"Der EKD-Rat hat einen Traumstart hingelegt"

Der neue Rat der EKD ist seit Ende Oktober des vergangenen Jahres im Amt. Foto: epd

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland: (vorne v.l.n.r.) Landesbischof Jochen Bohl, Gesine Weinmiller, Landesbischöfin Margot Käßmann, Präses Nikolaus Schneider, Tabea Dölker; (hinten v.l.n.r.) Landesbischof Ulrich Fischer, Marlehn Thieme, Jann Schmidt, Klaus Winterhoff, Elke Eisenschmidt, Landesbischof Johannes Friedrich, Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt, Fidon Mwombeki. Nicht anwesend ist Uwe Michelsen. Foto: epd

Analyse - Ende Oktober hat die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Ulm aus ihren Reihen einen neuen Rat gewählt. Dieser ist nun seit 100 Tagen im Amt. Ulrike Trautwein ist Gemeindepfarrerin in Frankfurt. Für evangelisch.de hat sie eine persönliche 100-Tages-Bilanz des neuen EKD-Rates verfasst.

Von Ulrike Trautwein

In diesen Tagen werden in den Medien 100-Tage-Bilanzen gezogen. Man darf davon ausgehen, dass eine ganze Reihe davon sehr kritisch ausfallen wird. Die neue Bundesregierung jedenfalls bietet für viele Anlass zur Kritik. Einen erfrischenden Kontrast bietet da wohl die Bilanz, die man nach den 100 Tagen neuer Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland ziehen kann. Der Rat mit seiner neuen Vorsitzenden Margot Käßmann hat einen Traumstart hingelegt.

Dies liegt zunächst einmal an Margot Käßmann selbst. Eher unfreiwillig hat sie mit ihrer Neujahrspredigt eine breite gesellschaftliche Debatte über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan ausgelöst. Die wichtige Frage, wie es in Afghanistan weitergehen soll, würde ohne Margot Käßmann wohl nicht so intensiv in der Gesellschaft diskutiert wie jetzt. Es ist ein Erfolg für die Evangelische Kirche, dass es ihr gelingt, Themen – hier das Thema Frieden – zu setzen und eigene Akzente in den Vordergrund zu stellen. Für die gute Arbeitsatmosphäre im neuen Rat spricht, dass er sich hinter seine Vorsitzende gestellt und sie in der Diskussion mit Kritikern unterstützt hat.

Nah bei den Menschen

Margot Käßmann gelingt es, die Menschen an der Kirchenbasis zu erreichen. Es gelingt ihr, weil sie nah an den Menschen ist und deren Ängste und Nöte versteht. Sie kann in einfache - aber nicht banale! - Worte fassen, was Menschen bewegt. Ihre seelsorgerlichen Fähigkeiten hat sie unter anderem mit ihrer Trauerrede für den verstorbenen Nationaltorhüter Robert Enke bewiesen. Margot Käßmann trifft die Menschen direkt ins Herz. Zu wichtigen gesellschaftlichen Fragen wie Krankheit, Beziehung und Erziehung kann sie auch aufgrund ihrer Biografie glaubwürdige Antworten geben, die für viele Menschen nachvollziehbar und verstehbar sind. Wohl auch deshalb erlebe ich, dass auch eher kirchenferne Menschen die evangelische Kirche wieder intensiver wahrnehmen. Bei meinen Gemeindemitgliedern stelle ich fest, dass sie stolz darauf sind, eine so profilierte Ratsvorsitzende wie Margot Käßmann zu haben.

Auch innerkirchlich hat der neue Rat einen guten Start hingelegt. Am vergangenen Wochenende habe ich an einer Tagung des Rates mit den leitenden Geistlichen teilgenommen, bei der über die Situation der Pfarrerinnen und Pfarrer in unserer Kirchen diskutiert wurde, um sie besser in die nötigen Reformprozesse der Evangelischen Kirche einzubinden. Gerade Margot Käßmann hat die schwierige Lage der Pfarrerinnen und Pfarrer und deren Bedeutung für einen erfolgreichen Reformprozess erkannt. Wie es den Verantwortlichen gelingen wird, die "Arbeiter an der Basis" einzubinden und so den Reformprozess positiv zu gestalten, muss die Zukunft zeigen. Aufgrund der bislang guten Zusammenarbeit des Rates, neben Margot Käßmann maßgeblich mitgetragen auch durch den rheinischen Präses Nikolaus Schneider, bin ich aber sehr optimistisch.

Streiten und versöhnen

Der neue Rat hat einen guten Start hingelegt, aber die Strecke ist noch lang. Die Afghanistan-Debatte hat gezeigt, dass sehr stark wahrgenommen wird, wenn der Rat sich zu ethischen Fragen äußert. Hier liegt auch eine besondere Verantwortung. Fragen zu Themen wie Ökologie, Bildung, Sterbehilfe aber etwa auch die Debatte über den Umgang der Kirche mit den eigenen Gebäuden werden weiter eine wichtige Rolle spielen. Kirche muss vorleben, was sie an anderer Stelle fordert. Und nicht immer wird es in allen Punkten Einigkeit geben. Ich jedenfalls bin gespannt darauf, welche Konfliktlinien sich im neuen Rat, aber auch in der Synode, entwickeln werden. Als positiv habe ich dabei immer empfunden, dass unsere Kirche bei allem Streit am Ende immer in der Lage ist, sich zusammenzuraufen und Versöhnung auch zu leben.

 


Ulrike Trautwein (Jg. 1958), Frankfurt a.M., ist Gemeindepfarrerin in Frankfurt-Bockenheim, davor im oberhessischen Laubach. Sie ist Autorin für Verkündigungssendungen im Hessischen Rundfunk und Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. In Ulm kandidierte sie für den Rat der EKD.

Kommentare

"Arbeiter an der Basis"

So sehr ich die Einschätzung der Kollegin Trautmann in Bezug auf die Person der Ratsvorsitzenden teile, so irritiert mich doch ihre Wortwahl bei den innerkirchlichen Entwicklungen. Zweimal ist da von "Einbinden" der PfarrerInnen, der "Arbeiter an der Basis" die Rede in Konzepte "der Verantwortlichen", dreimal als "Reformprozess" angesprochen. Hier steht evangelische Ekklesiologie auf dem Kopf, die von der Gemeinde und dem Amt der Verkündigung her zu denken ist und denen alle weiteren Funktionen in der Kirche zu dienen haben. Das Modewort "einbinden", das assoziativ alles andere als christliche Freiheit verrät, zeigt, dass die gründliche Revision der schweren Fehler in der Ära Huber immer noch nicht angegangen wird. Nötig ist die eindeutige Distanzierung von der Agenda "Kirche der Freiheit" (2006), so wie sie politisch von der geistesverwandten Agenda 2010 erfolgt. Es ist durch dieses den Pfarrerstand verachtende Top-Down-Konzept zuviel Schaden entstanden, als dass bloßes Zurückrudern ausreichte.

Neustart des EKD-Rates und Vorleben der Forderungen

Pfarrerin Trautwein verlangt im letzten Absatz, die Kirche müsse sich selbst nach ihren Forderungen an andere richten. Sie habe es bisher auch vermocht, gegensätzliche Standpunkte zu versöhnen. Bischöfin Dr. Käßmann hat von der Politik mehr Friedensphantasie verlangt (Afghanistan). Das ist gut. Aber läßt sich übersehen, dass die Mitglieder der Kirche, die Gottesdienste besuchen und an Kirchenwahlen teilnehmen, meist das frühere Auschließlichkeitsdenken beibehalten haben? Heil nur in und bei der Kirche? Heute, in Zeiten der Globalisierung, reicht das nicht aus. Wenn wir als Christen Frieden verbreiten wollen, müssen wir die konkurrierenden Weltreligionen nicht nur erdulden, wir müssen sie als überwiegende Partner begreifen und behandeln. Dann wäre auch verständlich, wenn wir zur Beendigung des Nahostkonfliktes  uns für einen Bundessstaat in Palästina einsetzten, in dem Muslime und Juden sich gegenseitig mit ihren Talenten helfen.

 

 

Ich kann mich den

Ich kann mich den Ausführungen von Frau Trautwein nur anschließen und finde es großartig, dass sie sich evangelisch.de für eine persönliche Einschätzung zur Verfügung gestellt hat.

Wirklich Traumstart der neuen EKD-Spitze?

Die ersten 100 Tage würde ich als gut bezeichnen. Ein Traumstart ist bei der verfahrenen Lage der Kirche gar nicht möglich. Natürlich richten sich die Startmöglichkeiten - auch der Bundesregierung- nach den Begleitumständen. Wir stecken mitten in einer wirtschaftlichen und noch mehr in einer spirituellen Krise. Wenn sich die Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Dr. Käßmann freimütig und kurz zu Afghanistan äußert, dann geht es nicht nur um Ethik, Politik, dann geht es auch darum, ob die Kirche nicht immer noch Teil des Problems ist, ob sie die kultuellen Spannungen nicht durch Stagnation und Ausschließlichkeitsdünkel verschärft? Mir erscheint die Amtskirche wie in einem Elfenbeinschloß abgehoben von der Menge der Gläubigen. Kürzlich, vor einemm halben Jahr, war z.b. in Hessen-Nassau, Kirchenvorstandswahl, mit einer mageren Wahlbeteiligung von 22%! Das ist Skandal! Das ist undemokratisch. Das schließt eigentlich jede synodale Äußerung zu Glaubensinhalten aus,, weil sie nicht demokratisch gedeckt sind!

Aber 100 Tage sind ein Anfang. Es war, alles  in allem, gut. Doch es muß weiter gehen!

Traumstart???

Ist das so? Beim Lesen dieser Zeilen muß ich mir ein wenig die Augen reiben. "Nichts ist gut in Afghanistan", ein Satz, der breitesten Protest durch alle Schichten, einschließlich der Betroffenen, der Soldatenpfarrer, hervorgerufen hat. Eine Diskussion hat Käßmann in der Tat ausgelöst, und das mag auch ein erreichenswerter Zweck sein, doch wurde das Mittel mit dem einmütigen Urteil "sie hatte keine Ahnung, wovon sie da sprach" abgestraft.

Schlimmer noch: Ich habe den Rat der EKD und seine Vorsitzende in den vergangenen 100 Tagen an keiner weiteren Stelle in den Medien herausragend wahrgenommen. Klar, negative Presse ist eben auch Presse, aber insgesamt würde ich das Quartal leider eher ein PR-Desaster nennen - "Traumstart" scheint mir ein Euphemismus vom Ausmaß fast nordkoreanischer Propaganda.

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