Gastbeitrag - Der katholische Zwangszölibat fördert die Gefahr sexueller Übergriffe auf Kinder und Jugendliche. Das zeigt der jüngste Skandal an deutschen Jesuitengymnasien. Doch die evangelische Kirche hat wenig Grund, sich aufs hohe Ross zu schwingen, so der in Wien lehrende Theologe Ulrich H. J. Körtner - und verweist unter anderem darauf, dass die letzte EKD-Denkschrift zur Sexualmoral bereits fast vier Jahrzehnte alt ist.
Zuerst die Missbrauchsfälle in den USA, Australien und Irland, jetzt die Fälle von sexuellem Missbrauch im Berliner Canisius-Kolleg: Einmal mehr wird über den Zusammenhang von verdrängter Sexualität, sexuellem Missbrauch und seiner Vertuschung in der katholischen Kirche debattiert. Dass sich die katholische Kirche anders in der Vergangenheit selbst um ernsthafte Aufklärung bemüht, verdient Respekt. Dieses Mal sind es nicht nur kirchliche Außenseiter wie die streitbare Theologieprofessorin Uta Ranke-Heinemann, sondern leitende kirchliche Verantwortliche wie der Jesuitenpater Klaus Mertes, Rektor des Canisius-Kollegs, die in die Offensive gehen.
Mit schonungsloser Aufklärung, umfassender Entschuldigung und Wiedergutmachung für die Missbrauchsopfer ist es sicher nicht getan. So lange der Zwangszölibat, für den es keine biblische Legitimation gibt, nicht fällt, wird die römische Kirche letztlich immer nur an Symptomen herumkurieren. Die individuelle und strukturelle Unterdrückung der Sexualität von Priestern und Ordensleuten begünstigt schließlich nicht nur sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche, sondern auch menschliche Tragödien unter homosexuellen Geistlichen wie unter Heterosexuellen, mehr oder weniger heimliche Konkubinate, bei denen Frauen und ihre Kinder, die sie gemeinsam mit einem Priester haben, zu Opfern werden.
Unterdrückung, nicht Verdrängung
Die Unterdrückung der Sexualität – man sollte nicht bloß von Verdrängung sprechen – fördert ein System von Überwachung und Strafe, von Misstrauen und Denunziation, Verdächtigungen und Angst, von Schuld und Schuldgefühlen, Abhängigkeit und Erpressbarkeit. Die ehrenwerte Forderung nach mehr Transparenz und effektiverer Kontrolle, nach konsequenter Ahndung von sexuellen Straftaten und innerkirchlichen Sanktionen gegen Priester, die des Missbrauchs überführt werden, zeigt doch nur, welches gesteigerte Maß an Energien zur Unterdrückung menschlicher Sexualität aufgewendet werden muss, wenn kirchliche Lehre und Praxis in der Zölibatsfrage in Einklang gebracht werden sollen.
Die Reformation hat aus guten biblischen Gründen einen anderen Weg beschritten und den Zölibat - den es für Bischöfe auch in den orthodoxen Kirchen gibt - verworfen. Nichts wäre jedoch unangebrachter, als wenn sich die evangelische Kirche gegenüber der römischen Schwesterkirche aufs hohe Ross schwingen würde. Jeder kehre vor seiner eigenen Tür. In einem 2006 gehaltenen Vortrag erklärte der damalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber, unterschiedliche Akzente der Kirchen in Fragen der Sexualmoral gehörten zur neuen "Ökumene der Profile". Er sprach die grundsätzliche Wertung menschlicher Sexualität, die Mittel der Empfängnisverhütung, die gesetzlich vorgesehene Beratung im Fall von Schwangerschaftskonflikten und den Umgang mit dem Thema der Homosexualität an.
Vikarinnen zu Ehelosigkeit verpflichtet
Es ist freilich erst einige Jahrzehnte her, dass die meisten protestantischen Kirchen die Frauenordination eingeführt haben. Anfangs wurden Frauen nur als Vikarinnen zugelassen – und wurden zur Ehelosigkeit verpflichtet. Einige Mitgliedskirchen der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) lehnen bis heute die Frauenordination ab. Wie man mit Homosexualität im Allgemeinen und bekennenden Homosexuellen in Pfarr- oder Bischofsamt umgehen soll, ist nach wie vor unter protestantischen Kirchen umstritten. Auch durch die anglikanische Kirchengemeinschaft geht in diesen Fragen ein tiefer Riss. Überhaupt ist eine repressive Sexualmoral kein katholisches Monopol, sondern auch aus der evangelischen Tradition und evangelischen Pfarrhäusern bekannt.
Schnell ist der pauschalisierende Vorwurf der Sexual- oder Leibfeindlichkeit gegenüber dem Christentum im Allgemeinen und der Kirchen im Besonderen bei der Hand. Doch was wäre denn das Gegenteil? Was hat man sich unter einer "leibfreundlichen" Sexualmoral vorzustellen? Welche sexualethische Orientierung wollen und können die Kirchen einer Gesellschaft geben, deren Problem längst nicht mehr die Unterdrückung der Sexualität ist, sondern im Gegenteil die "Tyrannei der Lust", die der französische Schriftsteller Jean-Claude Guillebaud in seinem gleichnamigen Buch scharfsinnig analysiert – bis hin zu Formen sexueller Verwahrlosung unter heutigen Jugendlichen und Erwachsenen?
Grundlegende Debatte führen
Die letzte Denkschrift der EKD zu Fragen der Sexualmoral stammt aus dem Jahr 1971. Sie ist also sage und schreibe fast vierzig Jahre alt! Seither hat es zwar mehrere Denkschriften und Orientierungshilfen zu Ehe, Familie und Homosexualität gegeben. Eine grundlegende Debatte über eine zeitgemäße evangelische Sexualethik steht jedoch aus. Wäre das nicht eine sinnvolle Aufgabe für den neuen Rat der EKD?
Prof. Dr. Ulrich H. J. Körtner ist seit 1992 Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Zuvor war er unter anderem Gemeindepfarrer in Bielefeld sowie Studienleiter an der Evangelischen Akademie Iserlohn.







Kommentare
Kirche und Sexualität
Die römisch-katholische Kirche weist ein sehr gestörtes Verhältnis zur Sexualität auf. Dies zeigt sich in der Verurteilung verschiedener sexueller Verhaltensweisen und Orientierungen: vor- und außerehelicher Sex, ehelicher Geschlechtsverkehr - natürlich nur zwischen Mann und Frau! - ohne Offenheit zur Zeugung, Selbstbefriedigung, Homosexualität, Empfängnisverhütung - alles Sünde! Und Ehescheidung ist Ehebruch. Nur gut, dass die Mehrheit der Schäfchen sich heutzutage nicht mehr um diese Verbote kümmert.
Der Zwangszölibat der katholischen Priester führt zu "Fehlentwicklungen" wie heimliche Liebschaften, uneheliche Kinder (für die die Kirche aufkommt), Homosexualiät und Kindesmissbrauch.
Zölibat und Mißbrauch hängen nicht miteinander zusammen ...
zumindest ist dies meine Meinung.
Es sind zwei Dinge, die mir in dieser Angelegenheiten Gedanken machen und die treffen auf beide Kirchen zu.
Das Eine ist: Der Beruf des Seelsorgers macht viele Kontakte mit Jugendlichen unverdächtig. Es ist daher kaum verwunderlich, dass Pädophile sich solche Berufe - wie eben Seelsorger - heraussuchen, in denen es für sie einfacher ist, Kontakte mit ihren Opfern aufzunehmen. Dazu kommt noch das positive Bild eines Seelsorgers. Viele glauben, dass es einfach unmöglich ist, dass jemand, der einen solche Beruf ergreift, dererlei Abgründe in sich hat.
Dabei ist es für mich unerheblich, ob da jemand im Zölibat lebt oder nicht. Ich denke, bis jetzt mag da manches auch noch nicht an die Öffentlichkeit gekommen sein, was da auf evangelischer Seite passiert ist.
Dies führt mich auch zu meinem zweiten Punkt: Der Umgang mit Opfern und Tätern durch die Vorgesetzten in den Kirchen. Das ist der Punkt, den ich wirklich fürchterlich und verwerflich finde: Es ist vertuscht und unter den Teppich gekehrt worden, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
Täter müssen konsequent den staatlichen Strafverfolgungbehörden gemeldet werden. Ein offener Umgang mit solchen Taten sollte die christlichen Kirchen auszeichnen, nicht das Vertuschen. Denn durch Vertuschen verhöhnt man die Opfer und macht sich mit schuldig an den Taten
Zwischen Moralisierung und Abscheu? Lust, Leidenschaft oder Leid
Gibt es beim Thema Sexualität nur die Kategorien, die ich hier so lese? Gibt es in der Kirche kein klares Ja zur lustvollen Sexualität als Bestandteil der Liebeszuwendung zu einem ganz konkreten Menschen? Was lese ich in den Überschriften:
- "...dem Manne untertan..."
- "...Missbrauch..."
- "...Zölibat..."
- "...vor der Ehe nicht..."
- "...die Männer..."
- "..."
Was machen eigentlich die, welche hier überhaupt nicht vorzukommen scheinen: Ungelebte Sexualität wegen des Desinteresses des Ehepartners oder wegen dessen Krankheit oder anderer Gründe? Muss der auf Lust und Leidenschaft verzichten, der in der Ehe lebt und liebt, ohne dass er sexuell begehrt wird? Was ist, wenn sie sich weigert? Muss man sich scheiden lassen, weil keine Sexualität mehr zugelassen wird? Oder gibt es einen Unterschied zwischen Liebe und Lust? Was sagt Kirche dazu? Oder interessiert das überhaupt?
Dialog auf Augenhöhe
Man stelle sich einmal vor, auf katholisch.de würde ein katholischer Theologieprofessor über eheliche Dramen in evangelischen Pfarrhäusern schreiben oder über die Leibfeindlichkeit der evangelischen Theologie: Es würde sicherlich nicht lange dauern, bis ein Sturm der Entrüstung begänne, ARD und ZDF im Wettbewerb miteinander über den tiefen Riß in der Ökumene in Deutschland berichteten.
Ach, was schreibe ich da, es reicht ja schon, wenn er einfach mal etwas über die Attribute einer Kirche im Unterschied zu einer kirchlichen Gemeinschaft aus katholischer Sicht veröffentlichte.
Vielleicht sollten sich die Partner mal Gedanken darüber machen, wie ein Dialog auf Augenhöhe - von dem immer wieder gerne geredet wird - aussehen soll.
Ökumene der Profile - dann enttäuscht Ulrich Körtner
Wollen wir Evagelischen eigentlich den katholischen Halbgeschwistern helfen - in dieser schwierigen Situation? Dann sicher nicht mit dem dauernden Gerede von dem "Zwangszölibat"! Ich bin auch für die Abschaffung dieser Lebensform der katholischen Geistlichen. Aber die kann doch nur kommen von einer grundlegenden Veränderung des katholischen Amtsverständnisses - nämlich vom Priestertum her. Das ist unbiblisch! Solange man an diesem Priestertum festhält, muss es notwendigerweise diese Lebensform geben, die die Sexualität versucht abzuschaffen ... leider mit diesen traurigen Folgen. - Übrigens: mit dem Vertuschen, was den Kirchen nicht in den Kram passt, sind wir doch auch nicht viel schlechter als die katholische Amtskirche!
geht's noch tiefer?
evangelisch.de mißbraucht Gäste zur Beschimpfung von katholisch&Co.
Das ist eine gute Schlagzeile und ist auch wahr, aber leider zu gewöhnlich.
RKK-Bashing
Was ist denn das für ein Unsinn? Ich habe hier schon wirklich Vieles gelesen, aber eher Argumente, als Beschimpfungen. Kann es sein, dass manche katholischen Leser sich von den Fakten und Argumenten beleidigt fühlen und dies dann mit RKK-Bashing verwechseln?
Hexenküche
Kirche und Sexualität, das ist vom kulinarischen Standpunkt her eine absolut unmögliche Kombination, etwa so wie Milch und Sauerkraut in einem Topf. Ich frage euch, wem wollt ihr den Appetit verderben, den lieben Christen oder den Liebespaaren?
E wie evangelsich. Die
E wie evangelsich.
Die evangelische Kirche muss doch nur aufpassen (und ist froh), dass nicht bald bei ihr ein Skandal ans Licht kommt (Evangelische Kinderheime etc.) - und das ganz ohne Zölibat, den jeder Priester freiwillig auf sich nimmt!
Ich freue mich
Ich freue mich über diese Kommentare. Lächerlich wohlweislich, dass das Zölibat nicht biblisch (PAULUS!!) begründet sei.
"So lange der Zwangszölibat,
"So lange der Zwangszölibat, für den es keine biblische Legitimation gibt, nicht fällt, wird die römische Kirche letztlich immer nur an Symptomen herumkurieren."
1. Ist im NT natürlich keine voll entfaltete Gemeindeordnung enthalten. Allerdings gibt es viele Hinweise, die den Zölibat nahelegen. (Mt 19,12; 1 Kor 7,25; Lk 5,11 u.a.) Dieses Mantra, dass der Zölibat nicht biblisch begründbar sei, ist absurd.
2. Ich glaube auch, dass in den angeschnittenen Fragen sich keine Änderung einstellen wird, solange es den Zölibat gibt. Denn der ist für unsere sexualisierte Gesellschaft eine tiefe Beleidigung.
3. Die Doppelmoral ist schlimm, kann es aber nur geben, wo es auch Moral gibt. Erst wenn diese abgeschafft ist, gibt es Ruhe.
4. Empfehle ich das kleine Büchlein von Hans Conrad Zander "10 Argumente für den Zölibat"
Kirche und Sexualität: ein ökumenisches Thema
Hier scheint es sich Professor Körtner doch etwas einfach zu machen. Als gäbe es bei verheirateten evangelischen Pfarrern und Pfarrerinnen keine Ehedramen um Untreue, gescheiterte Ehen etc. - und im Gegenzug viele Beispiele auf katholischer Seite von Ordensleuten und Priestern, die mit ihrer Lebensweise sehr glücklich sind. Sexueller Missbrauch kommt leider vor allem in Familien vor, der Anteil von Tätern, die im Zölibat leben ist anteilsmäßig recht gering (Das erklärt Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber jetzt aktuell in mehreren Interviews). Trotzdem ist natürlich jeder Fall - egal ob in kirchlichen Einrichtungen oder anderswo - einer zuviel.
Jetzt aber einfach nur das Klischee vom verklempten katholischen Pfarrer zu bedienen - das halte ich nicht für "zielführend" - weder für die Ökumene noch für die Ursachenforschung der derzeitigen Fälle.
Kirche und Sexualität: ein ökumenisches Thema
Den Pflichtzölibat als Ursache für sexuelle Übergriffe anzuführen, ist zu kurz gegriffen, da ist dem vorigen Schreiber zuzustimmen. Ehelosigkeit ist nicht gleichzusetzen mit sexueller Unterdrückung. Aber die Verantwortlichen in der Priesterausbildung müssen sich die Frage gefallen lassen, wie denn eine reife, kongruente Sexualität der Ehelosigkeit (und darum geht es, nicht um A-Sexualität) aussieht. Es gibt genug Fachleute auch in der kath. Kirche, die nicht nur dazu etwas sagen können, sondern es auch beispielhaft leben.
Übergriffe kommen in der Kinder- und Jugendstufenarbeit immer wieder vor, nicht nur seitens katholischer, eheloser Mitarbeiter. Die Dunkelziffer bei Jugendverbandsmitarbeitern, Sozialpädagogen, Übungsleitern, Diakonen, Pastoren und Lehrern dürfte quer durch alle Konfessionen und Weltanschauungen gehen. Aus dem Focus auf katholische Amtsträger und dazu noch Jesuiten feiern alte Feindbilder anscheinend fröhliche Urständ. Bedauerlich, dass dies auf einer kirchlichen Homepage wieder gepflegt wird!