Bonhoeffer als ökumenischen Märtyrer gewürdigt

Bonhoeffer

Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller vor der Gedenktafel für Dietrich Bonhoeffer und weitere Widerstandskämpfer in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Foto: Jürgen Henkel

NS-Opfer - Dass ein katholischer Bischof über einen evangelischen Märtyrer schreibt, ist nicht alltäglich. Doch Gerhard Ludwig Müller ist seit langem mit dem Werk Dietrich Bonhoeffers vertraut. Der heutige Regensburger Bischof wurde 1977 von Karl Lehmann über Bonhoeffers Theologie der Sakramente promoviert. Nun hat er ein neues Buch über den evangelischen Theologen, Pfarrer und Widerstandskämpfer vorgelegt - und am Dienstagabend in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg selbst vorgestellt.

Von Jürgen Henkel

Der Band bietet eine hintergründige Einführung in Bonhoeffers Leben bis zum Martyrium im KZ von Flossenbürg am 9. April 1945 sowie in dessen Theologie. Müller zeigt Konvergenzen und Differenzen zwischen Dietrich Bonhoeffer und der katholischen Theologie auf und erschließt den evangelischen Theologen als ökumenische Märtyrergestalt, der die verbrecherische Nazi-Ideologie schon früh als wahrhaft antichristlich bekämpfte.

Zwei Fragen ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch: welchen Einfluss hatte die katholische Theologie auf das Denken und die Frömmigkeit Bonhoeffers und wie kann das Christentum in der modernen Welt bestehen? Vieles Überraschende an Bonhoeffer wird verständlich, wenn Müller dessen Aufenthalte in Barcelona, Rom, New York und London als prägend für die persönliche und theologische Entwicklung des evangelischen Theologen herausarbeitet. Als Mitglied der Bekennenden Kirche führte schließlich der Widerstand gegen das Nazi-Regime bereits 1936 zum Lehrverbot für die Universität. 1943 wurde er inhaftiert, 1945 im KZ Flossenbürg ermordet.

"Herausforderung für Christentum und Glauben"

Aus seiner Theologie heraus wird Bonhoeffer ideologiekritisch: "Indem er aus dem Ursprung des Christlichen denkt und handelt, deckt er den unüberbrückbaren Widerspruch von theologischer und ideologischer Weltsicht auf", schreibt Müller dazu. Sehr präzise zeichnet der Regensburger Bischof nach, wie Bonhoeffer mit theologischen Argumenten die Nazi-Ideologie verwirft.

Eine ohne Gott vermeintlich mündig gewordene Welt und das religionslos gewordene Christentum entlarve Bonhoeffer als "Selbstfixierung des Menschen" und erkenne dies als "Herausforderung für das Christentum und den Glauben", der er sich bis zum Tod gestellt hat. Müller unterstreicht in seinem Buch, dass die Nachfolge für Bonhoeffer auch den "Gedanken der Nachfolge im Leiden" beinhaltet und macht deutlich: "Glaube und Zivilcourage (…) sind für ihn keine hohlen Worte, sondern Koordinaten seiner Existenz."

Der vorliegende Band bietet eine ansprechend gestaltete, gut lesbare und inhaltlich gediegene Einführung zu Dietrich Bonhoeffer und seiner Theologie. Gerhard Ludwig Müller würdigt Bonhoeffer als ökumenischen Märtyrer und bietet eine für Laien wie Kenner, evangelische wie katholische Christen gleichermaßen anregende Lektüre. Bei der Präsentation des Buchs gedachten die Teilnehmer im Schweigen und Gebet des Märtyrers Dietrich Bonhoeffer. Zuvor beantwortete der Regensburger Bischof einige Fragen von evangelisch.de.

Interview: Bonhoeffers Offenheit für die Ökumene

evangelisch.de: Herr Bischof, warum beschäftigt sich ein katholischer Bischof und Theologe ausgerechnet mit Dietrich Bonhoeffer?

Müller: Dietrich Bonhoeffer hat mit seiner Theologie in schwieriger Zeit versucht, den Menschen die frohe Botschaft zu vermitteln. Dabei ging es ihm um eine Verinnerlichung der Beziehung des Menschen zu Gott. Die Betonung der existenziellen Bedeutung des Glaubens, der den Menschen unbedingt angeht, ist unter den geschichtlichen Vorbedingungen durch den nationalsozialistischen Terror von prägender Bedeutung.

evangelisch.de: Worin besteht die ökumenische Bedeutung von Bonhoeffers Theologie und seinem Martyrium?

Müller: Seine ökumenische Bedeutung liegt zum einen darin, dass er schon von Anfang an den Weg der Ökumene mitgegangen und mitgestaltet hat. Es ist das Verdienst dieser Generation von Theologen, an den uns verbindenden Elementen festzuhalten, um sich als Christen den gesellschaftlichen und politischen Meinungen und Systemen, wenn nötig, entgegenzustellen. Deshalb fasziniert sein Tod. Weil er unbeugsam, wie so viele andere Christen auch, die Botschaft Jesu gegen den zerstörerischen Wahn vertreten hat – bis zu seinem Tode.

evangelisch.de: Was können die Kirchen heute von Bonhoeffer lernen?

Müller: Sein unermüdliches Ringen um die Wahrheit, seine Offenheit für die Ökumene, seine Leidenschaft in der Verkündigung und sein wahrhaft vorbildliches Einstehen für den Glauben, sowie seine Gewissheit, in Gott geborgen zu sein.

Gerhard Ludwig Müller: Dietrich Bonhoeffer begegnen, Augsburg 2010. Sankt-Ulrich-Verlag, 160 Seiten, 12,90 Euro (ISBN 978-3-86744-131-5).

 

 

 

 

 

 

 


Dr. Jürgen Henkel, geboren 1970 in Bad Windsheim, ist Pfarrer, Journalist und Publizist. Von 2003 bis 2008 war er Leiter der Evangelischen Akademie Siebenbürgen (EAS) in Sibiu/Hermannstadt, seitdem ist er Gemeindepfarrer im oberfränkischen Erkersreuth.

Kommentare

Verfasst von Gast am 7. Mai 2010 - 16:29.

Bonhoeffer katholisch-ökumenisch?

Fragt sich, was im Buch von Bischof Müller tatsächlich steht. "Eine ohne Gott...

Fragt sich, was im Buch von Bischof Müller tatsächlich steht.
"Eine ohne Gott vermeintlich mündig gewordene Welt und das religionslos gewordene Christentum entlarve Bonhoeffer als "Selbstfixierung des Menschen" und erkenne dies als "Herausforderung für das Christentum und den Glauben", der er sich bis zum Tod gestellt hat." - wenn das richtig referiert ist, dann hat HGF recht, es mit den Bonhoeffer-Zitaten zu konfrontieren. Dann wird Bonhoeffer völlig verfälschend für die katholische Neuzeit-Verweigerung, für die sattsam bekannte Dauerpolemik gegen das autonome Subjekt vereinnahmt. Bonhoeffers nicht zu Ende geführten Überlegungen in der Haft werten Mündigkeit so positiv, sehen Säkularisierung - entgegen der Killerphrase von der "Selbstsäkularisierung", mit der die Evang. Funktionärskirche zur Zeit eine Reklerikaliierung betreibt - so klar als Konsequenz der Reformation, widersprechen dem Wunschdenken von der Wiederkehr der Religion so schön, dass die heutige Evangelische Kirche dran zu kauen hat.
Beten (beruhend auf der ganz und gar vertrauensvollen Gottesbeziehung) und Tun des Gerechten (beruhend auf der ganz und gar misstrauischen Beziehung zu Herrschaft in Wirtschaft, Staat und Kirche) genügen. Der christliche Glaube ist ungleich Religion, die heute wieder als "Opium des Volkes" gebraucht wird - allerdings auf einem großen religiösen Drogeriemarkt.

Verfasst von HGF am 6. Mai 2010 - 9:55.

Bonhoeffer zu Religion und Mündigkeit

Bonhoeffer "entlarvt" also eine "vermeintlich mündig...

Bonhoeffer "entlarvt" also eine "vermeintlich mündig gewordene Welt" als unchristlich und als "selbstfixiert"? Bonhoeffer sagt einem "religionslos gewordenen Christentum" also den Kampf an? Hören wir, was Bonhoeffer selbst dazu sagt; die Zitate sind dem von E. Bethge herausgegeben Band "Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft" entnommen:
"Unsere gesamte 1900jährige christliche Verkündigung und Theologie ... baut auf dem 'religiösen Apriori' auf. ... Wenn nun aber eines Tages deutlich wird, daß dieses 'Apriori' gar nicht existiert, sondern daß es eine geschichtlich bedingte und vergängliche Ausdrucksform des Menschen gewesen ist ... Unserem ganzen bisherigen 'Christentum' wird das Fundament entzogen und es sind nur noch ... ein paar intellektuell Unredliche, bei denen wir religiös landen können. ... Wie sprechen wir 'weltlich' von 'Gott', wie sind wir 'religionslos-weltlich' Christen ... als ganz zur Welt Gehörige? Christus ist dann nicht mehr Gegenstand der Religion, sondern etwas ganz anderes, wirklich Herr der Welt." (30.04.1944)
"Der Mensch hat gelernt, in allen wichtigen Fragen mit sich selbst fertig zu werden ohne Zuhilfenahme der 'Arbeitshypothese: Gott'. In wissenschaftlichen, künstlerischen und ethischen Fragen ist das eine Selbstverständlichkeit geworden, an die man kaum mehr zu rühren wagt; seit etwa 100 Jahren gilt das aber im zunehmenden Maße auch für die religiösen Fragen; es zeigt sich, dass alles auch ohne 'Gott' geht und zwar ebenso gut wie vorher. ... Die Attacke der christlichen Apologetik auf die Mündigkeit der Welt halte ich erstens für sinnlos, zweitens für unvornehm, drittens für unchristlich. Sinnlos – weil sie mir wie der Versuch erscheint, einen Mann ... von lauter Dingen abhängig zu machen, von denen er faktisch nicht mehr abhängig ist, ihn in Probleme hineinzustoßen, die für ihn faktisch nicht mehr Probleme sind. Unvornehm – weil hier ein Ausnutzen der Schwäche eines Menschen zu ihm fremden, von ihm nicht frei bejahten Zwecken versucht wird. Unchristlich – weil Christus mit einer bestimmten Stufe der Religiosität ... verwechselt wird." (08.06.1944)
"Gelingt es aber nicht, den Menschen dazu zu bringen, daß er sein Glück als sein Unheil, seine Gesundheit als seine Krankheit, seine Lebenskraft als seine Verzweiflung ansieht und bezeichnet, dann ist das Latein der Theologen am Ende. ... Niemals hat Jesus die Gesundheit, die Kraft, das Glück eines Menschen an sich in Frage gestellt und wie eine faule Frucht angesehen; warum hätte er sonst Kranke gesund gemacht, Schwachen die Kraft wiedergegeben?" (30.06.1944)
"Die Verdrängung Gottes aus der Welt ... führte zu dem Versuch, ihn wenigstens in dem Bereich des 'Persönlichen', 'Innerlichen', 'Privaten' noch festzuhalten. ... Die Kammerdienergeheimnisse – um es grob zu sagen – d. h. also der Bereich des Intimen (vom Gebet bis zur Sexualität) – wurden das Jagdgebiet der modernen Seelsorger. Darin gleichen sie ... den übelsten Asphaltjournalisten ... hier, um die Menschen gesellschaftlich, finanziell, politisch zu erpressen - dort, um sie religiös zu erpressen. ... Ich will also darauf hinaus, daß man Gott nicht noch an irgendeiner allerletzten heimlichen Stelle hineinschmuggelt, sondern daß man die Mündigkeit der Welt und des Menschen einfach anerkennt." (08.07.1944)
"Und wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, daß wir in der Welt leben müssen – 'etsi deus non daretur'. ... Gott gibt uns zu wissen, daß wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. ... Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott läßt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns." (16.07.1944)
Am letzten Zitat zeigt sich m. E. aber auch das Problem, das Bonhoeffer nicht mehr lösen konnte, die Dialektik, der die Synthese fehlt. Mündigkeit meint ungleich mehr, als von einem bestimmten Entwicklungsstand an auf die Hilfe eines Stärkeren und Klügeren verzichten zu können; Mündigkeit – und zwar zuvörderst in der Nächstenliebe! – ist immer auch ein Akt der Emanzipation, das unbedingte "Ja" zum Nächsten immer schon ein prinzipielles "Nein" zum Urteilsspruch des Gottes. Hier hätte die Theologie nach Bonhoeffer, die Theologie nach 1945 ansetzen müssen. Daß sie gerade das aber nicht getan hat, beweist nicht zuletzt Jürgen Henkels Artikel.

"You can fool some of the people all of the time, and all of the people some of the time, but you can not fool all of the people all of the time." (A. Lincoln zugesprochen)

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