Interview - Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, ist turbulent in ihr Amt gestartet. In den ersten 100 Tagen nach ihrer Wahl hatte die höchste Repräsentantin von rund 25 Millionen Protestanten mit Äußerungen zum Afghanistan-Einsatz viel Wirbel ausgelöst. Die 51 Jahre alte hannoversche Landesbischöfin sprach mit der Deutschen Presse-Agentur dpa auch über die Zukunft der EKD.
Frage: Sie waren gerade ein paar Tage im Urlaub - wie notwendig war die Erholung?
Käßmann: Der Urlaub hat mir auf alle Fälle gutgetan. Ich konnte mit ein bisschen Distanz auf die Afghanistan-Debatte zurückblicken. Ich habe doch den Eindruck, dass es kein Fehler war, die kirchliche Position so klar zu vertreten. Das macht ein bisschen gelassener mit Blick auf manche Häme und die Unterstellung der Naivität und Blauäugigkeit.
Frage: Haben Sie aus der Debatte auch was gelernt?
Käßmann: Es war eine Bestätigung der Rolle der Kirche, die zu mahnen, aber keine Realpolitik zu betreiben hat. Und es bleibt die Erfahrung, dass es in der EKD tatsächlich breiter Konsens ist, nicht mehr vom gerechten Krieg zu sprechen, sondern nur noch vom gerechten Frieden, und dass militärische Gewalt überhaupt nur in einem ganz schmalen Korridor zu legitimieren ist.
"Eine neue Sehnsucht nach dem Gottesdienst wecken"
Frage: Wann werden sie nach Afghanistan reisen - das wurde ja nach einem Gespräch mit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) angekündigt?
Käßmann: Wir haben uns entschieden, dass ich nicht mit dem Verteidigungsminister, sondern mit dem Militärbischof reise, um zu zeigen, dass sind zwei unabhängige Besuchsformen. Ich möchte nicht nur mit Soldaten sprechen und einen Gottesdienst feiern, sondern auch gezielt zivile Projekte besuchen. Die genauere Planung aber steht noch nicht fest.
Frage: Wir wollen Sie die Zukunft der EKD gestalten bei all den Problemen mit Kirchenaustritten und sinkenden Kirchensteuereinnahmen?
Käßmann: Es war sicher leichter in den 80er Jahren Bischof zu sein, als die Finanzquellen sprudelten und viele neue Stellen geschaffen werden konnten. Aber ich stelle mich den Herausforderungen und möchte den Reformprozess vorantreiben. Er muss jetzt in den Gemeinden ankommen, damit sich die Ortsgemeinde bestärkt fühlt. Der Gottesdienst soll erlebt werden, dass Menschen gestärkt für ihr Leben wieder herausgehen. Mir liegt daran, eine neue Sehnsucht nach dem Gottesdienst zu wecken.
Frage: Aber dennoch kehren Menschen der Kirche den Rücken - wohin kann sich die Kirche in dieser schwierigen Zeit entwickeln?
Käßmann: Wir werden allein durch den demografischen Wandel weniger werden, aber das heißt nicht, dass unsere Kirche weniger relevant ist in diesem Land. Es kann auch eine Stärke sein zu sagen, die, die heute Mitglied sind, sind es sehr bewusst. Wir hatten 60.000 Wiedereintritte letztes Jahr, aber auch 160.000 Austritte, ich will nichts beschönigen.
"Der Spielraum wird deutlich enger"
Frage: Welche konkreten Einschnitte drohen?
Käßmann: Wir haben natürlich die Befürchtung, dass die Steuerreform in der von der FDP vorgeschlagenen Form kommt. Das würde uns finanziell sehr treffen. Da 86 Prozent aller unserer Einnahmen in Personal umgesetzt werden, haben wir da erhebliche Befürchtungen. Wir können nicht anders sparen als in Stellen. Für die Evangelische Kirche mit etwa vier Milliarden Euro Einnahmen würde die Steuerreform insgesamt eine halbe Milliarde Euro weniger bedeuten.
Frage: Wie schwierig ist da der Erhalt von Gotteshäusern?
Käßmann: Wir sind bei einem Gebäudemanagement angekommen, wir trennen uns auch von Gebäuden. Es werden etwa Pfarrhäuser verkauft, Gemeindehäuser werden zusammengelegt. Der Spielraum wird deutlich enger, vor allem aber die Kirchen wollen wir soweit wir können erhalten.
Frage: Ökumene am Scheideweg, schrieben Sie vor Jahren in einem ihrer Bücher - was erwarten Sie nun auch mit Blick auf den Ökumenischen Kirchentag?
Käßmann: Die großen Fragen - das Kirchen- und Amtsverständnis - sind noch immer nicht so geklärt, dass Abendmahlsgemeinschaft möglich ist. Ich erwarte auch nicht, dass sich in diesen entscheidenden Fragen ganz viel verändern wird. Wir können beim Ökumenischen Kirchentag aber auch feiern, was erreicht worden ist.
Merkel "hat sicher Maßstäbe gesetzt"
Frage: Wie geht es weiter nach den Differenzen mit der orthodoxen Kirche, die eine Frau im EKD-Amt nicht anerkennt und gedroht hatte, ihre Kontakte zu Protestanten aufzukündigen?
Käßmann: Die orthodoxe Kirche erkennt kein Priestertum der Frau an. Wenn aber auf Spitzenebene verhandelt werden soll, kann auch die russisch-orthodoxe Kirche in den nächsten sechs Jahren an einer Frau nicht vorbei. Wir sind für Begegnungen weiterhin offen. Allerdings gibt es einen Briefwechsel, der im Moment sehr ernüchternd ist.
Frage: Im vergangenen Oktober wurden Sie zur ersten Frau an die EKD-Spitze gewählt - am gleichen Tag wurde auch Kanzlerin Angela Merkel im Bundestag im Amt bestätigt. Was verbindet Sie beide?
Käßmann: Wir kennen uns nun auch schon ein paar Jahre. Ich bewundere ihren Mut, an so exponierter Stelle in der Politik als Frau zu gestalten. Da hat sie sicher Maßstäbe gesetzt. Wir haben guten Respekt voreinander, und Humor haben wir beide auch. Eine Frau in dem Amt verändert die Bilder in den Köpfen.
Frage: Ist Ihnen Ihr Amt auch eine gewisse Bürde?
Käßmann: Natürlich zuweilen, aber meist doch eine schöne Bürde.







Kommentare
Wahre Worte!!!
Fast alles gut und richtig!!! Muss ich mal ehrlich sagen.
“Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.” - Dietrich Bonhoeffer
Alttestamentliche Lesung für Sonntag Remiszere
Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen,
ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.
Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe.
Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben.
Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf,
daß er gute Trauben brächte; aber brachte schlechte.
Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas,
zwischen mir und meinem Weinberg!
Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg,
das ich nicht getan habe an ihm?
Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht,
während ich darauf wartete, daß er gute brächte?
Wohlan, ich will euch zeigen,
was ich mit meinem Weinberg tun will!
Sein Zaun soll weggenommen werden,
daß er verwüstet werde,
und seine Mauer soll eingerissen werden,
daß er eingetreten werde.
Ich will ihn wüst liegen lassen,
daß er nicht beschnitten noch gehackt werde,
sondern Disteln und Dornen darauf wachsen,
und will den Wolken gebieten,
daß sie nicht darauf regnen.
Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel
Und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing.
Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch,
auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit. Jesaja 5, 1-7
Reform
Wenn die Kirche die Reform schafft, ist mir um ihre Zukunft nicht bange. Aber die Anzeichen für eine Reform sind gering und offiziell ist aus den Kirchenleitungen kaum etwas zu vernehmen. Oder sind sie alle froh, dass Frau Käßmann das heisse Eisen allein anfasst?
Der Prophet Jesaja sagt:
Denn siehe, der HERR HERR Zebaoth wird Jerusalem und Juda nehmen allerlei Vorrat, allen Vorrat des Brots und allen Vorrat des Wassers, Starke und Kriegsleute, Richter, Propheten, Wahrsager und Älteste, Hauptleute über fünfzig und vornehme Leute, Räte und weise Werkleute und kluge Redner.
Und ich will ihnen Jünglinge zu Fürsten geben, und Kindische sollen über sie herrschen.
Und das Volk wird Schinderei treiben, einer an dem andern und ein jeglicher an seinem Nächsten; und der Jüngere wird stolz sein gegen den Alten und der geringe Mann wider den geehrten.
Dann wird einer seinen Bruder aus seines Vaters Haus ergreifen: Du hast Kleider; sei unser Fürst, hilf du diesem Einsturz! Er aber wird zu der Zeit schwören und sagen: Ich bin kein Arzt; es ist weder Brot noch Kleid in meinem Hause; setzt mich nicht zum Fürsten im Volk!
Denn Jerusalem fällt dahin, und Juda liegt da, weil ihre Zunge und ihr Tun gegen den HERRN ist, daß sie den Augen seiner Majestät widerstreben.
Ihres Wesens haben sie kein Hehl und rühmen ihre Sünde wie die zu Sodom und verbergen sie nicht. Weh ihrer Seele! denn damit bringen sie sich selbst in alles Unglück.
Predigt von den Gerechten, daß sie es gut haben; denn sie werden die Frucht ihrer Werke essen.
Weh aber den Gottlosen! denn sie haben es übel, und es wird ihnen vergolten werden, wie sie es verdienen.
Kinder sind Gebieter meines Volkes, und Weiber herrschen über sie. Mein Volk, deine Leiter verführen dich und zerstören den Weg, da du gehen sollst.
Aber der HERR steht da, zu rechten, und ist aufgetreten, die Völker zu richten.
Und der HERR geht ins Gericht mit den Ältesten seines Volkes und mit seinen Fürsten: Denn ihr habt den Weinberg verderbt, und der Raub von den Armen ist in eurem Hause.
Warum zertretet ihr mein Volk und zerschlaget die Person der Elenden? spricht der HERR HERR Zebaoth.
Und der HERR spricht: Darum daß die Töchter Zions stolz sind und gehen mit aufgerichtetem Halse, mit geschminkten Angesichtern, treten einher und schwänzen und haben köstliche Schuhe an ihren Füßen, so wird der HERR den Scheitel der Töchter Zions kahl machen, und der HERR wird ihr Geschmeide wegnehmen.
Zu der Zeit wird der HERR den Schmuck an den köstlichen Schuhen wegnehmen und die Heftel, die Spangen, die Kettlein, die Armspangen, die Hauben,
die Flitter, die Gebräme, die Schnürlein, die Bisamäpfel, die Ohrenspangen,
die Ringe, die Haarbänder, die Feierkleider, die Mäntel, die Schleier, die Beutel,
die Spiegel, die Koller, die Borten, die Überwürfe; und es wird Gestank für guten Geruch sein, und ein Strick für einen Gürtel, und eine Glatze für krauses Haar, und für einen weiten Mantel ein enger Sack; solches alles anstatt deiner Schöne.
Die Mannschaft wird durchs Schwert fallen und deine Krieger im Streit.
Und ihre Tore werden trauern und klagen, und sie wird jämmerlich sitzen auf der Erde. Jesaja 3, 1-26