Studie - Wie können evangelische Gottesdienste attraktiver gestaltet werden? Eine neue EKD-Orientierungshilfe gibt Hinweise, wie die Zahl der sonntäglichen Kirchgänger erhöht werden kann.
Knapp eine Million Menschen besuchen regelmäßig die evangelischen Sonntagsgottesdienste in Deutschland - das sind weniger als vier Prozent aller Protestanten. Der traditionelle Kirchgang ist einem "punktuellen Gottesdienstbesuch zu bestimmten Anlässen" gewichen, stellt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) fest und will deshalb die sonntäglichen Feiern attraktiver und einladender gestalten. "Alle, die kommen, sollen sich angesprochen fühlen", heißt es in einer am Montag in Berlin vorgestellten EKD-Studie. Wie aber spricht man Menschen so an, dass sie am nächsten Sonntag wiederkommen?
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Die Überlegungen der fast 100-seitigen Orientierungshilfe, die der scheidende EKD-Ratschef Bischof Wolfgang Huber der Öffentlichkeit präsentierte, stehen in der Tradition der reformatorischen Erneuerung des Gottesdienstes. Luther, Calvin und Zwingli lehnten das spätmittelalterliche Verständnis der Messe als Sühnehandlung ab und stellten die Verkündigung der frohen Botschaft ins Zentrum der Feier, mithin die rechte Auslegung des Evangeliums in der Predigt. Die "Kirche des Wortes" mahnte zu einer Rückbesinnung auf die Heilige Schrift, die Kanzel wurde in den Gotteshäusern der reformatorischen Kirchen auch architektonisch hervorgehoben.
"Beflügelnde und klärende Wirkung"
Doch eine donnernde Predigt allein bringt in Zeiten der Säkularisierung und gesellschaftlichen Individualisierung noch keine vollen Kirchen. Dass die sonntägliche Feier nicht mehr die angemessene Resonanz findet, müssen die Kirchen bereits seit geraumer Zeit feststellen. Man wolle sich allerdings nicht damit abfinden, schreibt Huber im Vorwort der Studie. "Nichts ist für eine Kirche belastender, als wenn über ihre Gottesdienste abschätzig geredet wird", so der Berliner Bischof - "und nichts weckt mehr Freude und Dankbarkeit, als wenn Gottesdienste eine ausstrahlende und aufbauende, eine beflügelnde und klärende Wirkung entfalten."
In dem Text wird folglich verlangt, von den Qualitätsansprüchen an einen Gottesdienst dürften keine Abstriche gemacht werden. Das betreffe Sprache, Bewegungen, Musik, Kleidung und Kultgeräte ebenso wie Inhalte. Lieber "schlicht und gut" als "aufwändig und gut gemeint", lautet der Ratschlag - hier lässt sich im Calvin-Gedenkjahr ein Lob für den oft als karg empfundenen reformierten Gottesdienst herauslesen. Doch unvermindert aktuell ist den Verfassern zufolge auch die Aufgabe, überlieferte Liturgie mit überzeugenden neuen Formen von Gottesdienst zu verbinden. Betont wird auch die Rolle der Musik, die in der evangelischen Kirche traditionell eine große Bedeutung hat.
Kirchenferne Menschen suchen Rituale
"Kinder sind willkommen", lautet eine weitere Empfehlung des Papiers, das von einer EKD-Arbeitsgruppe unter Leitung des Münsteraner Theologen Michael Beintker vorbereitet wurde. Ohne sie seien die sonntäglichen Feiern "gewiss ruhiger. Doch lebendiger und zugleich dem Evangelium näher sind sie mit ihnen." Eine besondere Bedeutung misst die Studie Gottesdiensten zu biografischen Anlässen wie Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung bei. Denn gerade kirchenferne Menschen suchten diese "lebensbegleitenden Rituale".
Für den laufenden EKD-Reformprozess komme dem Umgang mit dem Gottesdienst eine zentrale Bedeutung zu, unterstrich Ratschef Huber. Dies habe sich gerade bei der Zukunftswerkstatt vor zwei Wochen in Kassel gezeigt. Im Impulspapier "Kirche der Freiheit" hatte die EKD das Ziel formuliert, die Gottesdienstbeteiligung zu stärken und ein entsprechendes Qualitätsbewusstsein zu stärken. Als besonders wichtige Aufgabenfelder wurden zum einen Liturgie und Kirchenmusik und zum anderen die Predigt herausgehoben. Eigene Kompetenzzentren in Hildesheim und Wittenberg sollen das unterstreichen. Auch die Medien nehmen sich des Themas an: Im evangelischen Magazin "chrismon plus" etwa läuft seit geraumer Zeit eine Serie mit sogenannten Gottesdienstkritiken.
Diskussion in der Community
Die Orientierungshilfe zum Gottesdienst, die sich dem Vernehmen nach hauptsächlich an Pfarrer, Lektoren, Kirchenmusiker und Kirchenvorstände richtet, schließt einen Kreis von Papieren ab, in denen die EKD zu zentralen Fragen des Glaubens und des kirchlichen Lebens Stellung bezieht. Texte zu den beiden evangelischen Sakramenten Taufe und Abendmahl waren 2003 und 2008 erschienen. Huber, dessen Nachfolger in zwei Wochen gewählt wird, wäre wohl nicht unfroh, wenn man diese drei Grundsatzdokumente - neben dem Reformprozess - zu seinem Vermächtnis rechnen würde.
"Der Gottesdienst. Eine Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis des Gottesdienstes in der evangelischen Kirche". Gütersloher Verlagshaus, 96 Seiten, 4,95 Euro (ISBN-Nummer: 978-3-579-05910-5). Die Studie kann im Volltext heruntergeladen werden. Das Buch kann auch bestellt werden beim Kirchenamt der EKD, Herrenhäuser Straße 12, 30419 Hannover, Telefon (05 11) 2 79 64 60, E-Mail: versand@ekd.de.







Kommentare
RE: "Alle, die kommen, sollen sich angesprochen fühlen"
Wenn ich überlege, warum ich nur noch ganz selten in den herkömmlichen Gottesdienst gehe und die Gottesdienste in der LKG vorziehe komme ich auf diese Punkte:
- Kinder willkommen? Ich kenne leider keine Gottesdienste mit Kinderbetreuung. Und für Dreijährge ist ein herkömmlicher Gottesdienst eine Qual.
- Beflügelnd? Mit Verlaub, bei vielen Predigten habe ich Probleme gehabt zu erkennen, was das mit meinem Leben zu tun haben soll.
- Gemeinschaft? Nach dem GoDi geht jeder nach Hause. Raum für Gemeinschaft ist nicht da.
Die Gottesdienste in unserer LKG sind da anders. Die Kinder werden während des GoDi betreut und machen einen Kindergottesdienst mit, der sehr beliebt ist. Für die Predigten laden wir uns Referenten ein, wir haben unsere eigene Predigerin und auch wir Laien gestalten mitunter Predigten. Wir suchen dabei Themen aus, die uns in unserem alltäglichen Leben berühren.
Und nachdem GoDi bleiben wir zum Mittagessen, das abwechselnd von einer der Gruppen in der LKG gemacht wird, zusammen. Und zwar mit dem Prediger oder Referenten. Es findet Gemeinschaft statt.
Und die Tatsache, das unsere Band neben klassischen Liedern auch Delirious, Hillsong und andere spielt trägt auch zu einem "beflügelnden" Gottesdienst bei.
Gibt es sowas in herkömmlichen Gottesdiensten irgendwo?
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How does one build a live that is more satisfying, more servant-based and more pleasant to God every year?
Gordon MacDonald
RE: "Alle, die kommen, sollen sich angesprochen fühlen"
In der Orientierungshilfe konnte ich keinen neuen Gedanken finden. Ich empfinde diese als praxisfern, altbacken und ärgere mich darüber, weil mir nur deutlich wird wieweit sich die Kirchenspitze vom realen Leben entfernt hat.
Ist der Sonntagvormittag 9-11h noch zeitgemäß, sind die langen 20 Min. Predigten wirklich das, was wir (Teilnehmer) benötigen? Reicht nicht oft nur ein guter Gedanke?
Ist es nicht wichtiger ins Gespräch zu kommen, als mit Informationen und Gedanken zugeschüttet zu werden in einer Zeit in der von allen Seiten Informationen auf einen niederprasseln?
Mir ist eine Gemeinschaft wichtig, gemeinsames Singen, zur Ruhe kommen, auf Gott hören.
Sind die kargen Gottesdienste mit dem Wort als Mittelpunkt die Zukunft????
Es wäre so wichtig, gerade beim Gottesdienst in die Weite- ohne Tabus- zu denken. Einen neuen Reformationstag wünsche ich mir.
Eine Presbyterin
RE: RE: "Alle, die kommen, sollen sich angesprochen fühlen"
Guter Einwand - das Papier liest sich tatsächlich nicht so als würde man die Rolle des Gottesdienstes wirklich neu denken wollen. Sicherlich ist die Predigt wichtig. Sicherlich ist Musik wichtig. Sicher auch die Liturgie. Aber wäre es nicht mal dringend an der Zeit all diese Dinge mal etwas anzupassen?
Sicherlich kann nicht jeder gut und prägnant predigen - ab und an möchte man schon mal demjenigen sagen: "Skip to the end". Das finde ich auch nicht weiter tragisch, es kann halt nicht jeder eine Silberzunge haben. Aber ab und an könnte ja mal der Inhalt der Predigt etwas zeitgemäßer, aktueller und an den brennenden Problemen der Zeit orientiert sein. Gerade das vermisse ich desöfteren: Die Predigt verweist zwar auf alles mögliche - auf Jesus, den heiligen Geist und Gott und das All und überhaupt - aber die eigentlichen Probleme bleiben außen vor. Klar, wir sind nicht von der Welt als Christen, aber immerhin sind wir in der Welt und da sollten wir schon desöfteren mehr Salz als Sand sein. Was spricht dagegen über die Folgen der Wirtschaftskrise nachzudenken? Über Sozialabbau? Über - aktueller Anlass - den Hunger in der Welt, den wir nicht in den Griff bekommen? Und über denjenigen, der bei der Tafel anstehen muss weil es sonst nicht anders geht? Gerade die Außenbezüge vermisse ich desöfteren.
Bei der Musik - ich schätze das EG. Ich schätze auch das traditionelle Liedgut. Aber das aktuellste was im EG zu finden ist, ist - wenn ich mich nicht irre - das Neue Geistliche Lied aus den 70gern. Ja, sicher, "Danke für diesen guten Morgen" war damals ein Skandal, aber heutzutage lockt man damit keinen Jugendlichen mehr hinter den Bänken hervor. (Sehen wir mal davon ab, dass diverse geistliche Lieder mit den vielen Pausen die Gemeinde doch etwas - fordern. ;-)) Man muss ja nicht den ganzen Gospel-Hype, der zur Zeit durch alle Gemeinden schwappt, mitmachen - aber so ab und an mal neuere Formen für den Gottesdienst ausprobieren wäre ja nicht verkehrt. Hier wäre auch mehr Mut gefordert. Aber vermutlich ist selbst "Du hast uns deine Welt geschenkt" viel zu radikal... *duck*
Und über die Liturgie an sich müsste man auch mal nachdenken. Sicherlich sind Kernstücke wie das Glaubensbekenntnis, Fürbitten oder Vater unser nicht wegzudenken - das wäre auch wirklich ein Fehler. Aber es muss ja nicht immer das Apostolische Glaubensbekenntnis sein. Vielleicht wäre es auch wirklich Zeit grundlegend darüber nachzudenken ob in der modernen Zeit die Abfolge in der Liturgie wirklich so sein muss wie seit alters her. Sicherlich ist die Liturgie Rahmen gebend, Tradition, die Sinn stiftet im Gottesdienst. Aber im 21. Jahrhundert sollte eine Debatte über den Sinn und Zweck der Liturgie sicherlich nicht verkehrt sein.
Man muss ja nicht um jeden Preis das Bewährte preisgeben, das sei ferne. Aber man sollte sich vielleicht auch mal den Anforderungen des 21. Jahrhunderts stellen. Es ist ja immerhin ein großer Schritt zu sagen, dass man Kinder dabei haben möchte im Gottesdienst. Wie man diese dann integriert ist dann auch eine Sache, die überlegt werden muss. Nachdenken ist auf jeden Fall angesagt.
Ad Astra
RE: RE: RE: "Alle, die kommen, sollen sich angesprochen fühlen"
Ich denke, da ist vieles dran, was verändert werden müsste, aber ich erlebe es eher so, dass es um das "Beharren" geht. Nicht die Form soll sich an die Menschen anpassen, sondern die Menschen an die Form. Und das führt bei mir schon fast zur Resignation. Wenn ich andere Gottesdienste erleben möchte, muss ich mich auf den Weg machen, mich in mein Auto setzen. In meiner eigenen Gemeinde ist das nicht möglich. Die traditionalistischen Kräfte sind einfach zu stark. Ich habe es noch nicht geschafft, die EKD Studie zu lesen, aber wenn ich die Komemntare hier lese und die Präsentation der EKD hinzunehme, habe ich wenig Hoffnung auf Veränderung. Dabei haben wir doch so gute Vorbilder! Jesus hat mit Traditionen gebrochen und Luther auch. Warum haben viele Menschen in den großen Kirchen nur soviel Angst vor Veränderung oder vor dem "Ausprobieren"?