Gastbeitrag - Die Affäre um Bundespräsident Christian Wulff scheint kein Ende zu nehmen. Immer neue Details werden von den Zeitungen veröffentlicht, allen voran die BILD. So mancher fragt sich mittlerweile: Steckt mehr hinter der Berichterstattung als bloßer Informationswille dieses Blattes? Die Journalisten Wolfgang Storz und Hans-Jürgen Arlt haben sich mit der "Bild"-Zeitung und deren Form von Informationsverarbeitung auseinander gesetzt. Nun kommentieren die beiden Autoren für evangelisch.de die derzeitige Berichterstattung des Blattes in der Affäre Wulff.
Phantasieren wir, Christian Wulff verhielte sich wie Thomas Gottschalk. Auf einem Plakat der laufenden Bild"-Image-Kampagne sagt dieser: "'Bild' hat mich erst zur Schnecke gemacht und dann zum 'Titan'! Wer in Deutschland was werden will, muss da durch." Wer spurt, fast alles mit sich machen lässt, der überlebt, wird gar belohnt. Hätte der Bundespräsident dieses Geschäftsmodell verstanden, dann hätte er Kai Diekmann auf die Mailbox gesprochen: Staatsbesuch abgebrochen, bereits auf Rückflug, zur Beichte bereit.
"Bild" hätte auf einer Doppelseite exklusiv "die brutalstschonungsloseste Beichte, die weltweit je ein Staatsoberhaupt ablegte" veröffentlicht, die nächste Home-Story wäre schon in Arbeit. Ein paar Journalisten würden unter Ausschluss des Interesses der breiten Öffentlichkeit noch an dem einen oder anderen Zinssatz des Wulff-Kredits und den miesen kleinen Vertuschungsversuchen herummäkeln. Alles wäre gut.
Die Qualitätsmedien lassen sich von der "Bild" treiben
"Bild" ist kein journalistisches Produkt, sondern der werktägliche Rummelplatz mit Promis, Tieren, Spielen, Sensationen. Ihr Geschäftsmodell blüht, wenn "Bild" Prominenten erst via Riesenrad hoch hinaus hilft – und dann mit ihnen Geisterbahn fährt. Damit das eine wie das andere nach Bedarf jederzeit machbar ist, klaubt "Bild" immer Zitate, Photos, Material für zwei Schubladen zusammen. Auf der einen Schublade steht: Hosianna, auf der anderen: Kreuzigt ihn. RTL schickt Promis, die mitspielen, in den Dschungel, "Bild" auf Wolke sieben oder in die Wüste.
Von guten Freunden lässt sich Christian Wulff gerne helfen. Am vorzeitigen Ende seiner Amtszeit hilft er selbst - seiner besten Freundin "Bild". Wulff adelt "Bild" und lässt sie als Bannerträgerin der Pressefreiheit, als Speerspitze des investigativen Journalismus erscheinen. Und die Qualitätsmedien versuchen gar nicht erst, den Eindruck zu vermeiden, dass sie sich von "Bild" Thema, Taktzahl und Ton vorgeben lassen. Die öffentliche Diskussion lässt sich von "Bild" dumm machen, schließt aus, dass jemand Täter und Opfer zugleich sein kann, thematisiert nicht einmal, dass "Bild" und Pressefreiheit in verschiedenen Sphären beheimatet sind.
Seit Mitte Dezember 2011 existiert in der Gedankenwelt der Medien nur noch der Täter und Vertuscher Wulff. Um das möglich zu machen, hat Wulff selbst nichts unterlassen. In der Sprache der Superlative: Christian und Bettina Wulff sind die dankbarsten Opfer, die seit langem auf dem Altar der Selbstvermarktung von "Bild" lagen: höchstmögliches Amt, größtmöglicher Dilettantismus.
Die "Bild" denkt nicht daran, Pflichten zu erfüllen
2006 bejubelt "Bild" Christian und Bettina als "die schönste Liebes-Koalition" des großen Sommerfestes von BILD-Hannover. "Bild" bewundernd im Jahr 2007: "Regierungschef, Vater, Geliebter und Noch-Ehemann - wie kriegt Christian Wulff das bloß so prima hin?" 2008 erzählt "das frischvermählte Paar von der Trauung, vom neuen Eheglück", natürlich in "Bild". 2009 sagt "Bild" über Bettina Wulff: "Die Zweifach-Mutti mit Liebe zum Tattoo macht Niedersachsens Ministerpräsidenten zum Hinguck-Muss." Die Schublade "Kreuzigt ihn" war da schon gut bestückt.
Zum Weiterlesen
- Wolfgang Storz und Hans-Jürgen Arlt sind die Autoren der "Bild"-Studie der Otto-Brenner-Stiftung. Sie stellen darin fest, dass die "Bild"-Zeitung keine Ziele des Journalismus verfolgt.
- evangelisch.de-Interview zur Studie
- Webseite der Studie
"Bild" profitiert von der Reputation und den Rechten, welche die Demokratie dem Journalismus verleiht – und denkt gleichzeitig gar nicht daran, die damit verbundenen Pflichten zu erfüllen. Die höchstmögliche Auflage, die sie zum erfolgreichen Werbe- und zum einflussreichen Meinungsträger machen soll, ist die Leitidee des Blattes. In diese Strategie gehören der kleine Preis, das ausgefeilte Vertriebssystem und das Prinzip, nur dort journalistisch zu arbeiten, wo es zum Geschäftsmodell passt. "Bild" pflegt die Sprache des Extremismus, die keine Zwischentöne kennt, für die es nur das Beste und das Böseste, das Schönste und das Hässlichste gibt. Kein Tag ohne Irrsinn, Wahnsinn, Mega-Schock, Horror-Crash, egal was passiert.
"Bild" ist eine periodische Veröffentlichung. Das hat sie mit journalistischen Erzeugnissen gemeinsam. Aber mit dem Journalismus einer demokratischen Öffentlichkeit hat sie nichts am Hut. Journalismus sucht Aufmerksamkeit für relevante Informationen, "Bild" sucht Informationen, egal welche, wenn sie nur Aufmerksamkeit schüren. Journalismus will Wichtiges bekannt machen, "Bild" will sich wichtig machen und benützt dafür Prominente nach Gutdünken. Dass die Qualitätsmedien nicht kritisieren, sondern mitmachen, wenn "Bild" sich Personen und Ereignisse für seine Selbstvermarktung zu Recht legt, schadet der Demokratie mehr als das Geschnorre des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten.
Hans-Jürgen Arlt ist Publizist und Kommunikationsberater in Berlin. Er arbeitete zuvor als Redakteur bei den "Nürnberger Nachrichten" und war Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Düsseldorf und Berlin. Außerdem hat er Lehraufträge an der Freien Universität und der Universität der Künste in Berlin.
Wolfgang Storz ist Publizist, Medien- und Kommunikationsberater in Offenbach. Er arbeitete viele Jahre als Journalist und war unter anderem stellvertretender Chefredakteur und Chefredakteur bei der "Frankfurter Rundschau". Derzeit arbeitet er auch als Lehrbeauftragter an der Universität Kassel.




Kommentare
Bild allein kann gar nichts
Es war nicht die Bild, die sich in der Berichterstattung von Anfang an klar gegen Wulff positioniert hat. Es war der Spiegel, der mit "Der falsche Präsident" und "In Amt und (durchgestrichen) Würden" aufgemacht hat. So eine klar parteiische Schlagzeile, die nur darauf abzielt, den Bundespräsidenten abzuschießen, gab es bei der Bild nicht. Insofern hat die Bild seriöser gearbeitet als der Spiegel. Aber die Arbeit des Spiegel, der nach demselben "Hossiana" und "Kreuzigt ihn"-Prinzip wie die Bild-Zeitung arbeitet, hinterfragt keiner der Journalisten. Warum eigentlich?
Springer, Bild
"Sie stellen darin fest, dass die "Bild"-Zeitung keine Ziele des Journalismus verfolgt."
Dazu braucht's teure Wissenschaftler? Das wusste ich schon als dummer Zwanzigjähriger vor 45 Jahren und ich werde bis heute täglich darin bestätigt.
Meta-Journalismus für das unmündige Volk
"Dass die Qualitätsmedien nicht kritisieren, sondern mitmachen, wenn "Bild" sich Personen und Ereignisse für seine Selbstvermarktung zu Recht legt, schadet der Demokratie mehr als das Geschnorre des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten."
Ich finde diesen Satz nicht nur unpassend, sondern seine Implikationen geradezu alarmierend.
Zuerst:
Ich verabscheue die Bild und ihre Machenschaften zutiefst. Der Einfluss und die Macht, Themen und die nachrichtliche Agenda zu setzen, halte ich für eine große Gefahr und einen Missstand in der deutschen Medienlandschaft.
Ich habe den Wulff-Skandal tagtäglich über nicht-Springermedien (SZ, FAZ, Spiegel, Zeit, Blogs u.a.) mitverfolgt und bin ab dem Moment, wo klar war, dass Wulffs Antwort auf die konkrete Anfrage des Landesparlaments eine Vertuschung der Tatsachen war, ganz klar für einen Rücktritt gewesen, es sei denn, die Vorwürfe hätten entkräftet werden können. Meine Ahnung, dass die Lüge allerdings plausible Gründe hatte (und somit umso verwerflicher war) und strukturell in dem Machtnetzwerk von Wulff nur die Spitze eines Eisberges von nennen wir es Korruption darstellte, hat sich in der Folge immer weiter bestätigt.
Die Mailbox-Geschichte hat für mich eigentlich nur aufgezeigt, wie eng die Beziehung von Wulff zur Bild (gewesen) sein muss, was meinen Eindruck über beide (!) auch nur bestätigte (also verschlimmerte).
Hauptsächlich über das Bildblog bin ich immer mehr auf die Ansicht aufmerksam geworden, dass von Medienseite angeblich nur die Bild die ganzen Informationen lancierte und habe einige Kritiken in genau demselben Tenor wie dem hiesigen gelesen, wo eben erklärt wird, dass der Böse in der Geschichte immer noch die Bild sei, dass die Bild die Geschichte instrumentalisiere, um sich selber als Kämpfer für die Pressefreiheit darzustellen und eben- in weniger drastischer Form- ganz oben genanntes Zitat.
Ich frage mich dabei:
Warum hat es für mich beziehungsweise die Medien, über die ich mich informiert habe, eine den Bundespräsidenten Wulff betreffende Relevanz, dass die Informationen ausgerechnet von der Bild lanciert wurden?
Was hat meine Einordnung von Wulffs Verhalten damit zu tun, dass die Bild ihn schon einmal hochgeschrieben hatte?
Warum hätte ich von den Medien in dem Zusammenhang eher in Form von Kritik an der Bild als an Wulff informiert werden sollen?
Dazu: Ich habe in den genannten Medien auch Kritik gelesen daran, dass Bild sich als Retter der Pressefreiheit darstellt (und finde dies persönlich auch bigott).
Ich habe in den Medien auch beim Guttenberg-Skandal Kritik an Bild gelesen, dass letztere sich trotz der erdrückenden Beweislage noch hinter ihn stellt. War das nicht der viel kritikwürdigere Vorwurf?
Ich denke, meine Sichtweise unterscheidet sich von Ihrer in folgendem Punkt:
Für Sie sind ein korrupter Politiker und die Bild Gegensätze. Und sie sagen deshalb, es könne nur eine von beiden geben. Im Zweifel haben Sie lieber korrupte Politiker als eine mächtige Bild.
Für mich sind beide Vertreter einer von Korruption verseuchten Elite. Ich empfinde kein Mitleid, wenn einer von beiden den anderen zerfleischt. Zumal der eine das andere Fleisch erst schmackhaft gemacht hat.
Nun könnte man mir gerne mal wieder den Vorwurf machen, ich sei einer dieser neuartigen Meute, die sich unter dem Deckmantel der Anonymität in diesem komischen Dingsda austobt (Internetz oder so heißt das) und von der ganzen tollen etablierten Chose, die die Geschicke seit eh und je lenkt (oooh, Verschwörungstheorie) die Schnauze voll hat. Natürlich können diese Menschen, Trolle, Wutbürger nicht ernstgenommen werden (Horst Seehofer hat sich letztens ja auch mal "eingeklickt" und was er vorgefunden hat war für ihn ja "unvorstellbar" :D) und die können ja alle nur manipuliert sein. Und was natürlich verwirrend ist: Wenn man die einzeln fragt, dann haben die ja auch nichtmal alle die gleiche Meinung! Das ist dann zum Beispiel das Diffuse an der Occupy-Bewegung, weshalb das ja alles nur Nonsens ist...
Aber trotzdem sind diese Hetzer aus welchem Grund auch immer wirklich empört (Héssel lässt grüßen) und wollen alle, dass sich was ändert.
"Ja, aber das geht doch nicht, wenn die Information von der Bild stammt!
Ja dann, kritisieren wir lieber weiter die Bild, denn alle Beweise, die von der Bild erbracht worden sind, sind vor dem Moralgericht natürlich per se ungültig."
Nochmal um das klarzustellen: Was sich geändert hat und weshalb alle auf die Palme gehen, ist NICHT in der Macht der Bild begründet, sondern darin, dass die Öffentlichkeit erst einmal ein größeres Sprachrohr hat aber auch größeren Input (Internet), dass in den letzten Jahren eine unsere Grundfeste erschütternde Krise vorgefallen ist, die eigentlich dazu hätte führen müssen, dass die Mächtigen an Macht (Geld) verlieren, es im Endeffekt aber die Allgemeinheit war, die bezahlt hat, so dass die Auspressungsmaschinerie jetzt im Sinne der alten Logik noch schneller laufen soll (Lohnkürzungen, Preiserhöhungen, Umverteilung von Vermögen von unten nach oben etc.) und entsprechende Reaktionen, die weltweit zu Protesten und Machtverschiebungen (Umstürzungen) führen etc. pp.
Es wir auch viel von einer Boulevardisierung der Massenmedien gesprochen und somit die empörte Bevölkerung diskreditiert.
Ja, früher war es anders. Da hat sich die Bevölkerung, von denen 90% der Wahlberechtigten 80% CDU oder SPD gewählt hat (anstatt heute 70% der Wahlberechtigten zu 55%) über andere Dinge aufgeregt.
Tut mir leid, dass ich etwas abgeschweift bin:
Jedenfalls überschätzen Sie (zumindest in dem Zusammenhang) meiner Meinung nach ganz klar die Macht der Bild und vernachlässigen in dem Zuge die Skandalträchtigkeit unseres korrupten Bundespräsidenten sowie die Urteilskraft derer, die sich darüber empören.
Sie implizieren, die Massenmedien sollen Wulff verschonen, damit die Bild von dem Skandal nicht profitiert. Sie fordern also eine Art pseudointellektuelle Meta-Journalismus, der nicht den Wert einer Nachricht und seine Konsequenzen zu beurteilen hat, sondern vor allem den Überbringer der Nachricht und seine Absichten zu hinterleuchten.
So stilisieren Sie Wulff zum Opfer einer Hetzkampagne und die empörte Öffentlichkeit zu einer instrumentalisierten unmündigen Meute.
Diese Sichtweise ist meiner Meinung die tatsächlich demokratiefeindliche, da sie die korrupte Elite in Schutz nimmt und das Volk für dumm hält.
Gugstu Weblog Altpapier 4 Folgen
...mit Horoskop, was Bild und die sieben Medienzwerge morgen enthüllen. :))
Vielleicht wird der Volksverarschungmechanismus dann deutlicher.
Wenn die Katze mit der Maus spielt und die Maus dabei noch die Katze schützen will, ist das schon tragikomisch!
Dass Boulevardisierung der Massenmedien gleichzusetzen ist mit Diskreditierung der empörten Bürger ist schon eine seltene Logik. Es sei denn, Sie meinten die Massenmedien, die die Bürger dadurch diskreditieren, dass sie ihnen soviel Blödsinn auftischen.
Zu Recht gelegt
Zitat:"Dass die Qualitätsmedien nicht kritisieren, sondern mitmachen, wenn "Bild" sich Personen und Ereignisse für seine Selbstvermarktung zu Recht legt, schadet der Demokratie mehr als das Geschnorre des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten."
Der Kommentar gefällt mir sehr gut. Aber die BILD mag ja manches legen, manches davon auch zu Recht. Ich lege mir bei dieser Rechtschreibung die Karten, zu Recht.
"Bild"-Reise
Ein sehr schöner Gastkommentar. Herzlichen Dank!
Wolfgang Bentrup, Oberursel
Wichtig machen
Das Wichtig machen und Geschäfte, sprich Auflage, machen, ist wohl das Eine, aber BILD transportiert auch ein bestimmtes Menschen- und Frauenbild. Menschen dürfen rücksichtslos sein, nach Gewinn streben, Reiche sind tüchtig, Eliten müssen reich sein, Frauen sind nackig am Besten, sie haben zu dienen und dürfen benutzt werden. Und was den Herrn Bundespräsidenten angeht, so verschwimmt die Grauzone immer mehr zwischen berechtigten Ansprüchen und rücksichtsloser Bereicherung. Und das nehmen die Menschen übel, teilweise, solang sie sich nicht selbst so bereichern können und teilweise, weil es ihren Grundsätzen widerspricht.
Besser?
Bleibt noch die Frage nach dem Menschen- und Frauenbild eines "Intelligenzblattes" wie es der SPIEGEL sein will. In meinen Augen unterscheiden sich die Vorgehensweisen nicht wesentlich. Wo immer es geht, zeigt auch der SPIEGEL gern unbekleidete Frauen, letztere werden viel öfter abfällig beurteilt. Und die Grenze zwischen "Skandal aufdecken" und "fertig machen" wird nur zu oft überschritten.