Afghanistan-Debatte: Überzeugt die Friedensethik der EKD?

Taube flattert davon

Auch wer den Krieg begrenzt, macht ihn "führbar": Die Zeichen stehen nicht auf Frieden in Afghanistan - und die EKD-Friedensethik überzeugt Ulrich Körtner nur bedingt. Foto: photocase / dtaeubert

Gastbeitrag - Nichts ist gut in Afghanistan. Wer wollte der Ratsvorsitzenden der EKD darin widersprechen? Mit ihren Aussagen zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr in einem Interview der Hannoverschen Allgemeinen und in ihrer Dresdner Neujahrspredigt hat sie rechtzeitig vor der nächsten internationalen Afghanistan-Konferenz die politische Debatte neu entfacht.

Von Ulrich H. J. Körtner

Sie hat auf die Schwächen und Ungereimtheiten der bisherigen Afghanistan-Politik hingewiesen, sich für den geordneten Rückzug der deutschen Truppen vom Hindukusch ausgesprochen und für zivile Mittel der Friedenssicherung plädiert. Mit Recht wehrt sich die Bischöfin gegen eine Verkürzung ihrer Aussagen und gegen den Vorwurf, einseitig zu politisieren. Die überfällige Diskussion über die Sinnhaftigkeit und die Ziele der deutschen Afghanistan-Politik lässt sich nicht dadurch abwürgen, dass man Frau Käßmann der Naivität bezichtigt, selbst aber politische Antworten schuldig bleibt.

Zu Recht fordert die Bischöfin eine klare Antwort auf die Frage nach den Zielen des politischen und militärischen Engagements in Afghanistan. Die ursprüngliche Begründung, der Einsatz sei notwendig, weil Deutschland am Hindukusch verteidigt werden müsse, trägt nicht mehr, zumal El Kaida seine Operationsbasen längst auch in andere Länder wie den Jemen oder Somalia verlagert hat. Dass man am Hindukusch eine Demokratie nach westlichem Vorbild errichten könnte, um so den Taliban und dem El-Kaida-Terror den Boden zu entziehen, glaubt doch inzwischen längst kein ernstzunehmender Politiker mehr. Das Bild von den brunnenbohrenden Entwicklungshelfern in Uniform hat sich als Illusion erwiesen. Deutschland führt Krieg, und wer kämpft, tötet.

Überwindet die Idee vom gerechten Frieden den gerechten Krieg?

Auf dem Prüfstand stehen freilich nicht nur die deutsche Afghanistan-Politik und die internationale Strategie im Kampf gegen islamistischen Terror, sondern auch die Friedensethik der EKD. Seit zwei Jahrzehnten propagiert die EKD die Idee vom gerechten Frieden, die angeblich das Konzept des gerechten Krieges endgültig überwunden habe; so zuletzt in ihrer der Friedensdenkschrift aus dem Jahr 2007.

Die friedensethische Grundaussage der EKD lautet: "In der Zielsetzung christlicher Ethik liegt nur der Friede, nicht der Krieg". So griffig die Formel auch klingt, so unpräzise ist sie doch schon allein aufgrund der Mehrdeutigkeit des Friedensbegriffs. Freilich hat auch der Begriff des Krieges seine klaren Konturen verloren. Die "neuen Kriege" sind eine Mischung aus Krieg, Terror, Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen. Hinzu kommen "low intensity wars", das heißt unterschiedliche Formen einer irregulären Kriegsführung. Es sind oft nicht mehr Staaten, sondern Warlords, die Kriege führen, weshalb das Instrumentarium des Völkerrechts, das als zwischenstaatliches Recht konzipiert ist, in vielen Fällen versagt.

Die friedensethischen Stellungnahmen der letzten Jahre räumen ein, dass im Konfliktfall Recht auch mit Mitteln der Gewalt durchgesetzt werden muss. Faktisch bedeutet dies allerdings, dass damit die Lehre vom gerechten, genauer gesagt vom gerechtfertigten Krieg im Rahmen einer modifizierten Lehre vom gerechten Frieden wiederkehrt.

"Rechtserhaltende Gewalt"

Die EKD bestreitet das bislang. Der Unterschied bestehe darin, dass die Theorien des bellum iustum (des gerechten Kriegs) politischen Kontexten enstammten, in denen es eine rechtlich institutionalisierte Instanz wie die UNO zur transnationalen Rechtsdurchsetzung ebenso wenig wie eine generelle Ächtung des Krieges gab. Allerdings blieben die ethischen Kriterien für militärische Gewaltanwendung, wie sie die Lehre vom gerechten Krieg entwickelt hat, gültig. Anstelle des Begriffes "gerechter Krieg" spricht die EKD nun von "rechtserhaltender Gewalt". Dass Gewalt mitunter nicht nur zur Erhaltung, sondern auch zur Wiederherstellung des Rechtes eingesetzt werden muss, bringt diese Sprachregelung allerdings nicht hinreichend zur Geltung.

Mag die EKD auch betonen, dass sich der Einsatz militärischer Mittel im Rahmen humanitärer Interventionen und die Etablierung eines internationalen Gewaltmonopols von der traditionellen Lehre vom Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mittel grundlegend unterscheide, nimmt sie doch faktisch eine Neuinterpretation des iure bellare (gerechte Kriege führen) vor, von dem Artikel 16 des Augsburger Bekenntnisse handelt.

Daher überzeugt die Behauptung nicht, die neue Lehre vom Einsatz militärischer Gewalt als "ultima ratio" und "Grenzfall", der aber wirklich Grenzfall bleiben müsse, bedeute die endgültige Überwindung der traditionellen Lehre vom gerechten Krieg. Zwar kann man nur unterstreichen, dass terminologische Unterscheidungen notwendig sind und dass Begriffe wie "Krieg" oder "Terrorismus" sorgfältiger gebraucht werden müssen, als dies in der öffentlichen und politischen Diskussion bisweilen der Fall ist. Faktisch aber wird die Lehre vom gerechten Krieg einschließlich der Lehre vom ius ad bellum (Recht zum Krieg) nicht gänzlich verworfen, sondern neu interpretiert, was aber offenkundig aus innerkirchlicher Rücksichtnahme auf divergierende friedensethische Grundpositionen nicht offen beim Namen genannt werden darf. An diesem Umstand ändert auch die Rede vom Einsatz militärischer Gewalt als "ultima ratio" nichts. Auch wer den Krieg begrenzt, macht ihn – ob er will oder nicht – "führbar".

Effizienz der Friedensdienste überprüfen

Dass die Ratsvorsitzende eine stärkere Betonung des politischen und des zivilen Friedenseinsatzes gegenüber der militärischen Komponente in Afghanistan fordert, verdient grundsätzlich Unterstützung. Mit militärischer Gewalt ist der Frieden nicht zu gewinnen. Allerdings sollte die EKD auch einmal die Effizienz der von ihr unterstützten Friedensdienste unter die Lupe nehmen. Die von Frau Käßmann im Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen angeführte Studie der Stiftung Weltethos bietet für eine seriöse Evaluierung keine ausreichende Basis. Und der Verweis auf den kirchlichen Mediationserfolg in Ost-Timor verfängt nicht, weil es sich in Afghanistan nicht lediglich um einen lokalen Konflikt handelt, sondern um eine internationale Bedrohungslage.

Die deutsche Afghanistan-Debatte leidet also an mangelnder Klarheit und Selbstkritik auf allen Seiten, auf der politischen ebenso wie der kirchlichen. Möglicherweise hat eben auch die friedensethische Linie der EKD die deutsche Selbsttäuschung über den Einsatz in Afghanistan begünstigt, aus der es nun ein böses Erwachen gibt.


 

Prof. Dr. Ulrich H. J. Körtner ist seit 1992 Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Zuvor war er unter anderem Gemeindepfarrer in Bielefeld sowie Studienleiter an der Evangelischen Akademie Iserlohn.

Kommentare

Verfasst von Gast am 6. Januar 2010 - 22:16.

RE: Afghanistan-Debatte: Überzeugt die Friedensethik der EKD?

Werter Herr Ulrich H. J. Körtner, Sie fragen, ob die Friedensethik der EKD...

Werter Herr Ulrich H. J. Körtner,

Sie fragen, ob die Friedensethik der EKD überzeuge. Die Frage ist leicht zu beantworten: Nein.

Überhaupt suggerieren Sie, dass es noch irgendetwas theologisch Relevantes in dieser evangelischen deutschen Kirche gäbe. Das ist aber nicht so.

Wir deutschen evangelischen Christen haben keine Antworten mehr -weder politische, noch, und das ist wesentlich schlimmer, theologische.

Aber jetzt kommt wieder einmal der Vorteil unserer Kirchenstrukturen zum Tragen: Hier bei uns in der Gemeinde stört uns das alles nicht. Wir ignorieren Präses der EKD-Synode und die EKD Vorsitzende einfach so gut es geht und halten uns an die theologischen Fundamente der evangelischen Kirche in Deutschland, unseres Weges des christlichen Glaubens also.

Als Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien können und dürfen Sie das bestimmt nicht auch so machen wie wir. Aber dafür liest man Sie ja auch und hört Ihnen zu, wenn Sie etwas analysieren und kommentieren. Sie hätten schon eher Gelegenheit einen theologischen Dialog mit politischer Relevanz zu führen.

Dass das die derzeitige EKD Leitung nicht kann, dass denen niemand (auch nicht in der eigenen Kirche) mehr zuhört, dass es niemanden und nichts Relevantes mehr gibt, hätten Sie ruhig hinschreiben können. Es weiß jeder. Es spricht/ sprach nur noch niemand aus, obwohl es kein neues Phänomen ist, war es doch unter Herrn Bischof Huber schon genauso.

Danke für den Gastbeitrag.

Verfasst von Gast am 6. Januar 2010 - 9:00.

"Nichts ist gut" stimmt nicht

Die Aussagen von Bischöfin Käßmann, "nichts" sei gut in Afghanistan, ist falsch...

Die Aussagen von Bischöfin Käßmann, "nichts" sei gut in Afghanistan, ist falsch.

Ohne das Militär gäbe es dort keine Menschenrechte und keine Entwicklungshilfe, wohl aber Ausbildungslager für Terroristen.

Der Einsatz ist gerechtfertigt und von den Vereinten Nationen beschlossen. Der Dienst dort ist keine Sünde.

Verantwortlich für das Feuer sind die Brandstifter, nicht die Feuerwehrleute.

Es ist der Taliban und nicht den Vereinten Nationen geschuldet, dass weiter Gewalttaten stattfinden und der erhoffte Abzug noch nicht möglich ist.

Verfasst von theolounge.de am 6. Januar 2010 - 0:41.

RE: Afghanistan-Debatte: Überzeugt die Friedensethik der EKD?

Frieden allein mag wohl nicht einen Hitler stoppen. Allerdings ist die Frage,...

Frieden allein mag wohl nicht einen Hitler stoppen. Allerdings ist die Frage, ob die Taliban damit in irgendeiner Weise gleichzusetzen wären - vermutlich nicht.

Die Bundeswehr - eine Verteidigungsarmee - steht offensiv in fremdem Land. Sie buddelt auch weniger Brunnen, sondern wird zusehends mehr in Kampfhandlungen verwickelt. Krieg ist das. Kein Verteidigungsfall, so scheint mir.

Dass allerdings die Macht des Militärs eingeschränkt werden sollte, sieht nicht nur Frau Käßmann so, wenn ich sie so in diese Richtung richtig verstanden habe. Hier dazu interessant: > Afghanistan: Die Macht des Militärs muss begrenzt werden ! 

Interessant auch zu Obamas Sicht: > Obamas nobles Wortgefecht

Und nicht zuletzt das hier: > AFGHANISTAN – Deutschlands Selbstbetrug am Hindukusch

 

Verfasst von Gast am 6. Januar 2010 - 21:35.

RE: theolunge

Weder Ihr Beitrag hier, noch Ihr Blog vermögen mich zu überzeugen, interessant...

Weder Ihr Beitrag hier, noch Ihr Blog vermögen mich zu überzeugen, interessant sind sie auch nicht. Vieles von Ihren Darstellungen sind aber Meinungen; eine Meinung kann man haben, muss sie auch nicht mit Substanz unterlegen bzw. belegen: folglich haben Sie das Recht, dass ich Ihre Meinung als solche einfach nur akzeptiere. Und das tue ich hiermit.

Ich möchte Sie aber auf einen Logikfehler in Ihren Ausführungen hinweisen und dabei die verlinkten Thesen Ulrich Ladurners http://www.zeit.de/politik/ausland/2009-12/nato-afghanistan-strategie verwenden:
1. Das Ziel definieren -- seit wann definieren in einer Demokratie Militärs die Ziele?
2. Ausstieg aus dem Krieg gegen den Terror -- seit wann erklären Militärs in einer Demokratie jemanden den Krieg?
3. Neudefinition der Sicherheitspolitik -- seit wann haben Militärs ein Mehr als die Beratungsfunktion hierbei?

Was also brächte Ihre These umzusetzen und den "Militärs" die Macht zu begrenzen? Ich hoffe Sie verstehen nun Ihren Logikbruch. Auf den billigen Populimus, die Militärs wären an allem Schuld, könnten ja einfach zu hause bleiben, usw. sollte man nicht hereinfallen.

Die siebte und letzte These heißt: "Mit Afghanistan leben" - Ich hoffe doch sehr, dass Sie sich 2001 nicht daran störten, wie die Taliban dort Herrschaft organisierten. Und ich frage Sie, seit wann man als Christ zuschauen sollte, wenn man die Möglichkeit hat zu helfen?

Und zu guter letzt: Zitat: "Krieg ist das. Kein Verteidigungsfall." - ach, und im V-Fall wird dann zwischen Angreifer und Deutscher Bundeswehr ein Handballturnier ausgetragen? Offensichtlich gehören Sie auch zu denen, die meinen, dass man in den Einsatzjahren 2001 bis 2008 nur "umhergefahren" sei. Die Soldaten unserer Gemeinde erzählten da aber schon immer etwas anderes.

Ansonsten weise ich auf folgende Kommentare hin, die von Soldaten hier geschrieben wurden, wie ich meine sehr ehrlich und interessant:
http://www.evangelisch.de/themen/politik/afghanistan-braucht-zivilen-auf... :
Verfasst von Gast am 6. Januar 2010 - 16:50. (zu dessen Beitrag ich gern noch schreiben möchte: Ja, soviele evangelische Friedensethiker und Friedensarbeiter, die da momentan Schlange stehen, um in Afghanistan Frieden, Freiheit und Wohlstand zu implementieren; da wird es langsam voll dort, Zeit die Bundeswehr heimzuholen...).

Verfasst von Gast am 3. Januar 2010 - 16:07.

Verfasst von Gast am 4. Januar 2010 - 0:02.

(mit ein wenig scrollen, dürften Sie die Beiträge schnell auffinden können)

Was wir meiner Meinung bräuchten, ist eine überhaupt ersteinmal interessierte, weiters eine informierte, auf- und abgeklärte Zivilgesellschaft, die solche Einsätze entsprechend begleitet. Ebenso benötigen wir Politiker, die mit und für die hier lebenden Menschen Programmatiken entwickeln, die dann die Exekutive (hier eben die Bundeswehr in Afghanistan) auch mit Leben füllen kann.

Weder ersteres, noch zweiteres gibt es im Moment. Aber beides baden die Soldaten, gebunden an ihren Eid, das Deutsche Volk tapfer zu verteidigen..., aus. Die Tatsache, ob wir dort nun verteidigt werden oder nicht, gälte es hierbei mit dem Gremium auszudiskutieren, welchen die Legitimation zum Beschluss dessen besitzt: den Mitgliedern des Bundestages.

© 2009 - 2012 evangelisch.de  |  Tel: 069 58 098 - 189  |  Fax: 069 58 098 - 418  |  Kontakt  |  Impressum  |  Presse  |  Datenschutz  |  AGB