Resümee - Die größte Resonanz in ihren ersten 100 Tagen erzielte die neue EKD-Ratsvorsitzende, Bischöfin Margot Käßmann, bei ihrer Neujahrspredigt in der Dresdner Frauenkirche: "Nichts ist gut in Afghanistan". Kritiker fuhren schweres Geschütz auf und hielten ihr Naivität vor, doch Käßmann hielt stand: Ihre umstrittene Predigt würde sie wieder so halten. Die evangelischen Bischofskollegen scharten sich um die attackierte Käßmann und gaben ihr Rückendeckung.
Die Stimmung war gelöst und die Kanzlerin locker. Manchmal hoffe sie auch auf kirchliche Ermutigung, sagte Angela Merkel (CDU) im Dezember bei einem Empfang in Berlin, bei dem sich der neue Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) präsentierte. Und zur neuen EKD-Ratsvorsitzenden, Bischöfin Margot Käßmann, sagte die Regierungschefin: "Sie werden nicht nur die evangelische Kirche auf Trab halten, sondern gleich auch die andere mit."
In ihrem "Regierungsprogramm" für die nächsten sechs Jahre stellte die neue Ratsvorsitzende die Kontinuität heraus: etwa bei den Aufgaben wie Weitergabe des christlichen Glaubens, Werben um Mitgliedschaft und Fortführung des Reformprozesses, den die EKD vor vier Jahren unter dem Eindruck sinkender Finanzkraft und Mitgliederzahlen gestartet hat. Doch die größte Resonanz in ihren ersten 100 Tagen als Spitzenrepräsentantin der deutschen Protestanten erzielte Käßmann nicht mit Themen wie Kinderarmut, Bildungschancen und Pflege, die sie bereits als hannoversche Landesbischöfin beackerte.
Ihre Stärken: Authentizität, Emotionalität, Freimütigkeit und Spiritualität
Es war ein steiler Satz in ihrer Predigt am Neujahrstag, der aufhorchen ließ. "Nichts ist gut in Afghanistan", sagte Käßmann in der Dresdner Frauenkirche und stieß damit eine vielstimmige Debatte über den Bundeswehr-Einsatz am Hindukusch an. Mit ihrem zugespitzten Einspruch gegen ein "Weiter so" in Afghanistan brachte die Bischöfin alle auf Trab. Politiker aus fast allen Parteien witterten weiteren Gegenwind für die Militärmission, die ohnehin bei der Mehrheit der Bevölkerung auf Bedenken stößt. Auch als die Kritiker schweres Geschütz auffuhren und ihr Naivität vorhielten, hielt Käßmann stand: Ihre umstrittene Predigt würde sie wieder so halten. Die evangelischen Bischofskollegen scharten sich um die attackierte Käßmann und gaben ihr Rückendeckung. "Die EKD hat sich ganz klar hinter meine Position gestellt", resümierte sie nach den Beratungen des Rates am vergangenen Wochenende.
Für die Forderung, dem zivilen Engagement Vorrang vor militärischer Gewalt einzuräumen, gab es an der Kirchenbasis viel Zuspruch für die Bischöfin, die ihre pazifistische Grundhaltung nicht verhehlt. Denn Käßmann ist populär. Zu ihren Stärken zählen Authentizität, Emotionalität, Freimütigkeit und Spiritualität, mit ihren Beiträgen findet sie Gehör in Kreisen, denen die Wortmeldungen ihres akademisch geprägten Vorgängers Wolfgang Huber zu distanziert erschienen. Ein Beispiel ist Käßmanns Predigt in der ökumenischen Andacht nach der Selbsttötung des Fußball-Nationaltorwarts Robert Enke in Hannover.
Einigung mit Zollitsch - Orthodoxe zeigen Käßmann kalte Schulter
Bevor die im Oktober gewählte Ratsvorsitzende den Spitzenpolitikern ihre Antrittsbesuche abstattete, reiste sie nach Bonn. Ihr erster offizieller Besuch führte sie zur katholischen Bischofskonferenz, um die "vertrauensvolle Gemeinschaft" mit der Schwesterkirche auch symbolisch zu demonstrieren. Mit Erzbischof Robert Zollitsch war sich Käßmann einig, dass beide Kirchen gemeinsame Standpunkte in ethischen Fragen anstreben sollten. Ob das auch in ein evangelisch-katholisches Sozialwort münden wird, wie von prominenten Protestanten befürwortet, darüber dürfte es noch Gesprächsbedarf geben.
Enttäuschung rief die neue Ratsvorsitzende hingegen in Rom hervor mit ihrer Aussage, sie erwarte von Papst Benedikt XVI. ökumenisch nichts. Der vatikanische Ökumene-Minister Walter Kasper reagierte verärgert auf diese "Querschüsse". Die Papst-Kritik sei "unfair", "ungerecht" und "zutiefst unökumenisch", rügte der deutsche Kurienkardinal. Käßmann beeilte sich, weiterer ökumenischer Verstimmung vorzubeugen. "Ich will mich mit der katholischen Kirche überhaupt nicht streiten", sagte sie Radio Vatikan.
Zuvor hatte die Russische Orthodoxe Kirche der neuen Spitzenfrau des deutschen Protestantismus die kalte Schulter gezeigt. Das Moskauer Patriarchat setzte den offiziellen Dialog mit der EKD aus. Die orthodoxe Kirche lehne eine Frau an der Spitze der EKD als Gesprächspartnerin ab, begründete Erzbischof Hilarion die Kehrtwende.
Jeder Satz wird öffentlich auf seine politische Brisanz abgeklopf
Manch öffentliche Erregung der ersten Monate wird in EKD-Kreisen damit erklärt, dass es durchaus einen erheblichen Unterschied ausmache, ob jemand als Bischof nur für eine Landeskirche spricht oder als oberster Repräsentant für die evangelische Kirche. Käßmann machte rasch die Erfahrung, dass jeder Satz aus einer Predigt der Ratsvorsitzenden öffentlich auf seine politische Brisanz abgeklopft wird. Bei zurückliegenden Wechseln im Ratsvorsitz habe es häufiger Anlaufschwierigkeiten gegeben, wird argumentiert. Aus eigener Erfahrung hatte Wolfgang Huber die neue EKD-Spitze in seiner Predigt bei der Ulmer Synode daran erinnert: Leitung von Kirche sei Handeln auf Unsicherheit, Reden und Handeln bleibe Fragment.
















Kommentare
Frau Kässmann und Afghanistan
Liebe Frau Kässmann,
bitte so weitermachen. Sie sind das Beste was Deutschland passieren konnte. Gute, punktgenaue wirklichkeitsnahe Kommentare. Ich als Katholik was wovon ich spreche. Es ist immer eine Freude Ihre Reden zu hören. Man sollte Sie als Papstvorschlagen.
Gruss WalterBrieke
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Frau Kässmann und Afghanistan
Jetzt mach doch end lich mal Schluss. Frau Kässmann hat Recht. Bitte weiterhin einmischen. Sie sind das Beste was Deutschland passieren konnte.
Ich als Katholik würde Sie gerne als PAPST sehen. DANKE Frau Kässmann - weiter so !!
100 Tage Käßmann
Gratulation, Frau Käßmann. Selten hat es ein Nicht-Politiker oder Nicht-Fußballer geschafft, in 100 Tagen eine derartige Prominenz zu erreichen. Umso schöner ist es, wenn es eine Persönlichkeit der Evangelischen Kirche schafft. Und noch besser ist es, dass sie es geschafft hat, ohne sich gezielt beliebt zu machen. Sie hat sich einfach glaubwürdig positioniert. Ohne Moral-Gesülze und typisch katholische Unterwürfigkeit ist sie in hundert Tagen eine Persönlichkeit in der Öffentlichkeit geworden. Respekt und Hochachtung vor dieser Frau. Besser geht es nicht!
Die Sonne scheint auch über den Wolken
Gunther
Solange die Katholische
Solange die Katholische Kirche uns als Evangelischen den Status einer Kirche abspricht, sollten wir sie nicht Schwesterkirche nennen, sonst betreiben wir Selbsttäuschung. Wenn auf der Bischofskonferenz symbolisch vertrauensvolle Gemeinschaft demonstriert wird und mit Erzbischof Zollitsch Einigkeit, geht das in die selbe Richtung.
Viel aufrichtiger finde ich die Position der Russischen Orthodoxen Kirche, die deutlich macht, dass das Gespräch zwischen Kirchen nicht nur den Konsens anstrebt, wie in der Politik üblich, sondern, und hauptsächlich, die Dimension der Wahrheit.
Es sind nicht die Russen, die die Kehrtwende gemacht haben, sondern wir mit all den schriftwidrigen Neuerungen der letzten vierzig Jahre. Mir scheint es, als hätten wir die Orthodoxen versetzt und sie stehen jetzt da und schauen uns nach, wie wir in der Ferne der Beliebigkeit verschwinden.
Kriterien kirchlicher Arbeit
Der hochwürdige Metropolit Hilarion weiß wovon er spricht, wenn er die Evangelische Kirche in Deutschland bittet, zu evangelischen Prinzipien zurückzukehren. Ihm ist da nur zuzustimmen und an uns ist es, echte Buße zu tun, auch deshalb, weil Luther seine 95 Thesen mit dem Hinweis begann, daß das ganze Leben eines Christenmenschen eine Buße sein soll. Das gilt genauso für unsere Kirche, die sich nicht am Zeitgeschmack, sondern einzig und allein am Wort Gottes ausrichten muß, damit sie überhaupt Kirche ist. Solange wir in Gotteshäusern Sandberge aufrichten und durch Kinder wieder abtragen lassen, sind wir allerdings davon sehr weit entfernt. Wir sollten auch sehr vorsichtig sein mit allem Selbstlob. Hochmut ist keine Eigenschaft, die sich für Christen ziemt. Was wir brauchen, ist eine Rückkehr zu unseren eigenen Wurzeln, eine gründliche Neubesinnung auf das Wort Gottes und die Tatsache, daß wir einen HERRN im Himmel haben, der uns einmal für all unser Tun und Lassen zur Rechenschaft ziehen wird. Jesus hat das Reich Gottes verkündet und uns gerade deshalb zur Buße gerufen. Es wird sehr entscheidend darauf ankommen, daß die evangelische Kirche zu diesem Geist der Buße und der Demut zurückkehrt, inklusive auch ihr Führungspersonal, sonst wehe uns.