Migration - Seit Tagen beherrscht Thilo Sarrazin die Schlagzeilen, am Montag meldete er sich dann auch auf der Mattscheibe als Gast bei Reinhold Beckmann, der weniger als bohrender Nachfrager denn als netter Plauderer bekannt ist. Eine nette Plauderei wurde es hingegen nicht. Stattdessen erlebten die Zuschauer eine zum Teil konfuse Diskussionsrunde, in der es Sarrazin allerdings nicht gelang, die Thesen seines Buches zu untermauern. Umgekehrt vermochten es seine Kritiker jedoch auch nicht, Sarrazin überzeugend zu widerlegen.
Dabei hatte sich Beckmann solche Mühe gegeben. Mit Grünen-Fraktionschefin Renate Künast, SPD-Vorstandsmitglied Olaf Scholz, der niedersächsischen Integrationsministerin Aygun Özkan (CDU) und dem Wissenschaftsjournalisten Rangar Yogeshwar sah sich Sarrazin gleich mit vier Kritikern konfrontiert, denen später noch eine zugeschaltete Wissenschaftlerin mit Zahlenmaterial zur Seite sprang.
Allein: Außer Yogeshwar, der noch besser als Sarrazin wusste, wer auf welcher Seite des umstrittenes Buches zitiert wird, wirkten die Kritiker schlecht vorbereitet. Vor allem Renate Künast redete in Sätzen, bei denen Anfang und Ende eigentlich in keinem Zusammenhang zueinander standen, so dass der Zuschauer ihr kaum folgen konnte. Das galt allerdings auch für die gesamte Diskussion. Von der „Vieldimensionalität der Intelligenz“ war ebenso die Rede wie von „phänotypisch markierten Migranten“ oder der „Nettoreproduktionsrate der Einwanderer“. Wohlgemerkt: In der Sendung ging es um Menschen. Wenn Sarrazin sich dann aber noch in Details des Mikrozensus verlor, was er in der Sendung oft tat, war die Verwirrung komplett. Verstärkt noch dadurch, dass Moderator Beckmann ausgerechnet immer dann dazwischen fuhr, wenn die Diskutanten gerade erklären wollten, was sie mit ihren wilden Argumentationsketten eigentlich sagen wollten.
Nicht die "absolute Wahrheit"
Bei Sarrazin liegt die Sache noch weitgehend klar. In seinem Buch werde nicht die „absolute Wahrheit“ verkündet, gab der ehemalige Berliner Finanzsenator selbst zu und gab Künast, Özkan und Scholz gleich noch einen mit, indem er sie als Angehörige der „abgehobenen Klasse“ der Politiker bezeichnete. Allerdings habe er sich mit einigen Statistiken befasst und zeige in seinem Buch Zusammenhänge auf, die ihn bewegt hätten. Dazu zähle, dass bei Migranten in der zweiten Generation in den Bereichen Bildung, Beteiligung am Arbeitsleben und Abhängigkeit von Transferleistungen kaum Unterschiede zur deutschen Bevölkerung bestünden. Ausnahme seien muslimische Migranten wo zum Teil – hier besonders bei türkischstämmigen Menschen – sogar Verschlechterungen in den genannten Bereichen zu verzeichnen seien. Zudem bekräftigte Sarrazin seine These, dass Intelligenz zu „50 bis 80 Prozent“ vererbt werde und verschiedene Volksstämme, darunter auch Juden, sich in einzelnen Genen voneinander unterscheiden würden. „Unerträglich“ nannte dies der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, in einem Einspielfilm. Sarrazin reduziere Menschen auf „kaltes Genmaterial“.
Wann immer er angegriffen wurde, konterte Sarrazin mit Statistiken. Und war dabei erfolgreich, weil außer Yogeshwar niemand die Statistiken konkret widerlegte oder begründet in Zweifel zog. „Mein Eindruck ist, dass ihre These am Anfang stand und eben nicht das Ergebnis von Wissenschaft ist“, kritisierte Yogeshwar und hielt Sarrazin vor, dass die Integration muslimischer Migranten in Kanada und Schweden sehr gut gelinge, das Problem also nicht allein bei den Migranten selbst sondern auch in der Gesellschaft liegen müsse, in die diese einwanderten. Zudem sei das Buch „200 Jahre nach Darwin“ erschreckend „unmodern“. In einem ihrer wenigen guten Momente in der Sendung warf Renate Künast Sarrazin zudem vor, er vergleiche alles miteinander und packe zusammen, was nicht zusammen gehört.
Die Sache mit den Zahlen
Tatsächlich scheint die Frage bei Sarrazins Buch nicht zu sein, ob die Statistiken, die er bemüht, existieren und richtig sind, sondern die, ob diese Statistiken dazu geeignet sind, das zu belegen, was Sarrazin zu wissen glaubt.
Die zugeschaltete Wissenschaftlerin Naika Foroutan immerhin hielt Sarrazin ganz andere Zahlen entgegen und behauptete, gerade bei türkischstämmigen Migranten seien erhebliche Fortschritte zu erkennen. Leider kämen diese Zahlen aber nicht „gegen das Bauchgefühl des Herrn Sarrazin“ an. Was allerdings auch daran liegen könnte, das Foroutans Zahlen nun auch nicht gerade überzeugend waren. Als Fortschritt im Bereich der Deutschkenntnisse von Migranten wertete sie, dass 83 Prozent der jungen türkischen Männer über sich selbst sagen würden, sie sprächen gut bis sehr gut deutsch. Dass Eigen- und Fremdwahrnehmung zwei Paar Schuhe sind, fällt bei solchen Statistiken ein wenig unter den Tisch.
Sehr zurückhaltend zeigte sich Olaf Scholz, der immerhin überzeugend begründete, warum der SPD-Vorstand für einen Ausschluss Sarrazins aus der Partei votiert habe.
Sendung überfrachtet
Sozialdemokratie bedeute davon auszugehen, dass jeder Mensch eine Chance habe und bekommen müsse, sich zu entwickeln. Mit seinen Thesen zur Vererbbarkeit von Intelligenz spreche Sarrazin bestimmten Bevölkerungsgruppen diese Entwicklungsfähigkeit aber ab. „Wir müssen den Menschen die Gelegenheit geben, sich aus ihren Verhältnissen zu befreien und ihnen nicht einfach sagen: ,Ihr seid so und ihr bleibt so‘.“
Vielleicht war die Sendung trotz über einer Stunde Länge überfrachtet. Sogar ein Streetworker durfte noch über seine Arbeit mit jugendlichen Migranten reden und fordern, die einzelnen Schicksale müssten mehr in den Mittelpunkt rücken. Das ist nett gedacht aber utopisch, weil Politik sich eben nicht an einzelnen Schicksalen ausrichten kann, sondern sozusagen die Summe der Schicksale im Auge haben muss. Beinahe lächerlich wurde es, als Beckmann sekundiert von Renate Künast dann noch wissen wollte, wie viel Sarrazin von seinen Buchhonoraren für die Verbesserung der Situation von Migranten spenden werde. Auf diese Debatte ließ Sarrazin sich zu Recht nicht ein. Wie immer gab es aber bei Onkel Beckmann am Ende auch so etwas wie Einigkeit. Bessere Bildung, mehr Ganztagsbetreuung, hier liege der Schlüssel für bessere Integration, hieß es. Alle nickten.
Am Mittwoch geht's zu Plasberg
Am Mittwoch ist Sarrazin dann bei „Hart aber fair“ zu Gast und wird dort auf Michel Friedman treffen. Das könnte spannend und unterhaltsam werden. Dass Sarrazins Thesen durchaus angreifbar sind, davon hat „Beckmann“ zumindest einen Eindruck hinterlassen. Herr Friedman, übernehmen Sie!
Henrik Schmitz ist Redakteur bei evangelisch.de und betreut die Ressorts Medien und Kultur. Die Kritik zur "Beckmann"-Ausgabe mit Thilo Sarrazin von evangelisch.de-Redakteur Hanno Terbuyken finden Sie hier.




Kommentare
Verschwörung
Die Konstellation der Diskussionsrunde in Beckmanns Sendung zeigte doch, dass die Sendung nur darauf abzielte, Sarrazin von allen Seiten in die Ecke zu drängen. Kein einziger befürwortete seine Thesen. Die üblichen Verdächtigen (Künast etc) waren anwesend und nutzten ihre Chance.
verschiedene Bewertungskriterien
1. Zu Aygül Özkan: gerade sie bestätigt Sarrazins Befürchtungen. Gerade war sie im Amt, als sie sich gleich gegen Kreuze (also gegen das Symbol christlicher Kultur, aus der ja auch Deutschland entstammt) geäußert hat. Und hat natürlich keine heftigen Reaktionen ausgelöst, weil solche Attacken ja schon in Deutschland als normal empfunden werden. U wenn Sarrazin jetzt die bestehenden Probleme auf den Punkt bringt, wird er quasi hingerichtet. Bestehen da nicht eine "shyzophrene" öffentliche Meinung und verschiedene Bewertungskriterien, die je nach Bedarf einiger Mainstreamer angewandt und zu deren Interessen in den Medien plaziert werden?
2. Die ganze neuzeitliche, moderne Denkweise, die gerade auch sehr viele deutsche Denker geschaffen haben, basiert auf empirischen Versuchen und Angaben, und wird in der Gesellschaft in sehr vielen Bereichen als Maßstab angewendet. Wieso wird jetzt die empirische Sichtweise der Wirklichkeit bei Sarrazin aufeinmal geleugnet oder gar negiert?
Erst mal widerlegen!
Wenn die sozialstaatliche Struktur Geburtenanreize vor allem für die bildungsfernen Schichten setzt und wenn aus demselben Grund vor allem Unterschichten nach Deutschland ein- bzw. gut ausgebildete Deutsche auswandern, dann folgt daraus, daß Deutschland dümmer und ärmer wird.
Das Gegenteil müßte nun erst einmal nachgewiesen werden.
Wenn die sozialstaatliche
Wenn die sozialstaatliche Struktur Geburtenanreize vor allem für die bildungsfernen Schichten setzt und wenn aus demselben Grund vor allem Unterschichten nach Deutschland ein- bzw. gut ausgebildete Deutsche auswandern, dann folgt daraus, daß Deutschland dümmer und ärmer wird.
Geburtenanreize werden bei uns für sämtliche abhängig Beschäftigten gesetzt, und zwar unabhängig von der sozialen Schicht, der sie angehören. Finanziert wird das System überproportional von Selbständigen, also z.B. von Dönerbudenbetreibern, Änderungsschneiderinnen und Gemüseladeninhabern.
Daß es in Deutschland keine vernünftige Migrationspolitik gibt, ist wahrscheinlich weniger die Schuld von Hartz-IV-Beziehern, Köhlekümpeln oder Pützhülfen, sondern die der Politiker. Könnte sein, daß das daran liegt, daß die meist mit ausländischen Pässen ausgestatteten Muslime im Wahlvolk unterrepräsentiert sind.
Das Gegenteil müßte nun erst einmal nachgewiesen werden.
Sag ich ja.
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"Kirche ist Medium und nicht Selbstzweck. Kirche hat eine Botschaft. Keine 'milieusensible Kommunikation' ohne die christlichen Essentials."
Tom Noeding
Alles Ironie oder was ?
" Finanziert wird das System überproportional von Selbständigen, also z.B. von Dönerbudenbetreibern, Änderungsschneiderinnen und Gemüseladeninhabern."
Wenn das ironisch gemeint sein sollte, habe ich die Ironie nicht verstanden.
P. aus L.
Wenn das ironisch gemeint
Wenn das ironisch gemeint sein sollte, habe ich die Ironie nicht verstanden.
Wie kommst Du auf die verschrobene Idee, das könne ironisch gemeint sein? Oder glaubst Du im Ernst, Dönerbudenbetreiber und Artverwandte hätten einen Anspruch auf Mutterschutz, Elternzeit samt Beitragsfreistellung bei ihrer Krankenversicherung, Arbeitslosengeld, bezahlten Urlaub und was dergleichen mehr ist?
Ist nun mal so. Selbständige tragen überproportional viel zum Sozialbudget bei, wenn man mal darauf schaut, was sie dafür bekommen. Unter Türken mag es überdurchschnittlich viele Arbeitslose geben, aber eben auch überdurchschnittlich viele Kleinunternehmer, die sich ihre Arbeitsplätze selbst schaffen. Das fällt i.d.R. völlig unter den Tisch, und der Mob klatscht auch noch Beifall, wenn Sarrazin (das ist französisch und bedeutet "Sarazene"), wie im Oktober letzten Jahres geschehen, gegen türkische Obstverkäufer polemisiert.
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"Kirche ist Medium und nicht Selbstzweck. Kirche hat eine Botschaft. Keine 'milieusensible Kommunikation' ohne die christlichen Essentials."
Tom Noeding
Nicht widerlegt
Ich habe die Sendung ebenfalls sehr aufmerksam gesehen. Auch ichwar über weite Strecken mit allen Aussagen stark überfordert bei dem Versuch diese nachzuvollziehen. Hätte Beckmann in der ein oder anderen Sitation einmal ausreden lassen, wäre ich sehr dankbar gewesen.
Auch wenn ich kein Freund der Thesen Sarrazins bin, ist bei mir jedoch hängengeblieben, das er sich offensichtlich sehr bemüht hat, die bekannten Datenquellen zu studieren und wissenschaftliche Auswertungen zu Grunde zu legen. Genau da war whrscheinlich auch der Grund, warum die hochkarätige Runde diese nicht zu widerlegen vermochte.
Als Fazit nehme ich mit, das das Buch gut recherchiert, allerdings die zur Verfügung stehenden Zahlen teilweise schlecht interpretiert werden. Die Diskussion um Parteiaustritt und Entlassung aus dem Amt kann ich somit jetzt nur noch schwerlich nachvollziehen, da die Grndlage dafür eigentlich ja doch zu fehlen scheint.
Noch ein Buch dieser Art ist aber sicher nicht unbedingt notwendig.
ganz kurz
was blieb bei mir am meisten hängen (ausser der Tatsache, dass es ein arg wirre Sendung war - wie soll ein Buch - ich hab es noch nicht gelesen - , das mit Zahlen gespickt sein soll, mehr als vierhundert Seiten umfasst, denn einfach in einer Plauderrunde widerlegte werden können bzw. 'bewiesen' werden können?
Folgende Ungereimtheiten waren für mich eklatant:
1) der Verweis auf die gute Integration der Muslime in Kanada und Schweden
Von Schweden weiss ich zuwenig, um was Qualfiziertes äussern zu können, von Kanada wissen die meisten wohl, dass diese relativ strenge und institutionionalierte, am kanadischen Bedarf orientierte Einreisebedingungen stellen. Gute Sprachkenntnisse, gute bis sehr gute, oft auch akademische Qualifikation und somit auch eine erfolgreiche direkte Integration in den Arbeitsmarkt sind die Eintrittkarten für dieses schöne Land. Die Kanadier begrüssen die Immigranten herzlich und die Immigranten begrüssen Kanada, dann klappt Integration auch.
Werden hier Äpfel in Deutschland mit kanadischen Birnen verglichen??
2) Die zugeschaltete Wissenschaftlerin Naika Foroutan
Sie nannte unter anderem eine türkische Abiturientenquote von 18 % - gewiss eine sehr begrüssenswerte Zahl; leider ist diese mir noch nie über den Weg gelaufen, sie liegt wohl in den verfügbaren Statistiken so um die zehn Prozent.
Für mich der Gag der ganzen Sendung war dann die höchst wissenschaftliche Aussage, dass 83 Prozent der türkischen Männer von sich behaupten, sie würden gut bis sehr gut deutsch sprechen.
Falls diese Zahl den Tatsachen entsprechen würden, dann würden wir wohl kaum noch von Problemen (wenigstens auf der sprachlichen Seite) der Integration türkischer Männer und Jugendlicher sprechen können.
Dass dies keine wissenschaftlich fundierten Werte (die diversen Tests sprechen da eine völlig andere Sprache) sind, liegt eben in der Natur einer Selbsteinschätzung.
Eine Wissenschaftlerin, die es überhaupt erwägt, in einer solchen Debatte mit einer solch lächerlichen Information zu kommen, demontiert sich selbst.
Heute nacht bin ich zu müde, morgen werde ich mir mehr Informationen über diese Dame und ihr Institut verschaffen und mir dann ein Bild der Glaubwürdigkeit beider versuchen zu machen - allein die 18 % Abi-Quote ist's wert. Sollte diese Zahl doch zutreffen, dann komm ich doch gerne von meinen heute nacht noch gedachten 10 Prozent und freue mich über die fast doppelt so hohe Zahl.
Allen Mit-Diskutanten noch eine gute und sachliche Diskussion!!!!!!