Der tiefe Fall der SPD – und was die Bibel über das Scheitern sagt

Die SPD trägt Trauer. Foto: dpa

Die SPD trägt Trauer. Foto: dpa

Bundestagswahl - Die SPD hat am Sonntag eine historische Niederlage erlitten und muss in die Opposition. Wie sollen die Genossen mit dem Scheitern umgehen, was sagt die Bibel dazu?

Von Bernd Buchner

Kerstin Griese ist so geschockt, dass sie fast nichts sagen kann. Nicht nur, dass die Sozialdemokraten eine historische Niederlage erlitten haben und aus der Regierung gefallen sind. Am Montagmorgen um vier Uhr hat die bisherige kirchenpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion zudem erfahren, dass sie selbst nicht mehr im Parlament sitzen wird. Ihr Direktmandat in Ratingen ist weg, über die Landesliste war sie nicht abgesichert. Wie es weitergeht? "Ich weiß es nicht", sagt die 42-Jährige tonlos.

Eine Partei liegt am Boden. 23 Prozent der Stimmen hat die SPD bei der Bundestagswahl erhalten, das schlechteste Ergebnis der Nachkriegszeit. "Der Herr stürzt die Mächtigen vom Thron", heißt es im Lukasevangelium: Parteichef Franz Müntefering setzt sich voraussichtlich zur Ruhe, auch die Zweifel an Ex-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier als designiertem Oppositionsführer wachsen. Ein Blick in die Bibel hilft dem Calvinisten Steinmeier womöglich, mit der Erfahrung des Scheiterns besser umzugehen.

Die Erfahrung von 1982

Jürgen Schmude hat das schon hinter sich: Der SPD-Politiker war Bundesbildungsminister, als Kanzler Helmut Schmidt im Herbst 1982 durch Helmut Kohl (CDU) abgelöst wurde – die Sozialdemokraten mussten danach für 16 lange Jahre die Oppositionsbänke drücken. Doch Opposition ist für Schmude, der viele Jahre lang Synodenpräses der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) war, keineswegs „Mist“, wie Müntefering sagte, sondern eine wichtige Aufgabe. "So ernst man diese Niederlage nehmen muss – die SPD ist nicht zerstört."

Aus christlicher Sicht sei das Scheitern eine "Chance, die Gott den Menschen gibt", unterstreicht Schmude. "Man soll sich nicht an Verluste hängen, als gebe es keine Zukunft." Die Bibel gehe in "unglaublicher Großzügigkeit und Einseitigkeit" mit Schwachen und Gefallenen um, so der SPD-Politiker, der aber vor überzogenen religiösen Vergleichen warnt ("Das dramatisiert die Lage"). Die Sozialdemokraten bräuchten Zeit, um mit dem Verlust fertig zu werden. "Aber das darf kein Lebensinhalt werden", unterstreicht der 73-Jährige.

Nicht mit der Abwertung als Person verbunden

Mit der Niederlage ehrlich umzugehen, rät auch der Bamberger Theologe und Psychologe Martin Weiß-Flache den politischen Verlierern vom Sonntag. Die Bibel mache deutlich, dass das Scheitern "nicht mit der Abwertung des Menschen als Person verbunden sein darf". Zugleich verweist er auf Passagen im Alten und Neuen Testament, die sich kritisch mit Macht auseinandersetzten. Politiker, sagt Weiß-Flache, hätten den "Vorzug und zugleich das Problem", mehr Einfluss und Gestaltungsmacht als andere zu haben.

Ein Problem sieht der Theologe darin, dass sich Wohl und Wehe politischen Handelns in der Öffentlichkeit vollziehen. Auch das Scheitern geschehe vor aller Augen – und werde deshalb gerne weggeschoben. Politiker, so die Beobachtung von Weiß-Flache, "gestehen viel zu selten öffentlich ein, dass sie einen Fehler gemacht haben". Dabei liege im Scheitern durchaus auch eine Chance. Der SPD rät er, nun nicht in andauernde Selbstzerfleischung zu verfallen. "Vor allem das Einprügeln auf Personen wäre ungut."

"Großer Schock"

Kerstin Griese überwindet langsam ihre Sprachlosigkeit. "Es war ein großer Schock, ein großer Schrecken", sagt sie mit etwas gefestigterer Stimme. "Wir müssen versuchen, das aufzuarbeiten." Trotz ihres Ausscheidens aus dem Bundestag wird die studierte Historikerin und Politologin, die in der evangelischen Jugendarbeit aufgewachsen ist, nicht ins Bodenlose fallen. Trost kann sie aus der Bibel schöpfen: "Der Gerechte muss viel leiden", heißt es im zweiten Korintherbrief, "aber der Herr hilft ihm aus dem allem."
 

Kommentare

RE: Der tiefe Fall der SPD – was hätte Herr Stöcker gesagt?

Es ist merkwürdig, wie gewisse Themen eine Eigendydnamik entwickeln und wie ein kleiner Schneeball bei dem Hangabwärtsrollen zu einer Lawine wächst.

Die Situation der SPD ist durchaus diskutierenswert. Nicht nur deshalb, weil auch die CDU beständig Wähler verliert, sondern weil  hier ein Problem aufgedeckt wird, mit dem auch die Kirche zu kämpfen hat. Dem Problem der Glaubwürdigkeit, der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Die soeben beschworene Linkslastigkeit der evangelischen Kirche ist ein alter Vorwurf z.B. der evangelischen Allianz. Aber dort hat niemand mit dem gleichen Atemzuge einmal das Verhalten der evangelischen Kirche vor 100 Jahren kritisiert. Den Antsemitismus des Hofpredigers Stöcker, den in den "Landesfarben angestrichenen Herrgott"(K. Tucholski), der den vielfachen Mord im 1. Weltkrieg rechtfertigte. Schon vergessen, dass damals Kanonen gesegnet wurden? Zur Auffrischung empfehle ich einmal eine Wanderung über die Schlachtfelder Verduns, doch Vorsicht, es liegen immer noch Artilleriegeschosse herum.

In meiner letzten Landeskirche waren die deutschen Christen sehr stark vertreten. Einige belastete Pastores übten ihren Dienst auch nach Kriegsende weiter aus. Es sei an Wolfgang Borchert erinnert, Vertreter eine verlorenen Generation, wie er mit Gott abrechnet und Kirche meint. Deshalb verstummte nach 1945 die politische  Meinungsbildung in der ev. Kirche und Verteter der bekennenden Kirche wurden sogar angefeindet.  Tödliche Friedhofsruhe breitete sich aus. Meine Generation  lernte Kirche als pflaumenweichen  Verein kennen, welcher zum  politischen Tagesgeschehen höchstens  einräumte:  " Na ja, sicher es liegt manches im Argen, aber man darf auch nicht alles negativ sehen." Deshalb nahmen die Kirchenaustritte zu, denn wir waren eine politische Generation, denen fromme Worte nicht genügten, sondern auch Taten sehen wollten. Damit sind wir wieder beim Thema angelangt. Menschen wenden sich ab, weil sie keine klaren Antworten erhalten und erleben müssen, dass nach außen eherne Grundwerte verkündet, im Hintergrund jedoch mit Füßen getreten werden.

Darum begrüße ich dieses Forum, weil die offene Diskussion vielleicht auch Menschen anzieht, die bisher die Kirche als einen harmlosen Wohltätigkeitsverein mit Unterhaltungscharakter ansehen. Dass sie sich vielleicht angesprochen fühlen mit uns darüber nachzudenken, wie unsere Gesellschaft wieder  gerechter weil glaubwürdiger wird.  Auch den Parteien wird diese Diskussion nicht erspart bleiben, sollten sie an dem weiteren Bestehen eines demokratischen Rechtsstaates interessiert sein. 

RE: Der tiefe Fall der SPD –

Halte diesen Bericht für schwachsinnig, Politik und Kirche haben nichts miteiander zu tun, auch wenn die Trennung zwischen Kirche und Staat zunehmend verwischt!

RE: Der tiefe Fall der SPD ...

Scheitern gehört zum Leben dazu. Hangeln wir uns nicht sogar ziemlich oft mit "try and error" durchs Leben und lernen so immer neu dazu. Scheitern sagt mir erstmal nur, dass ein Weg, den ich gegangen bin, so nicht zum Ziel führt. Zeit für neue Wege. Ich bin mir sicher, auch die SPD wird wieder auf den Erfolgsweg zurückfinden. Ein wenig Rast in der Opposition hilft bestimmt, um über neue Ziele und Strategien nachzudenken.

RE: Der tiefe Fall der SPD

Keine Partei hat sich in den letzten Jahrzehnten so sehr selbst demontiert, wie die SPD. Mit dem Nato-Doppelbeschluss und ihrer Atomenergiepolitik Ende der 1970er Jahre war sie die Geburtshelferin der Grünen. Hartz IV und die Rente mit 67 verhilft heute der Linken zu breitem Zulauf. Damit dem lahmen Vogel rechts und links wieder Flügel wachsen, wird sich die Partei mit den inzwischen sehr bürgerlichen Grünen und den proletarischeren Linken zusammenraufen müssen. Mit beiden sitzt sie jetzt auf der Oppositionsbank. Das ist doch schon mal etwas Gemeinsames.

RE: RE: Der tiefe Fall der SPD

Schon wieder - Politik scheint das Hauptbetätigungsfeld der evangelischen Kirche zu sein. Und zwar auf der Seite des politischen Spektrums, das ganz und gar nicht das meine ist. Da gab es doch auch mal eine Politikerin, die das Wahlvolk belogen hat und deshalb abgestraft wurde. Wurde sie deshalb hier eigentlich kritisiert? Wohl kaum.

Diese Kirche ist zunehmend nicht mehr meine Kirche. Man scheint hier mehr Wert auf Parteiprogramme als Glaubensfragen zu legen. Kommt man hierher, hat man das Gefühl, auf der Homepage des Hessischen Rundfunks zu sein. Da stehen fast die gleichen Schlagzeilen.

Wenn es die Aufgabe der Kirche ist, sich die politischen Programme gewisser Parteien zu eigen zu machen, ist für mich definitiv das Ende der Fahnenstange erreicht. Ich könnte mir vorstellen, daß genau deshalb weite Kreise der Bevölkerung der Kirche den Rücken kehren - Glaube, Toleranz, Nächstenliebe; das war einmal. Jetzt geht es um Atomkraft, Gentechnik, Klima. Soll sich doch der Staat um die Armen undn Schwachen und menschen in Not kümmern. Hier wird Politik gemacht!!

Schade...

RE: RE: RE: Der tiefe Fall der SPD

Moment mal, Christ sein bedeutet für mich nicht, dass ich mich aus allem raushalte und keine Meinung zu anderen Themen als der Nächstenliebe habe. Ganz und gar nicht: Atomkraft ist ein gutes Stichwort. Gemeinsam gilt es darum zu ringen, wie wir Gottes Schöpfung schützen. Dazu fühle ich mich als Christ genauso aufgefordert. Und wie erreiche ich eine Rücksichtnahme auf die Schwachen, wenn ich mich nicht politisch einmische und den Parteien auf die Finger schaue, wenn soziale Kälte droht?
Ich finde es großartig, hier eine Plattform zu finden, die politische Themen aus genau diesem Blickfeld heraus betrachtet und wünsche mir nochmehr davon. Und wie gut, dass eben auch mal der Mensch angeschaut wird, wenn er scheitert, nicht nur die Partei. Ich wünsche mir noch mehr davon!

RE: RE: RE: Der tiefe Fall der SPD

Ich seh es genau umgekehrt. Endlich tritt die Kirche raus aus ihren Mauern und beschäftigt sich mit dem "ganz normalen Leben". Jahrhundertelang war Kirche in ihren Mauern verborgen, "hier ist Gottes Angesicht" und draußen spielte sich das ganze andere Leben mit allem Leid und allem, was Menschen bewegt, ab. Ich wünsche mir eine Christenheit, die sich einmischt und eine Kirche, die dort ist, wo die Menschen sind (wir sind da noch weit entfernt von). Trotz aller Aufrufe, zur Wahl zu gehen, sind sicher nicht wenige Kirchenmitglieder unter denen, die am Sonntag nicht waren. Allen Analysen über die Gründe zum Trotz wäre für mich die Dankbarkeit, dass wir nicht in der Anarchie leben, ein Argument für die Wahlbeteiligung eines jeden Christen gewesen. Kirche für die Armen - ist richtig. Aber ihr Leben in der Welt nur auf den diakonischen Schwerpunkt zu reduzieren, wird auch der Bibel nicht gerecht (übrigens wollte das ja schon die DDR-Regierung....Diakonie hoch geschätzt, aber ja nicht woanders den Mund aufmachen). Und im übrigen ist genau genommen das Kümmern um die Armen Symptombehandlung, politische Einmischung und Beteiligung und Diskussion könnte im traumhaften Idealfall die Gesellschaft so verändern, dass es weniger Arme gibt. Die Menschen kehren der Kirche nach meiner Sicht darum den Rücken, weil sie in der Welt viel zu wenig auftaucht. Und, weil ihre Welt so weit abgehoben ist von allem anderen, das man sie nicht mehr akzeptieren kann. Was der SPD als "Volkspartei" passiert, passiert doch letztlich der Kirche auch. Die "Volkskirche" hat verspielt und wir können noch so sehr das 3.Gebot bemühen, die Menschen haben ihre Sonntagsheiligung gefunden und werden auch mit dem Grummeln der Kirchen ihre Autos sonntags waschen. Liegt das vielleicht auch daran, dass die Kirche den Sinn des Sonntags überhaupt nicht mehr vermitteln kann?

RE: RE: RE: Der tiefe Fall der SPD

Hallo Gast,

Sie meinen wohl Ypsilanti - das passierte aber einige Zeit vor dem Launch vor evangelisch.de, das konnten die hier gar nicht aufgreifen.

Beim Artikel geht es ums Scheitern und wie Christen damit umgehen können. Leider (so meine persönliche Meinung) liegt dies nunmal zur Zeit auf Seiten der SPD.

RE: RE: RE: RE: Der tiefe Fall der SPD

Was soll das denn jetzt? Ich darf mich doch wohl über Politik unterhalten, auch wenn ich in der Kirche bin, oder?

RE: RE: RE: RE: Der tiefe Fall der SPD

Was soll das Ganze? Ich darf mir doch wohl Gedanken über Politik machen, auch wenn ich in der Kirche bin!

RE: RE: RE: RE: RE: Der tiefe Fall der SPD

Kirche und Politik - das ist natürlich immer ein Spannungsverhältnis und von daher ein Streitpunkt. Kirche ist erstmal dazu da, die frohe Botschaft Jesu Christi zu verkünden. Aber wenn sie nicht auch mitmischt in den politischen Fragen, die sie angehen - etwa Sozial- und Gesundheitspolitik, Ethik, Schöpfungsverantwortung, Gerechtigkeit -, wenn sie sich in einen religiösen Elfenbeinturm zurückzieht, wird sie von der Gesellschaft nicht mehr wahrgenommen, geschweige denn ernstgenommen. Kirche ist nicht per se "politisch" (schon gar nicht im Sinne einer Richtung oder Partei), aber sie nimmt teil am politischen Prozess. Ein spannendes Thema - wir bleiben dran!   

Bernd Buchner - evangelisch.de

RE: RE: RE: RE: RE: RE: Der tiefe Fall der SPD

Herr Buchner, da haben Sie generell schon recht, aber es kommt auch darauf an, wie man so etwas tut. Dann sollte man Fragen stellen und nicht Positionen wiedergeben, oder diese wenigstens in einem Pro-Contra-Schema formulieren, wie es im vierteljährlichen Magazin der evangelischen Kirche geschieht.

Denn gegensätzliche Positionen zu politischen Themen sind bestimmt auch in der evangelischen Kirche vorhanden. Sonst wäre für mich die Grenze zu einer Partei endgültig überschritten, und das halte ich für unerträglich. Wenn man sich auf der Seite hier umschaut, bekommt man schon das Gefühl, daß man sich als Schreiber hier mit gewissen Positionen austoben kann. Bestimmte Etiketten muß ich mir dann als Kirchenmitglied umhängen lassen, und das ist für mich nicht akzeptabel.

RE: RE: RE: RE: RE: Der tiefe Fall der SPD

Nur komisch, daß hier an prominenter Stelle immer nur das linke Spektrum berücksichtigt wird. Bin ich in einer Kirche oder in einer Partei? Darauf hätte ich gern mal eine Antwort - von der Kirche. Ich fühle mich durch die permanenten Auszüge aus den Parteiprogrammen auf der Seite hier als Kirchenmitglied ernsthaft belästigt.

Auf katholisch.de geht es i.w. um Glaubensfragen. Das ist für mich der zentrale Beweggrund, Mitglied einer Kirche zu sein. Wenn ich damit in der evangelischen Kirche falsch liegen sollte, bitte ich die Kirche um Mitteilung. Ich werde das mit der Mitgliedschaft dann umgehend ändern, um die (linken) Kreise nicht weiter zu stören.

RE: RE: RE: RE: RE: RE: Der tiefe Fall der SPD

Lieber Gast, wenn bei der Bundestagswahl die Union eine so krachende Niederlage erlitten hätte wie die SPD, hätten wir das Thema "Scheitern" und seine religiösen Dimensionen selbstverständlich mit einem Blick auf CDU/CSU verknüpft. Das hat nichts mit links oder rechts zu tun. Diese Kategorien verlieren ohnehin immer mehr an Inhalt - auch und gerade im Verhältnis von Kirchen und Politik: Kanzlerin Merkel hat vor einiger Zeit nicht ganz zu Unrecht eine neue Nähe von Union und Protestanten festgestellt; in bioethischen Fragen sind die katholische Kirche und die Grünen inzwischen eng beisammen. Da ist einiges in Bewegung. Wie gesagt, ein spannendes Thema, das wir im Auge behalten werden. Und wir freuen uns auf die weiteren Diskussionen!

Bernd Buchner - evangelisch.de

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