"Maybrit Illner": Guido mit der "Zeit" entzaubert

Bei Maybrit Illner

Bei Maybrit Illner musste Außenminister Westerwelle Farbe bekennen. Foto: ZDF/Svea Pietschmann

TV-Kritik - Wochenlang beherrschte Außenminister Guido Westerwelle wegen seiner Äußerungen zu Hartz IV die Schlagzeilen. Nun wagte sich der FDP-Chef nach langer Zeit wieder dorthin, wo er sich einst zu Hause fühlte: in eine Talkshow. Diesmal: "Maybrit Illner".

Von Henrik Schmitz

Für einen Außenminister und Vizekanzler gelten natürlich auch im Fernsehen besondere Regeln. Anstatt wie üblich direkt in einer Runde zu disktutieren, durfte Westerwelle sich zu Beginn der Sendung zehn Minuten lang im Zweiergespräch zu seinen umstrittenen Aussagen über Hartz-IV-Empfänger äußern. Und offenbar haben die aktuellen Umfragen, nach denen Westerwelle selbst und seine FDP bei den Wählern an Zuspruch verloren haben, Eindruck auf den Außenminister gemacht. Jedenfalls präsentierte er sich ausnehmend defensiv, obschon er in der Sache kaum etwas zurücknahm.

Westerwelle spulte vor allem das ab, was Angela Merkel zuvor als "Selbstverständlichkeiten" bezeichnet hatte. Recht hatte die Kanzlerin. "Wir brauchen einen Sozialstaat, der den Bedürftigen hilft. Aber wir müssen auch an die Steuerzahler denken, die erwirtschaften, was in Berlin so gerne verteilt wird", sagte Westerwelle. Oder: "Ich bin überzeugt, der Sozialstaat kommt an die Grenzen seiner Bezahlbarkeit, wenn wir nicht aufpassen. Das will ich uns ersparen." Wer wollte dem widersprechen? Böse formuliert könnte man sagen, Westerwelle zeigte sich als Wolf im Schafspelz, der noch dazu reichlich Kreide gefressen hatte.

Sachliche Attitüde

Auf der anderen Seite tat gerade die ruhige, sachliche Attitüde des Außenministers der Sendung sehr gut. Gelegentlich schimmerte zwar noch der "Besserwisser" im Außenminister durch, etwa wenn er Moderatorin Illner darauf hinwies, die Kanzlerin komme aus Brandenburg und nicht aus Mecklenburg-Vorpommern (Ilner: "Das prüfen wir nach"; Westerwelle: "Das stimmt so"), aber er war doch in der Lage, zuzuhören und auf Argumente einzugehen.

Die kamen vor allem von der "Zeit"-Korrespondentin Elisabeth Niejahr, die für die Talkshow ein absoluter Gewinn war. Ruhig, gelassen und vor allem sehr klug argumentierte Niejahr und entlarvte damit die Hartz-IV-Aussagen Westerwelles als Wahlkampfgeschrei. "Wenn der Lohnabstand zwischen Hartz-IV-Empfängern und Niedrigverdienen wirklich das drängendste Problem ist, hätten Sie es längst anpacken können. Haben Sie aber nicht", hielt sie Westerwelle entgegen. Zudem machte sie deutlich, dass das Steuersenkungsmantra der FDP gerade nicht dabei helfe, den Lohnabstand zu verbessern. "Die Niedrigverdiener zahlen ohnehin keine oder kaum Steuern. Wenn Sie denen helfen wollen, müssen Sie die Lohnnebenkosten senken", sagte Niejahr. Sie sei gespannt, wie das bei Steuersenkungen und angespannter Haushaltslage auch noch finanziert werden solle.

Derart bedrängt konnte Westerwelle eigentlich nur noch erwidern, die Regierung sei gerade 100 Tage im Amt und brauche auch etwas Zeit. Das klang beinahe so wie der der berühmte Müntefering-Ausspruch, es sei unfair, Parteien an ihren Versprechungen im Wahlkampf zu messen.

Theorie und Praxis

Spannend war die Sendung aber nicht nur, weil Niejahr sehr gekonnt die Widersprüche des FDP-Vorsitzenden entlarvte, sondern weil auch ein Unterschied zwischen dem, was theoretisch im Gesetz steht, und dem, was in der Praxis passiert, offenbar wurde. Rudolf Dressler wies darauf hin, schon heute hätten Menschen, die arbeiteten, mehr Geld als solche, die nicht arbeiteten, wobei der auch auf eine Studie des Paritätischen verwies. "In Wahrheit ist es anders", hielt dem der Berliner Gebäudereinigungsunternehmer Stephan Schwarz entgegen. "Viele Hartz-IV-Empfänger arbeiten schwarz und haben so deutlich mehr als Menschen im Niedriglohnbereich."

Beeindruckend war auch, als Schwarz schilderte, dass es ihm in Berlin trotz der dort herrschenden hohen Arbeitslosigkeit nicht gelungen sei, 100 freie Stellen zu besetzen. "Die Menschen wollen nicht arbeiten", konstatierte er. "Dann können ihnen schon jetzt die Leistungen gekürzt werden, um 100 Prozent bei der dritten nicht angenommenen zumutbaren Arbeit", hielt Dressler entgegen. Genau das passiere aber nicht, weil die Arbeitsvermittler sich scheuten, Leistungen zu kürzen, so Schwarz. "Die haben Angst, dass ihnen dann die Autoreifen kaputt gestochen werden."

Probleme bei der Anwendung

Es zeigte sich, dass die Gesetze in Deutschland zwar vorhanden sind, aber die Anwendung nicht immer funktioniert. Ein Problem, das sich aber kaum lösen lässt, wie auch Niejahr argumentierte. "Man muss sich fragen, wofür man Menschen in den Behörden einstellen will", sagte sie. "Für Kontrollen oder für mehr Vermittlung. Das ist eine Frage des Menschenbildes." Vielleicht übrigens auch eine Frage der Menschen. Die nämlich sind, wie sie sind, und selten ideal. Das ist manchmal schwer zu ertragen, aber der Menschen lässt sich auch nicht qua Gesetz ändern.

Endlich regieren, lautete am Ende die Aufforderung an Westerwelle und die FDP. Die Koalition habe sich offenbar entschieden, vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen so wenig wie möglich zu tun, analysierten Dressler und Niejahr. Genau das haben aber zu den Unzufriedenheiten in den eigenen Reihen und damit zum schlechten Erscheinungsbild der Regierung geführt. Da lächelte Westerwelle nur noch, verteilte Komplimente an Illner ("Ich bin ein Fan von Ihnen") und Niejahr ("Ich schätze Sie sehr") und bemühte sich redlich, nicht doch noch aus seiner staatstragenden Rolle zu fallen.


Henrik Schmitz ist Redakteur bei evangelisch.de und betreut die Ressorts Medien und Kultur

Kommentare

Verfasst von Gast am 10. März 2010 - 6:11.

Besserwisserei?

Henrik Schmitz schrieb: "Gelegentlich schimmerte zwar noch der "Besserwisser"...

Henrik Schmitz schrieb:

"Gelegentlich schimmerte zwar noch der "Besserwisser" im Außenminister durch, etwa wenn er Moderatorin Illner darauf hinwies, die Kanzlerin komme aus Brandenburg und nicht aus Mecklenburg-Vorpommern (Ilner: "Das prüfen wir nach"; Westerwelle: "Das stimmt so"), aber er war doch in der Lage, zuzuhören und auf Argumente einzugehen."

Zu den Fakten: Frau Merkel ist in Hamburg geboren und hat ihr Abitur in Brandenburg gemacht. Und wer ist jetzt der Besserwisser? Herr Westerwelle, Frau Illner, Herr Schmitz, oder ich? Der spontane Einwurf von Herrn Westerwelle, der eine offenbar falsche Aussage von Frau Illner korrigiert, zeigt doch gerade, dass Herr Westerwelle generell immer zuhört und die Aussagen seiner Diskussionspartner versteht. Die Formulierung "aber er war doch in der Lage, zuzuhören und auf Argumente einzugehen" halte ich für ziemlich arrogant.

Verfasst von Gast am 7. März 2010 - 22:52.

Klar auf den Punkt gebracht

Ich habe die gleiche Sendung gesehen und bin überrascht von der negativen...

Ich habe die gleiche Sendung gesehen und bin überrascht von der negativen Grundhaltung des Artikels und der Kommentare gegenüber unserem Aussenminister Westerwelle. Es ist wahrscheinlich viel populärer zu fordern, dass alle mehr haben müssen, dass Arbeitslosen und Harz4 Empfängern noch mehr Geld zufließen muss. Aber Westerwelle legt den Finger in die Wunde, das ist durchaus mutig und vielleicht nicht so gerne gehört, aber schlussendlich hat er in einer sehr sachlichen Art und Weise aufgezeigt, dass es ihm wirklich um die Lösung der Probleme und die Zukunft unseres Landes geht.
Ich fand das eine sehr gute und informative Diskussion.

Verfasst von Wilhelm Drühe am 6. März 2010 - 13:04.

Talkshow mit Maybrit Illner

Diese Sendung hat auch mir gut gefallen - während ich sonst bei diesen...

Diese Sendung hat auch mir gut gefallen - während ich sonst bei diesen Fernseh-Sendungen - auch von Frau Illner - den Eindruck habe, dass es mehr um Unterhaltung als um Information geht.  Unser Außenminister wurde zwar auch entzaubert, konnte aber auch darlegen, was ihn politisch bewegt. Und er wurde unterstützt von dem Unternehmer und seinen Erfahrungen bei der Suche nach Mitarbeitern, von Herrn Schwarz ... Was würde in unserer Gesellschaft los gehen, wenn die Gesetze, von Herr Drechsler zitiert, in dem besprochenen Bereich  konsequent durchgeführt würden? Das scheint mir das eigentliche Problem der Gegenwart in unserem Staate zu sein. Ich wünsche mir, dass die Redaktionen dieser Sendungen etwas mehr auf die Zusammensetzung der Diskutierenden achten - engagiert zu sein, reicht nicht aus! Es muss auch ein Beitrag zur Information dabai herauskommen.

Verfasst von Gast am 6. März 2010 - 7:04.

Beeindruckend

Was daran beeindruckt, dass 100 freie Stellen für einen Minimallohn nicht zu...

Was daran beeindruckt, dass 100 freie Stellen für einen Minimallohn nicht zu besetzen sind, erschließt sich mir nicht.

Ich verstehe Menschen, die rechnen können und zum Schluß kommen: Das lohnt sich nicht.

Konkretes Beispiel in unserer Stadt.

Die Arbeitsagentur bietet einen 7,50 EUR-Job (5 Stunden pro Tag) in Nachbarstadt (80 km Hin- und Rückfahrt, ca. 2 h Fahrt), abzüglich Abgaben, Fahrtkosten und Mittagessen in der Firma verbleiben vielleicht pro Tag zwischen 15 und 20 EUR für einen 7-Stunden-Tag (inkl. Fahrt).

Wer würde dafür ernsthaft anfangen zu arbeiten??? Selbst beim besten Willen, kann man das doch nicht erwarten!

Verfasst von franke7 am 5. März 2010 - 13:27.

Das war gut...

... Frau Illner. Und am besten war Frau Niejahr. Krawallfrei hat sie den...

... Frau Illner.
Und am besten war Frau Niejahr.
Krawallfrei hat sie den Aussenminister (oder ist er schon Minister des Inneren) sehr alt aussehen lassen. Man hat ihr den Spaß angesehen, den sie dabei hatte. Und Illner hat sie machen lassen. Diese Sendung konnte man sich bis zum Ende anschauen.
Merke: Auf die Zusammensetzung der Gäste kommt es an!

Die Sonne scheint auch über den Wolken
Gunther

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