Evangelische Kirche will auf Käßmann-Kurs bleiben

Nikolaus Schneider

Schneider reagierte mit scharfer Kritik auf die Hartz-IV-Äußerungen von FDP-Chef Guido Westerwelle. Foto: epd-bild / Hans-Jürgen Vollrath

Zukunft - Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will sich auch nach dem Rücktritt der Ratsvorsitzenden Margot Käßmann weiter politisch Gehör verschaffen. Der amtierende Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider kündigte am Donnerstag an, von Käßmann angestoßene Themen wie die Afghanistan-Debatte aufzugreifen.

Eine zentrale Frage sei zudem, "wie es in unserem Land sozial weitergeht" und wie mit den Schwächsten umgegangen werde, sagte der rheinische Präses. EKD-Synodenpräses Katrin Göring-Eckardt sagte, die evangelische Kirche wolle "politisch unbequem" bleiben.

Schneider nannte in einem WDR-Interview als weitere wichtige Themen weltweite Gerechtigkeit, Ökumene und Klimaschutz. Innerkirchlich sei eine Hauptaufgabe, den EKD-Reformprozess fortzuführen, der "in den Gemeinden ankommen" müsse.

Mit scharfer Kritik reagierte Schneider auf die Hartz-IV-Äußerungen von FDP-Chef Guido Westerwelle. Der Vizekanzler zeichne ein falsches Bild von Menschen, die auf staatliche Unterstützung angewiesen seien. Von Sozialleistungen könne niemand bequem leben. "Und dann werden diejenigen, die Steuern zahlen oder in Arbeit sind, auch noch positioniert gegen die armen Menschen", rügte der 62 Jahre alte Theologe, der bislang als stellvertretender Ratsvorsitzender fungierte.

Moderner Protestantismus

EKD-Synodenpräses Göring-Eckardt kündigte an, die EKD wolle fortsetzen, was Käßmann als "Gesicht des Protestantismus" in Deutschland angestoßen habe. "Wir sind entschlossen, den modernen, fröhlichen, den Menschen zugewandten Protestantismus weiterzuführen", sagte sie im ZDF. Einen Imageschaden durch die Vorgänge um Käßmann befürchtet die Grünen-Politikerin aber nicht. Sie sagte dem epd, aus Sicht des Rates der EKD hätte Käßmann weiter im Amt bleiben können. "Sie hat in ihrer Gradlinigkeit anders entschieden", sagte die Vizepräsidentin des Bundestages, die dem EKD-Kirchenparlament vorsteht. Das verdiene hohen Respekt und sei ein "großer Dienst an unserer Kirche".

Nach nur vier Monaten an der Spitze der EKD hatte Käßmann am Mittwoch ihren Rücktritt erklärt. Zugleich legte sie ihr Amt als hannoversche Landesbischöfin nieder. Die 51-Jährige zog damit die Konsequenz aus einer Autofahrt mit 1,54 Promille Alkohol im Blut.

Günther Beckstein, einer der Vizepräses der Synode, schloss im Südwestrundfunk eine spätere Rückkehr Käßmanns an die EKD-Spitze nicht aus. Dass jeder Mensch die Chance bekommen solle, ein zweites Mal anzufangen, halte er für wichtig. "Ob das wieder an die Spitze der evangelischen Kirche führt, ist eine andere Frage", sagte der CSU-Politiker. Es sei seine Überzeugung, dass Käßmann "eine herausragende Persönlichkeit ist, die irgendwo wieder auch besondere Verantwortung kriegt und verdient".

EKD berät über weiteres Vorgehen

Der kirchenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Siegmund Ehrmann, sagte im RBB, er gehe davon aus, dass Käßmann auch künftig eine wichtige Rolle in der evangelischen Kirche einnimmt. Sie werde dem deutschen Protestantismus "als wortgewaltige Predigerin und Mahnerin" erhalten bleiben. Nach ihrem Rücktritt von kirchlichen Leitungsämtern hatte Käßmann erklärt, Pastorin in der hannoverschen Landeskirche bleiben zu wollen.

Bundessozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) würdigte die "großartige Arbeit" der zurückgetretenen Bischöfin. Käßmann sei eine authentische und glaubwürdige Vertreterin ihrer Kirche gewesen, sagte von der Leyen am Donnerstag in Berlin bei der Auftaktveranstaltung zum "Europäischen Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung". Käßmann war ursprünglich Schirmherrin der deutschen Kampagne im Europäischen Jahr gegen Armut. Nach ihrem Rücktritt sagte sie ihre Rede bei der Auftaktveranstaltung ab. Die Frage der Schirmherrschaft blieb zunächst offen.

Synodentagung im November

Synodenpräses Göring-Eckardt sprach sich dafür aus, dass Schneider bis auf Weiteres den Ratsvorsitz übernimmt. Für eine kurzfristig anzusetzende Sondersynode zur Neuwahl sehe sie keine Notwendigkeit, sagte die Grünen-Politikerin dem epd. Der EKD-Rat als oberstes Leitungsgremium will bei seiner Sitzung am Freitag und Samstag in Tutzing über das weitere Vorgehen beraten. Schneider könnte die Geschäfte laut Kirchenordnung zunächst bis zur turnusgemäßen Synodentagung im November führen.

Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland ließ bislang offen, ob er sich vorstellen kann, das protestantische Spitzenamt über die kommissarische Leitung hinaus auszuüben. "Ich muss mich auf diese neue Situation jetzt erst mal einstellen", sagte Schneider am Donnerstag. Er sei aber bereit, "die jetzt gestellten Aufgaben anzunehmen". Wie es dann weitergehe "und wer auf Dauer für die nächsten Jahre für dieses Amt infrage kommt, das wird sich herausstellen".

epd

Kommentare

Verfasst von Gast am 28. Februar 2010 - 21:39.

Was bedeutet "Käßmann Kurs" ?

Was bedeutet das? Will Käsmanns Nachfolger jetzt auch besoffen fahren? Aber...

Was bedeutet das? Will Käsmanns Nachfolger jetzt auch besoffen fahren? Aber Spaß beseite, ich habe es befürchtet. Die Positionen Käßmanns sind mit der Bibel nicht zu vereinbaren, und wenn die EKD so weitermacht, wird die EKD niemand mehr für voll nehmen. Wie sagte Jesus: "Ihr seid das Salz der Erde. Das fade Salz wird von den Menschen zertreten". Die EKD ist definitiv fade, denn sie will "nah beim Menschen sein". Sie sollte lieber "nah bei Gott sein", auch wenn sie dabei unbeliebt wird. Jesus und die Apostel haben auch keinen Beliebheitspreis gewonnen, sondern er wurde gejagt und gekreuzigt. Der christliche Glaube ist keine Bedürfnisanstalt, wo man sich die Gebote danach auswählt, was links und modern ist.

Verfasst von RobertK am 26. Februar 2010 - 8:43.

Käßmann - Kurs???

in keinster weise wollte ich die Bischöfin kritisieren. das steht mir...

in keinster weise wollte ich die Bischöfin kritisieren. das steht mir nicht zu.

es ging mir um wort-kritik. allzu oft folgten wir irgendwelchen menschen, anstelle dem menschensohn. selbst wenn diese vermeintlich Ihm folgten.

das wollte ich zum ausdruck bringen.

Verfasst von Christian1980 am 26. Februar 2010 - 8:40.

Kritik an Westerwelle

Mit scharfer Kritik reagierte Schneider auf die Hartz-IV-Äußerungen...

Mit scharfer Kritik reagierte Schneider auf die Hartz-IV-Äußerungen von FDP-Chef Guido Westerwelle. Der Vizekanzler zeichne ein falsches Bild von Menschen, die auf staatliche Unterstützung angewiesen seien.

Für diesen Vorwurf, der während der letzten Wochen ständig und von allen Seiten zu hören war, hätte ich doch gerne einmal einen Beleg. Ich habe den Original-Artikel von Westerwelle, der die aktuelle öffentliche Diskussion ausgelöst hat, mal bei der WELT recherchiert und fand ihn nicht sonderlich hetzerisch oder herabwürdigend:

http://www.welt.de/debatte/article6347490/An-die-deutsche-Mittelschicht-denkt-niemand.html

Tatsächlich geht es in dem Artikel kaum um Hartz IV-Empfänger selbst, sondern um die schlichte Tatsache, dass es durchaus als Fehler betrachtet werden kann, wenn nach dem Urteil des BVerfG nun nur über die Aufstockung der Sozialleistungen debattiert wird, ohne gleichzeitig auch darüber nachzudenken, was der Staat für die Angestellten im Niedriglohnsektor bewegen könnte. Wenn - wie Westerwelle ausführt - eine Mutter mit zwei Kindern und einem schlecht bezahlten Vollzeit-Job im Schnitt schon heute monatlich über 100 Euro weniger zum Leben hat, als eine arbeitslose Mutter mit zwei Kindern, dann sollte uns das durchaus zu denken geben. Würde, wie beispielsweise von der Linkspartei angeregt, der Regelsatz auf 500 Euro (exklusive Miete & NK) angehoben werden, würde sich Arbeit für viele Menschen schlicht und ergreifend nicht mehr lohnen.

Welche Frisöse, welche Reinigungskraft oder auch welcher wissenschaftliche Mitarbeiter hat denn jeden Monat noch 500 Euro in der Tasche, nachdem Miete, Nebenkosten und Krankenversicherung bezahlt sind? Auch darüber sollte man - bei allem Respekt vor der Kritik von Präses Schneider - mal nachdenken. Undifferenziertes Einschlagen auf Westerwelle halte ich hier für nicht ausreichend, auch wenn man ihm sicher vorwerfen kann, dass er sich zum einen im Ton vergreift und sich zum anderen als Außenpolitiker viel zu sehr in innenpolitische Themen involviert.

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Verfasst von Gast am 26. Februar 2010 - 22:32.
Kommentar auf: Kritik an Westerwelle

Das falsche Bild, das

Das falsche Bild, das Westerwelle zeichnet, zeigt sich für mich in seiner...

Das falsche Bild, das Westerwelle zeichnet, zeigt sich für mich in seiner Aussage vom anstrengungslosen Wohlstand.

Er hat ja schon recht, wenn er analysiert, daß die Mitte der Gesellschaft schmäler wird. Die Mitte ist es, die die Gesellschaft trägt. Allerdings zeigt die Aussage vom anstrengungslosen Wohlstand (Wohlstand mit Hartz IV gibt's IMHO nur in der BILD, im richtigen Leben hab ich das noch nicht gesehen), daß Westerwelle die Schwächsten als Schuldige ausmacht: Die Arbeitslosen bluten die Mitte aus, die nun noch mehr Steuern zahlen soll, um den"Wohlstand" Hartz IV mitzutragen.

Er spielt die Mär von den faulen Hunden auf, an denen die Gesellschaft kaputt geht. Bloß: Was so wunderbar populistisch auszuschlachten ist, muß sich nicht unbedingt mit der Wahrheit decken.

Fakt ist: Der Abstand zwischen Arbeitslohn und Hartz IV ist zu gering. Westerwelle bemüht jetzt die Schreckensszenarien des spätrömischen Reiches und des Hartz-Wohlstandes, um dieses Problem auf folgende Art zu lösen: Weniger Hartz IV, damit die Mitte entlastet wird (was ihm dann auch wieder Wäher bringt, denn die Mitte wählt oft gelb).
Dabei verkennt er jedoch, daß wir in einem Wohlfahrtsstaat leben, indem er von sozialistischen Zügen spricht. Es ist nicht sozialistisch, wenn Menschen trotz fehlender Arbeit in Würde leben und ihre Kinder erziehen können.
Es gäbe ja noch eine andere Forderung, die den Unterschied zwischen Arbeitslohn und Hartz IV vergrößern könnte: Mindestlöhne über Hartz IV Niceau. Doch das widerspricht seiner Neoliberalen Ideologie, bei der der Markt alles reguliert, und wenn er die Armen ins Armenhaus reguliert.

Das ist das Menschenverachtende. Natürlich wird die Mitte belastet, denn in einem Wohlfahrtsstaat, in dem keiner verhungern soll so lange es noch Essen gibt, ist es nicht ertragbar, daß einer hungert während der andere eine Steuererleichterung bekommt.

Er mag all diese Dinge nicht explizit schreiben, er ist lange genug Politiker, doch nach ein bißchen Nachdenken über seine Aussagen wird das Ganze nach meiner Meinung evident. Und dann ist an der Rede vom falschen Bild der auf Hilfe angewiesene vielleicht doch nicht so verkehrt.

Gottes Segen
De Benny

Verfasst von RobertK am 25. Februar 2010 - 19:44.

Käßmann - Kurs???

Sollte die Kirche nicht auf Christus - Kurs sein, bleiben?

Sollte die Kirche nicht auf Christus - Kurs sein, bleiben?

Verfasst von bundesbedenkent... am 25. Februar 2010 - 21:04.
Kommentar auf: Käßmann - Kurs???

Sollte Käßmann in der

Sollte Käßmann in der Nachfolge Christi gewesen sein, und das ist...

Sollte Käßmann in der Nachfolge Christi gewesen sein, und das ist von einer Pfarrerin und Bischöfin zu erwarten, dann nimmt sich das nicht viel. Christus gab uns ein Beispiel, Käßmann hat versucht, das zu aktualisieren, ich denke sie war so schlecht gar nicht dabei, wenn Kritik auch immer möglich ist.

Verfasst von Gast am 25. Februar 2010 - 17:02.

"politisch Gehör verschaffen"

"Afghanistan-Debatte", "wie es in unserem Land sozial weitergeht", "politisch...

"Afghanistan-Debatte", "wie es in unserem Land sozial weitergeht", "politisch unbequem bleiben", "weltweite Gerechtigkeit, Ökumene und Klimaschutz" ... Für alles und jeden will man sich einsetzen, nur für den christlichen Glauben nicht. Vor fünf Monaten hieß das noch "Selbstsäkularisierung der Kirche" (oder so ähnlich?). Damals galt das als Problem - heute hält man die wohl für den Schlüssel zum Erfolg?

Verfasst von bundesbedenkent... am 25. Februar 2010 - 21:08.

Wie sieht setzen für den

Wie sieht setzen für den christlichen Glauben denn aus? Setzt man sich...

Wie sieht setzen für den christlichen Glauben denn aus? Setzt man sich nicht am Stärksten dafür ein, wenn man seinen Glauben lebt, ihn einbringt? Und wie geht das, wenn man nicht auch Mißstände benennt. Oder hätte Christus die Augen vor dem Afghanistan Einsatz verschlossen und mit Guido Westerwelle die Hartz IV Empfänger an den Pranger gestellt?

Ich meine mich zu erinnern, Er hat vor allem die Starken und Mächtigen an den Pranger gestellt, also auch öffentlich Stellung bezogen. Durch Rezitieren des Katechismus (welcher Ausgabe auch immer) tut man nichts für den christichen Glauben. Wenn man beim Rezitieren bleibt, belegt man nur dessen Irrelevanz für das Leben.

Verfasst von Gast am 28. Februar 2010 - 21:48.
Kommentar auf: Wie sieht setzen für den

Nein

> Oder hätte Christus die Augen vor dem Afghanistan Einsatz verschlossen...

> Oder hätte Christus die Augen vor dem Afghanistan Einsatz verschlossen
> und mit Guido Westerwelle die Hartz IV Empfänger an den Pranger gestellt?

1.
Weder Jesus nach Johannes der Täufer haben zwischen Militärdienst und Christentum einen Diskrepanz gesehen. Vielleicht mal in der Bibel nachlesen. Ach ich vergas: Die Bibel ist ja laut unserer EKD nur symbolisch gemeint und ein Märchenbuch.

2.
Jesus hätte zu Westerwelle garnichts gesagt, weil er über Geld nie geredet hat: Darum auch ihr, fraget nicht darnach, was ihr essen oder was ihr trinken sollt, und fahret nicht hoch her. Nach solchem allen trachten die Heiden in der Welt; aber euer Vater weiß wohl, das ihr des bedürfet. Doch trachtet nach dem Reich Gottes, so wird euch das alles zufallen.

Im übrigen kann die ev. Kirche ja ihre 60.000 Euro Nobelkarossen verkaufen und das Geld den Armen geben. 17 Liter Verbrauch sind wohl auch für den "Klimawandel" nicht optimal. Aber wie heißt es: Wasser predigen und Wein saufen.

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