"Kurzschlusshandlung mit Langzeitfolgen"

Marktkirche in Hannover

Kerzen für Käßmann: Altarraum der Marktkirche in Hannover. Fotos: Bernd Buchner

Betroffenheit - Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat keine Ratsvorsitzende mehr, und die hannoversche Landeskirche steht ohne Bischöfin da: Eindrücke aus der Heimat von Margot Käßmann, am Tag, als sie Abschied nimmt.

Von Bernd Buchner

Hannover, Mittwochnachmittag. Eine helle, geschäftige Großstadt. Am Bahnhof herrscht kurz nach 17 Uhr Hektik, es ist Stoßzeit und die Menschen sind ungeduldig. Ein kalter Wind weht. Ein paar Besorgungen, schnell nach Hause. Die Züge sind voll, wir steigen aus. Wissen sie es schon? "Hiermit erkläre ich, dass ich mit sofortiger Wirkung...". Das hat Bischöfin Margot Käßmann vor einer guten Stunde gesagt, in der EKD-Zentrale bei den Herrnhäuser Gärten, nur drei oder vier Kilometer von hier entfernt.

Der Taxifahrer, der uns nun dorthin bringt, ist im Bilde. Die Bischöfin wirft hin. Vier Tage zuvor ist sie betrunken über eine rote Ampel gefahren. Gestern, berichtet unser Fahrer, hat er eine Freundin getroffen. "Sie hält Käßmann für eine Heilige. Nun ist sie am Boden zerstört." Auch er selbst findet den Amtsverzicht übertrieben, kann sich jedoch ein wenig Ironie nicht verkneifen: "Früher oder später landen die Leute ohne Führerschein alle bei uns im Taxi."

Die Medienschlacht ist geschlagen

Als das Fahrzeug vor der Zentrale des deutschen Protestantismus hält, ist die Medienschlacht schon geschlagen. Margot Käßmann ist vor die Presse getreten, hat eine bewegende Erklärung abgegeben. Fragen der Journalisten waren nicht zugelassen, nach einer Viertelstunde war es vorbei. Nun stehen vor dem "evangelisch.de"-Werbeschild (Bild rechts), das man zurzeit in vielen Nachrichtensendungen sehen kann, nur noch ein paar Fotografen herum, RTL-Reporter Kai Räuker bereitet sich auf eine Liveschalte vor.

Drinnen ringt die stellvertretende EKD-Sprecherin Silke Römhild mit der Fassung. Ihr Lächeln ist voller Trauer. Sie erzählt ein paar Dinge, nimmt dankbar einen Tipp entgegen. Handshake, alles Gute. Das große Foyer des Kirchenamtes ist menschenleer, die Stimme hallt, als wir Johannes Neukirch anrufen, den Sprecher der hannoverschen Landeskirche. "Ich bin traurig", sagt er nur. Die Frage, ob es einen Ort geben werde, wo die evangelischen Christen Hannovers ihre Betroffenheit ausdrücken können, verneint er.

Pragmatisch, ein schönes Wort

Die Straßenbahn zurück in die Stadt ist mäßig gefüllt, die Menschen wirken abgespannt. Es ist fast schon dunkel geworden. Wissen sie es schon? Und wenn ja, was halten sie von dem "respektablen Schritt" Käßmanns, wie es an diesem Tag so oft heißt? Die Mehrzahl der Bewohner Hannovers ist zwar evangelisch, doch so gläubig wie in Bayern sind sie nicht, hatte der Taxifahrer gesagt. "Sie sind eher pragmatisch." Ein schönes Wort. Viele werden wohl erst aus den Abendnachrichten erfahren, dass sie ohne Bischöfin sind.

Von Kröpcke, im Untergrund eine als Straßenbahnstation getarnte Riesenbaustelle, sind es nur ein paar Schritte bis zur Marktkirche im Herzen Hannovers. Das Gotteshaus ist normalerweise nur bis 18 Uhr geöffnet. Heute aber ist nichts normal in der Bischofskirche Margot Käßmanns. Das NDR-Fernsehen berichtet live, Reporter Christoph Hamann blättert im Gästebuch der Kirche. "Ein trauriger Tag für Deutschland", steht dort. "Sie fehlt uns jetzt schon." An anderer Stelle ist treffend von einer "Kurzschlusshandlung mit Langzeitfolgen" die Rede.

Niemand wagt, sie anzusprechen

Neben Medienleuten sind nur einige Neugierige in der Kirche. Wenige Gläubige. Eine grauhaarige Frau sitzt versunken neben einem Kerzenleuchter und einer Bronzefigur von Ernst Barlach. Niemand wagt, sie anzusprechen. Vorne steht ein Plakat, das die Diakone und Pastoren der Marktkirche aufgestellt haben: "Wir brauchen Sie, Frau Käßmann!" Das Schild wurde vor dem Rücktritt geschrieben. Jetzt hat jemand ein paar Kerzen hinzugestellt.

Die Kanzel der Marktkirche (Bild links), von der Margot Käßmann so oft predigte, ist verwaist. "Ich finde das nicht gut", sagt Andreas Wegner, der am Eingang des Gotteshauses steht, zum Rückzug der Bischöfin. Er verkauft die örtliche Straßenzeitung "Asphalt", hat die 51-Jährige auch persönlich erlebt. Der Abschied von ihr wird ihr schwerfallen. Sie hat viel ausgehalten, die Scheidung, die Krankheit. "Ich dachte, sie ist stark genug", so der 48-Jährige. Er sieht den NDR-Leuten zu, wie sie ihre Kameras zusammenpacken und die Kabel einrollen.

Ein übereilter Schritt?

Küster Helmut Blume hat vorhin vor den Kirchentoren noch eine Zigarette geraucht. Im Pullover. Doch dessen Farbigkeit entspricht nicht der Stimmung des 59-Jährigen. "Schlimm", sagt er nur. "Es ist unwahrscheinlich schade." Erst schien es so, als gehe Käßmann nur als EKD-Chefin. Aber auch als Bischöfin in Hannover? "Wenn das mal nicht übereilt war." Die ominöse Autofahrt der Geistlichen findet Blume verzeihlich: "Jeder Mensch macht Fehler."

"Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand", hatte Margot Käßmann in ihrer Erklärung vom Nachmittag gesagt. Abends, im tristen Hotelzimmer, hören wir die Worte noch einmal im Fernsehen. Sie setzten sich eigentümlich fest. Die gefallene Bischöfin ist natürlich Thema in allen Nachrichtensendungen. "Ich hätte mir gewünscht, sie hätte weitermachen wollen", sagt ihr Schleswiger Amtsbruder Gerhard Ulrich. Fernsehpastor Jan Dieckmann, ein enger Vertrauter Käßmanns, äußert tiefe Betroffenheit, aber auch Verständnis.

Es ist niemand gestorben

Der Himmel ist schwarz geworden in Hannover. Es ist niemand gestorben. Doch es ist, bei aller Verhaltenheit, ein unendlich großer Verlust. Der in seinem ganzen Ausmaß an diesem Tag vielleicht noch gar nicht richtig spürbar ist. Margot Käßmann stand nur 120 Tage an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland. Aber elf Jahre war sie Bischöfin ihrer Landeskirche. Nun wird sie wieder einfache Pfarrerin. Was bleibt? Wir werden noch einmal hinausgehen, in die Nacht von Hannover. Mit Fragen, die nicht gleich eine Antwort brauchen.


Bernd Buchner ist Redakteur bei evangelisch.de mit Zuständigkeit für die Ressorts Religion und Umwelt.
 

Kommentare

Verfasst von Gast am 25. Februar 2010 - 14:12.

In der Tat - das ist eine

In der Tat - das ist eine gute Reportage, getragen von Empathie und der Spur...

In der Tat - das ist eine gute Reportage, getragen von Empathie und der Spur Ratlosigkeit, die jedenfalls auch mich erfüllt. Gleichzeitig schafft es Buchner, der Verlockung der Tränenrührseeligkeit zu widerstehen. Denn tatsächlich ist Margot Käßmann glücklicherweise nicht tot... und keine eine evangelische Päpstin - auch wenn der Amtsverzicht so weht tut.
Und dieses noch: Danke für eine insgesamt gute und vor allen Dingen zeitnahe Berichterstattung auf evangelisch.de, für die Einrichtung dieser Foren und dafür, dass man hier kontrovers Stellung beziehen konnte. Das ist eigentlich selbstverständlich, aber dann leider eben doch nicht, wenn ich an die Sprachlosigkeit bzw unangebrachte Gefühlsduselei anderer evangelischer Medien denke. Das hatte z.T. vatikaneske Züge (Augen zu, Maul zu und durch) oder ein Niveau, dass einfach unterirdisch war. Gut, dass man auf evangelisch.de immer wieder irgendwie die 'Käßmannlinie' spürt!!!

Bernd Gerund, Osnabrück

Verfasst von Gast am 25. Februar 2010 - 13:45.

Wertvoller Beitrag zur Ökumene !

Sehr guter Artikel ! Und ein wertvoller Beitrag der EKD zur Ökumene, die sich...

Sehr guter Artikel ! Und ein wertvoller Beitrag der EKD zur Ökumene, die sich doch auf einem beklagenswerten Tiefstand befindet:

Die Kanonisierung schon zu Lebzeiten !

Was hier an grenzenlos- hymnischen Lobpreisungen auf Frau Käßmann zu lesen ist, gibt es vergleichsweise doch nur noch für Diktatoren in Nordkorea oder auf Kuba. Und auch nur, wenn diese verstorben sind ...

Verfasst von Gast am 25. Februar 2010 - 15:16.

"...grenzenlos- hymnischen

"...grenzenlos- hymnischen Lobpreisungen... nur noch für Diktatoren in...

"...grenzenlos- hymnischen Lobpreisungen... nur noch für Diktatoren in Nordkorea oder auf Kuba...". Was ist das jetzt für ein Blackout? Oder habe ich womöglich etwas falsch verstanden? Allerdings: Gründe für Lobpreisungen gibt es zu MK reichlich, natürlich auch für Kritik - könnte doch auch gar nicht anders sein, oder?

Verfasst von AnikaKempf am 25. Februar 2010 - 10:31.

Bewegendes Stimmungsbild

Auch ich möchte mich dem Lob für mein Kollegen Bernd Buchner anschlie...

Auch ich möchte mich dem Lob für mein Kollegen Bernd Buchner anschließen. Er hat in diesen unruhigen Tagen  einen beherzten Einsatz gezeigt und stimmungsvolle Eindrücke, sowie ein großartiges Aufmacherbild in Hannover eingefangen! Super!

 Schönen Gruß, Anika

Verfasst von Jettchen am 25. Februar 2010 - 9:55.

Und wieder ist es nicht richtig

Frau Käßmanns Rücktritt tut mir sehr leid - und doch dachte ich...

Frau Käßmanns Rücktritt tut mir sehr leid - und doch dachte ich, eigentlich bleibt ihr kaum etwas übrig. Ihre Worte sind sehr überzeugend. Ich hätte auch so gehandelt.

Erst stürzt sich ein Teil der Nation auf sie, weil sie noch da ist, dann ist der Rücktritt auch wieder falsch. Was wollen die Menschen?

Für mich hat Frau Käßmann an Größe gewonnen. Sie hätte für mich micht zurücktreten müssen. Ich weiß, dass wir alle fehlerhafte Menschen sind. Aber haben wir nicht alle die Kommentare der letzten Tage gelesen? Ich verstehe sie sehr gut und bin sehr traurig, dass sie nun nicht mehr in der großen Öffentlichkeit wirken wird, freue mich aber für die Gemeinde oder den Dienstbereich, in dem sie zukünftig arbeiten wird.

Ich wünsche ihr Gottes Kraft und SEgen auf ihrem weiteren Weg.

Zugleich wünschte ich auch andere Menschen, die derzeit in der Kritik stehen: katholische Geistliche die Kinder mißbrauchen, katholische Geistliche, die das decken. Politiker, die ihre Gespräche verkaufen, dafür andere, die zu der Zeit noch gar nicht im Amt waren über die Klinge springen lassen. Da gäbe es sicher noch das ein oder andere zu nennen.

Verfasst von Christian1980 am 25. Februar 2010 - 8:45.

Bei aller berechtigten Kritik...

...an ihrem Fehlverhalten kam mir der sofortige Rücktritt von allen Ä...

...an ihrem Fehlverhalten kam mir der sofortige Rücktritt von allen Ämtern auch ein wenig überstützt vor. Die Abgabe des Ratsvorsitzes ist in meinen Augen ein konsequenter Schritt, aber der Rücktritt vom Bischofsamt? Rückblickend betrachtet vielleicht der zweite Fehler in kurzer Zeit.

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Verfasst von Gast am 25. Februar 2010 - 1:38.

"Wieder einfache Pfarrerin"?

Ein guter Artikel! Nur der letzte Absatz ist grenzwertig: "Wieder einfache...

Ein guter Artikel! Nur der letzte Absatz ist grenzwertig: "Wieder einfache Pfarrerin"? Ist das also ein Abstieg? Und war Margot Käßmann als Bischöfin keine Pfarrerin? Das Portal hier heißt immerhin "evangelisch.de"...!

Verfasst von Gast am 25. Februar 2010 - 11:09.

Fan

Das Große ist nicht, dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein. Leben...

Das Große ist nicht, dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein.
Leben ist nicht genug. Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume gehören dazu.
Momente scheinen keine Ahnung zu haben, wie wichtig sie zuweilen sind.
Wer einmal zu sich selbst gefunden, der kann nichts auf der Welt verlieren.

Verfasst von HenrikSchmitz am 25. Februar 2010 - 7:35.

Hallo! Wenn jemand so ganz

Hallo! Wenn jemand so ganz spontan aus dem Büro losfährt, nicht...

Hallo!

Wenn jemand so ganz spontan aus dem Büro losfährt, nicht einmal eine Zahnbürste dabeihat und spät abends noch so eine tolle Reportage abliefert, wollen wir ihm doch das Wort "einfach" verzeihen, zumal dieses nicht als Abwertung gemeint ist. Natürlich war Frau Käßmann als Bischöfin Pfarrerin, aber eben eine in besonderer Position. Also, nicht so kleinlich sein :-) Die Reportage ist fantastisch!

Verfasst von Gast am 25. Februar 2010 - 11:01.

Genau, das finde ich auch.

Genau, das finde ich auch. Das waren die richtigen Worte an dieser Stelle. Und...

Genau, das finde ich auch. Das waren die richtigen Worte an dieser Stelle. Und Frau Käßmann werden wir wiedersehen. Hoffentlich. Ganz bestimmt.

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