durch Tauschen kann man unkompliziert Gerechtigkeit schaffen, findet er. "Wenn ich einer alten Dame eine Geschichte vorlese, könnte man mir doch in Zukunft einige Minuten Hospizarbeit dafür gutschreiben", sagt er. In seiner Gemeinde werden Busausflüge gegen Rasenmähen getauscht und Kuchenbacken gegen eine Fahrradreparatur. "Man kann an vielen Stellen aus dem Geldsystem aussteigen, die Nachbarschaftshilfe lässt sich groß ausbauen", sagt Meurer.

Zinsen vergrößern die Schere zwischen Arm und Reich

Ohne Geld fallen natürlich auch keine Zinsen an. Und die stehen im Widerspruch zum Christentum, findet der Initiativkreis 9,5, ein Zusammenschluss gläubiger Wirtschaftswissenschaftler und Theologen. "Zinsen erzwingen ein permanentes Geldwachstum, das überhaupt nicht durch die Rohstoffe auf der Welt gedeckt ist", sagt der Dortmunder Theologieprofessor Thomas Ruster. "Das Vermögen der einen wächst – allerdings nur dadurch, dass die Schulden der anderen wachsen.

Die Schere zwischen Arm und Reich wird durch Zinsen vergrößert. Daher müssen wir diesen Kreislauf verlassen." Ruster gehört zum Initiativkreis 9,5. Am Vorabend des vergangenen Reformationstages schlugen er und seine Mitstreiter in Anlehnung an Martin Luther 9,5 Thesen "gegen Wachstumszwang und für ein christliches Finanzsystem" an die Tür der Frankfurter Paulskirche. "Für diese Gedanken sind heute immer mehr Menschen offen", sagt Ruster. "Die Finanzkrise hat sie wachgerüttelt. Und gerade die Christen unter ihnen sollten sich bewusst werden, dass in der Bibel genau das gefordert wird: Wirtschaften ohne Zins. Gott selbst hat unser Gier Grenzen gesetzt."

Schaffung einer zinsfreien Kirchenwährung

Franz Meurers Nachbarschaftshilfe ist zinsfrei. Der Initiativkreis will aber noch mehr. "Christen scheren aus – aber wie?" Zu dieser Frage waren am Wochenende (19./20.3.) Wissenschaftler und engagierte Christen an die TU Dortmund eingeladen, wo Ruster katholische Theologie lehrt. Im Zentrum steht die 8. These, in der Christen aufgefordert werden, Alternativen zum Finanzsystem zu praktizieren – "von der Vergabe zinsfreier Darlehen im persönlichem Umfeld und innerhalb von Kirchengemeinden, über zinsfreie Geldanlagen christlicher Banken, der Beteiligung an zinsübergreifenden Regionalwährungen bis hin zur Schaffung einer eigenen zinsfreien Währung im kirchlichen Raum."

Eine Kirchenwährung könnte Symbolwirkung in der ganzen Gesellschaft haben, glaubt Thomas Ruster. "Funktioniert sie, steht das Zinsdogma der Wirtschaft insgesamt zur Debatte." Tatsächlich wird in vielen Regionen Deutschlands mit zinsfreiem Regiogeld gezahlt, regionalem Geld, mit dem in beteiligten Geschäften und Institutionen gezahlt werden kann und dessen Wert durch eine Umlaufgebühr nach einigen Monaten wieder verfällt. "Geld ist nicht zum Horten da, sondern um damit etwas zu machen. Eine zinsfreie Währung bewirkt auch, dass Menschen sich kritisch mit Geld auseinandersetzen", sagt Christoph Körner, der den Zschopautaler mitentwickelt hat.

Problematischer Geldkreislauf

Nur ist der Geldkreislauf der Kirchen deutlich komplizierter als der einer Region. "Es wäre schön, wenn eine Kirchenwährung möglich wäre, es geht aber meiner Meinung nach nicht", sagt Thomas Begrich, Leiter der Finanzabteilung der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD). Problematisch sei vor allem der nicht geschlossene Kreislauf des Kirchengeldes. "Wir bekommen das meiste Geld von außen, da wir kaum produzieren. Und das ist dann natürlich konventionelles Geld. Es gibt somit keinen Geldkreislauf, in dem eine zinsfreie Kirchenwährung akzeptiert wird."

Auch einen Zinsverzicht der Kirchen hält er für undurchführbar – "auch wenn wir das ethische Dilemma kennen". "Wir sind ja auch für Pensionskosten unser Mitarbeiter verantwortlich und sind schon durch den Tarifvertrag verpflichtet, die Alterszusatzversicherungen auf sechs Prozent Wachstum hin anzulegen." Vor allem aber findet Begrich: "Das kann doch eine Kirche nicht von oben verordnen: Das muss von unten kommen, aus den Gemeinden."

Forschungsprojekt beantragt

Dieser Druck von unten wird bald kommen, sagt Gudula Frieling vom Initiativkreis 9,5. "Wenn die Kirche sich nicht traut, werden wir das tun", sagt die Theologin. Tatsächlich wurde auf der Dortmunder Tagung beschlossen, dass der Dortmunder Theologielehrstuhl zusammen mit Wissenschaftlern anderer Disziplinen ein Forschungsprojekt bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder der Europäischen Union beantragt, in dem verschiedene Währungsmodelle in Gemeinden und Bistümer erprobt und begleitet werden. "Danach wissen wir mehr über kirchliche Wege aus dem Zinssystem."

Ein Gesamtprojekt für die beiden großen Kirchen Deutschland könnte schnell zu groß werden, um zu funktionieren, glaubt Andreas Neukirch von der GLS-Bank, einer genossenschaftlich organisierten Bank, die damit wirbt, Geld ausschließlich sozial und ökologisch verträglich anzulegen. "Indem man sich mit Geld und Geldanlagen beschäftigt, kommt jeder einzelne zu ethischen Erkenntnissen. Baut man so ein Projekt zu groß auf, geht dieser Effekt verloren und dann funktioniert eine Ersatzwährung nicht mehr."

Kleiner Zins schreckt ab

Ein Weg kann auch der Kompromiss sein, findet Gisela Bhatti von Oikokredit, einer Kreditgenossenschaft, die Kredite und Kapitalbeteiligungen in Entwicklungsländern bereitstellt. Ihren Anlegern zahlt Oikokredit dafür zwei Prozent Dividende. Die Kreditempfänger zahlen für ihren Kredit zwischen sieben und 11 Prozent Zinsen. "Das ist im Vergleich zu konventionellen Banken sehr wenig", sagt Bhatti. "Ohne Zinsen können wir auf dem internationalen Finanzmarkt nicht operieren."

Logistische Unterstützung für ein zinsfreies Projekt kann sie sich jedoch vorstellen. Dennoch warnt sie vor zu großen Hoffnungen. "Viele Christen finden Oikokredit gut, wenn ich es in Gemeinden und auf Veranstaltungen vorstelle. Dennoch haben bei uns nur 30.000 Leute Geld angelegt – im Vergleich zu der prinzipiellen Zustimmung die wir bekommen, ist das sehr wenig. Da schreckt unser kleiner Zins wohl doch ab."

Kommt die christlichen Genossenschaftsbank?

Dennoch will die Bewegung um den Initiativkreis der Thesenschreiber auch in diese Richtung einen Versuch starten. Eine Arbeitsgruppe will die Gründung einer christlichen Genossenschaftsbank durchspielen. "Um eine Bank zu gründen brauchen wir natürlich Kapital und eine Bafin-Zulassung", sagt Gudula Frieling. "Um zinsfreie christliche Finanzprodukte anzubieten können wir aber auch auf die Erfahrung aus dem islamischen und jüdischen Finanzsystem zurückgreifen. Auch hier haben wir bereits Kontakte geknüpft."
 

Kommentare

Zinsfreiheit durch Umlaufsicherung

Für ein umlaufgesichertes und damit zinsfreies Geld braucht man nicht zwingend ein "neues" Geld in Form von Scheinen und Münzen, es reicht ein modifiziertes Kontensystem. Wie z. B. hier beschrieben:

http://www.giregio.de/praes.htm

Es kommt dort durch die Kopplung von Umlaufsicherung mit dem Bürgergeld zu einer kontinuierlichen Geldbewegung von Konten mit hohem Kontostand (= "reich") zu Konten mit niedrigem Kontostand (= "arm").

Das Kontensystem müsste nur bei einer ganz normalen Bank (= Euros), z. B. GLS installiert und als Produkt angeboten werden.

Christliches Finanzsystem

Ich kann nicht und möchte nicht etwas Grundsätzliches und Durchdachtes zur Gesamtproblematik schreiben, habe aber folgendes erlebt – als ich vor mehreren Jahren in der Pressearbeit der rheinischen Landessynode tätig war. Anträge von Synodalen, die Landeskirche solle aus dem finanziellen Kontakt mit den Großbanken aussteigen und das Geld bei den Instituten anlegen, die nicht auf Gewinnmaximierung aussind, also mehr genossenschaftliche oder alternative … Der für die Kirchenfinanzen zuständige Oberkirchenrat rechnete den Synodalen vor, dass dann die Überweisungen an Kirchenkreise und Kirchengemeinden erheblich niedriger ausfallen würden – die Anträge waren erledigt.
Ich vermute, dass wir Christen und unsere Kirchen nicht (mehr) die Kraft haben, in und mit diesen finanziellen Einschränkungen zu leben und zu wirken wenn wir grundsätzlich anders mit dem Geld umgehen. Da haben wir uns zu weit entfernt von dem Wanderprediger Jesus aus Nazareth und dem, was in der Apostelgeschichte über erstes Gemeindeleben berichtet wird. Eine Anmerkung: Immerhin hatte eine unserer Landeskirchen eine Gewinnsteigerung ihrer Finanzen versucht bei Lehman Brothers, was von Wolfgang Huber damals öffentlich getadelt wurde. Wo endet die Verzahnung, wenn es um Kirchen-Geld geht?

 

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