Es bleibt dabei: "Nichts ist gut in Afghanistan"

Kommentar - Erneut sind deutsche Soldaten bei ihrem Einsatz in Afghanistan ums Leben gekommen. Der Satz "Nichts ist gut in Afghanistan" behält seine Gültigkeit. Ein Rückzug der Bundeswehr muss diskutiert werden.

Von Christof Vetter

"Nichts ist gut in Afghanistan" hat die ehemalige Bischöfin Margot Käßmann in ihren weihnachtlichen Predigten gesagt und ist dafür als "naiv und blauäugig" gescholten worden. An Ostern sind drei deutsche Soldaten in Särgen in ihre Heimat zurückgekehrt, nachdem sie Karfreitag in einen Hinterhalt geraten sind. Gestorben sind sie, nachdem sie mit Kameraden in das längste Gefecht mit deutschen Soldaten seit 1945 verwickelt wurden. Weitere von ihnen sind dabei zum Teil schwer verletzt worden. Nun haben uns weniger als zwei Wochen danach wieder Nachrichten erreicht, dass vier weitere deutsche Soldaten in Afghanistan gefallen sind und andere dieses Gefecht nur schwerverletzt überlebt haben. Eines muss klar sein: Wir – die deutsche Bevölkerung – wollen uns 65 Jahre nach Ende des Krieges nicht wieder an tägliche Nachrichten über gefallene Soldaten "gewöhnen" – und auch nicht an wöchtenliche.

Einer der Verletzten von dem Gefecht am Karfreitag hat sich in einem Interview mit einer auflagenstarken Sonntagszeitung geäußert: "Ich bin Protestant, ich glaube an etwas, was man Gott nennt. Ich habe in dieser Zeit gebetet." Das erinnert fatal an Geschichten, die nach dem Krieg geborene Menschen in ihrer Jugend von ihren Religionslehren hörten, die am zweiten Weltkrieg teilgenommen haben. Immer mit dem Unterton: Damals in der Schlacht war mir Gott nah, ihr müsst deshalb akzeptieren, dass es Gott gibt. Es ist erschreckend, dass 65 Jahre nach Kriegsende deutsche Soldaten wieder in Situationen geraden, dass sie anschließend solche Geschichten erzählen müssen. Eines ist dabei klar: Sie müssen es erzählen können, wenn sie es erlebt haben. Deshalb muss es Ziel sein, solche Situationen zu verhindern. Vermutlich sind sich alle Demokraten in diesem Ziel einig – und doch ist es eine Folge demokratischer Entscheidungen, dass nun deutsche Soldaten von ihrem Auslandseinsatz in Särgen zurückgeflogen werden.

Wer möchte diese Verantwortung tragen?

Wie betroffen von diesen Nachrichten auch die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker sind, ist den Gesichtern anzusehen, ihren Worten abzuspüren. Und ganz ehrlich: Wer möchte diese Verantwortung tragen? Und diese Frage stellt sich wohl wissend, dass weder die Bundeskanzlerin noch der Verteidigungsminister in dieser Aufgabe waren, als die Grundsatzentscheidung gefallen ist, Bundeswehrsoldaten in den Hindukusch zu schicken. Doch sie müssen nun erklären, was unerklärlich bleibt: den Eltern und Ehefrauen, den daheim gebliebenen Soldatinnen und Soldaten, den Kindern der Gefallenen und allen Menschen in Deutschland.

Und bei aller Diskussion um den Einsatz in Afghanistan und aller Wut und Trauer nach den Nachrichten der vergangenen Wochen, kann und darf manches nicht nicht in Frage gestellt werden: Ja, Deutschland muss andere Staaten und Gesellschaften unterstützen, einen Weg in die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu finden – wenn es sein muss auch am Hindukusch. Ja, des Volkes Stimme will nach den Erfahrungen der letzten Wochen dass die deutschen Soldatinnen und Soldaten schnellstmöglich nach Deutschland zurück kommen. Ja, alle gemeinsam – politische Mandatsträger und Wählerinnen und Wähler, wollen auf gar keinen Fall, dass weitere "Gefallene" zu beklagen sein müssen. Ja, die Christen in Deutschland beten für die Soldaten, die in Afghanistan eine schwere Mission um der Demokratie willen auf sich genommen haben. Aber eben auch Ja: Wir brauchen mehr Fantasie um des Friedens willen, damit Menschen leben können und nicht getötet werden.

Der Einsatz fordert Menschenleben

Doch die Lösung kann nicht lauten, dass alle, die eine deutsche Uniform tragen, morgen in Flugzeuge steigen und zurück kehren. Aber die deutsche Bevölkerung erwartet jetzt von ihren Politikerinnen und Politikern, dass sie just in diesem Moment ohne jeglichen Verzögerung planen, wie es zu einem vernünftigen und politisch verantworteten Rückzug aus Afghanistan kommt. Afghanistan braucht den Aufbau und die Unterstützung. Das ist unbestritten richtig. Aber vielleicht ist der militärische Einsatz unter Gefährdung von Menschenleben dafür nicht der richtige Weg. Und dieser Überlegung müssen sich alle stellen – die, die es von allem Anfang an gesagt haben, und die, die gehofft haben, dass militärische Präsenz zum Frieden beitragen kann. Und dabei hilft die semantisch juristische Debatte, ob das,was am Hindukusch passiert, ein Krieg ist, nicht weiter. Bildhaft gesprochen: Es ist nicht "kriegsentscheidend", ob man das Geschehen dort umgangssprachlich als Krieg bezeichnen darf, obwohl es völkerrechtlich wohl keine ist: Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan fordert Menschenleben, die in Gefechten ihr Leben lassen müssen. Das ist die entscheidende Tatsache.

"Nichts ist gut in Afghanistan." Das war im Dezember vergangenen Jahres nur zu Ende gedacht, was christliche Überzeugung ist: "Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein!" Das hat der Ökumenische Rat 1948 unumwunden festgestellt. Das war aber auch nur zu Ende gedacht, was in der jüngsten Friedensdenkschrift der EKD so heißt: "Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten. Wer aus dem Frieden Gottes lebt, tritt für den Frieden in der Welt ein." Draus folgt zwingend, die Frage, die immer wieder neu zu stellen ist, nämlich, ob mit einem solchen Krieg wie dem in Afghanistan wirklich für den Frieden eingetreten werden kann.

"Nichts ist gut in Afghanistan." Dieser Satz war an Weihnachten richtig – und ist es bis heute geblieben, denn so eng liegen Weihnachten, Karfreitag und Ostern beisammen: Die Engel verkünden den Hirten den Frieden auf Erden, am Karfreitag sterben friedlos Menschen einen gewaltsamen Tod und Ostern fordert die Fantasie heraus, die Macht einer unendlichen Todesspirale zu besiegen.


Christof Vetter ist Geschäftsführer des Lutherischen Verlagshauses Hannover. Davor leitete er bis Dezember 2008 sechs Jahre lang die Pressestelle der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Kommentare

Verfasst von Wilhelm Drühe am 16. April 2010 - 18:07.

Was ist gut für Afghanistan?

Das ist also eine kräftige, maß-gebenede Stimme aus der...

Das ist also eine kräftige, maß-gebenede Stimme aus der evangelischen Kirche, die die politische Entwicklung in Afghanistan evangelisch deutet. Es bleibt dabei: Nichts ist gut in Afghanistan - ich kann nur sagen: Ich habe Mitleid mit den Frauen und Männern, die dort morgen auf eine Sprengfalle fahren (gelegt von einer einheimichen Freiheitsbewegung?). Diese evangelischen Stimmen werden sich verbünden mit hiesigen politischen Bewegungen. Und dann muss es heißen: Raus aus Afghanistan! Man kann es - da sie hier dann kaum noch politiische Unterstützung haben! - ihnen nicht länger zumuten, dort ihr Leben aufs Spiel zu setzen ... Man sollte vor allem die evangelische Militärseelsorge abziehen. Ich nehme an, durch sie könnte Beten zu den Soldatinnen und Soldaten kommen. Da betet einer - vielleicht weil er Angst vor einer Sprengfalle hat - und die evangelische Deutung aus Deutschland Kommentar ist: "Damals in der Schlacht war mir Gott nah ...". Bleiben wir Evangelischen in unserem Land, im Rücken die Bergpredigt und Amsterdam 1948: "Krieg darf nach Gottes willen nicht sein!" Wäre das nicht alles so einfach mit dem "Nicht ist gut!". Was ist mit den Menschen dort in Afghanistan, wenn wir gehen, damit nicht mehr Gefallene nach Deutschand geflogen werden müssen? Da werden Menschen doch einfach abgeschrieben - oder? "Mehr Fanatasie um des Friedens willen, damit Menschen leben können" - fordert Christof Vetter. Dazu möchte ich gerne etwas mehr Evangelisches hören! Endlich

Doch noch ein Gedanken: Könnte es 2010 heißen: "Krieg muss darf und muss sogar nach Gottes Willen sein, um Menschenleben zu retten"?

Verfasst von chr am 19. April 2010 - 10:52.

Fantasie ist evangelisch

Was, sehr geehrter Herr Drühe, ist evangelischer als die gemeinsame Suche...

Was, sehr geehrter Herr Drühe, ist evangelischer als die gemeinsame Suche nach einer befreienden Fantasie? Wenn ich die Evangelien lese, entdecke ich gerade diese Fantasie immer wieder. Wenn ich an den Einsatz von Christen in den unterschiedlichen Krisengebieten unserer Erde denke, entdecke ich die Fantasie immer wieder. Wenn ich an die Zeit vor 20 Jahren zurückdenke, erlebe ich die Fantasie auf Neues. Und an manchen Namen, der mit dieser Fantasie verbunden ist - Martin Luther, Philipp Melanchthon (heute an seinem 450. Todestag), aber auch Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King um nur wenige Beispiele zu nennen - mag ich gar nicht erinnern. Aber darüber lässt sich sicher trefflich streiten, denn das, was wir in evangelisc her Freiheit uns als Fantasie wünschen, lässt natürlich die Ordnung vermissen, die viele andere haben wollen.

Und beim besten Willen, sehr geehrter Herr Drühe, ihre sonstige Reaktion verstehe ich nicht so ganz: ich gehöre zu der Generation, die sich im Religionsunterricht die Geschichten anhören musste, wie Männer "damals im Schützengraben" für sich individuell eine Gotteserfahrung gemacht haben - und dies war grundsätzlich mit dem Druck verbunden, dass ich als Individuum vor Gott die Erfahrung des anderen zu meiner eigenen machen muss. Vielleicht habe ich Bibel und Luther falsch verstanden - aber das ist nicht evangelisch! Ich habe in meinem Kommentar nur vorgeschlagen, dass wir Menschen möglichst nicht mehr in die Situation bringen, dass sie in Schützengräben und auf Schlachtfelder solche Erfahrungen machen müssen, damit sie sich nachher eben nicht unseren Kindern und Enkeln erzählen müssen. Der Gott, an den ich glaube, ist ein Gott des Lebens - der ist unter Umständen, unter schrecklichen Umständen auch in Schützegräben präsent, aber viel lieber lacht und tanzt er mit den Menschen, die im Frieden leben.

Und Ihre angedeutete Unterstellung - ich bringe es auf den Punkt - wir würden mit solchen Meinungsäußerungen, den Mitbürgern, die als Soldaten in Afghanistan sind, in den Rücken fallen, lässt sich durch nichts in meinem Kommentar belegen - ganz im Gegenteil: Ich hoffe, dass Sonntag für Sonntag in allen evangelischen Gottesdiensten und täglich in jedem Gebet, Gott um Hilfe gebeten wird, dass jeder Soldat, der zu Zeit in Afghanistan kämpft, egal welcher Rasse, Nationalität und Religion, gesund und unverletzt zu seiner Familie zurück kehrt. Und um diese Bitte zu unterstützen gehört auch die Begleitung der Militärseelsorge für die deutschen Soldatinnen und Soldaten, die ich mitnichten in Frage gestellt habe.

Aber - vielleicht war Ihre Meinungsäußerung, für die ich herzlich danke, noch einmal Gelegenheit, dies ausdrücklich zu sagen.

Ihr

Christof Vetter

Chr

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