Kommentar - Keine schwere Wahl war das. Aber doch eine langwierige und eine mit Überraschungen. Wer hätte gedacht, dass der erste und der zweite Wahlgang mit deutlich weniger Stimmen als erwartet für Wulff ein doch deutliches Watschen-Resultat in Richtung Angela Merkel und Guido Westerwelle liefern würde?
Da schien es für einen Moment doch noch einmal offen, wer dem glücklosen, aber integren, beliebten, aber ungeschickten Horst Köhler im höchsten Staatsamt folgen würde. Christian Wulff oder tatsächlich doch Joachim Gauck? Ein bewährter Landespolitiker, Katholik, geschieden, liberal-konservativ auf der einen, eine Galionsfigur der Beseitigung des SED-Staatsunwesens und evangelischer Pfarrer auf der anderen Seite. Nun heißt der nächste Bundespräsident also Christian Wulff. Keine Überraschung. Schließlich hatte das schwarz-gelbe Regierungslager eine letztlich ausreichende Mehrheit, selbst wenn auch im dritten Wahlakt mehr als nur "einige" Wahlmänner und –frauen vorzugsweise aus der FDP für Gauck gestimmt haben.
Der wertvollste Erkenntnisgewinn dieser Wahl ist aber ein anderer. Niemand kann mehr behaupten, er wisse nichts über die politische Kultur in der Partei von gestern, der sogenannten Linken. Es konnte und durfte für die Linke nicht sein, Joachim Gauck zu wählen. Lieber enthielten sich mehr als 120 ihrer Leute im dritten Urnengang. Gauck ist und bleibt für viele DDR-Nostalgiker in der Partei – und keineswegs nur aus dem PDS-Teil derselben – das Sinnbild des bösen Feindes; "ein Hexenjäger", wie der Linken-Politiker Dieter Dehm ihn abzuqualifizieren versuchte. In der Diktion von Demokraten heißt das: ein Freund der Freiheit, ein Bürgerrechtler, ein Kämpfer gegen die Verharmlosung des Unrechtsstaates DDR.
Der Pastor aus Rostock, dessen eigener Vater zu den Opfern des Stalinismus zählte, war an der friedlichen Revolution in der DDR vor 21 Jahren persönlich beteiligt, predigte gegen den Unrechtsstaat, demonstrierte, agierte als Abgeordneter in der einzigen demokratisch gewählten Volkskammer für Bündnis90, ehe er die mit seinem Namen verbundene Behörde zur Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen leitete. Dass die Linke, bis auf den geläuterten Ex-IM André Brie, geradezu mit Schaum vor dem Mund gegen Gauck eiferte, andererseits aber bis weit ins schwarz-gelbe Lager hinein der SPD-/Grünen-Kandidat als wählbar erschien, muss den Sozialdemokraten und Grünen in diesem Land endlich klar gemacht haben, welch Potential an politischer Rückständigkeit und antidemokratischem Bewusstsein in der Linken steckt.
Der echte Zorn, die ehrliche Wut nach der massenhaften Enthaltung der Linken im letzten Akt, die SPD- und Grüne-Wahlleute spontan äußerten, sollte nicht so rasch vergessen werden. Rot-Grün in Berlin ist gut beraten, wenn man sich in diesem Lager nun für sehr lange Zeit abschminkt, dass mit den Dunkelroten demokratisch Staat zu machen sei.
Zum neuen Präsidenten: Christian Wulff hat Fingerspitzengefühl und Verbindlichkeit genug, um ein ordentlicher Bundespräsident zu werden. Joachim Gauck aber, so viel ist zu hoffen, wird die breite Anerkennung, die ihm in den vergangenen Wochen entgegen gebracht wurde, nutzen, sich weiter für Freiheit und Bürgerrechte zu Wort zu melden. Mit seinem "Wahlkampf", seinen öffentlichen Äußerungen als Kandidat hat er sich um sein Land und dessen politische Kultur verdient gemacht. Ihm gebührt Dank und den Parteien, die ihn nominiert haben, Anerkennung.
Arnd Brummer ist evangelischer Publizist, Geschäftsführer des Hansischen Druck- und Verlagshauses und Chefredakteur des Magazins chrismon und von evangelisch.de.




Kommentare
Hexenjäger?
Der wertvollste Erkenntnisgewinn dieser Wahl ist aber ein anderer. Niemand kann mehr behaupten, er wisse nichts über die politische Kultur in der Partei von gestern, der sogenannten Linken. Es konnte und durfte für die Linke nicht sein, Joachim Gauck zu wählen. Lieber enthielten sich mehr als 120 ihrer Leute im dritten Urnengang. Gauck ist und bleibt für viele DDR-Nostalgiker in der Partei – und keineswegs nur aus dem PDS-Teil derselben – das Sinnbild des bösen Feindes; "ein Hexenjäger", wie der Linken-Politiker Dieter Dehm ihn abzuqualifizieren versuchte. In der Diktion von Demokraten heißt das: ein Freund der Freiheit, ein Bürgerrechtler, ein Kämpfer gegen die Verharmlosung des Unrechtsstaates DDR.
Wollen Sie hier tatsächlch behaupten, daß Ihnen der Unterschied zwischen Wulff und Gauck derart groß ist, daß sie dafür die Stimmen der Linken einfordern, nur weil CDU/CSU und FDP nicht den Gauck wählen wollten?
Was haben denn Sie für Vorstellungen von Demokratie?
PS: SIe können sich auch kaum vorstellen, daß es Katholiken waren, die Gauck wählten, oder ist der auch geschieden und lebt eine Pätschwörk-Familie?
Ob es allerdings von grosser Bedeutung ist, als "SPD" und Grüne eine schlechte Politik zu machen, eine schlechte Politik für die, die im Staube schlafen. (Es waren "SPD" und Grüne, die Hartz4 erfanden...)
Na, Sie sind mir aber auf dem richtigen Weg Verlorene Schafe zu suchen.
MfG GerdEric
Was ist das denn für ein Demokratieverständnis?
Was ist das denn für ein Demokratieverständnis, wenn jetzt, in altbekannter Hetztradition, der Linken vorgehalten wird, das sie nicht Herrn Gauck wählten? Auch die Abgeordneten der Linken haben das Recht, selbst zu entscheiden, wen sie wählen und wen nicht.
Im übrigen halte ich das auch für Unverständlich, Herrn Gauck als Widerstandskämpfer zu deklarieren, denn immerhin profitierte er vom MfS, und das nicht zu knapp.
Ich mag Herrn Gauck überhaupt nicht. Ich fände es auch sehr gefährlich, jemanden wie den Herrn Gauck als Bundespräsidenten zu benennen. Denn jemand, der auch heute noch die Oder-Neiße-Linie nicht anerkennt, als das was sie ist, der ist als Bundespräsident, der diesen Staat in der Welt präsentieren soll, nicht geeignet.
Ausserdem findet Herr Gauck es auch toll, das die Bundeswehr - verfassungwidrig - Krieg führt.
ein wenig etwas über den Herrn Gauck findet man hier: dieddr.wordpress.com
P.S.: Die CDU/CSU & die FDP hat auch nicht den Herrn Gauck gewählt - sind die deshalb jetzt auch Regierungsunfähig und nicht Demokratisch??
Gegen jede Art von Faschismus, einseitiger Berichterstattung, Hetze und Dummheit.
http://antifaschista.wordpress.com
Danke für die "Aufklärung"
Ich gebe zu, ich habe die Linke immer für etwas Akzeptables gehalten. Bestimmt nicht für regierungsfähig, aber zumindest als eine Partei die in unserem etablierten System immer wieder einmal den Stachel ansetzt (und manchmal nicht ganz zu Unrecht). Dass sie aber Herrn Gauck die Stimme versagt, der mit Tausenden anderen dafür gesorgt hat, dass auch die ehemaligen DDR-Linken im Wohlstand leben, ins Ausland reisen können und als Abgeordnete Diäten kassieren, einem Herrn Gauck, der natürlich wie kein anderer hinter ihre Kulissen und in geheimste Papiere geschaut hat, das entlarvt sie selbst vor solch gutgläubigen Menschen wie mir. Immerhin muß man anerkennen, dass die LINKE auf diese Weise sich treu bleibt und es zugibt, dass sie den Untergang der DDR nicht verkraftet und einen, der dazu beigetragen hat, abstraft. Im übrigen empfehle ich den Abgeordneten der Linken einmal einen Fraktionsausflug auf der A4 bis Bautzen und dann einen Besuch der Gedenkstätte für die Opfer des Terrors des DDR-Regimes. Auf der Autobahn ist dazu gerade ein Schild aufgestellt worden. Wachturm, Stacheldraht und Gefängsnismauer - man kanns nicht übersehen.
Jedenfalls verstehe ich jeden, der eine Beteiligung der Linken an irgendwelcher Verantwortung sehr kritisch bis ablehnend sieht. In einer rot-roten Regierungskoalition würde mir jetzt etwas ärmlich werden.
Rache ist süß.
Politiker haben nur ganz selten eine Gelegenheit, sich für persönlich erlittene Demütigungen und ähnlichem bei seiner Führung zu revanchieren. Das war so eine Gelegenheit. Und das auch noch anonym. Es könnte der Anfang vom Ende für Frau Merkel sein. Das Volk will sie sowieso in den Ruhestand schicken. Die Gelegenheit ist also günstig. Jetzt wird eine hektische Suche nach den Verrätern laufen. Besser wäre es, Frau Merkel würde endlich eine ehrliche Auseinandersetzung mit ihrer Mannschaft und dem Rest der Partei suchen und sich für Kritik öffnen. Aber dazu hat sie nicht den Mumm. Und so kann Seehofer und seine Truppe ganz ruhig darauf warten und die Messer wetzen. Lange muss er nicht mehr warten.
Die Sonne scheint auch über den Wolken
Gunther
der altböse Feind...
Merkwürdig, hat denn jemals die BRD ihren irrationalen Antikommunismus überdacht? Wenn man solche Äußerungen liest, dann fühle ich mich in den Gemeinschaftskundeunterricht der 60er Jahre zurück versetzt. Westdeutsche Politik hat über 40 Jahre lang doch nur das Gegenteil von dem bedeutet, was der altböse Feind in seinem Herrschaftsblock machte. Ob dafür das bayerische Klippschulsystem aufrecht erhalten wurde, heute immer noch ideologische Grabenkämpfe um Gesamtschulen geführt werden, weil sie den Geruch einer POS besitzen, jeder möglicherweise tatsächliche Fortschritt in der untergegangenen DDR wurde hier ins Gegenteil verkehrt. Mit Logik und Rationalität hat das nichts zu tun, eher mit Sektierertum.
Dieser Staat nennt sich Rechtsstaat. Es ist aber anscheinend unerwünscht, ja geradezu unanständig, wenn jemand das theoretisch zugestandene Recht auf Wahlfreiheit auch wahrnimmt. Das ist offenbar westdeutsches Demokratieverständnis: der gute Soldat vergisst über seinen Pflichten die ihm gewährten Rechte. Im Dienste der höheren Sache. Es gibt immer eine höhere Sache in Deutschland.
Merkwürdig ist dabei nur, dass das Taktieren der CDU/FDP Koalition die Wahl zum Bundespräsidenten als Instrument zu benutzen, um damit die Bundeskanzlerin abzustrafen, nicht einer Kritik würdig ist. Aber gerade dieses Handeln untergräbt beim Wähler den letzten Rest an Glaubwürdigkeit dieses demokratischen Rechtsstaates. Welcher Schaden wohl größer ist?
Die Partei, die z. Zt. "Die Linke" heißt
Herzlichen Dank für diesen Kommentar auf "evangelisch.de"!
Ich bin mild enttäuscht, daß der neue Bundespräsident nicht Gauck heißt. Überrascht bin ich aber nicht. Das war schon so zu erwarten, und Christian Wulff ist ja auch keine Katastrophe. Er wird das schon gut machen und mit dem Amt wachsen.
Was ich an dieser Wahl nun am Ende und auf die Zukunft hin betrachtet interessant finde, ist das Verhalten der "LINKEN". Deshalb freue ich mich, daß auch der Kommentator auf evangelisch.de diesen Problemkreis in den Mittelpunkt seines Kommentars stellt.
Ich verstehe ja, daß die Linken Gauck nicht wählen wollten oder konnten. Sie sind nicht nur Nostalgiker (wie der Verfasser des Kommentars formuliert) sie sind - wenigstens z.T. Täter und v.a. sind sie Entthronte, und so benehmen sie sich auch. Sie können diesen Mann nicht ertragen, der für sie alles symbolisiert, das diese "entwürdigende" Entthronung herbeigeführt hat: neuer Mut, Selbstbewußtsein quasi aus dem Nichts, wilde Entschlossenheit, unbedingter Freiheitswille.
Sie können auch das Gemeinwesen, in dem wir leben, nicht ertragen. Sie können (fast alle) die Nationalhymne nicht singen, sie gucken kämpferisch oder verlegen, aber diese Worte kommen nicht aus ihrem Hals: Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland. Warum kann man das nicht singen? Weil das für Kommuisten keine Werte sind. Und auch nicht für Menschen, die sagen: Wir sind ja eine Kommunisten. - Und doch aus taktischen Gründen Frau Wagenknecht u.a. tolerieren, mal sehen, was sich entwickelt...
Ich bin gespannt, mit welchen Argumenten mir Sozialdemokraten und Grüne das nächste Bündnis mit dieser Partei schmackhaft machen wollen oder die nächsteTolerierung durch sie. Nach dieser Erfahrung! Oder nach dem "Angebot" nach dem 2. Wahlgang, das besagte, daß Rot-Grün doch nur einen anderen Kandidaten vorschlagen müßten, dann würde man schon mitmachen. --- Der Schwanz wedelt mit dem Hund! ---
Die Bundeskanzlerin wird nach dieser Bundespräsidentenwahl einiges mit ihren Leuten zu besprechen haben. M.E. sollte sie nicht fragen: Wo sind die Verräter (Abweichler)? Sondern: Was habe ich falsch gemacht, daß Ihr so wütend seid, mirauf diesem Wege vor's Schienbein zu treten? (Mehr war's ja nicht.)
Barbara
SED
Danke für diesen Kommentar.
Ja, lieber wählt die LINKE indirekt den Kandidaten der CDU/CSU & FDP als daß sie Gauck die Stimme gibt.
Bei der Nationalhymne singt man demonstrativ nicht mit, klatscht nur, wenn die Vorklatscher das Klatschen freigeben. Nicht nur das Wahlverhalten dieser Partei war interessant. Es war auch aufschlußreich, den Vertretern dieser Partei zuzusehen.
Da mag man die Namen wechseln wie ein Kleid, am Ende ist es die alte SED, die einem begegnet. ... bis hin zur geschlossen demonstrierten Parteidisziplin. ... auf die man in dieser Partei bestimmt auch noch stolz ist (mag sich der eine oder andere vor der Wahl auch deutlich differenzierter geäußert haben, am Ende zählt die "proletarische Geschlossenheit").
Gute Nacht.
Ja und?
...
Gauck, ein "SPD" Mann?
...
Zustimmung
Ihrer Einschätzung, Herr Brummer, kann ich nur beipflichten. Ich persönlich hätte übrigens lieber Herrn Gauck in diesem Amt gesehen.
~I started out with nothing and I still have most of it left~
Unterm Strich
steht.: die Linke, in der neoliberalen Politiklandschaft immerhin mit der Chance zum Hoffnungsträger bedacht, hat sich als solcher grandios und bis auf die Knochen blamiert.. unabhängig davon, ob nun Gauck oder Wulff den besseren Bundespräsdenten abgeben werden oder abgegeben hätten, das ist nicht die Frage. Ich unterstelle, dass nicht alle in der Linken der gleichen Meinung wie die Herrschaften gestern sein werden - aber was da zutage trat, hat mich schwer erschüttert, ich hätte ihnen - nach zwanzig Jahren - denn doch mehr praktischen Realismus zugetraut.. oh je..
Unterm Strich?
...
Thron und Altar 2.0
Es nimmt nicht wunder, dass eine Kirche, die sich vor den drängenden dogmatischen Fragen mehr und mehr in einen burgeois-wilhelminischen Kulturprotestantismus flüchtet, sich zwar einerseits zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf Jesusworte beruft, aber andererseits geflissentlich übersieht, dass Kapitalismus, Profitgier, Ausbeutung, ja, selbst Wohlstand, selbst Privatbesitz als solcher für den historischen Jesus definitiv nicht zu den "christlichen Werten" zählen...
"You can fool some of the people all of the time, and all of the people some of the time, but you can not fool all of the people all of the time." (A. Lincoln zugesprochen)