Mixa: Missbrauch durch Priester auch gesellschaftlich bedingt

Walter Mixa

Der Augsburger Bischof Walter Mixa hat schon häufiger mit provokanten Thesen für Schlagzeilen gesorgt. Foto: dpa / Frank Mächler

Skandal - Der Augsburger Bischof Walter Mixa sieht einen Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen und den Missbrauchsfällen in katholischen Schulen. Unterdessen werden immer mehr Fälle von Übergriffen bekannt. Nicht nur Einrichtungen von Jesuiten sind betroffen.

Mixa sagte der "Augsburger Allgemeinen" (Dienstag): "Wir haben in den letzten Jahrzehnten gerade in den Medien eine zunehmende Sexualisierung der Öffentlichkeit erlebt, die auch abnorme sexuelle Neigungen eher fördert als begrenzt. Der Zölibat hat aus seiner Sicht die Taten nicht befördert. Der Geistliche sprach von besonders "abscheulichen Verbrechen", an denen die "sogenannte sexuelle Revolution sicher nicht unschuldig" sei. Sexueller Missbrauch dürfe nicht als "Gentleman-Delikt" abgetan werden.

Mixa räumte zugleich ein, dass in der Vergangenheit die katholische Kirche "gegenüber Sexualdelikten an Kindern und Jugendlichen zu blauäugig war". Man habe unberechtigterweise auf die Besserung des Täters in einem neuen Aufgabengebiet gesetzt. Die deutschen Bistümer hatten im Jahr 2002 Richtlinien zum Umgang mit sexueller Gewalt von Priestern und Kirchenangestellten erlassen. In zahlreichen Fällen waren betroffene Geistliche lediglich in andere Gemeinden versetzt worden.

Zwischenbericht am Donnerstag

Außer an Jesuitenschulen soll es auch an anderen katholischen Schulen in Deutschland zu sexuellem Missbrauch von Schülern gekommen sein. Die Missbrauchsbeauftragte des Jesuitenordens, Ursula Raue, bestätigte am Dienstag in Berlin auf Anfrage entsprechende Medienberichte. Voraussichtlich am Donnerstag wird die Rechtsanwältin Raue ihren Zwischenbericht zu den Missbrauchsfällen vorlegen.

Am Vorabend wollen die Berliner Jesuiten den Aschermittwoch mit einem Bußgebet begehen. "Tief betroffen von den Zeugnissen der Überlebenden sexueller Gewalt, die uns in diesen Tagen erreichen" wollen sie eigenen Angaben zufolge ihre "Scham und Trauer ausdrücken über die Schuld einzelner Jesuiten und die Katastrophe institutionellen Wegsehens". Außerdem solle den Menschen gedankt werden, "die nun sprechen und die uns durch ihr Sprechen ein Hinsehen auf unsere Vergangenheit erlauben".

Mehr als 100 Fälle

In einem Brief an ehemalige Schüler hatte der heutige Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, über mindestens sieben Fälle sexuellen Missbrauchs an seiner Schule in den 1970er und 1980er Jahren berichtet. In den Tagen darauf wurden immer mehr Vorfälle auch an anderen Jesuitenschulen bekannt. Sie summierten sich derzeit auf deutlich über 100, sagte die Missbrauchsbeauftragte Raue.

Die Vorsitzende der Grünen, Claudia Roth, forderte von der katholischen Deutschen Bischofskonferenz juristische Aufklärung und Wiedergutmachung. Die katholische Kirche müsse eine glaubwürdige Antwort geben, wie sie das schwere seelische Leid der Opfer wiedergutmachen oder lindern und sexuellen Missbrauch künftig verhindern wolle, sagte Roth mit Blick auf die Frühjahrsvollversammlung der Bischofskonferenz in der kommenden Woche.

Grünen-Chefin für "moralische Selbstaufklärung"

Die Parteivorsitzende forderte zudem eine "moralische Selbstaufklärung". Auch die antiquierte und restriktive Sexualmoral der katholischen Kirche habe zu einem solchen "furchtbaren Komplex des Wegsehens und der Verheimlichung" geführt. Die Missbrauchsopfer seien über Jahrzehnte mit ihrem Leid alleingelassen worden.

epd

Kommentare

Verfasst von radi.brock am 17. Februar 2010 - 9:21.

Hilf- und Ratlosigkeit

Bischof Mixa hat in einer Weise Recht, auch die "sog. sexuelle Revolution...

Bischof Mixa hat in einer Weise Recht, auch die "sog. sexuelle Revolution" ist nicht ganz unschuldig. Sie ist nicht unschuldig, da seit her über Sex gesprochen werden darf. Das Opfer darf über den Missbrauch sprechen, ohne dass ihm eine Mitschuld gegeben wird. So war es doch gewesen, das Opfer hat "verführt" und der Täter konnte sich zum eigentlichen Opfer stilisieren. Diese Zeiten sind vorbei. Jetzt müssen sich die Täter ihrer Verantwortung stellen. Was ich ganz gut finde, es ist der einzige Weg, auf dem Täter mit sich und ihrer Umgebung wieder ins Reine kommen können. Und die Opfern können endlich die Hilfe finden, die ihnen Wege zeigt, sich mit ihrem Leben wieder zu versöhnen.  

Verfasst von Gast am 18. Februar 2010 - 16:29.
Kommentar auf: Hilf- und Ratlosigkeit

sexueller Missbrauch -

nicht nur in der Kirche -, den gab es auch schon vor der sog. sex. Rev. Nennen...

nicht nur in der Kirche -, den gab es auch schon vor der sog. sex. Rev. Nennen Sie, verehrter radi.brock, doch mal ein Zitat aus den Reihen von Grünen, woraus hervorgeht, dass Pädophilie keine Straftat sein soll und Pädophile entsprechend straffrei ausgehen sollen. Die Verlogenheit müssen Sie schon anderswo suchen und ihre Empörung gegen jene richten, die sich der Straftaten schuldig gemacht haben!
Im Übrigen haben freie Menschen schon immer über Sexualität gesprochen und nicht erst die 68er. Die sex. Rev. setzte sich für eine selbstbestimmte, authentische Sexualität ein. In diesem Denken ist jeder, der andere zu sexuellen Handlungen zwingt, ein Straftäter.

Verfasst von radi.brock am 20. Februar 2010 - 21:41.
Kommentar auf: sexueller Missbrauch -

Ich widerspreche Ihnen nicht,

verehrter Gast, warum auch? Freie Menschen mögen schon immer über...

verehrter Gast, warum auch? Freie Menschen mögen schon immer über Sexualität gesprochen haben. In der verklemmten Adenauer.-Aera, war es nicht sooo verbreitet. Damals war es noch leicht die Opfer zu Tätern zu machen, die "gefallenen" Mädchen, an denen man sich ungestraft vergehen durfte, um ihnen den Vorwurf der Verkommenhiet zu machen. Hat es damals alles gegeben. Da war 1968 sicher eine Befreiung, die auch jetzt noch den Opfern hilft und die Täter endlich zur Verantwortung zieht. Das ist gut so. Andererseits gab es sicher bis in die 80er Jahre hinein Übertreibungen des Überschwangs, die genau so wenig gut waren wie der verkorkste Umgang mit der Sexualität in den 50er Jahre..

www.spiegel.de/spiegel/print/d-14316199.html 

Verfasst von Gast am 16. Februar 2010 - 21:05.

Ausgerechnet die Grünen...

... suhlen sich jetzt in moralinsaurer Empörung und schreien nach Aufklärung....

... suhlen sich jetzt in moralinsaurer Empörung und schreien nach Aufklärung. Welche Partei war es noch, die Straffreiheit für Pädophilie forderte und sich bis heute davon nicht distanziert hat? Welcher Partei gehörte noch gleich Daniel Cohn-Bendit an, der zu seinen recht eindeutigen Schilderungen bis heute keine klare und befriedigende Auskunft geben konnte oder wollte...?

Die Worte Renate Künasts sind widerliche Heuchelei, weil sie aus einer Richtung kommen, die nicht etwa gegen den Mißbrauch ist, sondern den Mißbrauch legalisieren will. Pfui Deibel zu dieser Verlogenheit!

Verfasst von Thomas M. 1489 am 16. Februar 2010 - 20:41.

Bischof Mixa mal wieder voll daneben

Und wieder mal steht Bischof Mixa mitten im Fettnapf, aber so sind wir es ja...

Und wieder mal steht Bischof Mixa mitten im Fettnapf, aber so sind wir es ja von ihm gewohnt. Jetzt sind also Oswald Kolle und die Gesellschaft schuld am Missbrauch, oder was? Ich finde es den Opfern gegenüber unverschämt und absolut inakzeptabel, jetzt mit derartigen Ausreden zu kommen. Die einzige Haltung der RKK kann nur lauten "Mea culpa, mea maxima culpa!". Aber davon sind wir ja weit entfernt. Wie arrogant ist das denn? Was muss Herr Mixa eigentlich noch so alles äußern, bis ihm mal jemand Grenzen setzt?

Verfasst von diogenes am 16. Februar 2010 - 18:36.

Was ist Ursache, was Wirkung?

Ich frage mich, wieso eigentlich gerade so viele Mißbrauchsfälle im...

Ich frage mich, wieso eigentlich gerade so viele Mißbrauchsfälle im Umfeld dieser Klosterschulen auftauchen: Der Zölibat sei nicht die Ursache, sagt Bischof Mixa, womöglich eher die sexuelle Revolution, er sagt es verächtlich, ignoriert aber, daß die Geschichte des Mißbrauchs, die sich jetzt auftut, viel weiter zurückreicht, mindestens bis an die Mitte des letzten Jahrhunderts, da war noch nicht viel mit Revolution.

Ist es nicht vielleicht sogar so, frage ich ketzerisch, daß Ursache und Wirkung sich ganz anders darstellen: Weil ich sexuell andersartig aufgestellt bin und dies gern und ungestraft ausleben möchte, werde ich alibiweise Jesuitenpater und lasse mir eine Kinderschar aushändigen? Weil es sich vielleicht in informierten Kreisen herumgesprochen hat, was für eine sichere Bank das ist? Sicher mehr als einer wird auch Bademeister, nicht um Leben zu retten, sondern weil er gern Mädchen in Bikinis sieht, oder Personalchef, nicht um mit Menschen umzugehen, sondern weil er gern Macht auslebt. Nicht immer ist das scheinbar Offensichtliche das Motiv. Und wäre es so, wäre die katholische Kirche sogar noch relativ fein raus, denn es wären gar nicht wirklich die Ihren, die das ganze Elend verursachten, sondern nur Trittbrettfahrer. Ihnen bliebe nur noch der Vorwurf der unzureichenden Aufsicht.

Verfasst von Hibbing am 23. Februar 2010 - 10:37.

Das Amtsverständnis der

Das Amtsverständnis der katholischen Kirche trägt sicherlich auch zu...

Das Amtsverständnis der katholischen Kirche trägt sicherlich auch zu solchen Auswüchsen bei. Die Versuchung ist da schon da, das ist genauso wie bei jemanden, der mit sehr viel Geld umgehen muß. Es geht auch viel um Macht, die Charakterstärke das Böse nicht in sich zuzulassen, hat leider nicht jeder. Und die Katholische Kirche hat an sich einen ungeheuren Anspruch - Stellvertretertum Christi, Reinheit (was meist nur auf die Sexualität bezogen ist), da passen solche Mißbrauchsfälle natürlich nicht in das Bild einer heiligen, römisch-katholischen Kirche. Und diese jahrzehntelangen Vertuschungsversuche sind auf diesem Hintergrund nachvollziehbar.

Man muß nur einmal die Begriffe - Frauenfeindlichkeit und Kirchenväter googeln - dann läufts einem kalt den Rücken runter.

HB

Verfasst von Buteo am 25. Februar 2010 - 16:56.
Kommentar auf: Das Amtsverständnis der

 Gerade ist bei Spiegel

 Gerade ist bei Spiegel Online (wieder) ein Bericht über ein...

 Gerade ist bei Spiegel Online (wieder) ein Bericht über ein Missbrauchsopfer eines Priesters erschienen: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,679894,00.html

Wenn ich solche Erfahrungsberichte lese kommt mir jedenfalls da blanke Erbrechen, wenn ich höre, wie die Herren Mixa und Zollitsch das Maul aufreißen und die Schuld einerseits außerhalb der Kirche suchen und andererseits das Opfer der Kritik durch die Justizministerin spielen. 

Gibt es schon Hinweise auf Massenaustritte aus der Katholischen Kirche? Ich hoffe ja.

 

Verfasst von Hibbing am 26. Februar 2010 - 12:07.
Kommentar auf:  Gerade ist bei Spiegel

Frauen in die Hierarchie

Was die ganze Sache bei der katholischen Kirche so anstössig macht - das...

Was die ganze Sache bei der katholischen Kirche so anstössig macht - das ist der hohe Anspruch der RKK und die Realität des Kindsmißbrauches. Da wird der Name Christi um solcher Dinge willen verlästert. Ich habe langsam den Eindruck, daß auf dieser Kirche ein Fluch liegt. Und wenn man die Berichte der Opfer hört - es wird einem wirklich schlecht.

Ich finde dass auch Frauen in diese Hierarchie hineingehören, da könnte man doch diesen Sumpf austrocknen, aber diese Männerhierarchien sind gefährlich.

 

HB

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