Der Papst, die Welt, ein Buch und ein Kritiker

Papst Benedikt XVI. bei einer Generalaudienz Anfang November auf dem Petersplatz. Foto: dpa / Maurizio Brambatti

Papst Benedikt XVI. bei einer Generalaudienz Anfang November auf dem Petersplatz. Foto: dpa / Maurizio Brambatti

Bücher - Papst Benedikt XVI. lehnt die Demokratie ab, verharmlost den Holocaust, steht dem Kreationismus nahe und ist mit radikalen Islamisten im Bunde - meint zumindest der deutsch-britische Journalist und Buchautor Alan Posener. Er wirft dem katholischen Kirchenoberhaupt einen breit angelegten Kreuzzug gegen die Moderne vor.

Von Bernd Buchner

Im April 2005 wurde Joseph Ratzinger, der gefürchtete römische Großinquisitor, an die Spitze der katholischen Kirche gewählt. Benedikt XVI. empfing die Huldigung des Boulevard ("Wir sind Papst!") und konnte anfangs auch Menschen für sich und seine Kirche einnehmen, die nicht unbedingt mit allen Weihwassern gewaschen waren. Doch dieses Nähegefühl, für das manche etwas Nachhilfe brauchten, ist längst einer Ernüchterung über den Kurs des ersten Deutschen auf dem Stuhl Petri seit der Reformation gewichen: Die Maßregelung kritischer Theologen, die Aufwertung der alten Liturgie und nicht zuletzt der Schmusekurs gegenüber der ultrakonservativen Pius-Bruderschaft haben am Ansehen Benedikts gekratzt.

Dass es fast fünf Jahre später nicht mehr ganz so schick ist, katholisch und papstfromm zu sein, spürt man auch in den Feuilletons und auf dem Buchmarkt. Überbot sich anfangs die veröffentlichte Meinung in der Begeisterung über den weisen Mann in Weiß, schleichen sich heute wieder kritische Untertöne in die Zeitungsspalten und zwischen die Buchdeckel. Benedikt XVI. hat sich nicht nur durch sein gelegentlich ungeschicktes kirchenpolitisches Agieren angreifbar gemacht, sondern auch als Wissenschaftler: Sein Jesus-Buch stieß in der Forschung nicht eben auf Gegenliebe, einzelne wohlmeinende Kommentare waren weniger dem theologischen Gehalt des Werks als dem Respekt vor dem Amt des Verfassers geschuldet.

Eilfertige katholische Publizisten

Alan Posener steht als Protestant mit britisch-jüdischen Wurzeln nicht im Verdacht, zu viel Respekt vor dem katholischen Kirchenoberhaupt zu haben. Der "Welt"-Redakteur bündelt in seinem Buch das Unbehagen über die Politik des Vatikan, spitzt es zu und wirft dem Papst einen Kreuzzug gegen die Moderne vor – die "benedettinische Wende", so die prägnante These, ziele letztlich gegen die Demokratie und bedeute eine "massive Umdeutung der Geschichte und eine Umwertung aller Werte". Das klingt nach Nietzsche, aber für Posener ist Gott keineswegs tot, obwohl ihn eilfertige katholische Publizisten schon bald nach Erscheinen von "Benedikts Kreuzzug" in die Nähe des aggressiven Atheismus zu rücken versuchten.

Doch man muss kein Anhänger von Richard Dawkins oder anderen ebenso gottfernen wie wortgewaltigen Theoretikern sein, um angesichts der Fülle von Argumenten und Zitaten, die Papstfeind Posener parat hat, um seine These von der Gefahr aus dem Vatikan zu untermauern, ins Grübeln zu kommen. Alles verdreht, fehlinterpretiert, aus dem Zusammenhang gerissen, wie Kritiker monieren? Der Autor setzt beim Kampf gegen die "Diktatur des Relativismus" an, dem "Hauptthema im Denken und Wirken Joseph Ratzingers". Und er verteidigt den für das Funktionieren der Demokratie unabdingbaren Wertepluralismus gegen den Anspruch der Kirche, nur sie allein könne letztgültige Wahrheiten festlegen.

"An seinem Wesen soll die Welt genesen"

Folgerichtig zeichnet Posener in die intellektuelle Ausprägung des vormaligen "Panzerkardinals" Ratzinger eine konsequent demokratiekritische Linie hinein. "Am Wesen des deutschen Papstes soll die Welt genesen", heißt es polemisch. Besonders empört ist der streitbare Publizist über die Haltung Benedikts XVI. zum Massenmord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Die "Entschuldung der Täter bei gleichzeitiger Unempfindlichkeit gegenüber den Opfern" habe bei Ratzinger Methode. Dessen Rede im vormaligen Vernichtungslager Auschwitz im Mai 2006 sei ein Skandal sondergleichen gewesen, er habe die Toten "missbraucht" und jede kirchliche Mitschuld an den Verbrechen ausgeblendet.

Diese harsche Interpretation muss man nicht in allen Zügen teilen, doch aus der Sicht Poseners schließt sich die päpstliche Milde gegenüber den Piusbrüdern, unter denen es bekanntlich nicht wenige Antisemiten gibt, nahtlos an Ratzingers "Unempfindlichkeit" in Sachen Judenfeindschaft an. Eine "unterirdische Verbindung" und "heimliche Sympathie" gebe es zwischen Benedikt XVI. und den Ultrakonservativen, so die spitze Vermutung des Buchautors, als er jüngst ins "Philosophische Quartett" des ZDF gebeten wurde, um mit Peter Sloterdijk, Rüdiger Safranski und dem FAZ-Redakteur Daniel Deckers über "Benedikts Kreuzzug" zu diskutieren.

Mit heißer Nadel gestrickt

Gegen Poseners These, der Papst politisiere die Kirche in gefährlicher Manier, gab es in der Runde kaum Widerspruch. Doch schösse eine Streitschrift nicht da und dort übers Ziel hinaus, hätte sie ihr Anliegen verfehlt. Zu den schwächeren Passagen im Buch zählen jene, in denen Posener dem Bayern auf dem Papstthron eine besondere Nähe zum Kreationismus oder gar eine heimliche Koalition mit radikalen Islamisten attestiert. Schal sind auch die Angriffe des Autors in Sachen Aids und Kondome. Manches in dem 250-seitigen Werk ist erkennbar mit heißer Nadel gestrickt: In einigen Anmerkungen (70, 180) stehen noch Arbeitsnotizen Poseners. Da hätten er und das Lektorat ruhig etwas sorgfältiger sein können.

Ungeachtet dessen macht die Grundthese nachdenklich: Benedikt XVI. denke in Machtkategorien, es gehe um einen "geistigen Kreuzzug, damit Europa wieder christlich-katholisch wird", so der Autor im ZDF. "Damit die letzte Instanz in Politik und Gesellschaft die Kirche wird." Das sei ein gewaltiges Programm – und es betreffe keineswegs nur die Katholiken, sondern alle Menschen. Der "Welt"-Redakteur selbst hingegen hegt nach eigenen Angaben eine große Sympathie für die katholische Kirche. Vor zehn Jahren legte er in der renommierten rororo-Reihe eine Biografie über die Maria vor, in der er die Jungfräulichkeit von Jesu Mutter nachdrücklich verteidigte. Sein neuestes Werk hingegen ist weniger fromm geraten.


Alan Posener: Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft, Berlin 2009. Ullstein, 269 Seiten, 18 Euro.

© für das Autorenfoto: Jenny Posener

Kommentare

Verfasst von Gast am 10. Dezember 2009 - 9:17.

RE: Der Papst, die Welt, ein Buch und ein Kritiker

Es fällt mir auf, das es immer nur ein bestimmtenr negativen Grundtenor...

Es fällt mir auf, das es immer nur ein bestimmtenr negativen Grundtenor angeschlagen wird, wenn es um die den Papst geht. All die sogenannten modernen Ansichten, die man so als Protestant fröhlich in die Welt posaunt, Verhütung, Aids etc. und nicht zu vergessen der Papst politisiere in gefährlicher Manier. Gefährlich und weitere Adjektive sind ein beliebtes Instrument um eine Person negativ darzustellen, um beim Leser ein negatives Gefühl zu hinterlassen. Vielleicht sollte der Protestantismus von dem ich mich jetzt verabschiedet habe, mal überlegen wie boshaft die eigenen Leute sind. Ich kenne da so einige bis viele. Tut nicht so als seit ihr besser, ihr seit es nicht. Im übrigen empfehle ich mal, das die Leute die Texte des Papstes selber lesen, da kommt man zu einem anderen Ergebnis als der Herr Posner. Ach ja, was heute so modern ist, ist morgen schon alt. Diese Weisheit gilt immer. Und von Frau zu Frau, was die Verhütungsmethoden anbetrifft, da hat uns sie Pharmaindustrie im Griff, heute die Pille morgen die Chemiekeule gegen Brustkrebs. Denkt mal darüber nach.Die natürlichen Methoden der kath. Kirche sind billiger,genauso gut und beinhalten auch den Respekt des Mannes gegenüber der Frau, die dann nicht pausenlos zur Verfügung stehen muß. Die Pille hat uns nicht unabhängig gemacht, sondern verfügbarer. Im Falle einer therapeutischen Maßnahme ist diese sogar erlaubt. So verquer ist die off., päpstliche Doktrin nicht, im Gegenteil.Denkt mal über die Hintergründe nach. Die sind gerade für Frauen sehr positiv.

Verfasst von Gast am 3. Dezember 2009 - 14:16.

RE: Der Papst, die Welt, ein Buch und ein Kritiker

Josef Ratzinger, einer der fähigsten, anerkanntesten und intellektuellsten...

Josef Ratzinger, einer der fähigsten, anerkanntesten und intellektuellsten Theologen unserer Zeit-ganz gleich für wen, ob mit oder ohne Konfession und mit welcher Konfession (Ich bin Anglikaner.)-im Nebenamt Leiter der Katholischen Kirche.

Und wer ist Alan Posener? Eben.

Verfasst von Gast am 2. Dezember 2009 - 8:04.

RE: Der Papst, die Welt, ein Buch und ein Kritiker

Einzig und allein die Wahrheit zählt. Jesus Christus ist die Auferstehung, die...

Einzig und allein die Wahrheit zählt. Jesus Christus ist die Auferstehung, die Wahrheit und das Leben. ER ist das Fleisch gewordene Wort Gottes, durch welches unser himmlischer Vater diese Welt geschaffen hat. Wer uns aufrichtig, mit Weisheit und Kraft auf diesen, unsern HERRN hinweist, dem wir im Leben und im Sterben folgen wollen, dessen Freunde sind wir. Protestantisch sein, evangelisch sein, bedeutet, daß wir dem Wort Gottes folgen wollen. Deshalb müssen wir allen Tendenzen widerstehen, dieses Wort zu verfälschen und durch Produkte unsrer eigenen Fantasie zu ersetzen. Kirche ist dort, wo das Evangelium rein und unverfälscht und die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß verwaltet werden. Auch heute noch gelten die drei soli Luthers: solus Christus, sola gratia, sola scriptura. Von diesen reformatorischen Grundsätzen dürfen wir bei Strafe unsres Untergangs nicht abgehen. Das Gespräch mit andern Kirchen muß deshalb von der Liebe zur Wahrheit geprägt sein. Als Christen sind wir darüber hinaus gerufen, auch unsre Feinde zu lieben, in unsren eigenen Reihen,
in anderen Kirchen und auch in der Gesellschaft überhaupt.

Verfasst von Gast am 1. Dezember 2009 - 22:58.

RE: Der Papst, die Welt, ein Buch und ein Kritiker

"Der Protestant stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich...

"Der Protestant stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, wie die Katholiken oder gar der Papst." (Lk 18,11)
Schön das es andere Konfessionen gibt, auf die man zeigen kann.

Verfasst von Gast am 1. Dezember 2009 - 21:30.

RE: Der Papst, die Welt, ein Buch und ein Kritiker

Die Welt will diesen Papst nicht erstehen!!! Wenn ein sogenannter...

Die Welt will diesen Papst nicht erstehen!!!
Wenn ein sogenannter Interlektuller Kritiker negativ spricht oder schreibt, passt es so manchen in unserer Kirche.
Ich als Protestant bin froh, dass es diesen Mutigen Mann auf dem Stuhl Petri gibt.

Verfasst von Gast am 1. Dezember 2009 - 19:58.

RE: Der Papst, die Welt, ein Buch und ein Kritiker

Na, das freut doch die boshafte Protestantenseele. Da ist man dabei und...

Na, das freut doch die boshafte Protestantenseele. Da ist man dabei und beteiligt sich gerne an der Vebreitung des Gesagten. Kein Wunder das die Kirchen immer leerer werden. Alle Medallien haben 2 Seiten, komisch nur das die vielen guten Dinge die der Heilige Vater sagt und auch tut so gerne unter den Tisch fallen. Man will halt die Konkurrenz schlecht machen um sich besser zu fühlen und ganz nebenbei abzuwerben. Ihr habt mich gerade aus eurer Protestantenkirche rausgeworben.Kleiner Tipp : Ab und zu mal die Bibel lesen.

Verfasst von ChristianSpließ am 2. Dezember 2009 - 8:33.

RE: RE: Der Papst, die Welt, ein Buch und ein Kritiker

Manchmal lohnt es sich doch den Text des Artikel aufmerksam zu lesen, lieber...

Manchmal lohnt es sich doch den Text des Artikel aufmerksam zu lesen, lieber Gast - denn dann wird klar, dass es hier nicht darum geht die katholische Kirche oder den Papst generell von "unserer" Seite aus abzulehnen, sondern es geht um die dezidierte Kritik an diesem einen Buch - mit den Schwächen und Fehlern, die dieses hat. Aber es ist natürlich immer einfacher sich zuerst aufzuregen anstatt genauer nachzulesen.
Ad Astra

Verfasst von Gast am 4. Dezember 2009 - 20:03.

RE: RE: RE: Der Papst, die Welt, ein Buch und ein Kritiker

Und das wird meines Erachtens auch klar... Ein bischen gewundert habe ich mich...

Und das wird meines Erachtens auch klar...
Ein bischen gewundert habe ich mich allerdings über die ersten einleitenden Sätze. Der Text liebäugelt eben doch irgendwie mit einer bestimmten Richtung, wenn der Papst gleich am Anfang als ,,gefürchteter Großinquisitor" beschrieben wird (auch, wenn es sich nur um ein Zitat handeln sollte[Quelle?])
Ansonsten gefällt mir der Artikel und die Neutralität scheint mir durchaus gewart zu sein.

Verfasst von Gast am 5. Dezember 2009 - 19:19.

RE: RE: RE: RE: Der Papst, die Welt, ein Buch und ein Kritiker

Sie bezeichnen Posener als Protestanten, er selbst nennt sich "getauften...

Sie bezeichnen Posener als Protestanten, er selbst nennt sich "getauften Anglikaner und Atheisten". Etwas unentschlossen der Herr, aber angriffslustig bis bösartig und gleichzeitig wohlfühlig für die protestantische Seele. Dass ein Papst der Moderne nicht hinterherläuft, zeichnet ihn aus. Es wäre auch für die evangelische Kirche gut gewesen, wenn sie nicht jedem moderne Trend hinterher gelaufen wäre und hinterher läuft; ich meine da besonders die Zeit um und vor 1933, wo sich große Teile der evangelischen Kirche dem Modernen mit großer Emphase hingegeben haben. Das wäre vielleicht ein neues Thema für den Viel- und Querschreiber Posener.

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