Schneider will Reformationsjubiläum mit Katholiken feiern

Nikolaus Schneider

Nach seiner Wahl zum Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) stand Präses Nikolaus Schneider den Medien Rede und Antwort: Foto: EKD

Interview - Der neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, will die katholische Kirche am 500. Reformationsjubiläum beteiligen. "Es wäre unvorstellbar, dass 2017 Ökumene nicht vorkommt", sagte der rheinische Präses am Dienstag in einem Interview des Evangelischen Pressedienstes (epd) in Hannover. Im Verhältnis zur katholischen Kirche will der höchste Repräsentant der rund 25 Millionen Protestanten nun die "dicken Bretter" in den Differenzen der Kirchenlehre und des unterschiedlichen Amtsverständnisses angehen.

Die Fragen stellten Rainer Clos und Thomas Schiller

Herr Präses, Sie sind von der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland mit 135 von 143 Stimmen zum Ratsvorsitzenden gewählt worden. Hat Sie dieses Ergebnis überrascht?

Schneider: Ich hatte auf ein gutes Ergebnis gehofft, aber das es so stark wird, hatte ich nicht zu träumen getraut. Ich bin sehr dankbar für dieses Ergebnis und empfinde es als ermutigend.

Sie haben nach der Wahl von einer absolvierten Probezeit als amtierender Ratsvorsitzender gesprochen, die vorbei ist. Wird jetzt die Handbremse gelöst?

Schneider: Bisher hatte ich nicht das volle Mandat. Ich bin stellvertretend eingetreten für Margot Käßmann. In dieser Zeit habe ich dafür gesorgt, dass die Alltagsgeschäfte laufen. Jetzt bin ich in der Situation, stärker eigene Akzente setzen zu können.

Bisher gelten Sie als ein Kirchenmann, der sich stark für soziale Fragen engagiert. Welche Themen werden Sie und mit Ihnen die EKD in den nächsten Monaten besetzen?

Schneider: Ich habe ja die liebevolle Bezeichnung "Sozialbischof" bekommen. Das ist in gewisser Weise richtig. Ich will aber deutlich machen, dass ich in erster Linie Bischof bin, auch wenn das bei uns im Rheinland Präses heißt. Alles was ich tue, tue ich aus meiner Bindung an das Evangelium. Deshalb ist mein erstes Bemühen, das Evangelium unter die Leute zu bringen und Menschen einzuladen, sich in ihrem persönlichen Leben diesem menschenfreundlichen Gott anzuvertrauen.

Was bedeutet das konkret für Sie?

Schneider: Für mich und für unsere Kirche bedeutet dies, dass wir Veränderungsprozesse begleiten. Uns ist es nicht egal, wie in dieser Welt politische oder wirtschaftliche Entscheidungen fallen. Wenn wir dies begleiten, soll es vor allem den Menschen gut tun, wie regiert wird und wie gewirtschaftet wird. Dafür werden wir eintreten.

In der EKD soll der Reformprozess weiterentwickelt werden. Was ist dabei vorrangig?

Schneider: Ich finde es sehr gut, dass Katrin Göring-Eckardt die Vorsitzende der Steuerungsgruppe geworden ist. Das signalisiert: Es ist auch eine Sache der Synode. Sie macht sich das zu eigen und steht dahinter. Wir müssen den Reformprozess verbreitern, er muss vor Ort ankommen in den Gemeinden, bei unseren Pfarrerinnen und Pfarrern. Sie dürfen die Reform nicht als eine Bedrohung empfinden, sondern als eine Einladung zum Mittun. Zum Zweiten besteht die Chance, diesen Reformprozess mit der Lutherdekade zu verbinden. Die inhaltlichen Aspekte der Reformation können dabei unser Handeln leiten.

Welche Erwartungen haben Sie an die Jahre bis 2017 und an das Jubiläum selbst?

Schneider: Ich habe die Hoffnung, dass es uns gelingt, Jahr für Jahr einzelne Aspekte der Reformation starkzumachen, damit eine logische Entwicklung hin zu 2017 erfolgt. Für die Menschen muss verstehbar werden, was Reformation damals bedeutet hat und was dies heute bedeutet.

Es gibt Stimmen, die fordern, das Reformationsjubiläum ökumenisch zu feiern. Wird 2017 ein evangelisches Jubiläum, oder wird die katholische Kirche einbezogen?

Schneider: Es wäre unvorstellbar, dass 2017 Ökumene nicht vorkommt. Ich halte das für dringend nötig. 1517 war ja ein Ereignis der damaligen römisch-katholischen Kirche. Luther wollte die Kirche nicht spalten.

Würden Sie es begrüßen, wenn 2017 ein Ökumenischer Kirchentag gefeiert wird?

Schneider: Das ist eine Frage, die in erster Linie der Kirchentag beantworten muss. Ich will dem Kirchentag nicht über die Öffentlichkeit Ratschläge geben.

Erzbischof Zollitsch hat Ihnen zur Wahl gratuliert und die ökumenische Verbundenheit unterstrichen. Wie geht es im evangelisch-katholischen Verhältnis weiter?

Schneider: Jetzt geht es darum, dicke Bretter zu bohren. Wir müssen mit den theologischen Differenzen in der Kirchenlehre und im Amtsverständnis auseinandersetzen. Bei vielen dieser Fragen weiß ich auch gar nicht, wie wir weiterkommen wollen. Aber eins liegt mir ganz besonders am Herzen: Das ist das gemeinsame Abendmahl für Paare, die konfessionsverbindender Ehe leben. Dass diese intimste Gemeinschaft, die Menschen haben, von der Kirche nicht als Gemeinschaft nachvollzogen wird, können viele nicht verstehen. Hier ist dringender Handlungsbedarf.

Als eine der Baustellen der evangelischen Kirche präsentiert sich aktuell das Diakonische Werk. Wie wichtig ist es für den gesamten Protestantismus, dass sich die Diakonie stark präsentiert?

Schneider: Diakonie und Kirche sind zwei Seiten ein- und derselben Medaille. Das ist tätiger Glaube. Ich bin Bischof Frank Otfried July sehr dankbar, dass er die Leitung des Diakonischen Rates übernommen hat und die jetzt fälligen Prozesse vorantreibt. Ich hoffe auch sehr, dass das Diakonische Werk in absehbarer Zeit wieder stärker dasteht.

epd

Kommentare

Verfasst von Van Großefehn am 9. November 2010 - 17:22.

Reformation ist lutherisch.

Frau Käßmann ist wegen zuviel Rotwein zurückgetreten. Was soll man aber von der...

Frau Käßmann ist wegen zuviel Rotwein zurückgetreten. Was soll man aber von der "Schnapsidee" halten, die Reformation zu einem ökumänischen Ereignis zu machen?

Wir wollen nicht versuchen die Katholiken zu übernehmen, ebenso wenig wie wir uns vom Papst kontrollieren lassen wollen.

Die Feier der 500. Wiederkehr der Reformation ist aber ein lutherisches Ereignis und so soll es bleiben.

Verfasst von Bernward Boden am 9. November 2010 - 18:57.

Martin Luther war katholisch - die "Mauer muss weg"

Ich freue mich, dass Präses Nikolaus Schneider diesen Startakzent setzt....

Ich freue mich, dass Präses Nikolaus Schneider diesen Startakzent setzt. Und ich freue mich zu hören, dass das Lutherjahr ein ökumenischen Jahr werden soll. Martin Luther war katholisch, sein evangelisches Bekenntnis kam in die katholische Kirche hinein. Die damalige Ausgrenzung einer Kirche auf Abwegen war der Ursprung der Trennung - und dem folgten Hunderttausende Tote in den Religionskriegen, im 30jährigen Krieg. Wer die katholische Kirche von heute kennt, nach dem Vaticanum II, und wer darüber hinweg kommt, dass es dort - wie auch in der evangelischen Kirche (pardon es gibt ja auch davon etliche) - merkwürdige und z.T. völlig neben dem Ursprung der Kirche liegende Gemeinschaften gibt, der wird sich auf das Evangelium und auch auf Jesus, seine Jüngerinnen und Jünger, seine Kernbotschaft beziehen. Und Folge davon ist unausweichlich: Die Mauer muss weg. Ich sehe dazu sowohl auf katholischer als auch evangelischer Seite überall an der Basis die Bereitschaft.

Ja, wir können als Kirche froh sein, wenn überhaupt noch Menschen in unsere Jesus-Freundschaft und Christos-Gemeinschaft wollen. Denn letztlich dürfen wir nicht vergessen: Wir kommen aus einer jüdischen Reformbewegung. Wie weit haben wir uns davon weg bewegt. Was haben wir alles für Fehler gemacht - welchen Diktaturen haben wir .... ach, es ist ein Leid, daran zu denken, was für ein Leid in unserer Christengeschichte auch durch "unsere" Vorfahren im Glauben geschah. Wieviel Intoleranz, wieviel Götzenglauben, wieviel Irrwege.

Darum müssten wir - katholisch, evangelisch und orthodox - stolz auf Martin Luther sein, dass er Bewegung brachte. Und da nochmal genau hinzuhören, was er eigentlich sagte und wollte - und das mit Paulus zu hören, und dann mit Petrus zu gestalten - das wäre doch eine wirklich gute Zukunftsaufgabe.

Denn: Es geht um diese Welt, diese Erde, ihre Schöpfung, ihre soziale Lage, ihren Friedensdurst, ihren Hunger. Da muss alle Kraft hingehen.

Ich unterstütze "meinen" Präses, und ich freue mich auch, dass "unser" Bischof - und hoffentlich auch der Bischof von Rom - schon in 2011 beim evangelischen Kirchentag einen Meilenstein setzt. Das wäre doch schön.

Verfasst von Gast am 10. November 2010 - 12:10.

Die Mauer muss weg...

Dass wir uns die Trennmauern zwischen den Konfessionen wegwünschen und dafür...

Dass wir uns die Trennmauern zwischen den Konfessionen wegwünschen und dafür
eintreten sollen, ist den meistens von uns klar. Leider lässt sich eine Einheit in Vielfalt mit einer vatikangesteuerten Kirche wahrscheinlich nicht
verwirklichen, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Dort erwartet man den
Wiedereintritt der Abtrünnigen, den Josef Ratzinger leichter durch die Wiederaufnahme der Lefebvre-Kongregation namens Pius-Bruderschaft, Lockangebote an Anglikaner und möglicherweise Umarmung der Orthodoxie erreichen lässt. Ob der Vatikan jemals offiziell nicht-katholische Ehepartner zur Eucharistie in der römisch-katholischen Kirche zulassen wird?
Es handelt sich hier eher um ein Problem in Mitteleuropa, das sich so deutlich für die röm.-katholische Kirche in anderen Ländern nicht stellt.
Da wird eher die Nichtzulassung geschiedener Katholiken als dringenderes Problem empfunden. Außerdem gibt es eine Vielzahl nicht-katholischer, christlicher Kirchen und Glaubengemeinschaften, die sich evangelisch nennen.
Erwarten wir Protestanten in Deutschland vom Vatikan, dass es eine nur für Deutschland gültige Abendmahls- und Kanzelgemeinschaft zwischen der römisch-katholischen Kirche und VELKD und/oder EKD bzw. UEK geben könnte?
Das halte ich für eine Illusion. Was wichtig ist und immer wieder praktiziert werden muss, ist die vertrauensvolle Gemeinschaft an der Basis.
In einem Land mit ungefähr der gleichen Anzahl Katholiken und landeskirchlicher Protestanten sind ganz viele in der eigenen Familie miteinander verbunden. Schon das ist Grund genug gut miteinander
leben zu wollen.
Stolz auf Luther? Nicht nur! Das Wissen um Luthers Schattenseiten sollte nicht verdrängt werden.
Micha 6, 8: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

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