Kommentar - Die schwarz-gelbe Koalition hat das größte Sparpaket der deutschen Geschichte beschlossen. Kürzungen treffen vor allem den Arbeitsmarkt, junge Eltern und Bedürftige. FDP-Chef Guido Westerwelle nennt die Einschnitte "gerecht". Der Leiter des Diakonischen Werkes in Wuppertal, Martin Hamburger, ist anderer Meinung. Es dürfe nicht einseitig zulasten der sozial Schwachen gespart werden.
Wuppertal gehört zu den Kommunen, denen finanziell das Wasser bis zum Hals steht. Um ein weiteres Auseinanderklaffen zwischen Armen und Reichen zu verhindern, sind wir auf jede Hilfe von Bund und Land angewiesen.
Dazu gehören beispielsweise auch die Möglichkeiten der ARGE, langzeitarbeitslosen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die keine Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt haben, sinnvolle Beschäftigungen im Rahmen von verschiedenen Maßnahmen anzubieten. Es geht dabei nicht um eine mehr oder weniger auskömmliche Grundsicherung, sondern um eine personenbezogene Wertschätzung, sozusagen eine Wertsicherung. Es ist nicht damit getan, Menschen das notwendige Geld bereitzustellen, damit sie sich Essen kaufen können und ein Dach über dem Kopf haben, sondern sie wollen sich ihren Gaben und Möglichkeiten entsprechend für unsere Gesellschaft einsetzen. Dazu sind die breitgefächerten Möglichkeiten des sogenannten zweiten Arbeitsmarktes notwendig.
Zahlreiche Menschen sind glücklich, wenn es für sie Sinn hat, morgens früh aufzustehen, um ihren Beitrag zu unserer lebenswerten Stadt zu leisten. Sie vernichten damit auch keine regulären Arbeitsverhältnisse, da es sich um Aufgaben handelt, die zusätzlich wahrgenommen werden. Friedrich von Bodelschwingh rief schon aus Bethel vor mehr als Hundert Jahren aus: Arbeit statt Almosen. Dies gilt bis heute unverändert, und es ist eine Aufgabe des Bundes, finanziert über die Bundesagentur für Arbeit. Hier darf nicht gespart werden.
Auch den anderen geplanten Einschnitten im Sozialbereich stehe ich kritisch gegenüber. Dies gilt für die Familienpolitik genauso wie für die Renten. Schon jetzt erhalten Jahr für Jahr mehr Menschen ergänzende Leistungen nach Hartz IV, weil ihre Renten die Grundversorgung nicht sicherstellen. Einschnitte bei der Rente wären nur ein Verschieben auf andere Hilfesysteme. Ähnliches gilt für Einschnitte bei der Kinderbetreuung, auch hier müssten wir die Zeche auf andere Weise zahlen.
Hinter all den jetzt diskutierten konkreten Maßnahmen zur Finanzkonsolidierung des Bundes besteht für mich eine Grundgefahr: Wir dürfen uns mit dem Grundgesetz "demogratischer Sozial- und Rechtsstaat" nennen. Eine Errungenschaft aus Zeiten, in denen den Bürgerinnen und Bürgern weit weniger Geld zur Verfügung stand. Sozialstaat - ein Alleinstellungsmerkmal der Bundesrepublik Deutschland, in bewusster Aufnahme bismarckscher Sozialgesetze und der Weimarer Reichsverfassung. Um diesem Anspruch Rechnung zu tragen gehört auch, dass allem Auseinanderstreben zwischen Arm und Reich gewehrt wird. Deswegen darf nicht einseitig zulasten der sozial Schwachen gespart werden.
Über den Autor:
Dr. Martin Hamburger stammt aus Bad Kreuznach, war Gemeindepfarrer auf dem Hunsrück und in Remscheid und leitet seit 2002 das Diakonische Werk in Wuppertal.




Kommentare
Johannes Rau?
War nicht mal Johannes Rau prägend für Wuppertal?
Und hat er nix bewirkt in puncto kreativ sozial Wirtschaft gestalten? Dann mühen wir uns vermutlich alle vergeblich!
CB
Sozialstaatlicher Irrsinn!
Wir befinden uns mitten in einer Tyrannis des progressiven Gutmenschentums und des verantwortungslosen sozialstaatlichen Irrsinns, der das Geld ausgeht. Nun müssen sich hoffentlich bald der in die Sozialsysteme eingewanderte Migrant und sein liebster Freund, der Antifant, um die Staatsknete balgen. Und die ganze steuerfinanzierte Sozialindustrie der Kirche auch.
Natürlich schreien jetzt alle, der Kapitalismus und die Spekulanten wären schuld. Aber selbst Her Präses Schneider und Herr Hamburger wissen sehr genau,daß sie auf ihren kirchlich-sozialen Spielwiesen nur weiter hemmungslos herumalbern können, solange der kapitalistische Hilfsmotor läuft, der diesen ganzen Irrsinn finanziert.
Menschenwürde
Sehr geehrter Herr Dr. Hamburger,
Arbeit statt Almosen? Das können wir doch besser: Arbeit als Almosen; da greift auch die ev. Kirche mit ihren mildtätigen Werken nur allzu gerne zu! Natürlich könnten kirchliche Stellen zusätzlich auch als "Maßnahmeträger" zur "Optimierung der Bewerbungschancen" auftreten, Sie wissen schon, diese Myriaden dubioser Krisenprofiteure, die sich goldene Nasen verdienen, indem sie Arbeitslosen in bester DDR-Staatspropagandamanier einzutrichtern haben, dass es in diesen blühenden Landschaften selbstverständlich Vollbeschäftigung gebe und ausnahmslos jeder Arbeitslose zu 100 Prozent selber schuld an seiner Lage sei. – Wie ja auch ausnahmslos jeder Hartz-IV-Empfänger auf bestenfalls fünf Jahre Baumschule zurückgreifen kann und seiner Kirche auf Knien danken sollte für eine Helferstelle auf dem Bau, beim Kartoffeln schälen oder Laub im Pfarrgarten harken, und freilich vorzugsweise für "Gotteslohn". Und wer die 10 Gebote auswendig aufsagen kann, bekommt einen freien Sonntagnachmittag. – Man könnte auch an eine kirchliche Vormundschaft, gewissermaßen an einen persönlichen "Paten" für jeden Hartz-IV-Empfänger denken (natürlich mit angemessener staatlicher Aufwandsentschädigung), der z. B. streng darauf achtet, dass die Almosen nicht für Alkohol, Tabak oder gar linkes Schrifttum verpulvert werden. Und wer sich bewährt, der kann nach 2, 3 Jahren vielleicht sogar eine Festanstellung als Küster finden – freilich bei unverändertem Entgelt; das gäbe der Kirche zugleich die Möglichkeit, bis dato festangestelltes Personal effizient zu entsorgen. – Oder, Herr Dr. Hamburger, wie wär's mit einer kircheneigenen Fastfood-Kette, passend zur protest. Theologie katà Huber etc. pp.? Oder haben wir einfach nur erschreckend unterschiedliche Vorstellungen von dem, was "Menschenwürde" meint? Und falls Sie meine Anmerkungen als zynisch empfinden: vielleicht auch in Sachen Zynismus?...
Ihr baumschulengebildeter Sozialschmarotzer
HGF
"You can fool some of the people all of the time, and all of the people some of the time, but you can not fool all of the people all of the time." (A. Lincoln zugesprochen)
Arbeitslose nicht auf der Straße stehen lassen
@HGF: Ich habe nicht verstanden, was Sie wollen. Außer einem zynischen Wortschwall, der viele Verletzungen und Enttäuschungen erahnen lässt, kann ich nicht heraushören, was Sie wollen. Bürgergeld für alle, auch ohne Arbeit? Arbeit für alle, auch ohne ökonomische Notwendigkeit? Das alte Arbeitslosenhilfe-Sozialhilfe-System?
Ich unterstütze die Meinung von Herrn Hamburger. Es gibt Tausende von Menschen, die wollen arbeiten, finden aber aus unterschiedlichen Gründen keinen Platz mehr auf dem ersten Arbeistmarkt. Das kann man kritisieren, man kann die Ursachen suchen, aber man sollte in der Zwischenzeit die Betroffenen nicht auf der Straße stehen lassen. Und wenn man denen einen sinnvolle, geförderte Beschäftigung gibt, dann ist das keine Ausbeutung oder Almosen, dann ist das ein Weg, ihnen Würde und gesellschaftliche Integration zu bieten.
Getretner Quark wird breit, nicht stark
Lieber Pastor C.,
ich denke, Sie haben sehr wohl verstanden; dass einzige, was Sie in der Geborgenheit Ihrer kulturprotestantischen Käseglocke nicht verstanden haben könnten, ist der Umstand, dass Langzeitarbeitslosigkeit nicht ausschließlich das von der "SPD" verhöhnte "Prekariat" betrifft: ich bin das lebendige Beispiel.
- Außerdem sind Sie mir als angeblicher Humorexperte schon in Ihrem Profil zu verkrampft bzw. aggressiv – aber das muss man ja vielleicht so sein im täglichen Verteidigungskampf einer nebulösen "Werte"-Religion, zumal in der Sekten- und Freikirchenhauptstadt Wuppertal. – Nebenbei: mir ist jede noch so abstruse Sekte emotional näher als unsere "Werte"-Kirche; der Sektierer versteht Religion prinzipiell immerhin noch als das, "was uns unbedingt angeht" (P. Tillich), also ihrem Wesen nach als "existential" (auch wenn Bultmann das wohl bestreiten würde). – Und überhaupt, Tillich, Bultmann – was für Namen, was für Konzepte im Vergleich zu einer Wohltätigkeitskirche wilhelminischen Zuschnitts, die auf ihrer immer hysterischeren Flucht vor der Dogmatik in die Ethik eben auch in der Ethik nichts besseres finden und bieten kann als realitätsfremde, selbstgefällige, selbst- und werkgerechte Frömmelei, die sich dann freilich am deutlichsten an ihren "mildtätigen" Werken zeigt – und erzählen Sie mir jetzt bitte nicht, dass der Einsatz von 1-Euro-Kräften in der Diakonie ausschließlich aus christlicher Selbstlosigkeit und Nächstenliebe erfolge!
- Es hat also seine "guten" Gründe, dass die Kirchen (es betrifft ja nicht nur die "Protestanten") als "Unternehmen" die letzten sind, die sich für ein Grundeinkommen einsetzen würden, ein Grundeinkommen, das beim "Prekariat" ein Grundvertrauen in sich selbst schaffen könnte, das Kreativität, das Kräfte für kulturelle und soziale Aktion freisetzen könnte – was beim Zwangsharken im Pfarrgarten wohl kaum geschehen wird. Und: es würde Bürger wieder zu Bürgern machen, zu mündigen Menschen mit einem politischen Bewusstsein, einem Bewusstsein, das die herrschende Klasse freilich so scheut wie der sprichwörtliche Teufel das sprichwörtliche Weihwasser.
- Aber so weit muss es ja für den Anfang gar nicht gehen. Unter der mir ansonsten nicht gerade nahestehenden Regierung Kohl gab es immerhin die AB-Maßnahmen, die, wenn auch nur befristet, menschenwürdige Arbeit zu menschenwürdiger Bezahlung boten. Das hätte eine rot-grüne Regierung ausbauen können und ausbauen müssen. Das Gegenteil ist erfolgt.
Im übrigen will ja das z. Z. herrschende System die vorherrschende fatale Versorgungsmentalität – solange diese mit der Bereitschaft der Betroffenen verbunden ist, sich demütigen und entmündigen zu lassen und auf fast alle in der Verfassung verankerten Grundrechte zu verzichten. Und da es für die Betroffenen – um des nackte Überlebens willen – nicht so einfach ist, hier gegen den Strom anzuschwimmen, wäre es doch der Kirche vornehmste diakonische Aufgabe, hier die entsprechende Hilfe zu leisten – also mit menschenwürdiger Arbeit zu menschenwürdigen Bedingungen, z. B. also auch in Kirchenämtern, kirchlichen Bibliotheken und Archiven usw. usf. Sekten schaffen das in gewisser Weise – oder haben Sie schon mal einen Hartz-IV-abhängigen Zeugen Jehovas gesehen?
- Und kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Preis, den der Sektenanhänger für diese Fürsorge zu zahlen habe, nicht als Pastor einer evangelischen Landeskirche: Wer ist denn in der Kirchengemeinde noch willkommen – außer demjenigen, der sich sofort ins "ehrenamtliche" Engagement stürzt, dort ausgepresst wird wie eine Zitrone und, sobald die Effizienz, der Profit nicht mehr gewährleistet ist, fallen gelassen wird wie eine heiße Kartoffel? – So jedenfalls meine Erfahrung, zum Teil selbst erlitten, zum Teil beobachtet. Sekten aber bieten wenigstens noch eine Lehre, eine Dogmatik, die allein schon deshalb, weil sie eine solche ist, dem "verworrenen Quark" (Goethe) einer ins 18. Jh. zurückgefallenen De-facto-Staatsreligion kirchturmhoch überlegen ist - egal, wie fein sich deren Burger-Kings diesen Quark von rührigen Ein-Euro-Sklaven zu Sahnequark veredeln lassen...
"You can fool some of the people all of the time, and all of the people some of the time, but you can not fool all of the people all of the time." (A. Lincoln zugesprochen)
das soziale Unrecht in der BRD, Westerwelle weiss nicht was er
sagt. Aber so ist das, wenn ein Volk Jemanden in eine Öffentliche Stelle setzt obwohl es wissen sollte, dass es damit einen affront gegen den Willen Gottes begeht. Zwar hat Christus "das Gesetz" abgeschafft, ist dies aber doch eine Frage des Anpackens. Es gibt nun mal bestimmte souveräne Regeln, die, wenn sie ausser Kraft gesetzt werden (Christen sollten wissen, dass ihnen das gegeben wurde) andere Kräfte in Bewegung setzen. Da kann einer noch so nett wirken - wenn er nicht bekennt und versteht, bringt ihm das nichts. Es hat aber Folgen nicht nur für ihn sondern für das Volk, das alles laufen lässt. Statt dessen ist ja was andres passiert. Entlang der Zeitlinie hat Gott das vorausgesehen, was aber nicht heisst, dass "wir es nicht packen" könnten. Braucht eine allgemeine geistige Stabilität und Gleichheit. und ein allgemeines Bewusst-werden. Deswegen: zitat..
Wir dürfen uns mit dem Grundgesetz "demogratischer Sozial- und Rechtsstaat" nennen. Eine Errungenschaft aus Zeiten, in denen den Bürgerinnen und Bürgern weit weniger Geld zur Verfügung stand. Sozialstaat - ein Alleinstellungsmerkmal der Bundesrepublik Deutschland, in bewusster Aufnahme bismarckscher Sozialgesetze und der Weimarer Reichsverfassung. Um diesem Anspruch Rechnung zu tragen gehört auch, dass allem Auseinanderstreben zwischen Arm und Reich gewehrt wird. Deswegen darf nicht einseitig zulasten der sozial Schwachen gespart werden. ende zitat
das wurde vor wenigen Jahren direkt an die Regierung gesagt und "man weiss es ja auch" - wenn aber Christen sich nicht dessen bewusst sind, was Christ-Sein ist, dann können wir alle uns den Mund fusselig reden.
Es sind Christen, die einst Rechenschaft ablegen werden vor Gott für diese Welt.
Wenn sich etwas bewegen soll, kann man das nicht mit eigenen Vorstellungen oder Worten bewegen, es geht NUR, wenn Gottes Wort zitiert wird.