Geburtstag - Messerscharfer Denker, faszinierender Prediger, unerschrockener Kommentator - für den evangelischen Theologen Eberhard Jüngel passen viele Etikette. Zu seinem 75. Geburtstag würdigte ihn die EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann als "Klassiker des 20. Jahrhunderts".
Die Arbeit des Tübinger Professors für Systematische Theologie, stößt seit Jahrzehnten weltweit auf Beachtung. Seine Bücher sind Standardwerke, vor allem das in zahlreiche Sprachen übersetzte Werk "Gott als Geheimnis der Welt". Jüngel ist ein Meister des Worts. Bei seinen Predigten in der Tübinger Stiftskirche gelang es ihm, die Zuhörer 45 Minuten lang zu fesseln. Er beschreibt Theologie als "Nachdenken über das, was uns vorgegeben ist in den Texten der Bibel". Darin findet er "die Wahrheit, die uns frei macht". Für sein Lebenswerk als Prediger erhielt er 2006 den ökumenischen Predigtpreis des Verlags für die Deutsche Wirtschaft.
Jüngel distanziert sich von "schlechter fundamentalistischer und kritischer Exegese". Bei der Auslegung legt der Wissenschaftler, der bis 2003 als Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Tübingen lehrte, die methodische Strenge der Philosophie an und pocht auf präzise und genaue Unterscheidungen. Im Bewusstsein seiner eigenen geistigen Stärke verlangt er auch von der Kirche, dass sie selbstbewusster auftritt und Mission wieder als etwas Positives versteht im Sinn eines bekennenden Christentums. Sein auf der EKD-Synode in Leipzig 1999 geäußertes Bonmot, eine missionsvergessene Kirche bekomme "Herzrhythmusstörungen", ist unzählige Male zitiert worden.
Langer Atem in der Ökumene
Er spricht vom "Stolz, evangelisch zu sein". Denn dazu gehöre das "herrliche Bewusstsein, dass ein glaubender Mensch ein freier, ein von Gott befreiter Mensch ist". Zugleich fordert er weitere Schritte in der Ökumene. Aber dafür sei ein "langer, langer Atem" nötig. Der vielfach ausgezeichnete Theologe ist Mitglied des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste sowie mehrerer in- und ausländischer Akademien. Bevor der aus Magdeburg stammende Jüngel 1969 nach Tübingen kam, war er ab 1965 Rektor der Kirchlichen Hochschule in Ostberlin. 1966 ging er an die Universität Zürich.
Mehr als 30 Jahre lang war Jüngel Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und auch Vorsitzender der Kammer für Theologie der EKD. Von 1987 bis 2005 leitet er das Evangelische Stift in Tübingen, eine traditionsreiche württembergische Ausbildungsstätte für Pfarrer. Auch nach seiner Emeritierung hat er sich in zahlreichen Zeitungsbeiträgen und Vorträgen - etwa auf Kirchentagen - zu Wort gemeldet und insbesondere zur Ökumene, aber auch zum Themenbereich Glück und Seligkeit aus philosophisch-theologischer Sicht Stellung genommen.
Kreativer theologischer Denker
Unter den zahlreichen Würdigungen, die Eberhard Jüngel erhielt, durfte jene der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nicht fehlen. Ratsvorsitzende Margot Käßmann schrieb in ihrer Gratulation, der Jubilar gehöre mit seinem Werk zu den "Klassikern der Theologie des 20. Jahrhunderts". Darin nennt die Landesbischöfin den Forscher einen "Virtuosen theologischer Unterscheidungen". Mit kreativem Denken habe er "Freude am Geheimnis des lebendigen Gottes geweckt und Menschen auf den Weg der Gott entsprechenden Liebe verwiesen".
















Kommentare
RE: Der Gläubige als ein von Gott befreiter Mensch
Das Feiern von "Klassikern", von großen Theologen gehört zum PR-Konzept der EKD, das der Legitimierung der eigenen Handlungsstrategien dienen soll. Zu Recht wird man Jüngel als einen Theologen der christlichen Freiheit ansprechen, nur ist sein Freiheitsbegriff ein total anderer als der der neoliberalen Kirchenreformer, die unter dem Slogan "Kirche der Freiheit" 2006 losgezogen sind, Mitchristen zu nötigen, und sein Missionsbegriff ein anderer als das Missionsverständnis in dem peinliche Ratswort, das sich vor durchgeknallte Fundamentalisten stellte und Druck auf Journalisten ausübte. Vielleicht wird es an einem einzigen Beispiel klar: Ein Buch Jüngels trägt, nach einem darin enthaltenen Aufsatz, den Titel WERTLOSE WAHRHEIT. Da liest man dann das gerade Gegenteil zur Praxis einer Kirche, die sich als eine, nein, DIE "Wertevermittlungsinstanz" aufspielt, die Böckenförde-Sentenz vor sich hertragend sich als staatstragend empfiehlt, Werbung mit Mission verwechselt und den christlichen Glauben auf die Frage "Was bringt mir das?" zurechttrimmt etc. Jüngel erkennt im besagten Buch: "Christliche Wahrheit ist die radikale Infragestellung der Rede von Werten und des Denkens in Werten."(S.100) und spricht von der "ökonomischen Imprägnierung des Begriffs."(S.98) Nein, aus Jüngel wird kein Kronzeuge der momentanen Kirchenpolitik, sondern eher ein Pfahl im Fleisch.
RE: RE: Der Gläubige als ein von Gott befreiter Mensch
K. Barth, R. Bultmann ... E. Jüngel gelten als große Denker und begnadete Prediger. Das waren bzw. sind sie sicherlich auch. Dennoch, auch für sie sollte gelten: "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen". Und die zeigen sich nicht in der Anerkennung durch Fachkollegen sondern sonntags in den Kirchenbänken. Denn diese großen Denker prägen heute die Ausbildung der Pfarrer. Die tragen deren großes Denken auf die Kanzeln - und erzielen damit Ergebnisse, die alles andere als überzeugend sind (s. z. B. "Impulspapier").
Kurz: in der Fachtheologie muß etwas grundsätzlich schief laufen. Denn die wird immer "messerschärfer", d. h. wissenschaftlicher, doch die Kirchenbänke werden immer leerer. So lange unsere Kirche sich dieser Frage nicht stellt, solange dürfte der 'garstige Graben' immer tiefer werden zwischen Kanzel und Kirchenbänken, zwischen wissenschaftlicher Theologie und Gemeinde, zwischen großem Denken und den schlichten Alltagsfragen der 'normalen Menschen'.