Jahresrückblick - Minarette, Burka, Schulgebet - die Diskussionen über den Islam in Deutschland waren im abgelaufenen Jahr 2009 von Konflikten bestimmt. Klar scheint, dass die Integration der Muslime eine wichtige Aufgabe bleibt, zumal die Angst vor dem Islam weiter zunimmt.
Nach dem Schweizer Nein zu Minaretten war die Empörung in Europa groß - auch in Deutschland. Eine breite Koalition in Politik und Medien rügte prompt den Ausgang der Volksabstimmung. Zwar machten der Tag der offenen Moschee am 3. Oktober und die Grundsteinlegungen für die Kölner Moschee im November sowie eine in Frankfurt am Main deutlich, dass islamische Gotteshäuser in der Mitte der bundesdeutschen Gesellschaft akzeptiert werden. Andererseits ergaben Umfragen, dass ein nicht unerheblicher Teil der deutschen Bevölkerung den Entscheid der Eidgenossen begrüßt.
Der Debatte über die Minarette, welche die Anwesenheit des Islam öffentlich sichtbar machen, scheint wie manch andere Konflikte im abgelaufenen Jahr ein symbolischer Streit zu sein: Wieviel Islam darf es sein? Während in Nachbarländern wie Frankreich darüber debattiert wird, ob die Burka - der islamische Gesichtsschleier - verboten werden sollte, wird in der Bundesrepublik immer wieder das Kopftuch zum
Thema. Rheinland-Pfalz beschloss, dass es an seinen Schulen für Lehrkräfte kein Kopftuchverbot geben soll. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts müssen die Bundesländer seit 2003 entscheiden, ob sie Lehrerinnen das Kopftuchtragen gesetzlich verbieten.
Gericht erlaubt muslimisches Schulgebet
Die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" sieht in den Kopftuchverboten, wie sie in acht der 16 Länder für muslimische Lehrerinnen im Unterricht bestehen, eine "Diskriminierung im Namen der Neutralität". Das Berliner Verwaltungsgericht wiederum gestattete es Ende September einem 16-jährigen muslimischen Gymnasiasten, auf dem Schulgelände, aber außerhalb der Unterrichtszeit, sein rituelles Mittagsgebet zu verrichten. Die Schulverwaltung hatte dies mit Verweis auf die Neutralitätspflicht staatlicher Bildungseinrichtungen abgelehnt. Der Berliner Senat legte unterdessen Berufung gegen das sogenannte Gebetsraum-Urteil ein, weil er weitreichende Auswirkungen für die Schulen fürchtet.
Ein Dauerthema ist ebenfalls der islamische Religionsunterricht. Die vom damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) vorangetriebene Islamkonferenz sprach sich für bundesweiten islamischen Religionsunterricht als reguläres Fach aus. In der Abschlusserklärung gibt es Empfehlungen zur Schulpraxis und zur Einrichtung islamisch-theologischer Lehrstühle. Diese unterstreiche die integrative Wirkung einer "in der Mitte der deutschen Gesellschaft verorteten islamischen Theologie".
Länder bauen Islamunterricht aus
In einigen Bundesländern rückt die landesweite Einführung von islamischem Religionsunterricht näher: In Nordrhein-Westfalen soll das versetzungsrelevante Fach islamische Religion ab 2010 die bisherige Islamkunde ablösen. In dem Bundesland gibt es rund 310.000 muslimische Schüler. In Hessen nahm ein runder Tisch, zu dem Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) einlud, die Beratungen über die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts auf. An hessischen Schulen gibt es rund 60.000 muslimische Kinder und Jugendliche.
Hessen war auch Ausgangspunkt einer Kontroverse: Der Kulturpreis des Landes sollte in diesem Jahr den Einsatz für den interreligiösen Dialog belohnen. Doch um die Preisvergabe gab es monatelang Streit, der bundesweites Echo fand. Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann und der ehemalige hessen-nassauische Kirchenpräsident Peter Steinacker lehnten zunächst eine Entgegennahme der Auszeichnung zusammen mit dem deutsch-iranischen Schriftsteller Navid Kermani ab. Anlass war ein Zeitungsbeitrag, in dem sich der Islamwissenschaftler kritisch mit der Bedeutung des Kreuzes auseinandersetzte. Nach einem klärenden Gespräch mit Kermani änderten die Kirchenmänner ihre Haltung. Weiterer Preisträger ist Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrates der Juden.
Irritationen um Hessischen Kulturpreis
Bei der Verleihung des Preises Ende November entschuldigte sich der hessische Regierungschef Roland Koch (CDU) bei Kermani für die Irritationen um die zeitweilige Aberkennung des Kulturpreises. In seiner Dankesrede widersprach der Schrifsteller der Einschätzung, die Auseinandersetzung habe gezeigt, wie tief die Gräben zwischen den Religionen seien. "Eine multikulturelle, multireligiöse Gesellschaft wird niemals eine konfliktfreie Gesellschaft sein", sagte er.
Für vorübergehende Verärgerung bei strenggläubigen Muslimen sorgte die Vereinshymne von Schalke 04. Dort heißt es in der dritten Strophe: "Mohammed war ein Prophet / Der vom Fußballspielen nichts versteht / Doch aus all der schönen Farbenpracht / Hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht". In Internetforen wurde dies als "beleidigend" und "Verhöhnung" bezeichnet. Andere Muslime sowie Religionswissenschaftler rieten hingegen zur Mäßigung, die Strophe wurde weder verändert noch gestrichen.
Muslime im Bonner Stadtparlament
Bei den Kommunalwahlen in Bonn trat erstmals eine Wählervereinigung von Muslimen an. Das "Bündnis für Frieden und Fairness" schaffte auf Anhieb den Einzug in das Bonner Stadtparlament. Bei der Bundestagswahl im September wurden fünf Abgeordnete mit türkischer Abstammung gewählt. In Deutschland leben nach jüngsten Angaben rund vier Millionen Menschen muslimischen Glaubens, rund fünf Prozent der Bevölkerung.







Kommentare
Konflikte bestimmten Debatte um Islam in Deutschland
Die Integration von Christen und Muslimen in Deutschland geht schrittweise voran. Ihr Ziel kann es nicht sein, eine Gruppe vollständig an die andere anzugleichen. Sondern dazu beizutragen, dass beide Seiten Teil einer politischen und religiösen Gemeinschaft werden, die zwar unterschiedliche Werte und Gepflogenheiten haben, sich aber als gleichwertige Partner ansehen. Die großen Kirchen in Deutschland haben dabei noch die Aufgabe, alte Tabuthemen in den eigenen Reihen aufzugreifen und das Gespräch zwischen allen internen Gruppen in Gang zu bringen. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland kommt daran nicht vorbei, will sie sich selbst nicht ins Abseits manövrieren.