Fehltritt - Alkohol am Steuer: Mit ihrer Autofahrt vom Samstagabend hat Margot Käßmann viel Sympathie eingebüßt. Doch dass sie zuvor in eine Vorbildrolle gedrängt wurde, hat sie nicht zu verantworten. Theologische Gedanken zu einem schwierigen Fall.
Die Nachricht, dass Landesbischöfin Margot Käßmann unter Alkoholeinfluss hinter dem Steuer saß, hat einen Schock ausgelöst. Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat sich durch ihren Lebensweg und ihre frische, unverkrampfte Art eine öffentliche Rolle erworben, die sie für viele zum Vorbild werden ließ – nicht nur unter protestantischen Christen. Nun gerät diese Stilisierung ins Wanken, und es bleibt ein Mensch mit Fehlern und einem, zugegegeben, gewaltigen Fehltritt.
Margot Käßmann ist Theologin, und deshalb ist es gerade an diesem Punkt Zeit für einige theologische Gedanken. In der evangelischen Kirche erhält ein Bischof, anders als im Katholizismus, keine eigene Weihe, sondern ist ein mit besonderen Aufgaben betrauter Pfarrer. Ein Pfarrer verspricht in der Ordination, seinen Lebenswandel so zu führen, dass dadurch seine Verkündigung nicht unglaubwürdig wird. Klar ist nach protestantischem Verständnis aber auch, dass kein Mensch ein "sündloses" Leben führen kann.
Menschen hätten verletzt werden können
Eine Alkoholfahrt ist verantwortungslos, schließlich hätten Menschen verletzt werden können. Doch unglaubwürdig wird das, was die Bischöfin von der Kanzel herab oder im seelsorglichen Gespräch sagt, dadurch nicht. Ihre Verkündigung ist nicht beeinträchtigt, auch wenn ihr öffentliches Ansehen vorübergehend Schaden nimmt. Christenmenschen sind nach evangelischem Verständnis keine besseren Menschen – sie sind Sünder wie jeder andere auch. Luther ruft überspitzt sogar zur Sünde auf ("pecca fortiter!"), damit die Gnade umso größer leuchtet. Als einen Freibrief zum Sündigen darf man das natürlich nicht verstehen, sondern als Ausdruck eines Wissens darum, dass alle Menschen fehlbar sind.
Auch jeglicher Personenkult, wie er in manchem einstigen Käßmann-Loblied durchklang, war Luther verhasst – gegen die Bezeichnung "Lutheraner" wandte er sich mit denkbar harschen Worten: "Wie käme denn ich armer stinkender Madensack dazu, dass man die Kinder Christi mit meinem heillosen Namen nennen sollte?" Dem geistlichen Stand gebührt nach Überzeugung des Reformators kein besonderer Vorbildcharakter, sondern gerade die "Magd" kann den Gläubigen als Beispiel für ein besonders gottgefälliges Leben dienen.
Alle Gläubigen sind Priester
Als "Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt", bezeichnet die Barmer Theologische Erklärung von 1934 die evangelische Kirche und ruft damit das von den Reformatoren postulierte Priestertum aller Gläubigen in Erinnerung. Der Dienst ist allen anvertraut, die verschiedenen Ämter begründen keine Herrschaft der einen über die anderen – und eben auch keine Stilisierung zum Vorbild. Eine "Kirche der Freiheit" ist sich selbst Vorbild genug.
Davon unberührt bleibt, dass die Mediengesellschaft Personalisierung verlangt – und dass die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen hier im Vergleich zum papstzentrierten Katholizismus im Hintertreffen sind. Notgedrungen legt deshalb auch die evangelische Öffentlichkeitsarbeit den Fokus stark auf die Bischöfe. In einigen reformierten und unierten Landeskirchen drücken Titel wie Präses oder Schriftführer aus, dass es bei der Kirchenleitung lediglich um den Vorsitz einer Synode geht, also eines demokratisch verfassten Kirchenparlaments.
Gefängnisinsasse Paulus
Gleichwohl bleiben die Anforderungen an das Bischofsamt, wie sie Paulus im ersten Timotheusbrief formuliert: "Wenn jemand ein Bischofsamt begehrt, der begehrt eine hohe Aufgabe", heißt es da. Er solle "nüchtern, maßvoll, würdig" sein und "kein Säufer". Ähnliche Anforderungen finden wir im Neuen Testament auch an alle Christen gerichtet. Margot Käßmann hatte am Samstagabend zu viel getrunken. Das war nicht vorbildlich. Im Gefängnis wird die Bischöfin hoffentlich nicht landen. Und wenn doch: Da saß Paulus auch schon, und nicht zum Schaden der Kirche.
Bernd Buchner ist Redakteur bei evangelisch.de und für die Ressorts Religion und Umwelt verantwortlich.







Kommentare
was mir in der diskussion
was mir in der diskussion auffällt, wie sehr sich manche in ihrem urteil davon leiten lassen, ob sie jemanden - in diesem fall frau kässmann - mögen oder nicht… aber geht es darum???
Wir brauchen uns nicht
Wir brauchen uns nicht darüber unterhalten, ob es verantwortungsbewusst ist, mit 1,5 prom Alkohol im Blut zu fahren. Selbstverständlich ist es das nicht, wobei dieser Blutalkoholgehalt zu der Zeit, als ich den Führerschein machte, grade mal noch so ging.
Aber - dass wir Frau Käßmann als verantwortungsvolle Bischöfin und Ratsvorsitzende wegen einem solchen Fehler verlieren sollen, ist sehr, sehr schade.
Hoffen wir, dass der Nachfolger ohne Fehl und Tadel auch so charismatisch und fähig ist.
Selavy
Denke immerzu daran, dass es nur eine wichtige Zeit gibt: Heute. Hier. Jetzt. L.Tolstoi
Rücktritt
Persönlich tut mir der Rücktritt unserer Frau Bischof sehr leid und die Zukunft wird uns erst Gewißheit verschaffen, was wir an ihr hatten. Auch als Zugezogene im fernen Süddeutschland haben wir aus ihren Worten und Predigten Aufmunterung und Trost erfahren. Vor solch einer Frau muß man einfach den Hut ziehn. Nur die Gewißheit, dass ihr Rücktritt nur erfolgte um ihrem Amt nicht weiter zu schaden, läßt uns in den nächsten Tag erhobenen Kopfes gehen.
Luther hat vor 500 Jahren die Heiligen abgeschafft, und das war gut so, warum suchen wir dann auch heute noch nach ihnen? In der Politik ist sowas gang und gebe!
Strafe wegen des schweren begangenen Vergehens ja.
Bischöfin Käßmann
natürlich sollte und darf man nicht selbst Auto fahren, wenn Alkohol im Spiel ist und
natürlich sollte eine Bischöfin Vorbild sein etc. etc. Da gibt es selbstverständlich keine Diskussion.
Ich würde mir aber wünschen, dass die erhobenen Zeigefinger ganz schnell verschwinden. Die braucht niemand. Wir sprechen über einen Menschen, dem etwas Menschliches passiert ist und mit Sicherheit nie mehr passieren wird.
Ich mag diese Frau und ihre klare Sprache. Es bleibt zu hoffen, dass sie ihr Amt nicht aufgibt, es wäre ein großer Verlust.
Regina W.
Alkoholfahrt
Meine Gedanken sind bei unserer Bischöfin. Sie hat gefehlt und niemand leidet darunter mehr als sie selbst. Ich habe das persönlich auch erfahren, diese „Wie-konnte-ich-nur!“-Situation; dieses „Wer-hat-mich-da-geritten?“ Es ist ihr nachzufühlen, wie sie das Mauseloch suchte, indem sie sich schamvoll verkriechen könne.
Ich wünsche ihr, daß sie nun nicht in ein noch tieferes Loch fallen wird und vor allem, daß sie nicht ihr Amt hinwirft. Von ihr wird noch viel Segensreiches erwartet. Frau Käsmann habe ich in mein Gebet eingeschlossen.
Heinz Ney, Potsdam
vorbild
schöner artikel… danke! freilich - einem gedanken dabei kann ich nicht zustimmen… pastoren stehen für etwas, und ihr verhalten kann ihre botschaft sehr wohl nachhaltig beschädigen… das ist zumindest meine beobachtung und erfahrung nach vielen jahren in kirchlichen diensten (und durch 6 verschiedene schulen und die gemeinden komme ich doch mit vielen menschen in berührung) … und deshalb ist der casus hier auch so schwierig… nicht, dass pastoren keine fehler machen, und es allen recht machen sollen sie auch nicht, und natürlich nutzen die vielen das fehlverhaltens eines pastors auch gerne, sich dahinter gegen g-ttes wort zu verschanzen… aber dennoch kann erwartet werden, dass ein pastor zumindest fahrlässiges verhalten unterläßt…
Käßmann
Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein .
Wer ohne Schuld ist....
Wohl niemand ist ohne Schuld,
aber Straftäter müssen bestraft werden.
Alkohl am Steuer ist gefährlich. Wir können solches Verhalten nicht mit der Begründung tolerienen, niemand sei ohne Schuld.
Frau Käßmann
Wasser predigen und selbst Wein trinken..., Moral predigen, selbst unmoralisch sein, gibt es da noch ein Haleluja? Ein Rücktritt wäre das wert.
Aber wer verliert schon gerne einen hohen Posten, man bedenke nur den finanziellen Nachteil. In der freien Wirtschaft wäre sie ihren Job los.
Aber bei einer solchen VIP wird nicht viel passieren, anders als bei kleinen Leuten.
Guter Artikel
Sinnvoll und gut geschrieben.
www.theolounge.de
Frau Käßmann wird nicht zum
Frau Käßmann wird nicht zum Vorbild stilisiert, sie ist es. Schließlich führt sie eine Landeskirche!
Eben!
Frau Käßmann wird nicht zum Vorbild stilisiert, sie ist es. Schließlich führt sie eine Landeskirche.
Eben, und die EKD trägt selbst Schuld daran, wenn sie einen Medienstar, der Frau Kässmann nun mal geworden ist, auf solch einen Posten hebt um damit ihr Image aufzuarbeiten. Genau deswegen bekommt Frau Kässmann ja so viel Lob aus den eigenen Reihen - weil sie genau das gut kann. Nun muss die EKD damit leben, dass ein Fehlverhalten einer derart im Blitzlichtgewitter stehenden Persönlichkeit die gar nicht so weisse Weste der EKD ziemlich grau einfärbt.
Si deus pro nobis, quis contra nos?
Alkohol am Steuer ist schon schlimm.
Wer am Steuer mit zu viel Alkohol erwischt wird muss wohl mit den Konzequenzen rechnen. Ich denke das jedoch ein Rücktritt aus Amt und Würden hier fehl am Platze ist. Ich würde es begrüssen wenn Frau Käßmann weiterhin Ihren Ämtern nachgeht und uns als EKD-Ratsvorsitzende erhalten bleibt.
Warum nicht?
Doch dass sie zuvor in eine Vorbildrolle gedrängt wurde, hat sie nicht zu verantworten.
Warum nicht? Sie hat sich für den Glauben entschieden, sie hat sich für das Priesteramt entschieden, und zuletzt hat sie sich zur Wahl gestellt und die Wahl angenommen.
Wir Christen sollten allesamt Vorbilder sein, ganz klar. Aber an eine religiöse Führungspersönlichkeit richtet sicherlich jedes Gemeindemitglied ganz besondere Anforderungen.
Was jemand an anderer Stelle schon schrieb "was hat die Kirche heute noch mit dem christlichen Glauben zu tun?". Die Frage stelle ich mir bei der röm.-kath. Kirche schon lange nicht mehr, aber je mehr ich als ehemals ev.-lutherischer Christ eben diese Kirche von aussen betrachte, desto mehr stelle ich mir diese Frage auch. Es gibt tausend Punkte, über die man reden könnte. Da ist Frau Kässmann in ihrer Funktion nur ein ganz kleines Licht. Und um es nochmal ganz deutlich zu machen: es geht mir nicht um Frau Kässmann als Privatperson - da verurteile ich nicht. Es geht um eine Bischöfin der EKD. Da geht mir jegliches Verständnis für ab.
Si deus pro nobis, quis contra nos?
"an eine religiöse
"an eine religiöse Führungspersönlichkeit richtet sicherlich jedes Gemeindemitglied ganz besondere Anforderungen."
Nach dem Motto: Wenn ich saufe, bin ich alkoholkrank. Wenn ich besoffen Auto fahre, stand ich unter Druck. Ich bin ja auch nur ein kleines Sünderlein. Aber sie da, sie muss perfekt sein, denn sie ist ja mein Vorbild.
Frau Käßmann und ich, wir haben beide das gleiche Vorbild, den gleichen Gott und Richter und Hohenpriester, das ist Jesus Christus, der die Himmel durchschritten hat, und der in allem versucht wurde wie wir, aber ohne Sünde. Sie ist nicht mein Vorbild, und ich bin nicht ihres. Ihr Fehler ist so schwer, wie meiner wäre, wenn ich das gleiche täte. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr.
Erbarmen.
Bischöfin Käßmann Alkoholfahrt
Zu dem Thema Alkohol am Steuer drängt sich folgende Frage auf. In der Annahme Frau
Käßmann kam von einer Veranstaltung oder Zusammenkunft, wieso hat keiner der
Anwesenden die Fahrt verhindert? In solchen Fällen wird normalerweise ein
Taxi gerufen oder der Betreffende wird nach Hause gefahren, eine übliche Praxis. Der Gedanke "unterlassene Hilfeleistung" liegt für mich da nicht fern.
Klara Mayer
klara@oreme.de
Käßmanns Alkoholfahrt
Eine angetrunkene Bischöfin Käßmann ist mir allemal lieber als diese Kinder schändenden, scheinheiligen katholischen Pfarrer...........
Lieber lasse ich meine Tochter bei Frau Käßmann mitfahren, als sie in Obhut eines Pfarrers zu geben.............
F.K.
Willkommene Gelegenheit
Also von einer Fahrt im "angetrunenen" Zustand kann man bei 1,5% nun wirklich nicht mehr sprechen. Wer das schafft damit Auto zu fahren, ist heftigst an Alkohol gewöhnt.
Aber ich denke, darum geht es bei dem ganzen "Skandal" gar nicht.
Der Vorfall ist vielmehr eine willkommene Gelegenheit vieler an dem Stuhl von Frau Käsmann zu sägen. Immerhin hat sie ja schon die "Unverschämtheit" besessen und hat sich als _Geschiedene_ nicht in Sack und Asche gekleidet und ist eben nicht in der Versenkung verschwunden, sondern vielmehr gestärkt und mit Selbstbewußtsein präsent geblieben. Da können die ewigen Neider, Pharisäer mit samt ihrem Gefolge doch froh sein, dass ihnen von Frau Käsmann diese Steilvorlage zur Demontage geliefert hat.
Käsmann
In was für einer Welt leben wir nur? Hat nicht jeder
Mensch schon etwas getan das nicht in Ordnung war?
Sie muss für ein Vergehen nicht von mehreren Stellen
bestraft werden!
Liebe Frau Käsmann ich wünsche Ihnen viel Kraft für
die nächsten Wochen und wünsche mir das ich
sie in München auf dem Kirchentag sehen werde!
Entäuscht
Aber wie soll sie all denjenigen helfen, die auch an einer Sucht leiden? Ich bin so sehr entäuscht von ihr. Sie ist eine so tolle Frau, das Leben, das Gott ihr schenkte war so schön uns sie wirft das alles hin. Ich wünsche ihr die Kraft wieder aufzustehen. Das wird schwer. Ich kenne das Gefühl Mist zu bauen und alle um mich herum entäuscht zu haben. Heute vertraue ich auf Gott, dass er mir die Kraft gibt der Versuchung aus dem Weg zu gehen. Trost bleibt aber, dass Jesus jeden reuigen Sünder liebt.
Liebe Fr. Käsmann, meine Gedanken & Gebete sind bei Ihnen.
Und für Deutschland wünsche ich mir, dass beim Alkohol alle hinsehen & bei Suchtsnzeichen den Mut haben es anzusprechn.