Die kranken Seelen der Seelsorger

Zerrieben zwischen Arbeitsdruck und Vereinsamung: katholische Geistliche. Foto: iStockphoto

Zerrieben zwischen Arbeitsdruck und Vereinsamung: katholische Geistliche. Foto: iStockphoto

Gastbeitrag - Die Missbrauchsvorwürfe in der Kirche stellen das katholische Priestertum unter Generalverdacht. Das Problem vieler Geistlicher sei eine emotionale und körperliche Unreife, die sich in der Unfähigkeit zu echten Beziehungen zeige, sagt der katholische Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller. Er plädiert für einen realistischen Blick auf die Bürde des Zölibats.

Von Wunibald Müller

Manchmal wäre es angebracht, am Eingang einer Diözese oder einer Kirche ein Schild aufzustellen mit der Aufschrift: "Vorsicht! Wer hier eintritt, gefährdet seine spirituelle Gesundheit". Es gibt auch eine Spiritualität, die uns krank macht, die uns klein hält, die uns depressiv stimmt, die unsere Kreativität, Spontanität, Freude und Lust am Leben durch Legalismus, Dogmatismus tötet. Das gilt für Priester und Seelsorger nicht weniger als für den normalen Gläubigen.

„Wie kannst du Mensch sein, wenn du dich verloren hast?“

Eine solche Spiritualität trägt nicht dazu bei, dass ein Priester ausgeglichen lebt, also angemessen Rücksicht nimmt auf die Grenzen seines Körpers. Sie motiviert ihn nicht, sich immer wieder eine Auszeit zu gönnen, in der er auftankt, achtsam und liebevoll mit seinem Körper umzugehen, mit dem Ergebnis, dass er mit der Zeit ausbrennt, seelisch krank wird.

Eine gesunde Spiritualität nimmt dagegen ernst, was bereits der mittelalterliche Abt Bernhard von Clairvaux in einem Brief an den damaligen Papst feststellte: "Wie kannst du voll und echt Mensch sein, wenn du dich selbst verloren hast? Was würde es dir aber nützen, wenn du alle gewinnen, aber als Einziger dich selbst verlieren würdest?"

Bei aller Nächstenliebe darf der Seelsorger die Selbstliebe nicht vergessen. Das hat nichts mit Egoismus zu tun. Erst wenn ein Seelsorger auch für seinen Leib und seine Psyche Sorge trägt, kann er auch in einer angemessenen Weise für seine Gemeindemitglieder da sein. Er sollte von sich sagen können: Ich tue das, was ich tun kann, ich bin aber immer nur der kleine Hirt. Den Rest überlasse ich getrost dem großen Hirten, Gott.

Erfahrung von Intimität

Eine gesunde Spiritualität will dazu beitragen, dass Priester und Seelsorger beziehungsfähig sind und in ihren Beziehungen und Begegnungen die Erfahrung machen dürfen, geliebt zu werden. Für sie ist es wichtig, nicht nur in der Pfarrei gute Beziehungen zu unterhalten, sondern auch im privaten Leben in innigen Beziehungen zu Männern und Frauen zu stehen, die sie herausfordern. Beziehungen, in denen sie so sein dürfen, wie sie sind und die Möglichkeit haben, in ihrer Beziehungs- und Intimitätsfähigkeit zu wachsen und sich verwundbar zu machen.

Um auf eine spirituell und psychisch gesunde Weise so leben zu können, dass ihnen ihr Leben Freude und Lust macht, ist es für Priester wichtig, eine mit ihrem Amt und ihrem Auftrag in Einklang zu bringende legitime Form von Intimität zu erfahren. Viele Priester berichten – wenn sie denn offen darüber sprechen können – von ihrer Vereinsamung und ihrem Verlangen nach Intimität. Was ihnen fehlt, ist die Erfahrung von Intimität, die Nahrung, die aus guten, weil tiefen zwischenmenschlichen Beziehungen hervorgeht.

Wem diese Nahrung vorenthalten wird, der wird hungrig bleiben. Ihm wird zugleich eine tiefe Erfahrungsquelle von Zufriedenheit, von Freude und Lust am Leben verschlossen bleiben. Er wird versuchen, wenn er seinen Hunger nach Sinnlichkeit, nach Intimität, nach der Erfahrung von echten, tiefen Beziehungen und Freundschaften nicht stillen kann, seinen Hunger anderswo zu stillen. Er wird versuchen, die Nahrung, nach der er verlangt, anders zu bekommen: durch Erfolg, Arbeit, Internet, Cybersex und anderes mehr.

Zölibat und sexueller Missbrauch

Eine der ersten Antworten auf die Frage, was getan werden kann, um sexuellen Missbrauch zu verhindern, lautet: die psychische Gesundheit der Priester, Seelsorger und Ordensleute zu fördern. Zur psychischen Gesundheit trägt entscheidend bei, wenn durch die Ausbildung und auch danach eine normale sexuelle Entwicklung und damit einhergehend die generelle Befähigung des Priesters gefördert wird. Beziehungen, die die Erfahrung von Intimität ermöglichen, in denen Priester oder die Mitglieder einer Ordensgemeinschaft sich getragen und geborgen erleben, können einen Schutz vor potenziellem sexuellen Missbrauch bieten.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester und dem Zölibat? Die einen bestreiten das vehement, andere wieder sehen in der Ehelosigkeit eine wesentliche Ursache für sexuelle Übergriffe. Beide Gruppen machen es sich zu einfach. Der Zölibat als direkte Ursache für sexuellen Missbrauch Minderjähriger lässt sich nicht nachweisen. Wer pädophil veranlagt ist und seine Veranlagung ausleben möchte, den schützen weder sein Gelübde noch die Ehe davor, das zu tun. Tatsache ist schließlich auch, dass mehr als 90 Prozent des sexuellen Missbrauchs von Angehörigen verübt werden.

Emotionale Unreife

Das entbindet Priester allerdings nicht von der Verantwortung für sich selbst. Eine verzerrte Vorstellung vom Zölibat kann die Fähigkeit, sich mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen und sich dem Prozess zu stellen, der zur Beziehungsfähigkeit führt, erschweren oder gar verhindern. Das trifft vor allem auf Priester zu, die in ihrer sexuellen Entwicklung unterentwickelt oder stehen geblieben sind und die den Zölibat in dem Sinne missverstehen, dass sie meinen, sich nicht mit der eigenen Sexualität auseinandersetzen zu müssen. Das eigentliche Problem ist hier eine emotionale – und damit auch sexuelle – Unreife, die sich dann auch in der Unfähigkeit zu echten Beziehungen und zu echter Intimität zeigt.

Deswegen ist der betreffende Priester noch nicht dazu prädestiniert, Minderjährige zu missbrauchen. Aber er ist in besonderer Weise gefährdet, was Grenzverletzungen betrifft. Auch wenn er in seiner sexuellen Entwicklung stehen geblieben ist, lebt und wirkt seine Sexualität in ihm, wird auch er ein Verlangen nach Nähe, menschlicher Wärme und sexueller Entspannung verspüren. Doch ihm fehlt der innere Rahmen und die Fähigkeit, darauf in reifer und verantwortungsvoller Weise reagieren zu können. Voraussetzungen dafür sind eine gelungene Identitätsfindung und Befähigung zur Intimität.

Bei homo- wie heterosexuellen Priestern, die Minderjährige sexuell missbrauchen, fehlt oft diese Befähigung zur Intimität. In der Kindheit konnten sie keine sichere emotionale Beziehung zu ihren Eltern oder Erziehern entwickeln. Als Erwachsene haben sie Schwierigkeiten, sich mit gleichaltrigen Männern und Frauen auf tiefe, intime Beziehungen einzulassen. Eine gleichberechtigte, erwachsene und tiefe Beziehung übersteigt vielfach ihre Möglichkeiten. So suchen sie die Nähe von bedürftigen Kindern oder Jugendlichen, bei denen sie weniger Angst haben, zurückgewiesen zu werden, bei denen sie mit Bewunderung rechnen und die sie kontrollieren können. Auffällig ist weiter, dass sie wenig Einfühlungsvermögen gegenüber ihren Opfern haben und auch kaum Schuldgefühle hinsichtlich ihres Verhaltens empfinden. Sie sind nicht in der Lage, die Intimsphäre eines anderen Menschen zu respektieren.

Intimität kann man lernen

Reife Intimität zeigt sich in der Fähigkeit, sich auf einer tiefen Ebene über Gedanken, Wünsche, Sehnsüchte, Ängste, Hoffnungen austauschen und sich in das Gegenüber einfühlen zu können. Reife Intimität kommt weiter zum Ausdruck, wenn zwei Menschen von einer Ich-Stärke heraus in eine gefühlvolle und persönliche, von Vertrauen getragene Beziehung zueinander treten können.

Die Fähigkeit zur Intimität beinhaltet ferner, sich auf eine innige Weise mit anderen Menschen einlassen und ihnen Nähe schenken zu können, zugleich auch in der Lage zu sein, sich selbst von anderen Menschen Nähe schenken lassen zu können. Schließlich zeigt sich reife Intimität in der Fähigkeit, die Grenzen und die Intimsphäre eines anderen respektieren, und das eigene sexuelle Verlangen kontrollieren zu können.


Wunibald Müller ist katholischer Theologe, Psychologe und Leiter des Recollectio-Hauses der Abtei Münsterschwarzach. Er betreut dort Priester, Ordensleute und kirchliche Mitarbeiter in persönlichen Krisensituationen.

Kommentare

Verfasst von Gast am 13. März 2010 - 15:18.

Seelsorge allgemein

Ja, der Seelsorge bedarf jeder - auch der SeelsorgerIn selbst. Nur...

Ja, der Seelsorge bedarf jeder - auch der SeelsorgerIn selbst.

Nur wegtherapieren kann man nicht alle Dinge. Dann wären selbst unsere Gefängnisse fast leer.

Verfasst von Gast am 13. März 2010 - 14:25.

Problematisch

Diesen Beitrag finde ich äußerst problematisch. Nicht der Sache nach, sondern...

Diesen Beitrag finde ich äußerst problematisch. Nicht der Sache nach, sondern dem Ort nach, auf dem er erscheint. Wenn der Leser dieser online-Kirchenzeitung das in die falsche Kehle kriegt, dürfte sich jeder katholische Priester nur noch zaghaft in die Öffentlichkeit wagen. Die Überschrift suggeriert, dass Seelsorger kranke Seelen haben. Auch wenn die derzeitigen Enthüllungen nahe legen, dass es sich nicht nur um Einzelfälle handelt, so gehe ich davon aus, dass es auch viele gute, gesunde und hilfreiche Seelsorger in beiden Konfessionen gibt, die ob nun ledig oder verheiratet, "gute Arbeit" machen.

Verfasst von Gast am 14. März 2010 - 13:48.
Kommentar auf: Problematisch

Problematisch

Stimmt! Nach oberem Artikel zu urteilen, könnte man fast den Eindruck haben, "...

Stimmt!
Nach oberem Artikel zu urteilen, könnte man fast den Eindruck haben, "dass katholische Priester kranke Seelen haben". Doch eine allgemeine Verallgemeinerung wäre immer falsch. So hat es der Autor sicher auch nicht gemeint, wie Sie es sehen. Aber man könnte wirklich diesen Eindruck gewinnen. Psychologen und Seelsorger (allgemein) haben ebenfalls manchmal eine kranke Psyche, doch auch dies zu verallgemeinern wäre ebenso falsch. Beide Berufe - der Beruf des Priesters und der des Psychologen oder der des Arztes sind einmal Berufe wie jeder andere Beruf. Natürlich kann man diese Fachgebiete auch für sein Leben wählen, um eigene Probleme aufzuarbeiten.

Nur nach all den Medienberichten, die uns zurzeit erreichen, hat man wirklich den Eindruck, dass der ganze Segen der (Volks)-Kirchen, besonders der katholischen Kirche, schief hängt und man fast die jetzige Thematik nicht mehr hören kann. Dennoch bin ich gespannt, wie Staat und Kirche diese(s) Problem(e) des Zölibats und des Missbrauchs lösen.

Verfasst von Gast am 13. März 2010 - 12:36.

Pädophilie und Missbrauch

"Der Zölibat als direkte Ursache für sexuellen Missbrauch Minderjähriger lässt...

"Der Zölibat als direkte Ursache für sexuellen Missbrauch Minderjähriger lässt sich nicht nachweisen. Wer pädophil veranlagt ist und seine Veranlagung ausleben möchte, den schützen weder sein Gelübde noch die Ehe davor, das zu tun," schreibt der Autor.
Hier wird übersehen, dass möglicherweise die meisten derer, die Minderjährige sexuell missbrauchen, gar nicht pädophil sind. Für normale heterosexuelle Männer sind kleine Kinder ohne sexuellen Reiz, wohl aber 12- oder 13-jährige Mädchen, die ihrer körperlichen Entwicklung nach bereits Frauen sind, und das sind heute die meisten. Der Missbrauch in Familien beginnt sehr häufig in diesem Alter. Für homosexuelle Männer dürfte entsprechendes gelten. Bedenkt man dies, dann scheint die Behauptung, das Zölibat sei eine Ursache sexuellen Missbrauchs, nicht mehr so abwegig.

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