Tischgemeinschaft - Mit einer orthodoxen Vesper auf dem Münchner Odeonsplatz schaffte der 2. Ökumenische Kirchentag (ÖKT) einen herausragenden spirituellen Moment. Doch die sogenannte Artoklasia bot keinen Ersatz für das fehlende gemeinsame Abendmahl zwischen Protestanten, Katholiken und Orthodoxen. Über die Frage wird bei dem Treffen leidenschaftlich diskutiert.
Mit rund zehntausend Besuchern hatten die Veranstalter gerechnet, mehr als doppelt so viele sind es geworden. Dicht drängten sich die Menschen am Freitagabend trotz widriger Wetterverhältnisse auf dem Münchner Odeonsplatz, lauschten den Klängen der sphärischen orthodoxen Chormusik, hörten Gebete und Psalmworte und nahmen schließlich Platz zur Tischgemeinschaft mit Brot, Öl, Äpfeln und Wasser. Eine beeindruckende Feier des Glaubens, würdig und ernst, aber nicht ohne Heiterkeit.
Der Ökumenische Kirchentag hatte für die Tage von München nach einer Möglichkeit gesucht, die Zusammengehörigkeit der Christen im Rahmen einer Feier zu versinnbildlichen. Eine konfessionsübergreifende Eucharistiefeier scheidet dafür bekanntlich aus. Schließlich waren es die Orthodoxen, die eine Vesper nach byzantinischem Ritus vorschlugen – eine sogenannte Artoklasia. Der Gedanke setzte sich schließlich durch, trotz einiger Vorbehalte.
Feier des Brotbrechens
Aus dem Griechischen übersetzt heißt Artoklasia so viel wie "Brotbrechen". Dieses wird in der Regel am Vorabend von Sonn- und Feiertagen gefeiert, als Übergang von einem Tag zum anderen. Zugleich erinnert die Feier an das Agapemahl, das bereits von den frühen Christen gefeiert wurde und das der Eucharistie folgte. Das Segnungsgebet der Artoklasia, zu der Gebet und Gesang gehören, erinnert an die Speisung der Fünftausend durch Jesus – das gemeinsame Essen ist Zeichen der Stärkung der Gläubigen.
Die Münchner Artoklasia wurde ein starkes Zeichen. "Es ist noch nicht die heilige Eucharistie", sagte der griechisch-orthodoxe Erzpriester Constantin Miron einleitend, "aber die Feier unseres Miteinanderseins." Miron sah in der Vesper auch eine Anerkennung für die orthodoxen Christen in Deutschland, deren Zahl inzwischen weit über die Millionenmarke geklettert ist und die den ganzen Reichtum des christlichen Ostens ins Land der Reformation bringen.
Rezept einer hiesigen Bäckerei
Als Lektoren wirkten bei der Feier auch Vertreter der evangelischen, katholischen, anglikanischen und baptistischen Kirche mit. Sechs Chöre sorgten für die musikalische Untermalung. Zu den Gästen gehörten Münchens Erzbischof Reinhard Marx, der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich und Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). Der griechisch-orthodoxe Metropolit Augoustinos von Deutschland (Foto: dpa) segnete die von einer Münchner Bäckerei nach eigenem Rezept gebackenen Brote.
Anschließend wurden sie an die Tische gebracht – und nun begann der gemütliche Teil der Vesper: Nebst Öl, in das die Fladen getaucht werden konnten, sowie Äpfeln und Wasser ließen sich die Besucher das Brot schmecken, teilten es miteinander und begannen fröhliche Plaudereien. Auch die Umstehenden kamen nicht zu kurz. Und während vorne am Prominententisch die Blitzlichter gewitterten, stieg der Geräuschpegel auf dem Platz langsam an, auch wenn er temperaturbedingt nicht das übliche Münchner Biergartenniveau erreichte.
"Für einen reformierten Christen befremdlich"
Martin Gres aus dem niederrheinischen Moers hat zum ersten Mal einen orthodoxen Gottesdienst erlebt und fand ihn "für einen reformierten Christen wie mich sehr befremdlich", vor allem wegen der Gesänge. Doch die Tischgemeinschaft erlebte der 55-Jährige als beeindruckendes Symbol. "Das war einer der Höhepunkte des Ökumenischen Kirchentages. Da wird die Gemeinschaft der Christen sehr realistisch", so der evangelische Pfarrer.
"Die Leute lieben es", freute sich später auch der griechisch-orthodoxe Erzpriester Stephen Maxfield aus Shrewsbury in England, wo es so etwas wie Kirchentage ohnehin nicht gibt. Die Münchnerin Cornelia Augustin war ebenso beeindruckt von der Tischgemeinschaft. Die 48-Jährige hat in ihrer katholischen Gemeinde schon Agape-Erfahrungen gemacht. "Eine gemeinsame Eucharistie ist ja leider noch nicht möglich. Aber das hier ist mal etwas anderes."
"Großer Schritt" zur Einheit?
Dass eine solche Feier etwas ganz anderes ist als ein gemeinsames Abendmahl, war den Veranstaltern sehr wohl bewusst. Sie versuchten das dennoch ein wenig zu kaschieren und ließen in ihrer Wortwahl ein wenig die Grenzen verschwimmen. Der katholische ÖKT-Präsident Alois Glück sagte zur Begrüßung, die Ökumene habe durch die Feier einen "großen Schritt" zur Einheit gemacht. Sein evangelischer Amtskollege Eckhard Nagel sprach gar von einem "Traum", der Wirklichkeit geworden sei. Das wirkte dann doch etwas dick aufgetragen.
"Wir haben nicht etwas Neues gefunden, sondern etwas Altes wiederentdeckt", sagte Metropolit Augoustinos zum Schluss. Selbst die Symbolik des Ortes stimmte, wie er hervorhob. "Odeon war im alten Griechenland der Ort des Gesangs – heute hat der Odeonsplatz seinem Namen alle Ehre gemacht." Seit diesem Freitag gebe es ein neues Wort im ökumenischen Wortschatz: Artoklasia. Mit einem besonderen Wunsch entließ der Geistliche die Besucher: "Gott segne unsere Kirchen und schenke uns die Einheit."
Bernd Buchner ist Redakteur bei evangelisch.de und zuständig für die Ressorts Politik und Religion.







Kommentare
Abendmahlsgemeinschaft
Kann man verbieten, dass Menschen, die sich zu Jesus Christus bekennen, mit ihm und miteinander das Abendmahl feiern? Jesus selber lädt dazu ein, dieses Mahl "zu seinem Gedächtnis" miteinander zu feiern! Wenn evangelische oder katholische Christen dies jeweils nur unter sich tun "dürfen", zeigt das, wie weit wir noch von einer Ökumene entfernt sind. Bei einem "ökumenischen" Kirchentag sollte das Wort Jesu wichtiger sein als theologische Spitzfindigkeiten in der Auslegung! Wie verklemmt ging es in München doch zu.
An der Basis gibt es glücklicherweise schon seit vielen Jahren sehr viel mehr Gemeinschaft, als die "Kirchenleitung" dies "erlaubt".
Kein Ersatz
Da es sich hier doch um eine "Gemeinschaftsfeier" in einem ganz anderen liturgischen Rahmen handelt. Ist es kein Abendmahl und keine Eucharistie und somit ist gar nichts besonderes passiert. Zum Agapaemahl kann schließlich auch jeder gehen ohne Konsequenzen.
Mir schleierhaft ist, wie sich auf dieses "Mahl" gestürzt wird, als wenn damit die Oekumenefrage gelöst wird. Wird sie nicht, wenn man sich auf das Abendmahl/Eucharistie einschießt.
Damit ist überhaupt kein weiterer Schritt zu Einheit gegangen worden. Es ist halt ein wenig wie Sand in die Augen der Wartenden, insbesondere in konfessionsverbindenen Ehen.
Die Oekumene ist, wo sie ist. Dafür gibt es viele Gründe, die an anderen Stellen schon genannt wurden.
Für mich gibt es gar kein Problem. Ich bin evangelisch, bei den Katholiken bin ich bei der Eucharistie nicht erwünscht, also gehe ich da nicht hin. Ich bin nicht bereit den Preis der Zwangseinheit unter dem Papst zu zahlen. Dann ist es eben so. Übrigens komme ich auch aus einer konfessionsverbindenden Familie, wenn auch nicht aus einer konfessionsverbundenen Ehe.
Wenn ich die Berichterstattung auch in anderen Zeitungen lese, ist dieser Kirchentag wohl nicht so wegweisend gewesen, es sei denn man sieht die Festschreibung des Status quo als Weg an.
Fladenbrotökumene
Merkt denn keiner, dass solche über das Element "Brot" versuchten Ersatzhandlungen das "Brot des Lebens" - gleich welcher theologischen Auffassung - verunehren? Wenn keine Ökumene da ist, dann darf man genau solche Placebo-Effekte in einer assoziationsgeladenen Grauzone nicht planmäßig herstellen.
Die byzantinische Artoklasie
Die byzantinische Artoklasie ist keine "Ersatzhandlung" über das Brot, da sie Bestandteil der Stundenliturgie und nicht der Eucharistie ist. Fraglich ist wohl aber, dass es bestimmte, vor allem evangelische Kreise gibt, die bewusst die Unwissenheit der meisten westlichen Christen in Bezug auf die ostkirchliche Liturgie und damit auch die Artoklasie in Kauf nehmen