Schneider: "Kommunikation gelingt nur mit nötiger Ruhe"

Präses Nikolaus Schneider

Wie kann die Kirche die neuen Medien nutzen? Mit Verstand, sagt Präses Nikolaus Schneider, denn die Geschwindigkeit darf die Menschen nicht überfordern. Foto: epd-bild /Jens Schulze

Interview - Neue Medien dringen auch in den Bereich der Kirche vor. Wie lässt sich umgehen mit Mails, Chats, Twitter? Wie lassen sich diese Dienste sinnvoll - zum Nutzen der Menschen - einsetzen? Darüber sprachen wir mit dem amtierenden Ratsvorsitzenden der EKD und Präses Nikolaus Schneider.

Die Fragen stellte Melanie Huber

Herr Präses Schneider, zum Einstieg in unser Gespräch würde mich interessieren, wie Sie persönlich das Internet nutzen.

Nikolaus Schneider: Das Internet nutze ich zum einen zur Information. Ich besuche die Internetdienste von Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen. Und ich nutze das Internet zur Recherche. Wenn mich ein Thema interessiert, bereite ich dies mit Hilfe der verschiedenen Angebote auf. Ich nutze das Web ferner zur Kommunikation, und zwar sowohl dienstlich wie auch privat – im dienstlichen Bereich zu einem erheblichen Teil, privat spielt es eine deutlich geringere Rolle als die klassische schriftliche oder telefonische Kommunikation. Ich schreibe zum Beispiel privat mehr Briefe als E-Mails, das sind sicher rund drei, vier Briefe pro Woche. Und auch hier im Haus schreibe ich ganz viel Karten, pro Tag mindestens eine.

Was macht für Sie den größten Unterschied aus zwischen der klassischen Kommunikation und der über das Internet?

Schneider: Ich merke, dass ich mit diesem Medium nicht groß geworden bin, es ist mir nach wie vor emotional fremd; das Telefon übrigens auch, dazu habe ich immer noch eine gewisse Distanz, denn ich war bereits 14 oder 15 Jahre alt, als meine Eltern ein Telefon bekamen. Und der Umgang mit dem Netz ist natürlich etwas, was ich im Alter dazu gelernt habe. Die spontane Vertrautheit mit diesem Medium fehlt mir, dies muss quasi nachgelernt werden. Ich nutze es einfach über den Kopf, je nach meinen Bedürfnissen. Aber Vorbehalte habe ich nicht, und ich sehe ganz klar die kulturelle und politische Bedeutung des Netzes. Doch es ist immer noch ein Extra-Schritt, den ich gehen muss, und ich empfinde das Internet als technischer und distanzierter als einen Brief. Der Brief scheint mir schlicht näher und hat einen höheren Grad an zwischenmenschlicher Verbindlichkeit als das Netz. Das ist objektiv sicher nicht so, aber ich empfinde es so.

Es gibt jedoch auch zahlreiche Menschen, für die das Internet eine viel größere Rolle spielt und die zugleich kirchlich sehr engagiert sind, das Web auch zum Austausch über Glaubensinhalte nutzen. Wie kann sich unsere Kirche diesen gegenüber im Internet weiter öffnen und neue Räume und Angebote schaffen?

Schneider: Ich denke, dass das Netz für uns beispielsweise bei der Gruppenkommunikation wie in der klassischen Frauenhilfsstunde, für Gemeinschaften, eine größere Rolle spielen wird. Die Menschen werden sich vermehrt per Netz zusammenschließen und austauschen können. Wir werden die Kommunikation innerhalb der Kirche zunehmend über das Internet führen, das gilt für das Amtliche wie auch innerhalb von Gemeinden, wo man keine Sitzungen ansetzen muss, sondern Diskussionen teilweise online führt. Hier befinden wir uns an einem Punkt, der unsere Gremienkultur anfragt. Als Kirche, die sehr stark über Gremien bestimmt ist und in der diese Gremien für einen hohen Grad an Transparenz und Beteiligung sorgen, haben wir mit dem Internet die Chance, genau dies, Transparenz und Beteiligung, enorm auszuweiten. Hier ist noch viel zu entwickeln.

Glauben Sie, dass Gremienmitarbeiter und Mitarbeiter der Amtskirche bereit sind, diese Transparenz zuzulassen?

Schneider: Man muss sich natürliche vertieft Gedanken über die Formen machen. Vieles, was diskutiert wird, braucht einen geschützten Raum und braucht auch den unmittelbaren Austausch, wo ich im Gespräch die Mimik, die Reaktion des Menschen mit allen seinen Sinnen und allen seinen Möglichkeiten erfahre. Manches muss ich auch mal so aussprechen können, ohne dass es gleich in alle Welt geht. Aber das sind Punkte, die wir erst entwickeln müssen. Ein erster Schritt könnte sein, bei jedem Presbyterium zu überlegen, was ins Netz gestellt werden kann, was getwittert wird, was an die Gemeinde mit Hilfe des Internets berichtet wird, so dass alle ganz schnell Anteil nehmen können und wissen, was gelaufen ist. Man muss jedoch an einer Stelle aufpassen. Kommunikation gelingt nur dann, wenn sie mit der nötigen Ruhe vollzogen wird. Das Tempo kann schädlich sein. Man kann Dinge, Prozesse, auch Beziehungen dadurch chaotisieren, dass sie schnell werden, dass man nicht mehr abwarten, hören, bedenken kann. Man muss das Netz mit Sinn und Verstand nutzen und sich ganz genau überlegen, was inhaltlich dafür in Frage kommt, wie man die Kommunikation organisiert und wer zuständig ist.

Viele Pastorinnen und Pastoren sind ja bereits heute sehr ausgelastet mit ihrer Arbeit und schaffen es kaum, alle Anfragen zu beantworten und sich intensiv um einzelne Gemeindeglieder zu kümmern. Ist es da denkbar und sinnvoll, dass sie fortan zusätzlich noch über das Web ansprechbar sind oder transparent informieren?

Schneider: Schon heute ist es so, dass viele Anfragen per E-Mail ankommen, auch bei mir sind es einige, auf die ich dann eingehe. Wir müssen sortieren, was wir über diese Art und Weise an sinnvoller Kommunikation organisieren können und was nicht. Und es kann nicht immer on top mehr werden. Die Frage ist, wie wir durch diese Form der Kommunikation bei anderen Formen Zeit einsparen können. Nur so kann es gehen. Man kann sicher einiges automatisieren, standardisieren, das spart unglaublich viel Zeit. Aber es gibt Formen der Kommunikation, die müssen persönlich sein und es bleiben. Ich denke dabei an Trauerarbeit, an Seelsorge und an bestimmte Geburtstage. Doch es wird sich durch dieses neue Kulturmedium eine neue Kultur des Gemeindelebens entwickeln. Die Geschwindigkeit muss ein menschenverträgliches Maß haben, bewusste Stopps und Pausen gehören dazu. Das heißt aber auch, dass die Gemeindeglieder dies verstehen müssen. Das Absetzen einer E-Mail heißt nicht, dass man sofort eine Antwort bekommt, und zweitens auch nicht eine individuelle Antwort. Dies muss man verabreden, jede Gemeinde sollte für sich klären, welche Regeln gelten. Diese würde ich durch das Aufsichtsgremium beschließen und transparent machen.

Bei all den E-Mails oder der Kommunikation in sozialen Netzwerken - denken Sie, dass es heute einen größeren Bedarf zum Austausch gibt?

Schneider: Diesen Bedarf gab es immer. Es stellt sich jedoch die Frage nach der Qualität des Austauschs. Es gibt aufgrund der Erweiterung der Beschleunigung der Kommunikation auch jede Menge Austausch, den ich als absolut überflüssig empfinde. Das merkt man schon, wenn man im ICE so manches Telefonat mithört. Man muss den klugen Umgang mit den neuen Möglichkeiten erst erlernen. Die Technik wird uns hier helfen, aber auch wir müssen an uns arbeiten.

Wie erkennt man, ob sich eine Person beispielweise "nur mal so" richtig aussprechen möchte oder schlicht Aufmerksamkeit sucht?

Schneider: Das merkt man recht flott. Es müssen Grenzen gesetzt werden. Gutes Benehmen halte ich für ausgesprochen wichtig. Die Anonymität des Netzes verleitet manche, alle Formen von Höflichkeit beiseite zu lassen. Das führt zu Verrohung, und Anstand im Netz muss gelernt werden. Ferner verleitet die Anonymität dazu, sich zu verstecken. Auch hier ist zu lernen. Sich selbst zu bremsen, erst nachzudenken, über etwas zu schlafen, bevor man drauflos schreibt – all dies gehört dazu. Bei mir gehen bei bestimmten Formen der Kommunikation sofort die roten Lichter an – das ist Häufigkeit, das ist ausladender Stil, die Vernachlässigung jeglicher Grammatik, und es sind bestimmte Uhrzeiten.

Schalten Sie Ihr Handy irgendwann aus?

Schneider: Ja. Wenn ich in wichtigen Gesprächen bin, mache ich es aus, ich schalte nicht nur auf Stumm, sonst sehe ich es noch blinken. Über Nacht mache ich im Normalfall das Handy auch aus. Wenn ich schlafe, schalte ich es auch aus. Im Urlaub ist es morgens und abends kurz an, aber ansonsten ausgeschaltet.

Ich möchte gern auf das Thema Gottesdienst zu sprechen kommen. Immer mehr Menschen schalten während eines Gottesdienstes ihr Handy an und kommunizieren direkt über soziale Netzwerke mit anderen. Was halten Sie davon?

Schneider: Mein Anspruch an den Gottesdienst ist im Normalfall, dass das Handy aus ist. So sind wir miteinander eine Gemeinde und konzentrieren uns auf unser Gespräch miteinander und mit Gott. Je nachdem, wie die Gottesdienste sind, bitte ich auch darum, das Telefon auszuschalten. Formen, bei denen das Handy regelrecht einbezogen wird, beispielsweise über eine Twitter-Wall, habe ich noch nicht erlebt. Hier müsste man fragen, welche Konzentration und Ordnung des Gottesdienstes möglich ist. Denn der Gottesdienst lebt auch von der Form, und die darf nicht zerstört werden. Aber ich würde das nicht grundsätzlich ablehnen.

Inwiefern können Sie sich vorstellen, dass so etwas wie Seelsorge über das Web, in Chats oder Foren möglich ist?

Schneider: Spontan sage ich, dass Seelsorge unmittelbar von Person zu Person ausgeht. Ich habe allerdings gelernt, dass die Telefonseelsorge enorm leistungsfähig ist. In der Stimme am Telefon schwingt ganz viel mit. Was ist aber im Netz? Im Internet höre ich keine Stimme, ich sehe keinen Menschen und es reduziert auf die Buchstabenfolge, die da ist und das Verhältnis meiner Buchstabenfolge zu der, die antwortet. Ich glaube jedoch auch, dass es die Möglichkeit gibt zu merken, was los ist – aber sehr viel eingeschränkter. Seelsorge hat ganz unterschiedliche Intensitätsgrade und Formen. Wenn man den Seelsorgebegriff ausweitet, kann ich mit Chatseelsorge als eine Form einer Seelsorge mit einem flachen Intensitätsgrad aber als sinnvoll vorstellen.

Das Bedürfnis, dass einem auch im Internet zugehört wird, dass man sich kümmert und Kirche theologisch fundiert und professionell antwortet, ist immens. Liegt darin nicht eine Chance?

Schneider: Es wird häufig so sein, dass mit einem gespielt wird, dass es nicht ernst gemeint ist, was man schreibt. Aber es wird auch Kommunikation geben, die ernst gemeint ist. Und deshalb lohnt es sich auf jeden Fall, sich zu kümmern und da zu sein. Wir müssen allerdings klug mit unseren Ressourcen umgehen. Die Gemeindepfarrer können das nicht auch noch machen. Eher die Kirchenkreise oder auch die Landeskirchen, die zu speziellen Zeiten im Web präsent sind oder, dass wir es mit der Jugendarbeit verbinden.

Wir haben vor diesem Termin einen Aufruf bei evangelisch.de, auf Facebook und Twitter gestartet, uns Fragen an Sie zu schicken. Einige davon habe ich mitgebracht und würde Ihnen diese nun gern stellen.

Eine Frage lautet zum Beispiel: Die Volksparteien lösen sich auf. Die Volkskirche auch? Kann das flächendeckende Parochialprinzip beibehalten werden?

Schneider: Es gibt schon jetzt Ausnahmen, und das hat etwas mit der Mobilität der Menschen zu tun. Wir müssen da Gemeinden bilden, wo Menschen sind. Das Parochialprinzip setzt voraus, dass Sie immer oder längerfristig an einem Ort sind. Da, wo Mobilität herrscht, müssen wir uns anpassen. Es gibt Aufweichungen wie in den Citykirchen und man kann auch eine Krankenhausgemeinde als Gemeinde verstehen. Zurückhaltend sind wir hingegen bezogen auf Gemeinden, die sich um eine einzelne Person bilden. Wir wollen keinen Starkult. Und wir sind zweitens bei den Richtungsgemeinden zurückhaltend. Denn es ist eine große Stärke der Parochialstruktur, dass sie Menschen mit unterschiedlichen Frömmigkeitsstilen und Einstellungen und auch Menschen unterschiedlicher sozialer Schichtung zusammenbringt. Wir sind eigentlich die einzigen, die so was noch leisten.

Es folgt nun eine längere Frage: Am Geld merkt man es immer zuerst: Unsere finanzielle Gemeindesituation ist desolat, und wir sind damit nicht allein. Aber es gelingt uns auch immer weniger, die Menschen für das Gemeindeleben zu interessieren. Muss sich Kirche neu erfinden, wenn es für eine 2.000 alte Idee mit "weiter so" nicht mehr weitergeht?

Schneider: Mit "weiter so" ging es nie weiter. Wir haben immer gesagt, dass wir eine Kirche sind, die sich immer verändert und sich immer verändern will. Wir wollen das alte Evangelium heute sagen. Das geht auch nicht anders, sonst würden wir zum Museum werden. Bezogen auf die finanzielle Situation kann ich nur sagen, dass wir alle in einem Boot sitzen. Wir haben alle das Problem, dass Finanzmittel zurückgehen. Nicht, weil uns die Menschen in Scharen weglaufen, sondern aus zwei Gründen. Der Anteil der Deutschen und damit der christlichen Bevölkerung wird schlicht weniger. Das können wir nicht ändern. Mit dieser Situation muss man umgehen, und es ist durchaus möglich, sich umzuschauen und zu gucken, welche Möglichkeiten es gibt, mit schwierigen finanziellen Situationen erfolgreich umzugehen.

Jetzt möchte jemand Folgendes wissen: Viele Menschen nehmen den evangelischen Gottesdienst als sehr nüchtern oder auch als wortlastig wahr. Manche, die nach einer kontemplativen oder auch zeichenhaften Spriritualität suchen, wenden sich dann der katholischen Kirche zu. Welche Antwort hat die evangelische Kirche für Menschen auf der Suche nach tiefer und ganzheitlicher Spiritualität?

Schneider: Mit Geduld suchen. Wir haben auch im evangelischen Bereich Gemeinden, die diese Form von Spiritualität auch in Gottesdienst pflegen. Auf evangelisch.de gibt es beispielsweise Hinweise dazu.

Die letzte Frage lautet: Die evangelische Kirche hat als "Volkskirche" staatsähnliche Strukturen. Die Gesellschaft wird jedoch immer säkularer. Der Glaube "verdunstet", das Christentum verschwindet mehr und mehr aus dem öffentlichen Bewusstsein. Nicht nur im Osten Deutschlands werden Christen zu einer Minderheit. Und doch haben viele Menschen eine Sehnsucht nach Religiosität, finden aber keine Heimat in den Kirchen. Wie muss sich die evangelische Kirche - sowohl in ihren Strukturen wie auch im Selbstverständnis und in der konkreten Arbeitsweise - verändern, um auf diese Situation zu reagieren?

Schneider: Unsere volkskirchliche Struktur ist nicht einfach die Nachbildung des Staates, aber sie hat natürlich einen Bezug zu den staatlichen Strukturen. Das hat aber auch große Stärken – die Stabilität, die Verlässlichkeit der gemeindlichen Arbeit. Deshalb würde ich diese Strukturen nicht so schnell aufgeben, sondern sie eher nutzen.


Ankündigung: Präses Schneider wird am 22. September 2010 um 19 Uhr bei uns im Chat zu Gast sein. Details finden Sie hier.

Kommentare

Verfasst von Ismael am 26. August 2010 - 9:48.

Manches noch nicht erkannt...

Auch bis in meine Jugend bestand Telekommunikation ausschließlich aus...

Auch bis in meine Jugend bestand Telekommunikation ausschließlich aus einem klotzigen schwarzen Berkelithtelefon, an dem man sich kurz zu fassen hatte und gerade mal ein persönliches Treffen verabredete. Das Internet erschließt sich für mich erst langsam auf dem "dritten Bildungsweg", auf dem ich mich von jungen Menschen (zu denen übrigens auch Melanie Huber gehört!) an die Hand nehmen lassen muss.

Trotzdem meine ich, im Internet Dinge erkannt zu haben, die Präses Schneider - soweit das in dem Interview deutlich wird - vielleicht noch gar nicht so bewusst sind.

Da wären diejenigen, die ich mal als Igelchristen bzw. als Solitärchristen bezeichnet habe. Die tauchen im normalen kirchlichen Betrieb kaum einmal auf. Aber auf Internetforen sind sie präsent. Und zwar in einem Maße, dass ich eine breite Schicht von Gläubigen dahinter vermute, die im üblichen Gemeindeleben gar nicht wahrgenommen werden. Hier gilt es, sensibler und aufmerksamer zu werden, sowohl für die Funktionsträger in den Kirchen wie auch für die jene nicht beauftragten Christen, denen der Mitmensch auch im Netz ein Anliegen ist.

Ein Weiteres ist die theologische/geistliche Bildung im weitesten Sinne. Ein nur flüchtiger Blick auf Diskussionsforen im world wide web zeigt, dass viele Menschen einen großen Nachholbedarf haben, wenn es um Informationen um Religion und Glauben geht.

Die Spannbreite ist dabei groß. Da sind einfältige Gemüter, die sich aber mit großer Ernsthaftigkeit mit der Bibel befassen, dabei aber Hilfe benötigen. Da sind diejenigen, die in der Schule schlechten oder gar keinen Religionsunterricht bekommen haben. (Ein ganz typisches Beispiel habe ich mal hier geschildert.)  Darunter sind auch im geistlichen Leben erfahrene Menschen, denen zu irgendeinem Thema eine Information fehlt. Gut, manches lässt sich durch gute Lektüre klären, aber die ist nicht immer zur Hand: Nicht jedes interessante Buch kann man sich kaufen, nicht jede kommunale Bücherei ist gut sortiert, nicht immer findet man das Passende. Und manchmal tut es einfach gut, wenn jemand auf mein Anliegen persönlich antwortet, ohne über eine "so dumme Frage" die Nase zu rümpfen. In der Halbanonymität des Internet ist das möglich. Hier ist es wichtig, dass versierte Christen ihre Verantwortlichkeit erkennen und das Feld nicht Spinnern und Trollen überlassen.

Ein nächster Punkt, der unsere Aufmerksamkeit verdient, ist das Internet als Meinungsbild und Meinungsmarkt. Dabei sind die im Netz vertretenen Ansichten nicht repräsentativ. Auf vielen Foren präsentieren sich besonders diejenigen stark, die eine vom mainstream abweichende, mitunter extreme und fundamentalistische Haltung vertreten. Die liberal gesonnene Mittelschicht scheint es dagegen nicht für nötig zu halten, eigene Überzeugungen im web zu erklären oder gar zu verteidigen. Trotzdem - oder gerade deswegen? - sollten im Netz geäußerte Ansichten, manchmal auch "Stimmungen", beachtet werden. Mich hat es z. B. verblüfft, in welchem Maße wirre Verschwörungstheorien bereitwillig Aufnahme finden. Oder, für Protestanten etwas abseitig, wie ersthaft in manchen katholischen Kreisen über die Wiedereinführung der Tridentinischen Messe diskutiert wird. Hier heißt es also aufmerksam zu sein, damit man nicht einmal von einer im Netz generierten Welle überrollt wird, von der man vorher im "wirklichen Leben" nichts gemerkt hat. Denn beim Kirchenkaffee wird nun mal kaum über so etwas gesprochen. Im Internet schon!

Die Frage nach Seelsorge im Internet ist innerhalb der Community evangelisch.de (und auch andernorts) intensiv diskutiert worden und hat hier zu einem praktikablen Ergebnis geführt. Das Internet kann Seelsorge ergänzen, in dem Orte des "Zuhörens" geschaffen werden, wobei sich die "Zuhörer" ihrer Verantwortung und ihrer Schweigepflicht bewusst sein müssen. M. E. kann es sogar eine Chance sein, wenn jemand seine Unsicherheit, seine zitternde Stimme und die doch so entlarvende Mimik zunächst einmal verbergen darf.  Ersätzen lässt sich Seelsorge und psychologische Beratung selbstredend nicht, da hat Präses Schneider natürlich Recht!

Schließlich: Einen Aspekt von Kirche und Internet führt das obige Interview selbst vor. Wir Webnutzer konnten leichter Hand selbst Fragen stellen! Wie unkompliziert!

Herzlichen Dank, Melanie, für das Weitergeben. Herzlichen Dank, Herr Schneider, für Ihre Antworten, auch wenn ich mir zu der Frage der erodierenden Volkskirche und zu den letzten beiden von mir gestellten Fragen noch ein vertiefteres Nachdenken wünschen würde! Da brennt es nämlich heißer, als aus den Antworten deutlich wird.

Verfasst von Marielousy am 25. August 2010 - 13:36.

Kirche, Seelsorge und das Internet

Ich glaube, es war 2004, als die "chatseelsorge" online ging - ein...

Ich glaube, es war 2004, als die "chatseelsorge" online ging - ein Chat, der 4 von 168 Stunden in der Woche geöffnet ist. Wenn mich nicht alles täuscht, ist das eine Zusammenarbeit der EKiR und der lutherischen Landeskirche Hannover gewesen. Damals war auch den Machern dieses Angebots klar, dass es sehr wohl schon Chats im katholischen Bereich gab (z. B. (als wahrscheinlich bekantestes) vom Bistum Hildesheim die Kirche in funama bzw. funcity), im evangelikalen Bereich und  "natürlich" auch von der von den Kirchen getragenen Telefonseelsorge. Auch wenn "Telefonseelsorge" mittlerweile als Marke eingetragen wurde, gibt es doch eine Menge von Chats, in denen Seelsorge geleistet wird, und längst nicht alle sind kostenpflichtig. Offensichtlich gibt es einen nicht geringen Bedarf an Hilfe, der ohne Stimme über das Netz gesucht wird - vielleicht sollte sich Kirche fragen, warum das so ist, bevor angedeutet wird, dass das so nicht Seelsorge sein kann und man den Seelsorgebegriff ausdehnen muss. Ich persönlich glaube keinesfalls, dass man das tun muss. Vielleicht weiß Kirche viel weniger vom Allatg und den alltäglichen Beschränkungen und Nöten ihrer Gläubigen, als sie glaubt. Im Netz sind keinesfalls nur Rüpel unterwegs, und man tut meiner Meinung nach Unrecht, wenn man solche Eindrücke entstehen lässt. Gewalt gibt es auch ganz real - und Zivilcourage kann real und in der Kommunikation im Netz fehlen. Wenn man Kirche ernst nimmt - darf denn die Frage lauten, wo sie hin darf, oder muss sie lauten, wo sie fehlen darf? Wenn Jesus heute in einem Seelsorgechat säße - was würde er denn machen mit "den Störern"? Und woran erkännte man die Pharisäer? 

Verfasst von StephanWolters am 24. August 2010 - 18:28.

... Ruhe ist nie Stillstand

  Ruhe ist nie Stillstand   Ohne Ruhe keine Bewegung, ohne...

 

Ruhe ist nie Stillstand


 

Ohne Ruhe keine Bewegung, ohne Bewegung keine Ruhe: Die dipolaren Zustände schließen sich nicht aus, sondern bedingen sich wie Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit, Einatmen und Ausatmen, Pause und Aktivität: »Ruhe ist nie Stillstand und Bewegung ist nie Unruhe« können wir von fernöstlichen Weisheiten lernen. Je ruhiger die Bewegung, desto kraftvoller die Ruhe …
 
Evangelisch.de muss das Spagat zwischen Gläubigen und Suchenden (wobei sich beides nicht ausschließt) schaffen, einerseits tief im Glauben verwurzelte, andererseits auch entwurzelte Menschen ansprechen als ein Forum der Christlichkeit, Humanität, Offenheit und des Aufeinander-zu-gehens, ein Zugang zur Spiritualität und zum Glauben in den mannigfachsten Schattierungen, worunter die kräftige schillernde Farbe EVANGELISCH besonders und einladend hervorstechen sollte.
 
Dazu gehört auch lebendige Diskussion nicht nur im engen Raum und Dunst von Kleinkariertheit, sondern eine Atmosphäre von Weltoffenheit (»anders sein« und »anders lassen« eingeschlossen)! – Nehmen wir Jesus als Beispiel, der ganz offensichtlich gegen die festen Strukturen und Provinzialität seiner jüdischen Glaubensbrüder angegangen ist, sich diesbezüglich sogar bei seiner »Tempelreinigung« zur einzig überlieferten »Gewalttat gegen andere« hinreißen ließ, indem er Händler und Geldwechsler mit einer Geißel aus Stricken aus dem Tempel trieb. „Steht nicht geschrieben: Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker?“ (Mk 11,17)
 
Nun ist das Internet kein Gebetshaus, aber eine große Chance, Zugang zu vielen, meist sogar jüngeren Menschen zu finden. Gerade sie gehören zu unseren "aller Völker"! Sie werden die Zukunft bestimmen und nicht mehr so sehr wir Älteren!
 
Christus war weltoffen, das sollten wir beibehalten! – Dazu gehört Mut, Toleranz auch im Sinne von Nächstenliebe, Weitsicht, Unvoreingenommenheit, Erfahrung und wenn sich dazu noch Professionalität und darüber hinaus ein bisschen Weisheit gesellt, wird evangelisch.de - da bin ich mir sicher - erfolgreich (= reich an Erfolgen) sein und bleiben.
 
Wer wie ich von Anfang an als begeisterter Außenstehender den Werdegang von evangelisch.de beobachtet und dieses Forum mit Beiträgen mit zu gestalten sucht, hat manchmal den Eindruck, dass die bisherige Offenheit an anderer Stelle zugunsten von Klientel-Bedienung zurückgefahren wird – hoffentlich nicht – hoffentlich gibt es weiter neben allen Gemeinsamkeiten auch lebendige Auseinandersetzungen …
 
Da evangelisch.de zumeist aus sehr jungen engagierten Redakteuren(innen) besteht und von einer ebenfalls jungen enthusiastischen und energischen Dame (Melanie Huber) geleitet wird, befürchte ich als Älterer, dass nicht das »junge Team« sondern andere Außenstehende auf irgendetwas den Daumen halten und unheilvoll einwirken könnten: Wandelt sich Evangelisch.de in eine nur administrative Medien- und Sammelstelle für (Landes-)Kirchenfürsten und Gemeinden, auf das Zitieren von Bibelversen und Ankündigungen von kirchlichen Terminen, wäre eine große Chance vertan.
 
Herr Schneider, hoffentlich gehören Sie zu denjenigen, die trotz Gewöhnungsbedürftigkeit und Berührungsängsten mit neuen Medien (wie man dem Interview entnehmen kann) inhaltlich dafür eintreten und streiten, dass evangelisch.de keinem Klüngel und Klientel verfällt und nicht zu einer Nische bzw. Kämmerlein der Bedeutungslosigkeit verkommt, sondern sich zu einem weltoffenen Portal einer einladenden Christenheit entwickelt. Hoffentlich habe ich Sie richtig verstanden, dass auch für Sie Ruhe nie Stillstand heißt, sondern dass aus der Ruhe die Kraft und der Mut zu neuen Initiativen erwächst.
 
Dazu gehören natürlich auch Abweichungen von gängigen Meinungen (mit Martin Luther als Vorbild), Korrekturen von Inhalt, Form und Stil: Vor allem aber gehört dazu Toleranz und Verständnis und die positive Annahme: Wer evangelisch.de anklickt, sich dort umsieht, sich dort in Beiträgen und Kommentaren beteiligt, hat – in welcher Art auch immer – Interesse, ist in Sachen Glauben ein Suchender, dem hier hoffentlich eine Heimat gegeben oder Asyl gewährt werden kann! – Evangelisch.de als offenes öffentliches Gebetshaus im großen World Wide Web ist damit nicht ausgeschlossen!
 
Ich wünsche Ihnen, Herr Schneider und Frau Huber, eine über jeden Tellerrand hinausreichende Weitsicht und das urbändige Vertrauen in die zukünftige Christenheit, die nicht dadurch weiterbesteht, dass sie sich einschließt und in ihrem gewohnten Umfeld vom Rest der Welt abnabelt, sondern den Ansprüchen der Zeit (auch ZEIT und ZUKUNFT und sicherlich auch ein »freies, offenes INTERNET« ist Gott gewollt) genügt.
 
In diesem Sinne, mit Mut, Zutrauen und Zuversicht,

herzlich,
 
Stephan Wolters
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© 2010     Stephan Wolters,   Autor von: »Gras in den Dünen«
 

 
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Verfasst von Kathy_Valiant am 25. August 2010 - 9:41.

Über die Kommunikation der

Über die Kommunikation der Kirche zu sprechen finde ich sehr wichtig,...

Über die Kommunikation der Kirche zu sprechen finde ich sehr wichtig, gerade mit den Verantwortlichen an der Spitze. Insofern vielen Dank für das Interview!

Klar ist: Wir können nicht immer "on the top" neue Medien und andere neue Aktivitäten laden. Dazu müssen wir die zeitsparenden Möglichkeiten des Internets nutzen, zum Beispiel, weniger Papiere zu produzieren und mehr Infos nur online zu stellen. Und mehr Synergien im Netz nutzen.

Ein guter Vorschlag, den Umgang mit Mails in Gremien zu beschließen und so transparent zu machen. Wie ist es damit im Kirchenamt der EKD?

 

Verfasst von Gast am 26. August 2010 - 19:14.

Chatten

Mit Präses Schneider würde ich schon chatten bzw. mal ein paar Fragen stellen,...

Mit Präses Schneider würde ich schon chatten bzw. mal ein paar Fragen stellen, aber wer sich sonst hier so hinter den
Namen verbirgt, das weiss man doch gar nicht.

Lieben Gruß
von einer Gästin :-)

Verfasst von StephanWolters am 27. August 2010 - 14:13.
Kommentar auf: Chatten

zu: ... wer sich sonst hier so hinter den Namen verbirgt ...

  … und von dem Psydonym »Chatten« ohne Profil noch...

 

… und von dem Psydonym »Chatten« ohne Profil noch viel weniger!


Die meisten finden sich hier mit vollem Namen ein und stehen auch zu und hinter ihrem Namen!
 
Herzlich,
 
Stephan
 

Verfasst von Gast am 26. August 2010 - 16:32.

Was geht?

Unser Relilehrer findet sich auch immer extrem "weltoffen". Erst mussten wir...

Unser Relilehrer findet sich auch immer extrem "weltoffen". Erst mussten wir immer Popsongs besprechen, die wir nur zum chillen anhören. Dann sollten wir in denn Kinofilmen die Popreligion herausfinden, ätzend. Meistens machen wir Sachen, die wir auch schon in Deutsch und Politik gemacht haben.

Wenn wir mal wenigstens lernen würden, was Religion überhaupt ist und was der Unterschied zwischen evangelisch und katholisch.

Jetzt meint der Relilehrer, wir würden uns unheimlich dafür interessieren mit dem Internet zu arbeiten.

Hallo? Ich chatte mit Leuten, die ich in echt kenne aus der Schule, aus dem Urlaub und so was, doch nicht mit wildfremden. Und vor allem würde ich keine Probleme besprechen mit Leuten, die ich nicht kenne. Und auch niemand sonst aus meinem Bekanntenkreis.

Naja, war nicht ganz freiwillig das ich hier rein geguckt habe. Soll darüber referieren:-)

Wenn ich schon sowas lese wie "Kirchenfürsten" denke ich: frustrierte 70jährige Ex-Ministranten. Sowas gibts in der evangelischen Kirche nicht.
Müssen hier mal wieder nen bisschen Frust ablassen.

Wohl kaum , oder? ;))

Denn seid mal gegrüßt

Verfasst von berndbuchner am 27. August 2010 - 9:01.
Kommentar auf: Was geht?

Viel Glück fürs Referat!

Hallo Gast, viel Glück fürs Referat! Geh nicht zu hart mit uns ins...

Hallo Gast,

viel Glück fürs Referat! Geh nicht zu hart mit uns ins Gericht... :-)

Falls Du noch Fragen zu evangelisch.de hast - meld Dich!

Herzliche Grüße,

 

Bernd Buchner - evangelisch.de

Verfasst von Duma am 28. August 2010 - 2:40.

IRRE

Um es mit Manfred Lütz zu sagen...Präses Schneider mit seinen...

Um es mit Manfred Lütz zu sagen...Präses Schneider mit seinen differenzierten Positionen begibt sich in die Höhle der Löwen, wird sich nicht hinter einem Pseudonym verstecken und hier "chatten". Das istt eine absolute Premiere. Da kann man evangelisch.de nur beglückwünschen, dass das gelungen ist. So wünsche ich ihm als integrem Vertreter der EKD, dass er nicht mit sich "spielen" lässt, wie er formulierte. User, die  perfekt  Fotos hochladen und allerlei verlinken, behaupten ja, dass sie hier von Melanie an die Hand genommen würden. Ich denke mal, dass Nikolaus Schneider nicht naiv ist.

Und -  dass seinetwegen auch ganz junge Kirchenmitglieder/ Schüler hier sich zu Wort melden, ALLE ACHTUNG,auf die kommt es an, wenn es denn wirklich um die ZUKUNFT der Kirche geht.

 

Auf gutes Gelingen!

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