Kommentar - Auf Margot Käßmanns Äußerungen zum Afghanistan-Einsatz reagieren deutsche Politiker reflexhaft mit Kritik. Dabei hat die Bischöfin lediglich eine Vision entworfen.
Man kennt das ja eigentlich aus dem Sommerloch, jener nachrichtenarmen Zeit im Juli, dass sich Politiker schon mal über das Ziel hinaus auf ein Thema oder eine Person einschießen. Selten mit Substanz. Aktuell scheinen die Herrschaften in ein ziemlich tiefes Winterloch gefallen zu sein, dass es einem tatsächlich kalt den Rücken runter läuft.
Zielscheibe ist die EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann. Sie hatte in ihrer Neujahrspredigt festgestellt, nichts sei "gut" in Afghanistan und auch Waffen würden dort keinen Frieden schaffen. "Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen", sagte die Bischöfin.
Ihre wenigen Sätze reichten, um unter anderem Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose und das Vorstandsmitglied der den Grünen nahe stehenden Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks, - Winter hin oder her - mal so richtig auf die Palme zu bringen. Eine Nähe zur Position der Linkspartei, die einen sofortigen Truppenabzug aus Afghanistan fordert, wurde Käßmann unterstellt. Fücks schrieb sogar, Käßmann vermehre die "Inflation politischer Stellungnahmen von Kirchenoberen, die selten über gut gemeinte Banalitäten hinauskommen".
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Vielleicht hätten die Herren die Predigt besser vorher gelesen, bevor sie kräftig lospolterten - was übrigens eine ziemlich männliche Eigenschafft sein kann, die über Banalitäten nicht hinauskommt. Denn Käßmann fordert - entgegen der Unterstellung - an keiner Stelle einen sofortigen Truppenabzug. Sie mischt sich letztlich nicht einmal ins politische Tagesgeschäft ein, was ihr die Politiker übel nehmen und offenbar - zu Unrecht - auch nicht zugestehen wollen.
Man kann die Predigt nämlich auch als eine Vision verstehen. Eine Vision von einer Politik, in der Konflikte nicht mit Waffen ausgetragen werden. Dies finden einige Menschen naiv, aber wenn Politiker schon keine Visionen mehr entwickeln, wer dann? Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen, soll Altkanzler Helmut Schmidt einmal gesagt haben. Wer keine Visionen hat, ist aber vielleicht auch nicht in der Lage, Routinen zu durchbrechen, die eben nicht für Frieden sorgen. Wer eine Vision schon von vornherein abschreibt, wird nie erleben, wie sie Wirklichkeit wird. Vielleicht hat auch Margot Käßmann einen Traum. Barack Obama ist lebendes Zeichen dafür, dass ein Traum, wie ihn einst Martin Luther King hatte, wahrwerden kann. Das braucht sicher seine Zeit, aber Margot Käßmann redet eben nicht von Handlungsalternativen, die innerhalb weniger Wochen zu realisieren sind.
Ängste formuliert
Aber selbst wenn die Predigt nicht als Vision verstanden wird, als langfristige Aufforderung, Frieden auf neuen Wegen zu schaffen, geht die Kritik fehl. Warum sollte sich die Ratsvorsitzende nicht zu tagesaktuellen politischen Themen äußern dürfen? Warum sollte sie nicht die Ängste formulieren dürfen, die viele Millionen Menschen mit ihr teilen. Sie ist als deutsche Bischöfin nicht nur dem Frieden in der Welt, sondern als Seelsorgerin auch dem Seelenfrieden deutscher Christen verpflichtet. Wenn Waffen ohnehin keinen Frieden in Afghanistan schaffen, ist der Preis traumatisierter deutscher Soldaten dann nicht zu hoch? Diese Frage - so explizit in der Predigt nicht einmal gestellt - darf man zumindest aufwerfen.
Politiker sollten sich daran gewöhnen, dass gesellschaftliche Fragen nicht nur im Bundestag erörtert werden. Es gibt in Deutschland eine Trennung von Staat und Religion. Das ist gut so. Die Politik muss dann aber akzeptieren, dass Kirche nicht dazu da ist, politische Entscheidungen ohne Wenn und Aber zu legitimieren, sondern sich mit eigenen Akzenten in Debatten einzubringen. Zum Beispiel, indem sie dazu anregt, Alternativen zu entwickeln. Wenn jemand einem einen Ball zuschießt, spielt man ihn zurück. Ihn zu zertrampeln, ist nicht produktiv. Und auch wenn der Begtriff in diesem Zusammenhang zynisch ist, so "schießen" doch Käßmann und deutsche Politiker auf dasselbe Ziel. Denn Frieden in Afghanistan wollen sie doch hoffentlich alle.
Henrik Schmitz ist Redakteur bei evangelisch.de und betreut die Ressorts Medien und Kultur




Kommentare
Auch Käßmann muss Kritik akzeptieren
Erstaunlich ist wirklich, wie wenig auf die inhaltliche Kritik an Bischöfin Käßmanns Worten eingegangen wird - jede Entgegnung, die nicht den Predigttext unterstützt, wird wie eine Majestätsbeleidigung verunglimpft. Dabei gibt es schon ein paar "Haken" in der Neujahrsvision der Bischöfin: Das beginnt mit dem Satz "Nichts ist gut in Afghanistan". Wer geglaubt hat, dass Soldaten nur dazu da sind, Brunnen zu bohren und Schulen zu bauen, hat selbst Schuld. Aber bevor die ISAF-Truppen - immerhin mit dem Mandat der Vereinten Nationen - in Afghanistan eingegriffen haben, hat es dort verhungerte Frauen und Kinder gegeben, die nur deshalb sterben mussten, weil es in der Ideologie der Taliban nicht sein durfte, dass Frauen sich selbst versorgen dürfen. Es gab brutale öffentliche Hinrichtungen im Fußballstadion von Kabul, wo Menschen wegen Nichtigkeiten an Kränen aufgehängt wurden. Und es gab Kulturschändungen wie die Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan. Und heute, wo es zwar immer noch viele Tote, aber kein Terrorregime mehr gibt, ist "nichts gut in Afghanistan"? Zuletzt forderte unsere Bischöfin "mehr Fantasie" für friedliche Lösungen. Ehrlich gesagt, habe ich diese fantasievollen Anregungen meiner Kirche schmerzlich vermisst in der Zeit, wo Bundeswehrsoldaten ohne jeden Hurra-Patriotismus und ohne jede Begeisterung ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben. Wenn ich als relevante gesellschaftliche Organisation mit mahnendem Finger Alternativen einfordere, kann ich auch entsprechende Anregungen erwarten - und nicht nur visionäre "Prügel" mit der Botschaft: "Wir haben die Moral - und Ihr habt die Probleme." Das ist mir als Diskussionsbeitrag meiner Kirche doch etwas zu wenig.
Markus Bornemann
Dienst der Soldaten darf nicht als Sünde hingestellt werden
Problematisch ist, dass Bischöfin Käßmann den Einsatz als "nicht gerechtfertigt" bezeichnet. Damit stellt sie den Dienst der Soldaten und auch die Gewissensentscheidung der Bundestagsabgeordneten als Sünde hin.
Der Einsatz wurde von den Vereinten Nationen beschlossen. Er dient den Sicherheitsinteressen Deutschlands, weil die Entstehung von Ausbildungslagern für Terroristen verhindert werden muss. Er war und ist Voraussetzung für Entwicklungshilfe und Menschenrechte in Afghanistan.
Jeder will einen schnellen Abzug. Dass dieser noch nicht möglich ist, ist in erster Linie den Terroristen geschuldet, nicht vermeintlicher Fehler in der Strategie der Vereinten Nationen.
RE: Dienst der Soldaten darf nicht als Sünde hingestellt werden
der Krieg ist minderwertig
der Dienst des Soldaten taugt weniger als der Dienst derjenigen, welche die Kultur des anderen (und die eigene) tugendhaft (Glaube, Liebe, Hoffnung) verbessern wollen
die NATO will keinen schnellen Abzug,
das strategische Ziel lautet: NATO-Kriegschiffe im Kaspischen Meer
RE: Kritik an Käßmann ist deplatziert
Es ist doch seltsam, wenn Politiker meinen, sie dürften bestimmen, was richtig und was falsch ist und wenn sie dabei den Diskurs scheuen.
Die evangelische Kirche spielte eine immerhin nicht ganz unwichtige Rolle im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Sicherlich darf sie (und sollte sogar) auch kritisch zu Kriegseinsätzen stehen und muss nicht den Politikern nach dem Mund reden. Und manchmal wird man damit automatisch politisch - sofern man nicht zu einer Marionette werden will.
Auch Journalisten wagen mitunter, hinter die Kulissen zu schauen: zb John Pilger in einem guten Artikel:
2010: Willkommen in Orwells Welt
www.theolounge.de
RE: Kritik an Käßmann ist deplatziert
Der Satz, das Fr. Käßmanns Meinung sich nicht mit der Mehrheit des Deutschen Bundestages decke, lässt sich ja auch andersrum auswerten: Die Mehrheit des Deutschen Bundestages scheint die Worte "Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein" nicht mehr ernst zu nehmen. Danke, Frau Käßmann!
DANKE und kein Rückzug vom Rückzug
Gratulation, Frau Landesbischöfin. Sie haben ausgesprochen, worum Gemeinden schon lange gebetet haben, einen Kurswechsel für dieses geschundene Land und seine Menschen.
Endlich hat jemand in der EKD vernehmbar gesagt, was so viel denken und was doch allen vor Augen sein kann. So kann es nicht weitergehen. Zu lange hat die deutsche Öffentlichkeit die Augen davor verschlossen, dass die militärische Option in Afghanistan schon lange keine Aussicht auf Erfolg hat, sondern das Gegenteil dessen erreicht, was bezweckt wird.
Wieviel Befürchtungen müssen Politiker haben, dass die Predigt Käßmanns etwas bewirken könnte, dass sie sie nicht einfach ignorieren und totschweigen, sondern darauf eingehen.
Bitte jetzt keinen Rückzug vom Rückzug! Kein Kleinmachen des Gesagten, sondern forsch in die Offensive. Denn die, die jetzt Druck machen, wollen nur verhindern, dass das Thema richtig diskutiert wird.
Ich wünsche mir weitere Kirchenoberen, die Frau Käßmann beispringen und deutlich sagen, was viele denken. Wer verantwortlich denkt, der weiß, ein Weiter-So kann es nicht geben.
RE: Kritik an Käßmann ist deplatziert
Dass Frau Käßmann in ihrer Neujahrspredigt "Visionen" entwickelt, ist keine Überraschung sondern ganz schlicht und protestantisch ihr "Job". Wie immer, wenn Politiker der Meinung sind, ihr angeblich ureigener Bereich sei betroffen, verhalten sie sich archaisch - sie verhalten sich wie Hunde, denen man auf den Schwanz getreten hat. Sehr bedauerlich. Es ist nicht alleinige Aufgabe von Kirche gelegentlich den Militärbischof zur Hebung der Moral der Truppe nach Afghanistan zu entsenden. Kirche muss über das Heute hinausblicken in eine menschliche Zukunft. Nicht mehr und nicht weniger hat Frau Käßmann in ihrer Predigt getan.
RE: Kritik an Käßmann ist deplatziert
Es stimmt also nicht, dass Kirche nicht mehr gehört wird! Das ist die gute Nachricht der Schelte gegen Frau Käßmann. Und es ist eine weitere gute Nachricht, dass es die schmerzhaft gehört haben, die die nicht guten Dinge schönreden wollen. Frau Käßmanns Botschaft ist, es ist eben nicht gut. Tragisch, dass die Predigt nun auch noch als "Afghanistan-Predigt" (rp-online u.a.) kolportiert wird, immerhin hat sie das gleiche "nichts ist gut" auch auf Kinderarmut bezogen. Tragisch auch, dass jemand, der nicht die bundestagskonforme Auffassung hat, sofort auf die Seite der radikalen Opposition gezogen wird. "Willst du nicht mein Bruder sein, schlag ich dir den Schädel ein". Schlimmer und primitiver gehts nimmer und das im demokratischen und freiheitlichen Deutschland. Ich habe 40 Jahre meines Lebens in der DDR verbracht und kenne das: entweder du jubelst mit oder du bist ein Klassenfeind. Nur damals wurde der, der nicht jubelte, vom Westen bejubelt und die Westjournalisten waren gierig auf jedes Wort eines "Oppositionellen". Und Worte der Kirche etwa zum Wehrkundeunterricht wurden beklatscht.
Und noch eine Erinnerung: Als mich mein Partnerkollege aus Norddeutschland mal besuchte, sagte er nach einer Predigt von mir: So frei wie du zu predigen könnte ich mir nicht leisten.
Ich habe das nie verstanden. Er kam aus der Freiheit und ich hatte noch nicht mal irgendwas politisch Auffälliges gesagt, aber gesellschaftlich relevant gepredigt. JETZT verstehe ich seine Worte! Danke Herr Schäuble und all die anderen. Ich bin in der Freiheit angekommen.
RE: Kritik an Käßmann ist deplatziert
Herzlichen Dank. Dem Kommentar ist nichts hinzuzufügen, finde ich.
RE: Kritik an Käßmann ist deplatziert
Da scheinen die Nerven einiger führender Politiker ganz schön blank zu liegen, wenn sie derart empfindlich auf die Fragen und Überlegungen von Dr. Käßmann reagieren - ganz offensichtlich ohne sie im Detail zu kennen.
Ich bin der EKD-Chefin dankbar für ihre Äußerungen. Es macht mir Mut, dass außer der "Linken" noch andere in diesem Land in Frage stellen, ob Soldaten wirklich Frieden schaffen können.
RE: Kritik an Käßmann ist deplatziert
meinen herzlichen Dank an Frau Käßmann und meine volle Zustimmung zu Ihren Aussagen ! Endlich einmal eine klare Aussage zu dem Desaster in Afghanistan. Wir Christen brauchen eine klare Bewertung der Politik auf der Grundlage der Bergpredigt nicht zu fürchten. Wer, wenn nicht wir müssen der Welt Alternativen jenseits der "Waffenlogik" aufzeigen.
Das Politiker diverser Richtungen nun aufschreien zeigt nur, dass es der richtige (auch evangelische) Weg ist.
Frau Käßmann nur Mut und weiter so ! Sie sind in guter Gesellschaft, auch den politischen Machthabern war Jesus seinerzeit mehr als ein Dorn im Auge !! Soll bedeuten: So sieht wahre "Nachfolge" aus.
"Liebesfähig zu werden ist das Ziel des Lebens" (Dorothee Sölle)
U St (Euka2009)
RE: RE: Kritik an Käßmann ist deplatziert
Danke, Frau Käßmann! Die Predigt war spitze, auch der Rest (man bedenke, dass die Anmerkung zum Afghanistaneinsatz nur ein kleiner Teil davon war).
Mehr als alles behüte dein Herz! Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens. (Sprüche4,23)
http://gottesgeschenk.wordpress.com/
RE: RE: RE: Kritik an Käßmann ist deplatziert
Hmm, ich habe den Eindruck, dass vor allem die Evangelische Kirche sich darüber aufgeregt ist, dass Frau Käßmann für ihre Kritik an politischen Entscheidungen ihrerseits kritisiert wird. Doch wer sich zu politischen Fragen äußert, muss auch akzeptieren dass seine Aussagen kritisiert werden. Das gilt für beide Seiten.
Ich habe ehrlich gesagt wenig mitbekommen von der Kritik an der Position Frau Käßmanns, jedoch viel Aufregung darüber, dass sie "gescholten" wurde.
Selbstverständlich sind diejenigen (auch die politischen Entscheidungsträger), die Frau Käßmanns Äußerungen nicht zustimmen, berechtigt sich davon abzugrenzen!
RE: RE: RE: RE: Kritik an Käßmann ist deplatziert
Das Problem ist nicht, dass die Aussagen von Frau Käßmann kritisiert wurden, sondern die Kritik sich vornehmlich dagegen richtete, dass sie sich überhaupt zu dem Thema geäußert hat. Wenn sich die Kritiker auf die inhaltliche Debatte einlassen würden, wäre das kein solcher Aufreger.
Natürlich ist es nicht nur berechtigt, sondern sogar wünschenswert, wenn politische Entscheidungsträger sich von den Äußerungen Käßmanns abgrenzen. Denn dadurch entsteht Diskussion und die Debatte um die Frage, welche Strategie die richtige ist. Frau Käßmann aber das Recht abzusprechen, sich zu äußern, ist in der Tat deplatziert.
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Hanno Terbuyken
evangelisch.de
RE: RE: RE: RE: RE: Kritik an Käßmann ist deplatziert
In der Verfassung steht: "Die Parteien wirken an der politischen Willensbildung mit." Das wird von Politikern immer wieder gerne vergessen. Sie haben kein Monopol.
Jürgen Braatz
Kirche soll nicht sein, wie es der Politik grade passt!
Solange "Kirche" zu öffentlichen Anlässen Folklore liefert in Form von Festgottesdiensten, ökumenischen Andachten usw., gefällt sie. Solange "Kirche" die Folgen von Politik auffängt durch vielfältigen sozialen Einsatz z. B. für Arme und Obdachlose, Kranke und Flüchtlinge - ist es der Politik recht. In dem Moment aber, wo "Kirche", diesmal durch Bischöfin Käßmann, politisches Handeln kritisiert, heißt es plötzlich, das sei Missbrauch des Amtes ... Wie's grad passt! Kirche soll aber nicht sein, wie es der Politik gerade passt, sondern soll laut und deutlich sagen, was sie zu sagen hat: Option für die Armen und dass Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll! Frau Käßmann steht hier in der Tradition Dietrich Bonhoeffers, also genau da, wo "Kirche" hingehört!
Eva Chr. Gottschaldt