Kommentar - Zwei Frauen sind heute in Spitzenämter gewählt worden: Angela Merkel und Margot Käßmann. Nicht wegen einer Quote, sondern weil sie die Besten sind. Ein Kommentar.
Solche Tage gibt es wahrhaft nicht oft: Die evangelische Staatsbürgerin steht morgens auf und hat wenige Stunden später gleich zwei Chefinnen: eine Kanzlerin und eine weibliche Ratsvorsitzende. Und das Beste ist: Beide sind es schlicht deshalb geworden, weil sie derzeit die Besten in ihrer Riege sind. Nicht weil sie eine Quote erfüllen mussten oder auf einem Frauenticket gereist sind. Herzlichen Glückwunsch!
Ist Frau Käßmann eine gute Wahl für den EKD-Ratsvorsitz?
Aber nicht nur für die Frauen in der Kirche und im Land ist dies ein guter Tag, sondern für alle evangelischen Christen. Ja, Margot Käßmann ist eine würdige Nachfolgerin für Wolfgang Huber, dessen Gesicht und Stimme den Protestantismus so entscheidend geprägt hat, mit seiner intellektuellen Brillianz, mit seiner schnellen Denke und klugen Spreche. Er hat seine Stimme zu vielen drängenden Fragen erhoben, und genau das traut man auch Margot Käßmann zu. Auch sie hat einen eigenen Stil, ist couragiert, beherzt und streitbar. Und macht eine gute Figur bei Anne Will wie bei Angela Merkel.
Authentische Persönlichkeit
Sie sei gerührt, sagte sie bei ihrer Antrittsrede, und es war mehr als eine Floskel. Klar hat sie auf diesen Augenblick jahrelang hin gearbeitet. Und dennoch: Für einen Moment wirkte sie so erschrocken, wie du und ich es auch gewesen wären: Ja, sie haben es wirklich getan – diese Frau gewählt, die so offen mit Zweifel und Scheitern umgegangen ist, die so sehr wie kein anderer kirchlicher Spitzenfunktionär das Private zum Politikum gemacht hat. Das hätte böse schief gehen können, für Konservative in der eigenen Kirche und bei den katholischen und islamischen Brüdern glich es einer Provokation. Aber sie hat es geschafft, die Brüche im Lebenslauf zu einem Teil ihrer authentischen, glaubwürdigen Persönlichkeit zu machen. Und wurde tatsächlich Queen of the Hearts.
Meinungen in der Community
Und so müssen all jene, die oft zurecht lamentieren, der Fortschritt im Land sei eine Schnecke, zugeben: Das hätten sich Männer und Frauen beim Aufbruch der neuen Frauenbewegung in den 70er Jahren nicht träumen lassen, dass dies innerhalb einer Generation möglich wäre: Spitzenämter werden von einer kinderlosen Naturwissenschaftlerin und einer geschiedenen vierfachen Mutter bekleidet. Damit ist längst nicht alles geschafft. Aber allein diese Bilder in den Hauptnachrichten im Fernsehen entfalten ihre symbolische Kraft.
Mädchen und Jungs im Land sehen, beim Surfen durchs Netz oder abends in der Tagesschau: Ja, es geht. Wir kommen vor, alle beide, Männer wie Frauen. "Seid fröhlich in der Hoffnung und beharrlich im Gebet", zitierte die neue Ratsvorsitzende ihre Lieblings-Bibelstelle. Beharrlichkeit wird ihr nach diesem Wahlmarathon keiner absprechen. Wenn sie dabei auch noch fröhlich bleibt – das wäre wunderbar.
Über die Autorin:
Ursula Ott, 45, ist stellvertretende Chefredakteurin von chrismon, Chefredakteurin von evangelisch.de. www.ursulaott.de







Kommentare
RE: "Ein guter Tag für Land und Kirche"
J.M. Primavera
eine eher humorvolle Betrachtung: "Die Katholischen haben ihren Papst und die Evangelischen eine "Päpstin".
RE: "Ein guter Tag für Land und Kirche"
Gute Wahl!
Ich hätte mir keinen der anderen Kandidaten wirklich vorstellen können. Wenn Frau Kässmann irgendwie nach der Scheidung noch deutlicher gemacht hätte, dass dies auch ein Bruch in ihrem Amt ist (2 drei Monate keine öffentlichen Auftritte außer den notwendigen Funktionen o.ä.), dann würde es mir noch leichter fallen, die Wahl für richtig gut zu heißen.
Erschreckend ist, wie wenig andere brauchbare Leute unter den Kandidaten auszumachen waren. Es ist sehr bedenklich, wenn wir wenig vergleichbare Personen in den Kirchenleitungen haben.
Aber: zwei Frauen an einem Tag bar jeder Quote an die Spitze, das war mir gar nicht aufgefallen. Scharfe und gute Beobachtung!
Hoffentlich zeigt die eindeutige Wahl von Kässmann, dass wir femokratische Krücken wie die unsägliche Bibel in Gerechter Sprache nicht (mehr) wirklich brauchen.
Ein Mann.
RE: "Ein guter Tag für Land und Kirche"
.. die eine beginnt sich gerade selbst zu entzaubern und ihr wahres Gesicht kommt langsam zum Vorschein.. weilo im Grunde ihres Herzens ist es nicht so richtig mit dem Sozialen ..
.. der anderen wünsche ich von Herzen Gottes Segen und dass sie wahre Herzenswärme erzeugen kann und nicht nur die kühle mediale ..sonst kann es kalt werdenb .. auch in den Gemeinden ..
RE: RE: "Ein guter Tag für Land und Kirche"
Genau, was jetzt zählt, ist die Differenz.
Und da ist weder Frau A, noch Frau B zu beneiden.
Kein Mann
Keine Quotenfrauen
"Beide sind es schlicht deshalb geworden, weil sie derzeit die Besten in ihrer Riege sind. Nicht weil sie eine Quote erfüllen mussten oder auf einem Frauenticket gereist sind."
Wie wahr diese Aussage ist, war mir im Trubel der Wahlberichterstattung und der Freue über die Entscheidung gar nicht bewusst geworden. Doch richtig, da gab es ja Zeiten, in denen man in Staat und Kirche darüber diskutierte, welchen Sitzanteil man für Frauen reservieren müsse, um auch ihnen einige Plätze an der Spitze übrig zu lassen.
Wahrlich: Dass Merkel und Käßmann Quotenfrauen wären, kann nun wirklich keiner behaupten! Dass sie trotz ihrer Makel in den Augen einiger (Ossi, Geschiedene ...) mit so eindrucksvoller Mehrheit von Frauen UND Männern demokratisch gewählt (!) worden sind, unterstreicht nur ihre Kompetenzen.
Herzlichen Glückwunsch!
RE: Keine Quotenfrauen
an "fp": Warum können Sie es nicht lassen, diese Pauschalierungen reinzutragen. Es sind nicht Ossis und Geschiedene, die als "einige" an den beiden Frauen Makel sehen. Ich bin Ossi und find sie beide gut. In der Demokratie ist es nun mal so, dass es immer "einige" gibt, geben muß (sonst wär es eine Diktatur - weiß sogar ich als Ossi), aber diese sitzen wohl auf beiden Seiten der ehemaligen Mauer. Wenn wir diese gegenseitigen Diffamierungen mal überwunden haben, dann sind wir endlich Deutschland. Das wünsche ich mir von Ihnen als - vermutlich - "Wessi"!
RE: RE: Keine Quotenfrauen
... da haben Sie aber meinen Beitrag nicht genau gelesen! Ich habe geschrieben, dass die beiden Damen "in den Augen einiger" Makel haben und als Beispiele für solche angeblichen Defizite "Ossi, Geschiedene" angegeben.
Dass ich selbst diese Kritik nicht teile und die Wahl auch begrüße (selbst wenn ich die Partei der Bundeskanzlerin nicht gewählt und die EKD-Ratsvorsitzende nicht habe wählen können), sollte aus meinem Kommentar aber klar hervorgegangen sein.
RE: RE: RE: Keine Quotenfrauen
Entschuldigung, ich habe zwar richtig gelesen, aber falsch gedeutet. Die Klammer mit Ossi und Geschiedene hätte besser hinter Makel und nicht hinter die "einigen" gehört. So schnell gehts mit den Mißverständnissen, tut mir leid!
RE: "Ein guter Tag für Land und Kirche"
cool geschriebener artikel - vielen dank.
ich gönne es beiden frauen, dass sie gewählt wurden. und frau kässmann einen guten start in die neuen aufgaben. es wird sicher nicht einfach werden - aber ihr gott, an den sie so selbstverständlich festhält, wird mit ihr gehen.