Drama - Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, hat nach der Loveparade-Katastrophe auf Gottes ungeteilten Beistand für die Menschen hingewiesen.
"Bei allem Erschrecken und Fragen bin ich ganz gewiss: Gott hatte die Menschen nicht verlassen, die in der Massenpanik um ihr Leben gefürchtet und gekämpft haben", schreibt Schneider in der am Dienstag in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post".
Der Theologe, der auch Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland ist, unterstreicht, Gott "war auch bei denen, die ihr Leben verloren haben". Er sei jetzt bei den Trauernden, und er werde auch die nicht verlassen, "die Fehler gemacht haben" bei ihren Plänen und Entscheidungen. Gott lasse auch die nicht los, die in ihrer Panik kopflos geworden seien, weil sie nur noch ihr Leben retten wollen, schreibt Schneider.
Der Präses räumte ein: "Gottes Wirken bei der Loveparade am vergangenen Samstag in meiner Heimatstadt Duisburg im Einzelnen zu entdecken und theologisch zu deuten, das ist mir unmöglich." Sein Glaube und seine theologische Überzeugung verböten es jedoch, in diesem Unglück einen Fingerzeig Gottes gegen die Loveparade oder gegen die Organisatoren zu sehen. "Und schon gar nicht kann ich die Todesfälle als göttliche Bestrafung für Teilnehmer verstehen", betonte Schneider.















Kommentare
Bei Menschen unmöglich - möglich bei Gott
Kleiner Hinweis: "Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen sind als alle anderen Menschen, die in Jerusalem wohnten? Ich sage euch: Nein; sondern, wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen." (Lukas 13,4f)
Gott ist da!
Vielen Dank an Präses Schneider für die klaren und ehrlichen Worte. Junge Menschen wollten Musik hören, tanzen, das Leben genießen und feiern. Wenn Menschen das Leben feiern - dann ist es, als würden sie Gott dafür danken, dass er es ihnen geschenkt hat. Ein wunderbares Geschenk! Und wenn es dann so schnell und so grausam zu Ende geht, dann ist es verständlich zu fragen - wo Gott und seine Zuwendung jetzt zu spüren ist.
Wem hilft es jetzt, über Love Parade und andere Großveranstaltungen zu urteilen?
Wem hilft es jetzt, Schuldvorwürfe in alle Himmelsrichtungen auszuteilen?
Hilft uns das wirklich, um unsere Traurigkeit und unsere Erschütterung und unsere Hilflosigkeit zu betäuben? Und warum können wir das nicht einfach mal aushalten - schlicht, weil wir es müssen und gar keine andere Wahl haben...
love parade
Als Mutter von drei Kindern bin ich heilfroh, dass die Parade beendet wird. Das Motto dieser Parade hat wirklich nur für ganz kurze Zeit gegolten. Danach wurde die love parade in einem solchen Maße kommerziell ausgeschlachtet, dass es schon nicht mehr schön war. Und fragen sie mal die Berliner, wie die damals zu ihrer love parade gestanden sind! Warscheinlich sind die alle heilfroh, dass sie nicht auch noch mit dieser traurigen Nachricht in Verbindung gebracht werden! Nun hat es eine andere Stadt erwischt. Wenn man die Bilder sieht, kann man sich gar nicht vorstellen, wie das überhaupt gehen sollte! Planung und spätere Durchführung sind eben nie das gleiche. Ähnlich ist das bei woodstock abgegangen. Parallelen sehe ich auch zum Hessentag in Stadtallendorf. Da mußte man auch durch diese enge Unterführung durch! So langsam sollten die Menschen klüger werden. Geld ist nicht alles, was zählt. Über allem sollte die Sicherheit stehen. Hier wird überall an den falschen Ecken gespart und an den falschen Ecken die Hand aufgehalten. Nicht umsonst heißen die hooligans Schlachtenbummler. Die Bilder von der loveparade 2010 erinnern ebenso an ein Schlachtfeld. Und der hinterlassene Müll hat auch schon bei den ersten Paraden für Kritik gesorgt. Die loveparade wird wohl immer mit Massenpanik, Drogen, Sex, Müll und Kommerz in Verbindung gebracht werden! Aber wohl niemals mit Gott oder der Kirche!
Erst will man vom lieben Gott nichts wissen, aber dann ihn beschuldigen! Na, da fasse ich mir doch dezent an den Kopf!
Wo war Gott bei der Loveparade...
...und bei all den anderen, die an diesem Tag durch tragische Umstände, Naturgewalten oder Gewaltverbrechen ums Leben kamen? Wo war Gott, als Menschen Menschen ins KZ brachten? Wo ist seine helfende Gegenwart so spürbar, dass man im umgekehrten Fall allen Ernstes davon reden kann, dass Gott Menschen verlassen hat? Spielt Gott Bin Laden und setzt "Fingerzeige", die Welt zu "Zucht und Ordnung" zu "ermahnen"? Erwartet Gott, dass wir seine Abwesenheit rechtfertigen? Ist es etwa keine Blasphemie, wenn wir ihn uns als Kleingeist vorstellen, der denen, die sich nicht um ihn kümmern, in der Not beleidigt die kalte Schulter zeigt? Ist es nicht Kleinglaube, um nicht zu sagen, Aberglaube, wenn wir wie vor Jahrhunderten und Jahrtausenden an unserem irdischen Los, sei es zum Guten oder zum Bösen, Gottes Reaktion auf unser Trachten und Tun ablesen wollen?
- Ich denke, die erste und wichtigste Antwort auf die Frage nach der Gegenwart bzw. der Abwesenheit Gottes in der Welt ist die, dass Gott keine Verteidiger braucht noch will – und ebenso wenig "Handlanger", sei es zur Rechten (s. Bin Laden) oder sei es zur Linken (s. D. Sölle – "Gott hat keine anderen Hände als unsere Hände"). Gott hat sich in seinem Sohn den Anklagen der Welt gestellt – bis hin zum Tod am Kreuz. Ein Gott, der die Anklagen der leidenden Menschheit nicht ertragen kann, ist nicht Gott, sondern ein "eitler", also nichtiger Götze.
"You can fool some of the people all of the time, and all of the people some of the time, but you can not fool all of the people all of the time." (A. Lincoln zugesprochen)
Unverständlicher Glaube
Präses Schneider schreibt: "Bei allem Erschrecken und Fragen bin ich ganz gewiss: Gott hatte die Menschen nicht verlassen, die in der Massenpanik um ihr Leben gefürchtet und gekämpft haben" und „war auch bei denen, die ihr Leben verloren haben".
Wenn er auch bei denen war, die zu Tode getrampelt wurden, hat er dann nur interessiert zugeschaut oder hat er vielleicht tröstende Worte geflüstert? Was heißt „er hat sie nicht verlassen“? Menschen lagen auf dem Boden, rangen nach Luft, beteten in Todeangst, erflehten seine Hilfe und hauchten schließlich ihr kurzes Leben aus. Aber es heißt, er habe sie nicht verlassen. Woher weiß ein Bischof das so genau? Woher nimmt er die Kühnheit zu einer solchen, die Tatsachen auf den Kopf stellenden Behauptung?
Ich frage mich auch, wie kann ein mit dem Leben davon gekommener Mensch Gott dafür danken, dass er ihn gerettet habe, wenn dieser gleiche Gott es zugelassen hat, dass ein kleines schmächtiges Mädchen von den in Panik geratenen Massen zerquetscht wurde? Lieber Gott, ich danke Dir, dass Du Deine Hilfe mir hast zuteil werden lassen und nicht dem Mädchen neben mir – so etwa lautet ja ausgesprochen ein solches Dankgebet.
Der letzte, von HGF verfasste Beitrag ist für mich an Aussagelosigkeit nicht mehr zu überbieten. Was sagt HGF eigentlich? Er fragt, wo war Gott bei der Loveparade und suggeriert, dass er eine Antwort wüsste. Aber er gibt keine. Bei seiner Rede handelt es sich um eine Aneinanderreihung von einzelnen Sätzen, die insgesamt keinen Sinn ergeben. Sie sind wie die Worte von Präses Schneider vielmehr Ausdruck der Ratlosigkeit angesichts eines Geschehens, das durch den Glauben an einen solchen teilnahmslosen Gott keine Antwort erfährt. Diese Rat- und Hilflosigkeit muss durch Wortgestammel, eine Vielzahl unterschiedlichster Gedanken und unklare Formulierungen verdeckt werden, damit nicht erkennbar wird, dass ein solcher Glaube - für mich jedenfalls - hohl und nichtssagend ist.
www.uwelehnert.de
www.uwelehnert.de
Lieber Herr Dr. Lehnert,
"It's always been a lie, it will always be a lie, the invention of an animal who knows, it's going to die." – Soweit der US-Songwriter Randy Newman zur Frage nach "Gott". Und: der Gläubige, der intellektuell redlich bleiben will, muss sich dieser Möglichkeit stellen – und demzufolge nicht vergessen, dass der, der an Gott glaubt, an Gott glauben will.
Soll nun aber nicht bereits an dieser Stelle der Dialog zwischen Religiösen und Atheisten beendet sein, müssen beide Seiten die Redlichkeit der anderen Seite als gegeben voraussetzen; ob dem tatsächlich so ist, wird der Verlauf (und, mit Verlaub, auch der Tonfall) des Dialogs schon zeigen.
- Fange ich also an: Dass Ihnen mein Text zusammenhanglos erscheint, liegt m. E. vor allem daran, dass dieser Beitrag nicht mein erster und einziger auf "evangelisch.de" ist. Da es mir aber taktlos und egozentrisch erschienen wäre, eine aktuelle Katastrophe zur (theologischen) Selbstdarstellung zu benutzen, habe ich meinen kritischen Kommentar zur Predigt Präses Schneiders so kurz wie möglich halten wollen – wohl wissend, dass es für einen Prediger in solchen Situationen schier unmöglich ist, tröstende und zugleich theologisch schlüssige Worte zu finden, die über eine psychologische "Erste Hilfe" hinausgehen.
- Was aber ist jenseits dieser seelsorgerlichen Aufgabe aus christlicher Sicht zum Theodizeeproblem zu sagen? Erst mal, dass (zumindest in einer aufgeklärten Gesellschaft) die Theodizeefrage die Ausgangsbasis schlechthin alles Fragens nach der "Existenz" Gottes ist. Und freilich: die Antwort des Glaubenden auf diese Frage kann immer nur eine apologetische sein; dass die Welt so ist, wie sie ist, muss seine theologisch guten Gründe haben.
Wie also würde die Welt aussehen, wäre sie in aller Evidenz von der Gegenwart des guten Handels Gottes erfüllt? Gewiss, sie wäre, auf die "Dinge" bezogen, ein "Paradies". Wie aber stünde es in einem solchen "Paradies" um unsere Mündigkeit, unsere Sittlichkeit, unsere Vernunft? – Ich denke, dass bereits dem Autor des jahwistischen Schöpfungsberichts (Gen 2,4b-3,24) diese Gedanken durch den Kopf gingen – und dass schon nach Meinung dieses Theologen der jüdischen Antike nur derjenige im Paradiesgarten "selig" werden kann, dem ein wesentliches Merkmal des Menschseins fehlt – nämlich die Sittlichkeit, also die Fähigkeit zur "Erkenntnis des Guten und Bösen".
Ist aber die verbotene Frucht "gegessen" und der Mensch sittlich geworden (unmythologisch gesprochen, das im Kontext der Evolution sittlich gewordene Säugetier), so ist diese Eigenschaft untrennbar mit dem Wissen um die eigene Bedürftigkeit, die eigene Sterblichkeit verbunden – religiös gesprochen, mit dem Wissen, nicht "Gott", sondern nur "Geschöpf" zu sein. Diese Trennung aber ist absolut – es gibt für den Menschen keinerlei Möglichkeit, seiner Geschöpflichkeit zu entkommen und sich mit seinem Schöpfer zu vereinen.
Trotzdem hat die "Schlange" ihr Versprechen, dass der Mensch nach dem Verzehr der Erkenntnisfrucht "wie Gott" werde, gehalten: in allen Fragen der Sittlichkeit ist der Mensch in der Tat "wie Gott" geworden – und, zumindest prinzipiell, auf göttliche Sittengesetze nicht angewiesen. Das aber bedeutet wiederum, dass er Gott aus seiner sittlichen Beurteilung nicht ausklammern kann. Statt vom "Südenfall" möchte ich demzufolge vom "Sturz in die Schuldigkeit" sprechen; so, wie der Mensch seinem Nächsten und der ganzen Welt zum Schuldner geworden ist, so ist auch ihm der Nächste und die ganze Welt, ja, selbst Gott zum Schuldner geworden – und Religion der verzweifelte Versuch, dieses Wissen nach Kräften zu verdrängen.
Die biblische Geschichte des jüdischen Bundesvolks ist nun aber m. E. alles andere als eine Religionsgeschichte unter Religionsgeschichten; sie ist – im Gegenteil – die Geschichte der Emanzipation des Menschen von der Lebenslüge der Religion, und zwar ganz nach dem Willen Gottes – bis hin zum Kreuz von Golgatha. Dieses "böse Ende", diese Diastase, diese Aporie in der Beziehung zwischen Mensch und Gott kann nun aber freilich nicht der Schlusspunkt sein. Das Ende muss also zugleich die Wende bringen – eine Wende, die sich m. E. nirgends anders ereignen kann als in Jesus Christus, der als ganzer, wahrer Gott und ganzer, wahrer Mensch die ewige Trennung des Menschen von Gott im Prinzip überwunden hat.
Sie werden, so Sie mir bis hierhin gefolgt sind, ob dieser "Frömmelei" vermutlich die Nase rümpfen oder gar Würgereiz verspüren. "Fromm" im landläufigen Sinne aber will meine Theologie ganz und gar nicht sein, sondern eine Theologie für den mündigen Menschen. Ausführlich habe ich diesen theologischen Ansatz in meinem Blog "Vom Teufelskreis der Schuldigkeit zur ontischen Freiheit in Christus"
http://www.evangelisch.de/community/blog/hgf
dargelegt; ferner verweise ich auf meinen Kreis "Mündigkeit und Mystik" unter
http://www.evangelisch.de/community/kreis/m%C3%BCn... .
Ich würde mich freuen, wenn Sie mal reinschauen würden.
Freundliche Grüße, HGF
"You can fool some of the people all of the time, and all of the people some of the time, but you can not fool all of the people all of the time." (A. Lincoln zugesprochen)
Antwort auf HGF
Lieber Herr HGF (Ihren Namen konnte ich leider nicht herausfinden),
Ihre sehr ausführliche Antwort hat mich gefreut und verstehe ich als Aufforderung zum Dialog. Dieser allerdings findet statt zwischen Menschen mit sehr unterschiedlichen Auffassungen und vor allem sehr ungleichen Denkweisen, was – wie wir vermutlich beide wissen – ein Gespräch sehr schwierig, wenn nicht unmöglich macht.
Ihre Erklärung, warum mir Ihr Text den Eindruck von Zusammenhanglosigkeit gemacht haben könnte, will ich gern akzeptieren. Ich verstehe, dass Sie Ihren Kommentar kurz halten wollten und wohl davon ausgingen, dass Sie innerhalb „Ihrer Gemeinde“ schon verstanden würden.
Aber schon in diesen ersten Sätzen sagen Sie etwas, was die Unterschiedlichkeit unserer Positionen wieder ganz deutlich macht: „dass es für einen Prediger in solchen Situationen schier unmöglich ist, tröstende und zugleich theologisch schlüssige Worte zu finden, die über eine psychologische ‚Erste Hilfe’ hinausgehen“. Ich würde noch schärfer formulieren und sagen, dass es tatsächlich unmöglich ist, in solchen Situationen mittels theologisch schlüssiger Worte zu trösten. Die Erklärung liefern Sie selbst gleich hinterher in Form der Theodizee-Problematik. Für mich gibt es darauf redlicherweise keine logisch befriedigende Antwort. Theologen haben sich daran über die Jahrhunderte die Zähne ausgebissen und konnten keine Lösung finden.
Wissend, dass eine logisch befriedigende Antwort nicht möglich ist, versucht man heute, die Begriffe Allmacht, Allwissenheit und Allgüte (unendliche Liebe, Barmherzigkeit) zu hinterfragen, zu relativieren oder gar im Einzelfall ganz zu streichen. Ihr Ansatz, dass die Antwort „immer auch nur eine apologetische sein könne“ ist für mich – bitte verzeihen Sie diesen Vorwurf – ebenfalls ein Ausweichmanöver. Sie weichen in theologische Konstruktionen aus, die ich nicht bereit bin mitzutragen. Es sind in meinen Augen gedankliche Konstrukte, die möglicherweise in sich eine gewisse Stimmigkeit haben mögen, aber eine Basis in der Wirklichkeit haben sie nach meiner Überzeugung nicht. Insofern macht es für mich keinen Sinn, den Dialog in dieser Form weiter zu führen, so sehr ich Ihr Bemühen würdigen möchte, auf den Nichtgläubigen, der ich bin, zuzugehen. Und daher hilft mir in unserem Gespräch Ihr – zugegeben eindrucksvoller – Aufsatz „Vom Teufelskreis der Schuldigkeit zur ontischen Freiheit in Christus“ ebenfalls nicht weiter. Dieser Text und Ihre auf mich zugehende Antwort bewegen sich innerhalb eines theologischen Rahmens, den zu betreten ich einfach nicht willens bin, weil er mir „ausgedacht“ ist, eine – wie gesagt – gedankliche Konstruktion ist, die in sich durchdacht sein mag, aber mit der Wirklichkeit dieser Welt, mit der Situation des in der Tat „bedürftigen“ Menschen nichts zu tun hat. Auch wenn ich gern zugebe, dass die Bibel im Schöpfungsbericht und im Zusammenhang mit der sog. Vertreibung aus dem Paradies schöne Bilder und Metapher verwendet, die über die Jahrhunderte Dichter und Denker zu vielen anregenden und geistreichen (aber ir-realen) Interpretationen animiert haben.
Sie werden vielleicht auf meiner Internetseite bemerkt haben, dass ich mich in meiner nachberuflichen Zeit sehr intensiv mit der Frage befasst habe, „Warum ich kein Christ sein will“. Dort vertrete ich am Ende meines Buches folgende Ansicht: „Der physische, psychische und moralische Zustand unserer Gesellschaft wäre mit Sicherheit weitaus befriedigender, wenn die in der Summe ungeheueren geistigen Anstrengungen unzähliger Theologen, das angebliche Wort Gottes, wie es in der Bibel niedergelegt ist, mit der Logik und der Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen, sich auf die Bewältigung konkreter, die Menschen tatsächlich bedrängender Probleme gerichtet hätten. Welchen Ertrag das intellektuelle Vermögen eines Apostel Paulus, Thomas von Aquin oder etwa Martin Luther hätte erbringen können, wenn sie ihre geistigen Energien in die Lösung tatsächlich existierender Nöte und Übel und nicht künstlich geschaffener theologischer Probleme investiert hätten, kann man nur erahnen. Ihr Ziel war des Menschen Heil, ihr Anspruch war die Wahrheit – leider haben sie ihre Talente am falschen und untauglichen Objekt entfaltet.“
Mir ist klar, dass auf der Basis einer solchen Einstellung ein sinnvolles Gespräch miteinander kaum möglich ist, von daher dürfte unser Dialog, den Sie freundlicherweise eröffnet bzw. erwidert haben, schon beendet sein. Dabei möchte ich ausdrücklich feststellen, dass ich die subjektive Redlichkeit der Position meines Gegenübers in solchen Gesprächen selten in Frage gestellt habe. (Eine Redlichkeit, die ich allerdings den offiziellen Vertretern der Institution Kirche in der Regel nicht attestieren kann.) Wenn auch das Gespräch schwierig bis unmöglich ist, der Respekt vor der anderen Person mit ihrer so ganz anderen Meinung bleibt.
Mit ebenso freundlichen Grüßen
Uwe Lehnert
www.uwelehnert.de
Lieber Herr Professor Lehnert,
herzlichen Dank für Ihre ausführliche Erwiderung! Auch wenn der Dialog beendet ist, so hat er doch stattgefunden; der Austausch klarer Standpunkte erscheint auch mir bei weitem redlicher als Gespräche, die dann letztlich doch nur als wechselseitige Monologe geführt werden.
Und freilich bin ich mir darüber im klaren, dass mein Glaube womöglich nur Wunschdenken ist; da er aber (hoffentlich) weder mir noch anderen einen Schaden zufügt (ich weiß aus eigener Erfahrung nur allzu gut, welche Schäden eine autoritäre, menschenfeindliche Religion anrichten kann), halte ich diese religiöse Weltanschauung doch für moralisch legitim. Eine "Gemeinde" habe ich allerdings noch nicht um mich scharen können...
Nochmals vielen Dank und freundliche Grüße, Ihr
HGF
P.S.: Entschuldigen Sie bitte die unkorrekte Anrede in meinem ersten Beitrag!
"You can fool some of the people all of the time, and all of the people some of the time, but you can not fool all of the people all of the time." (A. Lincoln zugesprochen)
Lieber Herr HGF,
da Sie in so sympathischer Weise zu erkennen geben, dass Sie in Ihrem Glauben möglicherweise einem Wunschdenken erliegen könnten, so will auch ich bekennen, dass ich zwar überzeugt bin, dass der in der christlichen Religion verehrte Gott nicht existiert, ich aber auch nicht ausschließen kann, dass mein auf naturalistischer Basis gründendes Weltbild nur eine Momentaufnahme darstellt. Denn – so habe ich das in meinem schon mal erwähnten »Glaubensbekenntnis« formuliert – an den inneren und äußeren Rändern dieser Welt (ich beziehe mich hier auf die Quantenphysik und die Kosmologie), wo wir nichts mehr »begreifen« können, wo unsere sprachlichen Begriffe nicht mehr »greifen« und es daher nicht mehr zulassen, dass wir die Fragen nach dem »Dahinter« gedanklich fassen, wird uns nur noch eines deutlich: unser Nichtwissen, das manchmal eine dunkle Ahnung aufkommen lässt, das »alles« so ganz anders sein könnte, als wir es uns nur vorstellen können.
Ich stimme ich Ihnen voll zu, dass die von Ihnen vertretene (und geradezu bewundernswert detailliert durchdachte) religiöse Weltanschauung moralisch legitim ist. Vorausgesetzt natürlich, dass sie keinem bei Strafe seines Lebens aufgezwungen wird, was „Gott-sei-Dank“ in Europa inzwischen(!) infolge aufgeklärten Denkens der Fall ist. Und dass wir ohne Befürchtungen unsere gegenseitigen Auffassungen hart aber fair kritisieren, ja vehement ablehnen dürfen, ist auch eine gesellschaftliche Errungenschaft, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, wie ein Blick in weite Teile dieser Erde sofort bestätigen wird. So werde ich auch zukünftig, wie bisher schon wiederholt, mich an den Diskussionen hier beteiligen nach dem Prinzip: Wenn erforderlich schonungslose Kritik an der Meinung und Einstellung des Anderen, aber Respekt vor seiner Person.
Auch Ihnen herzlichen Dank und freundliche Grüße,
Ihr Uwe Lehnert
P.S. Die professorale Anrede spielt m.E. in solchen Diskussionen überhaupt keine Rolle.
www.uwelehnert.de