Kontrovers - "Geben Sie dem Bundespräsidenten eine Bildungschance. Schenken Sie ihm Ihre Lieblingsbücher aus dem Diesseits und schicken Sie diese an das Bundespräsidialamt in Berlin." Mit diesen Sätzen haben bekennende Atheisten in NRW einen allgemeinen Aufruf an die Bevölkerung gestartet. Allen voran Rainer Ponitka, Sprecher des Landesverbandes NRW vom Internationalen Bund Konfessionsloser und Atheisten e.V. (IKBA). Ponitka: "Lassen Sie Herrn Köhler teilhaben an den großartigen Ideen der Aufklärer, an Philosophie, Religionsfreiheit, Menschenrechten, Demokratie, Kunst und Wissenschaft."
Auslöser dieser Aktion war ein Grußwort, das Köhler am Mittwoch in Münster zum 50-jährigen Bestehen des Instituts für neutestamentliche Textforschung gehalten hatte. Dabei hatte der Bundespräsident mit seiner persönlichen Meinung nicht hinterm Berg gehalten. Ja, die Bibel sei das wichtigste Buch, das er kenne. Ihre Texte seien heute genau so aktuell wie damals. Die Bibel biete Orientierung. Sie könne unserem Alltag Sinn stiften.
Eine Position, der die NRW-Atheisten vehement widersprechen: "Die Bibel ist ein vielschichtiges und in Teilen sogar inhumanes Buch", sagt Rudolf Ladwig, Zweiter Vorsitzender des IBKA. "Den Anspruch, auch in der heutigen Gesellschaft ethische Orientierung zu bieten, kann sie nicht einlösen." Darüber hinaus wirft Ladwig dem Bundespräsidenten vor, christlich-fundamentalistischen Strömungen, die die Bibel wortwörtlich interpretieren, Vorschub zu leisten. Er verbreite eine "naive und idealisierende Sicht der Bibel als Sammlung vermeintlich kindgerechter Erzählungen".
Kommentar: Andere Meinungen als die eigenen tolerieren lernen!
Ganz schön schweres Geschütz, das hier gegen Horst Köhler aufgefahren wird. Es ist frech, ihm Naivität zu unterstellen, nur weil er sich klar positioniert. Es ist unfair, ihm einen persönlichen Bildungsnotstand nachzusagen, nur weil man seine Meinung nicht gut heißt.
Auch als kritisch denkender Freigeist sollte man zumindest mit der theoretischen Möglichkeit rechnen, dass Menschen trotz oder gerade aufgrund historisch-kritischer Bibelexegese zu dem Schluss kommen, dass die Bibel das wichtigste Buch der Welt sei, ja dass sie Orientierung vermitteln sowie Trost und Hoffnung spenden könne.
Viele Menschen, die in ihrem Leben mehr als ein Buch gelesen haben, können auf ein Lieblingsbuch verweisen. Sei es, weil es großen Lesegenuss bietet oder weil sein Inhalt einem in besonderer Weise ans Herz gewachsen ist. Letzteres scheint bei Horst Köhler mit Blick auf das "Buch der Bücher", wie die Bibel oft genannt wird, der Fall zu sein. Dabei handelt es sich um nichts mehr und nichts weniger als die persönliche Meinung des Bundespräsidenten. Die ist ohne jeden Zweifel subjektiv gefärbt, auch wenn sie von nicht wenigen Bundesbürgern geteilt wird.
Aber das ist noch lange kein Grund, diese Meinung grundsätzlich in Frage zu stellen. Die NRW-Atheisten sollten schleunigst lernen, andere Meinungen als die eigene zu tolerieren, auch und gerade wenn sie sich inhaltlich anders positionieren. Der Bundespräsident muss nicht therapiert werden. Erst recht nicht von den Atheisten in Nordrhein-Westfalen. Und ganz sicher nicht mit zeitgenössischer Literatur, die der erste Mann des Staates zu Genüge gelesen haben dürfte.
Bernd Tiggemann ist Online-Redakteur der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Kommentare
RE: Bücher aus dem Diesseits für den Bundespräsidenten?
Herr Tiggemann hat offenbar Schwierigkeiten mit Satire und mit seiner eigenen Toleranz ist es auch nicht weit her.Als Bundespräsident hat Herr Köhler m.E. eine gewisse Verpflichtung zu weltanschaulicher Zurückhaltung. Dass die Bewertung der Bibel durchaus kritisch gesehen werden kann, wenn dort Mord und Völkermord verherrlicht wird und eine sadistischer, eitler Gott erscheint, der für Belanglosigkeiten ewige Höllenstrafen androht, sollte auch einem evangelischen Christen klar sein. Karl-Heinz Deschner und andere haben überzeugend gezeigt, wie zweifelhaft die "heiligen Bücher" sind. Vielleicht sollte man das einmal zur Kenntnis nehmen und sich damit sachlich auseinandersetzen. Wenn Atheisten angesichts der übermächtigen Kirchen und der "christlichen Lei(d)tkultur" zu satirschen Mitteln greifen, dann ist das wohl verzeihlich. Ich bin nicht überzeugt, dass der Bundespräsident sich tatsächlich gündlich mit der Bibel und der "zeitgenössischen Literatur" auseinandergesetzt hat. Muss er ja auch nicht und er hat sicher auch wenig Zeit dazu, aber Halbbildung wird man ja wohl noch kritisieren dürfen, besonders, wenn sie in öffentlicher Funktion verkündet wird! A.Brämswig
RE: Bücher aus dem Diesseits für den Bundespräsidenten?
Bertolt Brecht antwortete auf die Frage nach dem für ihn wichtigsten Buch der Weltliteratur: "Sie werden lachen, die Bibel!". Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
RE: RE: Bücher aus dem Diesseits für den Bundespräsidenten?
Warum wohl? Weil die Bibel aufgrund ihrer nach Jahrtausenden zählenden Entstehungszeit eine Büchersammlung mit unglaublich vielen anregenden und aufregenden Geschichten von Menschen und über Menschen darstellt. Als Dicher und Schriftsteller wäre Bertold Brecht zwangsläufig überwältigt worden von der Fülle an Ideen zu eigenen Geschichten und Lehrstücken – völlig unabhängig vom Wahrheits- bzw. Unwahrheitsgehalt der Texte in diesem aus historischer und kultureller Sicht durchaus bedeutenden Buch.
RE: Bücher aus dem Diesseits für den Bundespräsidenten?
Bislang hatte ich immer noch einen Rest an Respekt vor unserem Bundespräsidenten. Die Häme, mit der zum Beispiel die Kabarettisten Mathias Richling oder Urban Priol Horst Köhler seit Jahren überziehen, empfand ich immer als ungerecht und unangebracht. Nachdem ich das Grußwort unseres Bundespräsidenten zum 50-jährigen Bestehen des "Instituts für neutestamentliche Textforschung" gelesen hatte, verstehe ich diese beiden Kommentatoren des Zeitgeschehens. Wer so etwas sagt wie unser aller Bundespräsident, ist entweder so naiv und einfältig, wie ihn das Kabarett karikiert oder er ist ein Zyniker – wie übrigens viele unserer Politiker – der sich dem einfach andient, der ihn seinerseits in seiner Rolle hofiert. Wer die Bibel so "in den Himmel hebt", sollte sie gelesen haben, damit er weiß, wovon er spricht.
Was wir über Schule, Konfirmandenunterricht und Predigt an Bibeltexten kennengelernt haben, stellte eine hochselektive Auswahl dar und vermittelte jenes verklärende, gläubig stimmende Bibelbild, das viele von uns als vermeintlichen geistlichen Schatz mit sich herumtragen. Sehr viele andere, uns unbekannt gebliebene Textstellen sprechen eine andere Sprache: Die Bibel ist in vielen Teilen, insbesondere im Alten Testament, von Berichten mitleidloser göttlicher Gewalt und Grausamkeiten geprägt, von einer für uns heute absolut nicht hinnehmbaren Moral durchzogen und in weiten Strecken nicht mit dem gängigen Bild eines liebenden und sich der Menschheit erbarmenden Gottes vereinbar. In sehr vielen Passagen des Alten Testaments kommt eine menschenverachtende Denkweise und Moral zum Vorschein, die weit unter jedem heutigen ethischen Standard liegt und die zeigt, dass die von Politikern gern aufgestellte Behauptung von der norm- und moralstiftenden Rolle der Bibel ohne wirkliche Kenntnis dieses Buches hinausposaunt wird.
Nur die Stellen der Bibel sind bekannt, weil nur sie zitiert werden, die moralisch einwandfrei erscheinen. Die wesentlich zahlreicheren Passagen, in denen die Menschenverachtung und Erbarmungslosigkeit Gottes zum Vorschein kommt, werden regelmäßig ignoriert und sind daher den allermeisten Christen unbekannt –zum Beispiel die geforderte Opferung von Isaak, das erbarmungslose Geschehen infolge der Sintflut, die Mordserie anlässlich der Befreiung Israels aus ägyptischer Gefangenschaft (Exodus, Kap. 7-12), die vielen Kriege und gnadenlosen Unterwerfungen umliegender Völker auf Gottes Geheiß, die brutale und erbarmungslose Moral der angeblich so heiligen Psalmen, die göttliche Aufforderung zur Denunziation selbst nächster Angehöriger (Deut 13, 7-11), das gottbefohlene Pfählen Andersgläubiger (Num 25, 1-5) und und und, von der menschenverachtenden, geradezu einmaligen Brutalität der Offenbarung ganz zu schweigen. Dass Homosexuelle laut Bibel zu töten sind (3. Buch Mose, Kap. 20, Vers 13), dass Frauen in der geamten Bibel als zweitrangig angesehen und geradezu schändlich behandelt werden, dass Jesus zur Ermordung Andersgläubiger direkt auffordert (Lukas Kap 19, 27) – wer weiß das schon oder will es überhaupt wissen?
Wer sich über die Bibel nicht empört, kennt sie nicht. Weil ich sie gelesen habe, will ich kein Christ mehr sein. In meinem Buch "Warum ich kein Christ sein will" habe ich das ausführlich begründet.
www.uwelehnert.de
RE: Bücher aus dem Diesseits für den Bundespräsidenten?
Ja, sie sind sehr mitteilungsbedürftig, unsere "Atheisten". Wie gut, dass sie mit den Christen zumindest hin und wieder jemanden finden, der ihnen auch zuhört.
RE: Bücher aus dem Diesseits für den Bundespräsidenten?
Ist die Bibel das wichtigste Buch? Diese Frage kann nur individuell beantwortet werden! Für gläubige Christen trifft das zu - für Atheisten wohl kaum.
Oder ist die Bibel eher das verbreiteteste Buch?
Aber nur aufgrund der Verbreitung auf die Wichtigkeit zu schließen ist nach meiner Bewertung eine fragwürdige Schlussfolgerung.
Durch seine Aussage hat sich der Bundespräsident prochristlich positioniert und damit selbst deplaziert, da durch eine Äußerung wie in Münster die Neutralität anzuzweifeln ist.
RE: RE: Bücher aus dem Diesseits für den Bundespräsidenten?
Durch seine Aussage hat sich der Bundespräsident prochristlich positioniert und damit selbst deplaziert, da durch eine Äußerung wie in Münster die Neutralität anzuzweifeln ist.
Wo in unserer Verfassung steht denn, dass der Bundespräsident weltanschaulich bzw. religiös "neutral" zu sein hat? Wollen Sie ernsthaft behaupten, nur Atheisten seien für das Amt zulässig?
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"Frischer Wind" auf ScienceBlogs.de
"ex libris" auf evangelisch.de
Wen vertritt der Bundespräsident?
Sie haben Recht, Herr Tiggemann: Andere Meinungen tolerieren lernen. Gilt das nicht auch für die Meinung der Atheisten? Wenn ein Christ sich bekennt ist das gut; aber wenn ein Atheist sich bekennt ist das "schweres Geschütz"?
Unbestritten, die Bibel ist ein sehr bedeutendes Buch (auch ich als Atheist lese sie). Sie als "wichtigstes Buch" zu bezeichnen wirft aber schon Fragen auf - vertritt der Bundespräsident überhaupt die Nicht-Christen (immerhin ein Drittel der Bürger) in Deutschland? Die Bibel ist ein sehr vielschichtiges Buch, sie lässt sich sinnstiftend interpretieren, aber eben auch fundamentalistisch. Von einem Bundespräsidenten erwarte ich da etwas mehr Differenziertheit.
In unserer Gesellschaft wird über existentielle Fragen ohnehin zu wenig gesprochen - ist da die Reaktion der Atheisten-Verbände nicht begrüßenswert?
RE: Wen vertritt der Bundespräsident?
In unserer Gesellschaft wird über existentielle Fragen ohnehin zu wenig gesprochen - ist da die Reaktion der Atheisten-Verbände nicht begrüßenswert?
Ich finde es durchaus begrüßenswert, dass sich die Atheisten-Verbände zu der Frage äußern. Allerdings macht - wie überall sonst auch - der Ton die Musik. Formulierungen wie "Lassen Sie Herrn Köhler teilhaben an den großartigen Ideen der Aufklärer..." etc. und sind schon eine ziemliche Frechheit und werden der IBKA wohl kaum Sympathien einbringen. Ganz augenscheinlich geht es mal wieder weniger darum, eine Diskussion anzustoßen, sondern mehr darum, sich über Personen des öffentlichen Lebens lustig zu machen, die sich offen zu einem Glauben bekennen.
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RE: Bücher aus dem Diesseits für den Bundespräsidenten?
Wir lieben die Menschen, die frisch heraus sagen, was sie denken - falls sie das gleiche denken wie wir.
Mark Twain
Die Bibel bietet Orientierung?
Wenn es nach der Bibel ginge, müssten am laufenden Band Menschen gesteinigt werden, Frauen den Mund halten, Juden als Kinder des Satans und Gottesmörder gelten, und alle Obrigkeit als von Gott gegeben hingenommen werden. Und eine Demokratie war ja nun das Letzte, was die Propheten und Apostel im Sinn hatten.
Liebe Christen, der Himmel ist leer:
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/2136...
Und der Bundespräsident sollte sich lieber am Grundgesetz und den Menschenrechten orientieren.
RE: Die Bibel bietet Orientierung?
Wie erbärmlich, wenn man es als Atheist jetzt schon nötig hat auf kirchlichen Homepages missionieren zu wollen. Das ist doch sonst eher ein Vorwurf an uns Christen. Man merkt, dass sie sich nicht besonders mit der Bibel auseinander gesetzt haben.
RE: RE: Die Bibel bietet Orientierung?
Ich habe mich mit der Bibel auseinander gesetzt:
Die Bibel dort und ich da!
RE: RE: Die Bibel bietet Orientierung?
Ich habe kritisiert, nicht missioniert. Das Missionieren ist mangels einer eigenen Ideologie für einen sog. Atheisten eine mission impossible. Ich bin übrigens ziemlich bibelfest, Sie "Schnellmerker".
Erbärmlich? Geht es vielleicht auch etwas freundlicher?
RE: Die Bibel bietet Orientierung?
Und der Bundespräsident sollte sich lieber am Grundgesetz und den Menschenrechten orientieren.
Nun, das ist ja dann auch wunderbar. Schließlich sind die wiederum von der biblischen Botschaft durchaus mit inspiriert. :-)
www.citykirche-schweinfurt.de
www.kuschelkirche.de
Die Bibel und die Grundrechte
Die zentrale Botschaft des ATs ist für mich, dass Gott einen sehr unangenehmen Charakter hat.
Das NT lehrt, dass
a) alle Menschen als Sünder geboren werden,
b) ewig im Himmel leben werden, die Christus folgen,
c) ewig in der Hölle gequält werden, die Christus nicht folgen.
Während mir gesichert scheint, dass die äußerst intolerante Bibel in den letzten 2000 Jahren verheerende Folgen gehabt hat (s. Kriminalgeschichte des Christentums, Bände 1-9, von Karlheinz Deschner sowie das Verhalten der deutschen Bischöfe gegenüber Hitler) kann ich nicht erkennen, was sie zur Durchsetzung von demokratischen Grundrechten, z.B. der Meinungsfreiheit oder der Gleichberechtigung der Frau, beigetragen haben soll.