Armenhilfe - Ihr Name wird weltweit gleichbedeutend mit selbstloser Nächstenliebe verwendet. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die seliggesprochene Ordensschwester aus Kalkutta als Frau voller irritierender Widersprüche.
"Der höchste Zweck des menschlichen Lebens besteht darin, in Frieden mit Gott zu sterben."
(Mutter Teresa)
Sie ließ nie einen Zweifel daran, dass die Liebe ein hartes Geschäft ist. "Wir müssen geben, bis es wehtut", pflegte Mutter Teresa zu sagen. Geschäftsleuten, die bei einem Bankett für sie gesammelt hatten, erteilte sie den skeptischen Rat: "Ich hoffe, Sie geben nicht nur aus dem Überfluss heraus. Sie müssen etwas geben, das Sie etwas kostet." Vor 100 Jahren, am 26. August 1910, kam sie als Agnes Gonxha Bojaxhiu zur Welt. Bereits 2003, sechs Jahre nach ihrem Tod, wurde sie im kürzesten Verfahren der Neuzeit von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.
Die Slums vor Augen
Geboren wurde Agnes in wohlhabenden Verhältnissen im heute mazedonischen Skopje, das damals zum Osmanischen Reich gehörte. Der Vater führte ein Architekturbüro. Agnes besuchte die höhere Schule - in ihrer Umwelt für Mädchen ungewöhnlich - und zeigte Begabung für Musik. Doch mit 18 Jahren entschloss sie sich zu einem Leben in der Bengalenmission.
Von diesem Zeitpunkt an liest sich ihre Biografie wie die einer Heiligen: In der St. Mary's High School im indischen Kalkutta unterrichtet Schwester Teresa, wie man sie nun nennt, jahrelang Erdkunde und steigt bis zur Direktorin auf. Die 500 Schülerinnen kommen aus der schmalen bürgerlichen Oberschicht Kalkuttas. Aber gleich hinter den Mauern der High School erstreckt sich ein riesiger Slum, der Geruch des Elends dringt in den Collegebezirk.
Schwester Teresa nimmt ein paar Schülerinnen mit, packt Jod und Verbandszeug ein, durchstreift den Slum, sieht die Armut, hilft, wo sie nur kann - und hat ein schlechtes Gewissen, wenn sie in ihr schön möbliertes Kloster zurückkehrt. Mit 36 Jahren fasst sie 1946 den Entschluss, noch einmal "auszusteigen", der Entscheidung für die harte Existenz im Orden eine noch härtere hinzuzufügen: "Ich musste das Kloster verlassen und den Armen helfen, indem ich unter ihnen lebte. Ich hörte den Ruf, alles aufzugeben und Christus in die Slums zu folgen, um ihm unter den Ärmsten der Armen zu dienen."
Eine Hütte in Kalkutta
In Elementarkursen macht sich Teresa daraufhin "in Grundzügen" mit Hygiene und Krankenpflege vertraut, erzählt man sich später. Dann mietet sie in Kalkutta, mitten im Elendsviertel, eine Hütte. Sie bringt Kindern das Alphabet bei, mit einem Stecken kratzt sie die Buchstaben in den Lehmboden. Sie geht betteln, um halbverhungerten Familien Essen bringen zu können. Sie pflegt Kranke, besucht die Spitäler.
Etliche junge Mädchen - meist ehemalige Schülerinnen - schließen sich ihr an und tragen einen weißen Sari. 1950 wird der neue Orden der "Missionarinnen der Nächstenliebe" gegründet. Inzwischen sind auch Europäerinnen, US-Amerikanerinnen und Afrikanerinnen dabei: die "Missionarinnen der Nächstenliebe". Es sollten weltweit Tausende werden.
Die Energie ihrer kleinwüchsig-hageren, immer ein wenig gebeugt gehenden Oberin scheint unerschöpflich zu sein. Mutter Teresa spricht leise über die Armen in Kalkutta, doch im Bewusstsein, dass ihr die Aufmerksamkeit auch in Universitäten und auf Kongressen sicher ist: "Sie haben wie die Tiere gelebt. Da sollen sie wenigstens wie Menschen sterben!"
Hunderte Millionen auf dem Spendenkonto
Insbesondere das Sterben mit christlichem Beistand lag Mutter Teresa am Herzen - entgegen landläufigen Vorstellungen betrieb sie nämlich in erster Linie keine Heil- und Pflegestätten, sondern Sterbehäuser, daneben eine Leprakolonie und ein Haus für ledige Mütter. Ausländische Journalisten wie der damalige "Geo"-Reporter Alexander Smoltczyk erlebten fassungslos mit, dass Kranken statt simplen, vermutlich lebensrettenden Antibiotika Gebete und die Letzte Ölung verabreicht wurden.
Auch das Finanzgebaren der nach eigenem Bekunden "desorganisiertesten Organisation der Welt" blieb bis heute im Zwielicht. In einem einzigen Jahr sollen etwa 50 Millionen Dollar auf einem New Yorker Girokonto der Schwestern eingegangen sein - mit dem wachsenden Ruhm ihrer Leiterin dem Vernehmen nach keine ungewöhnliche Bilanz.
"Wo sind ihre Millionen?", fragte der "Stern" 1998 und rechnete vor, dass die Missionarinnen aufgrund der weltweiten Spendenflut für die berühmte "Mutter" vermutlich "jährlich dreimal soviel Geld zur Verfügung hat, wie das Kinderhilfswerk Unicef in Indien ausgeben kann". Das bis heute unbezifferte Vermögen des Ordens verwaltet die Vatikanbank.
Sparen blieb in Kalkutta derweil oberstes Prinzip. "Computer, Schreibmaschinen, Fotokopierer sind in ihren Häusern verboten", heißt es in dem Bericht weiter. "Selbst wenn sie gespendet werden, dürfen sie nicht eingesetzt werden. Zur Buchführung benutzen die Schwestern Schulhefte, die sie eng mit Bleistift beschreiben. Bis sie voll sind. Dann wird alles ausradiert und von neuem benutzt. Um zu sparen."
"Unterlassene Hilfeleistung"?
Der Chefredakteur des angesehenen britischen Medizinjournals "The Lancet" beschrieb die katastrophalen Versorgungsbedingungen in den Einrichtungen des Ordens in vornehmer Zurückhaltung so: "Systematisches Vorgehen ist dem Wesen dieses Heimes fremd. Mutter Teresa zieht die Vorsehung der Planung vor."
Andere Besucher des Ordens schilderten, dass Tuberkulosekranke nicht isoliert und Spritzen nur in lauwarmem Wasser ausgespült wurden. Schmerzmittel gab es aus Prinzip nicht. Der englische "Guardian" nannte Mutter Teresas Sterbehospiz gar "eine organisierte Form unterlassener Hilfeleistung".
Das einzige Konzept des inzwischen reichen Ordens lautete Mildtätigkeit - für die Veränderung der Armutsursachen interessierten sich sie Schwestern ebenso wenig wie für die Zusammenarbeit mit den etwa 200 anderen aktiven Hilfsorganisationen in Kalkutta. Zugleich machte Mutter Teresa aus ihrer erzkonservativen Grundhaltung keinen Hehl und daraus, dass ihr das Leben nach dem Tode weitaus wichtiger war als das davor.
Kämpferin gegen Abtreibung
Während sie am Grab des albanischen Diktators Enver Hodscha Blumen niederlegte, setzte sie sich bedingungslos gegen Abtreibung und Geburtenkontrolle ein und machte in ihrer Ansprache zur Verleihung des Friedensnobelpreises 1979 unmissverständlich deutlich: "Nach meiner Überzeugung ist der größte Zerstörer des Friedens die Abtreibung, denn sie ist ein direkter Krieg, ein direktes Töten, ein direkter Mord durch die Mutter selbst." Abtreibungen nannte sie "eine Perversion".
"Der Platz Gottes in meiner Seele ist leer, in mir ist kein Gott", schrieb sie in ihren privaten Aufzeichnungen, deren Veröffentlichung vor wenigen Jahren treue Anhänger schockierte. Doch das Gefühl, von Gott nicht geliebt zu sein, bringe sie den Armen noch näher und bedeute die Teilnahme an der Passion Jesu, erklärte die Nonne.
Nach einer schweren Herzerkrankung 1989 wollte sie die Leitung des Ordens abgeben, der Papst nahm ihren Rücktritt allerdings erst 1997 an. Wenig später, am 5. September 1997, starb Mutter Teresa im Alter von 87 Jahren in Kalkutta. Ihr Begräbnis in Kalkutta besuchten mehr als eine Million Menschen.
Selig - und bald heilig?
Da nach katholischem Reglement nur seliggesprochen werden kann, wer Wunder bewirkt hat, dient als Beweis im Fall der Ordensschwester eine Frau, die von einem Eierstocktumor geheilt worden sein soll, nachdem man ihr ein Teresa-Bildnis auf den Unterleib gelegt hatte.
Nicht wenige in der katholischen Kirche forderten unmittelbar nach Mutter Teresas Tod auch ihre Heiligsprechung. Der Boden für einen unverstellten Blick auf die tatsächlichen Verdienste und Fehler der Rastlosen muss indes erst noch bereitet werden.
Thomas Östreicher ist freier Mitarbeiter bei evangelisch.de.







Kommentare
Empfindung
Nach meinem Empfinden ein unglaublich liebloser Artikel.
Mag sein, dass bei Mutter
Mag sein, dass bei Mutter Theresa einiges nach heutigem Maßstab unzulänglich war. Aber es muss doch gefragt werden: Wer hat den Ärmsten der Armen sonst geholfen?? Mit Mutter Theresa und ihren Schwestern erhielten sie Hilfe - wie auch immer. Wer da von unterlassener Hilfeleistung spricht, soll bitte zuerst fragen, wer sonst etwas für diese von aller Welt verlassenen Menschen getan hat, oder die Hilfe in diesen Elendsvierteln selbst besser machen. Es ist sicher leicht, aus dem klimatisierten und sauberen Büros mit sattem Magen und bei bester Gesundheit, einem chiquen Auto vor der Tür, das einen nach Büroschluß in die schöne Wohnung bringt, die Arbeit der Schwestern zu kritisieren, die da halfen, wo sonst niemand half. Zudem finde ich es äußerst fraglich, heutige womöglich europäische Maßstäbe an das Verhalten von Mutter Theresa vor einigen Jahrzehnten anzulegen. Auch hier scheint mir die Kritik als Kritik um der Kritik willen geäußert, weil es in den Tagen wachsenden Kirchenhasses nicht sein kann, dass eine Mutter Theresa nicht auch wenigstens ambivalent ist. Extrem schade finde ich, dass evangelisch.de solche Kritik kritiklos und unkritisch übernimmt... :( Leider passt das zu vielen anderen Beiträgen, die schlecht recherchiert oder einfach unkritisch runtergeschrieben wirken ...
Es steht bis heute jedem der Kritiker frei, sich selbst in den Slums zu engagieren und die Hilfe so aufzuziehen, wie sie angemessen ist.
Ich ziehe weiter den Hut vor der Frau, die zu allererst nach den notleidenden Menschen geschaut hat und geholfen hat - wie auch immer - statt zunächst eine professionelle Organisation mit zig Verwaltungsfuzzis aufzuziehen, die sich nie die Finger schmutzig machen wollen.
Anerkannte Schwestern
Hier in meiner Nachbarschaft gibt es eine Niederlassung der Mutter-Teresa-Schwestern. Sie wurde schon 1983, also zu Zeiten der DDR, gegründet. Sie leisten eine sehr überzeugende Arbeit und sind allgemein anerkannt. Hier ein Beitrag des MDR.
Heiligsprechungsverfahren sind eine erprobte Methode, eine Person und ihr Tun in allen Facetten auszuleuchten, mit dem sprichwörtlichen "Advocatus diaboli", der die kritischen Fragen einbringt.