Missionale - die Menschenfischer-Messe in Köln

Betender Mann

Wie kann Gemeindearbeit aussehen? Das war nur eine der vielen Fragen bei der Missionale in Köln. Foto: iStock

Gemeindearbeit - In Köln treffen sich engagierte Christen, um über "Ermutigung zu missionarischer Gemeindearbeit" nachzudenken. Dabei sind die Vorstellungen von "Mission" durchaus unterschiedlich. Die einen wollen Menschen durch das Verteilen von Aufgaben erreichen. Die anderen durch warmes Essen. Und die Gewerbevertreter haben sowieso eine ganz eigene Mission.

Von Ingo Schütz

Fische, wohin das Auge blickt. Fast jedes Auto hat einen Fischaufkleber auf dem Heck. Wenn Christen sich in Scharen treffen, ist das schon äußerlich leicht zu erkennen.

Die Missionale in den Messehallen in Köln: Das ist seit 30 Jahren ein Treffen von Christen aller Couleur. Evangelische aus Landes- und Freikirchen, Katholiken, Christen aus Gebetsgemeinschaften, Mitglieder freier Gemeinden und viele, viele mehr. Weit über 3.000 Menschen sind es insgesamt, darunter auch viele Jugendliche und Kinder. Martin Buchholz, Theologe, Filmemacher und Musiker auf der Missionale, kommentiert das so: "Wenn Gott eine Lieblingsfarbe hat, dann ist es: bunt." Diese Buntheit kommt auch im Stil der Lieder zum Ausdruck. Die Skala reicht vom fetzigen Mitmach-Lied "Mercy is falling" bis zum Gesangbuch-Klassiker "Jesus ist kommen".

Veranstaltet wird die Missionale von einem ehrenamtlichen Trägerkreis, dessen Mitglieder aus dern Landeskirchen Rheinland und Westfalen sowie aus Werken, der Gemeinschaftsbewegung und Freikirchen kommen.

Ist Deutschland ein Missionsland?

Einen Tag lang denken die Messe-Besucher gemeinsam über neuen Mut zu missionarischer Gemeindearbeit nach – doch was genau sie unter dem Begriff verstehen, ist vielfältig. Kein Wunder, ist "Mission" doch in den etablierten Kirchen in den letzten Jahrzehnten zum Zankapfel avanciert. Muss man in Deutschland missionieren? Und wenn, dann wen? Die Menschen anderer Glaubensrichtungen, die aus der Kirche ausgetretenen oder gar die Karteichristen, die nur an Weihnachten in die Kirche gehen? Unter dem Begriff "missionarische Volkskirche" hat die evangelische Kirche im Rheinland ihre Bestrebungen für den Gemeindeaufbau zusammengefasst und will so einladend sein.

Dass Mission wieder eine Rolle in Deutschland spielen muss, davon ist Axel Noack überzeugt. Der emeritierte Bischof aus der früheren Kirchenprovinz Sachsen will gerade Großeltern und Eltern neu ermutigen, mit ihren Kindern und Enkeln wieder über den Glauben zu reden. Ob alle Leute offen sind für diese Art von missionarischen Gesprächen? "Ich glaube, es gibt keinen Menschen, der nicht will, dass man für ihn betet."

Auch auf die Frage, wie man Menschen ohne christlichen Hintergrund an die kirchlichen Gemeinden bindet, hat Noack in der "Stunde der Besinnung" eine Antwort: "Womit haben wir die Menschen in der Vergangenheit erreicht? Nicht mit Belehrung. Wir haben sie erreicht, wenn wir eine Aufgabe für sie hatten. Dass wir viele Kirchen haben, ist heute ein Segen, über den wir früher gejammert haben, aber heute wissen wir: Diese alten Kirchen sind eine Aufgabe, durch die wir Menschen einen Sinn geben können." Gemeinde-Aufbau ganz konkret. Aber Mission kann man natürlich auch ganz anders verstehen.

Gemeinde, auf den Hund gekommen

"Der Begriff 'missionarisch' ist irgendwie unglücklich und klingt nach einer Keule, mit der ich Menschen von Jesus zu überzeugen versuche", sagt Manuel Kanacher, ein junger Mann, der sich selbst als Gemeindegründer bezeichnet. Von allen Gästen auf der Missionale könnte jemand mit so einem Beruf nun wirklich am rechten Ort sein. "Ich rede darum lieber von einem missionarischem Lebensstil. Das heißt: Ich habe jederzeit offene Augen und offene Arme, um Nöte zu sehen und zu handeln."

Missionarisch ist, so erzählt er weiter, wenn man in einer Gruppe unterwegs ist und eine Frau in einem fremden Land immer wieder denselben Namen rufen hört. Kann es nicht sein, dass sie nach jemandem sucht? Und lief nicht vorhin ein Hund an uns vorbei, der irgendwie herrenlos aussah? Und tatsächlich: Hund und Frauchen zusammenzuführen, war ein Akt der Nächstenliebe mit offenen Augen und Armen, geboren aus einem missionarischem Lebensstil, der auf die Mitmenschen achtet.

Manuel hat auf diese Weise in Schweden schon eine Gemeinde gegründet. Nicht nur mit glücklichen Hundebesitzern natürlich, sondern auch mit Leuten aus sozial schwächeren Schichten, denen er und seine Freunde einmal in der Woche einfach ein warmes Essen angeboten haben. Über die Gemeinschaft, die dabei immer tiefer wurde, sei von ganz alleine eine Gemeinde entstanden. Nach rund einem Jahr konnte sogar die erste Taufe gefeiert werden.

Kirchentag ohne Schals

Nicht alle haben gleich so Großes vor. Andere kommen einfach nur, um alte Bekannte zu treffen. Sie leben in der Region und nutzen das jährliche Treffen zum Austausch, zum Auftanken, um mal wieder ein gutes Referat, eine gute Predigt zu hören. "Ein Kirchentag in klein" nennt einer die Missionale, und vieles spricht dafür. Neben der bunt zusammen gewürfelten Menschenmenge gibt es einfaches Essen – schon traditionell sind Kreppel und Bienenstich zum Kaffee – sowie Seminare und Workshops zu verschiedenen Themen.

In der "Stunde der Ermutigung" werden zehn verschiedene Veranstaltungen angeboten. Bei "Im Osten wie im Westen?" denken Präses und EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider und der ehemalige Bundestagsabgeordnete Pastor Markus Meckel darüber nach, wie weit die deutsche Einheit 20 Jahre nach der Wende gediehen ist und was das für die kirchliche Arbeit bedeutet. Die Pastoren Schweitzer und Klinkenborg führen in ihrem Workshop ein in die von ihnen entwickelten "Bausteine für ehrenamtliche Mitarbeit". Wer vor allem Ruhe sucht, der geht in die "Oase". Die Pastoren Kotthaus und Vorländer laden zur Besinnung ein unter dem Motto "Gnade empfangen – aufatmen". Kirchentag in klein eben. Nur die Schals fehlen.

In den Pausen haben die Messebesucher Zeit, die zahlreichen Stände im Foyer zu besuchen. Vom örtlichen Diakonissenhaus über Verlage christlicher Zeitschriften bis hin zum Internet-Portal evangelisch.de sind zahlreiche rund 40 Anbieter gekommen, um für sich zu werben und mit anderen ins Gespräch zu kommen. Ihre Mission ist eine ganz weltliche: Sich zu vernetzen und Werbung zu machen für das eigene Produkt. Menschentrauben bilden sich dort, wo es etwas umsonst gibt, da sind die Christen in Köln nicht anders als andere Menschen. Die Kugelschreiber, Buttons und Gratis-Hefte sind an vielen Ständen schnell vergriffen: Mission erfüllt.


Ingo Schütz ist Diplom-Theologe und Vikar im Spezialpraktikum bei evangelisch.de. Er lebt mit Frau und Tochter im Taunus.

Kommentare

Verfasst von Gast am 14. März 2010 - 13:33.

Wohin?

Man kann ja Mission sehr unterschiedlich verstehen. Bis dahin, einige wenige zu...

Man kann ja Mission sehr unterschiedlich verstehen. Bis dahin, einige wenige zu begeistern für ein Kirchengebäude. Mir fehlt aber der Gedanke, wo man eigentlich hin will. Mission heißt eigentlich aussenden - wohin also? In die Gesellschaft doch wohl in jedem Fall. Und dann - wohin sollen eigentlich die kommen, die zum Glauben bekommen . Ob sie sich nun bekehren, taufen lassen oder einfach Kirche cool finden, da sind die Wege offen. Aber mal ehrlich - wozu soll ich bitte schön einen Fremden in unserer Kirche einladen? Zu den Gottesdiensten? Zu den sogenannten "Veranstaltungen"? Zu den Liedern aus dem 18.Jahrhundert, die am Sonntag Morgen runtergequält werden? Ich kann natürlich auch eine Gemeinde gründen, aber das will ich nicht. Ich denke auch nicht an irgendwelche Kreise, die sich mit Hallaluja und Charisma irgendwie besser fühlen. Ich denke einfach an unsere Kirche. Ich würde sie erst mal reformieren, bevor ich sie auf die Straße schicke. Denn die Enttäuschung könnte groß sein bei denen, die die wundervolle Botschaft der Bibel dann so verstaubt verpackt finden. Aber vielleicht sollten wir wirklich auf die Straße gehen, dann wird uns die Straße verändern.

Verfasst von Gast am 14. März 2010 - 11:19.

Missionale

[...]"Menschentrauben bilden sich dort, wo es etwas umsonst gibt, da sind die...

[...]"Menschentrauben bilden sich dort, wo es etwas umsonst gibt, da sind die Christen in Köln nicht anders als andere Menschen. Die Kugelschreiber, Buttons und Gratis-Hefte sind an vielen Ständen schnell vergriffen: Mission erfüllt."
Auf der Missionale war ich zwar nie. Dafür besuchte ich aber viele andere missionarische Verantaltungen, kleine und große Kongresse und unterschiedliche christliche Seminare.
Leider erkannte ich erst sehr spät, dass selbst eine persönliche Bekehrung mich nicht von allem Übel frei machte und ich darum die letzte Passage des oberen Artikels nur bestätigen kann. Traurig aber wahr! Doch Gottes Gnade bleibt! Wir Christenmenschen brauchen sie jeden Tag neu. Selbst eine Groß- oder Kleintaufe und eine einmalige Bekehrung macht uns nicht zu besseren Menschen.

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