Journalismus im Netz (V): "Fit für die Zukunft"

Journalismus im Internet: Fehlende Qualität? Symbolbild: iStockphoto

Journalismus im Internet: Fehlende Qualität? Foto: iStockphoto

Internet - Sorgt das Internet für einen Verlust an Qualität im Journalismus? Bei der Tagung "Qualität unter Druck - Journalismus im Internetzeitalter" an der Evangelischen Akademie Tutzing gingen Medienmacher und Medienwissenschaftler zwei Tage lang dieser Frage nach. Zudem skizzierten sie, wie sich Qualität im Netz verwirklichen lässt. Evangelisch.de dokumentiert in dieser Woche fünf Vorträge der Tagung. Hier den von Ulrich Brenner, Leiter der Deutschen Journalistenschule (DJS).

Von Ulrich Brenner

60 Jahre qualitätsbewusste Journalisten-Ausbildung

60 Jahre qualitätsbewusste Journalisten-Ausbildung / Von Ulrich Brenner Es muss für Sie ziemlich schrecklich klingen, was da im Programmflyer steht: "60 Jahre im Dienst eines qualitätsbewussten und niveauvollen Journalismus" – vorgetragen vom Leiter der Deutschen Journalistenschule (DJS). Doch keine Angst, ich will Sie nicht mit einem historischen Referat über 60 Jahre DJS langweilen, sondern einige Gedanken zur Journalistenausbildung heute unter dem Qualitätsaspekt vortragen und kurz darstellen, wie wir es – nach einer längeren Zeit des Herantastens an die neuen Medien und des Ausprobierens – an der DJS machen.

So völlig uninteressant ist allerdings ein Blick in die Ausbildungspläne der Journalistenschule in den vergangenen Jahrzehnten nicht. Man kann daraus zum Beispiel sehr gut ablesen, wie sich die Gewichte der verschiedenen Medien in den 60 Jahren Bundesrepublik verschoben haben. Auch gesellschaftliche Entwicklungen und Veränderungen lassen sich an dieser Geschichte ablesen und neue große Themen, die das Land beschäftigten.

Als Werner Friedmann, der damalige Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung", im Januar 1949 mit einer Anzeige in der "Münchner Abendzeitung" die erste Lehrredaktion seiner neuen Journalistenschule ausschrieb, kündigte er an, jeder der am Ende ausgewählten 20 Bewerber werde die Chance erhalten "in einer von namhaften Münchner Journalisten geleiteten Lehrredaktion alle praktischen Erfahrungen des Zeitungsmannes sich anzueignen". Des Zeitungsmannes. Es war zunächst also eine reine Zeitungsausbildung. Trotz der Bedeutung des Radios, nicht zuletzt in der Nazizeit und im Krieg, waren die Väter der Journalistenschule offenbar der Meinung, Qualitätsjournalismus finde vor allem in den Tageszeitungen statt. Friedmann sprach von dem "Versuch der Heranbildung einer journalistischen Elite im Rahmen einer Zeitungsredaktion, aber zugunsten der gesamten deutschen Presse" – also wohl aller damaligen Medien.

"Der Zeitungsmann"

Des Zeitungsmannes also. Man könnte das Wort auch anders betonen: des Zeitungs-Mannes. 20 junge Leute wolle man aufnehmen, stand in jener Ausschreibungsanzeige, und dann wörtlich: "Die Zahl der weiblichen Teilnehmer wird vier nicht überschreiten." Vier also von 20 – nach der Aufnahmeprozedur waren es dann 17 Männer und vier Frauen. Ein Schlaglicht auf die Verteilung der Geschlechter in den Medien der jungen Bundesrepublik.

Heute ist es auf den Treffen der Journalistenausbilder regelmäßig ein mal mehr, mal weniger heiß, aber ein immer diskutiertes Thema, dass die Klassen an den Schulen oder die Volontärsgruppen, was die Verteilung der Geschlechter anbetrifft, immer unausgewogener werden: Der Anteil der Frauen nimmt offenbar von Jahr zu Jahr zu. Manche Institutionen machen sich Sorgen, ob Gruppen, die aus 17 weiblichen und drei männlichen Teilnehmern bestehen, überhaupt noch als kreatives Team funktionieren können.

Annette Hillebrand, die Leiterin der Hamburger Akademie für Publizistik, hat vor einiger Zeit die Entwicklung trocken kommentiert: "Ist doch klar, immer wenn es mit einem Berufstand bergab geht, nimmt die Anzahl der Frauen in diesem Beruf zu." Michael Geffken schrieb im VDZ-Jahrbuch 2008: "Die Mehrheit der Anfänger in der journalistischen Profession ist weiblichen Geschlechts."

Doch zurück zur Ausbildung an der DJS: Erst 1961 konnte an der Journalistenschule auch intensiv und eigenständig für den Hörfunk ausgebildet werden; die Schule erhielt ein eigenes kleines Studio, besaß nun eigene Aufnahmegeräte und Schnittplätze.

Bis in diese Zeit – die 60er Jahre – hatten die angehenden Journalistinnen und Journalisten Unterricht in allgemeinbildenden Fächern: Englischkurse zum Beispiel in den späten 40er und den 50er Jahren – Englisch war zu kurz gekommen in der Ausbildung der Kriegsgeneration. Und Geschichte, denn man wollte, wie es in der Gründungssatzung hieß, "der deutschen Publizistik im Geiste demokratischer, unabhängiger Gesinnung und europäischer Tradition neue Wege eröffnen".

In den 60er Jahren wurden die 120 Geschichtsstunden auf 40 reduziert, und es kamen Fächer wie Atomphysik und Kybernetik hinzu. Kybernetik, das hieß, dass sich das Computerzeitalter ankündigte, und Atomphysik war wichtig, weil man sich damals mit der friedlichen Nutzung der Atomspaltung die Lösung aller Probleme dieser Erde erhoffte. Anfang der 70er Jahre wurden die allgemeinbildenden Fächer dann abgeschafft.

"Moderne Fernsehtechnik"

Seit 1961 also ein Radiostudio. Aber erst knapp 20 Jahre später, 1980, erhielt die DJS eine für damalige Verhältnisse moderne Fernsehtechnik, unter anderem vier U-matic-Kameras, so dass nun die Schüler in Gruppen auf Drehs gehen konnten, also lernen konnten, selbst Beiträge zu drehen.

Damals – wie heute – galt an der DJS das Prinzip, alles einmal selbst gemacht und geübt zu haben: Das Drehen mit großen Kameras, die später im Beruf wohl immer ein Kameramann bedienen würde. Oder die Gestaltung von Print-Magazin-Seiten, heute mit Programmen wie QuarkXPress oder InDesign, was mindestens in den größeren Zeitschriftenredaktionen von Layoutern übernommen wird.

Fernsehen war also erst in den 80er Jahren angekommen in den Köpfen jener Leute, die sich Gedanken über eine zeitgemäße und qualitätvolle Ausbildung junger Journalisten machten. Als Wolf Schneider 1979 die heutige Henri-Nannen-Schule gründete, lag der Schwerpunkt der Ausbildung noch ganz stark auf Print.

In den späten 70er und frühen 80er Jahren hielt dann der Computer Einzug in die Printausbildung – der erste 1977, ein Riesenapparat –, in den 90ern kam die digitale Technik im Radio- und TV-Bereich hinzu, um die Jahrtausendwende schließlich das Internet, erst einmal nur als ein neues, sehr schnelles Medium für Text und Bild, noch nicht in der heutigen multimedialen Vernetzung und Ausprägung.

Mit all diesen Errungenschaften stieg immer auch der Technikanteil an der Ausbildung.

Jahrzehntelang gab es die berühmten drei Säulen der DJS-Ausbildung: Print, Radio, Fernsehen. Inzwischen sind es also vier: Online ist hinzugekommen. Wobei das Bild von vier Säulen eigentlich falsch ist. Besser passen würde: drei Säulen und oben ein Balken quer, wie die Steine von Stonehenge: drei Tragsteine und ein Deckstein, der sie verbindet.

Bevor ich kurz darstelle, was diese Konstruktion in unserer Ausbildung konkret bedeutet, noch ein paar Überlegungen zur Frage, wie Journalistenausbildung heute aussehen und was sie leisten sollte.

Die Leiterinnen und Leiter der DJS handelten immer nach dem Grundsatz: Wir müssen unsere Schülerinnen und Schüler so ausbilden, dass sie sofort nach der Ausbildung als vollwertige Arbeitskraft einsteigen können in der Redaktion, in der sie in den Beruf starten wollen, gleich in welchem Medium. Dass sie fit sind für die berufliche Zukunft.

"Dynamische Entwicklung"

Ich denke, dass es noch nie so schwierig gewesen ist wie in den letzten Jahren, und das gilt bis heute, ein Curriculum zu entwickeln und zu realisieren, das angehende Journalistinnen und Journalisten tatsächlich fit für die Zukunft macht, nicht einmal fit macht für eine nahe Zukunft. Alle Ausbildungsinstitutionen haben in den vergangenen Jahren experimentiert, haben sich zum Teil schwer getan mit der Entscheidung, bewährte Pfade zu verlassen – und das zu Recht.

Den Grund für diese Schwierigkeiten kennen Sie alle. Es ist zum einen die dynamische technische Entwicklung im Medienbereich, vor allem das Internet, und zum anderen die veränderte Nutzung der Medien – diese beiden Veränderungen vor allem führten dazu, dass jahrzehntelang bestehende, klar umrissene Berufsbilder nicht mehr taugen, auf die hin man ausbilden könnte. Und schwierig hat es vor allem die Rasanz gemacht – und macht es – mit der sich diese Entwicklung vollzog und sich weitere Entwicklungen vollziehen werden.

Wenn ich in die Chronik der DJS schaue, so sehe ich, dass früher die Zyklen, in denen nach einem einmal gefundenen Ausbildungsplan unterrichtet wurde, immer über viele Jahre liefen, zumindest über mehrere Jahre. Natürlich drehten die Schulleiter und Dozenten immer wieder an Stellschrauben, aber wirklich große Schritte tat die DJS eben nur im Abstand von Jahren. Immer war das einmal gefundene Konzept für einige Jahre gut.

"Journalistisch relevant"

Heute fragen wir uns von Jahrgang zu Jahrgang, ja von Kurs zu Kurs, ob wir vielleicht einen Trend oder eine Innovation in der journalistischen Arbeitswelt übersehen haben, die wichtig sein könnte, wenn es um die berufliche Fitness für die Zukunft geht.

- Müssen wir unsere TV-Ausbildung ergänzen, weil Mobile-TV ganz anders gestaltete Filmbeiträge erfordert, als wir sie bisher für den größeren Bildschirm produziert haben?

- Gelten für einen Audio-Podcast völlig andere Gesetze als für einen klassischen Radio-Beitrag?

- Sind Blogs eine journalistisch relevante Mitteilungsform oder findet da nur mehr oder weniger schwachsinnige Selbstdarstellung statt? Wie relevant ist User generated content?

- Müssen wir das Management von Communities im Netz trainieren? "Social Media" steht für mehrere Tage auf dem Stundenplan der Burda-Journalistenschule. Müssen wir Formen des Dialogs mit den Usern lehren?

- Nützt es den jungen Kolleginnen und Kollegen vielleicht mehr, wenn sie wissen, wie man einen Text für Suchmaschinen optimiert, als wenn sie die klassischen Regeln für ein sprachlich und stilistisch brillantes und gut gebautes Stück beherrschen?

- Oder auch: Müssen wir mehr Nutzwertjournalismus machen, weil das Publikum angeblich Service, Service, Service von den Medien erwartet?

- Müssen wir viel mehr Wert auf schnelles Arbeiten legen, weil zum einen das Internet ein ungemein schnelles Medium ist, weil sich aber auch die Aufgaben beispielsweise in einer Zeitungsredaktion beschleunigt haben: Sie muss in kürzester Zeit gehaltvollen Hintergrund, tiefere Erklärung liefern, wenn sie im Internetzeitalter nicht bedeutungslos werden möchte...

Ist dies oder jenes von Bestand, fragen wir uns, oder ist es halt nur eine von den vielen Säuen, die in immer kürzeren Abständen durchs Dorf getrieben werden? Der Fragenkatalog ließe sich beliebig erweitern.

Manchmal geht man als Ausbilder auch eloquenten Fortschrittspropheten auf den Leim und merkt erst mit Verzögerung, wie viel heiße Luft da oft geboten wird. Etwa wenn es heißt, Onlinejournalismus sei doch etwas völlig anderes als der Old-Media-Journalismus. Es gibt Ausbilder, die gleichsam zurückrudern und Unterrichtseinheiten zum Thema "Onlinejournalismus" wieder aus dem Curriculum werfen – aus der Erkenntnis heraus, dass für guten, qualitätsvollen Journalismus die gleichen Gesetze gelten, ob er nun auf Papier oder über den Bildschirm zu den Lesern oder Usern kommt.

Die neuen Trends geben ja sehr oft nicht die Journalisten vor, sondern die Manager in den Medienhäusern, denen die neuen Techniken, auch zum Beispiel das viel einfachere Bedienen technischer Geräte wie Kameras oder Schnittcomputer, ganz neue, verlockende Möglichkeiten bieten, kaufmännische Kreativität zu entwickeln – sprich zu sparen. Mit dem Bild von der eierlegenden Wollmilchsau sind diese Tendenzen oft beschrieben worden.

"Trimediale Redaktion"

Längst wurden in Verlagen Online- und Printredaktionen zu einer Mannschaft vereinigt – eine vernünftige Neuorganisation, wie ich finde –, es wurden die Hörfunk- und die Fernseh-Programmdirektionen von Sendern zusammenlegt und mit den Onlineaktivitäten verschmolzen. Eine "starke trimediale Redaktion, die das Aktuelle macht", so beschrieb einmal die RBBIntendantin Dagmar Reim ihre Vorstellung.

Dagegen ist überhaupt nichts zu sagen. Aber die Versuchung ist natürlich groß, mit der Restrukturierung von Redaktionen gleich auch Geld zu sparen: weniger Teams aus Journalist, Kameramann und Tontechniker einzusetzen, stattdessen VJs, Video-Reporter, die ihre Beiträge alleine drehen und hinterher auch noch den Cutter sparen, weil sie selbst schneiden.

Und die Ausbilder sollen die jungen Leute liefern, die das alles können und klaglos machen, als Praktikanten möglichst erst mal einige Monate kostenlos und später für wenig Geld.

Was heißt das alles für die Ausbildung? Natürlich haben wir an der DJS VJ-Ausrüstungen angeschafft und trainieren mit unseren Schülerinnen und Schülern diese inzwischen nicht mehr ganz neue Art, als "Ein- Mann-Team" journalistisch fürs Fernsehen oder fürs Internet zu arbeiten. Wir machen das nicht nur möglichst praxisnah und effizient, sondern weisen auch sehr kritisch auf die Grenzen dieser Arbeitsweise hin und auf den Verlust an journalistischer Qualität, der damit unweigerlich einhergeht. Aber wir zeigen auch die zusätzlichen Möglichkeiten, die in bestimmten Fällen von Vorteil sein können, etwa wenn es darum geht, sich Menschen behutsam und sensibel zu nähern.

Journalistenausbildung heute muss crossmedial sein. Es gibt wohl niemanden, der dieser Feststellung widerspricht. Alle Ausbilder handeln entsprechend. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede, wenn man sich die Schwerpunkte der Ausbildungsprogramme anschaut.

Die Burda-Journalistenschule etwa, in der die überredaktionelle Ausbildung der Volontäre des Verlages stattfindet, setzt sehr stark, wenn nicht nahezu ausschließlich, darauf, die Produktion von Inhalten für die verschiedenen Webportale und das Management von Internet-Auftritten zu trainieren. Früher haben die Volos, die ja immer noch zu einem großen Teil aus Printmagazin-Redaktionen kommen, im Rahmen ihrer Ausbildung ein 60- bis 70-seitiges Heft produziert, das sie dann voller Stolz dem Verleger präsentiert haben. Heute präsentieren sie – ausschließlich – ihre Internet- Arbeiten – sehr zur Freude ihres Verlegers Hubert Burda.

Die früher übliche journalistische Grundausbildung der Burda-Volontäre wurde um ein Viertel gekürzt, ein sechswöchiges Tageszeitungspraktikum komplett gestrichen – zugunsten der Online-Ausbildung. Dennoch, und das will ich hier ausdrücklich betonen, investiert der Burda-Verlag viel in die Ausbildung seiner Volontäre. Sie verbringen die ersten vier Monate überhaupt nicht in ihren Redaktionen, die aber für sie zahlen. Nicht jedem Chefredakteur bei Burda schmeckt das. Aber die Leitung des Hauses hält schützend ihre Hand über die Burda-Schule.

"Ansprüche an den Nachwuchs"

Bauer schickt seine Volos, wenn ich richtig informiert bin, gerade mal für vier Wochen zur Akademie für Publizistik. Andere Verlage sparen sich sogar dies, obwohl die Tarifverträge ja außerredaktionelle Ausbildungswochen vorsehen. In der letzten Medienkrise 2002/2003 hatte zum Beispiel die Münchner Akademie der Bayerischen Presse große Probleme, ihre Kurse zu füllen: die Zeitungsverlage schickten ihre Volontäre nicht mehr und zahlten keine Weiterbildungsseminare.

Was die Qualität anbetrifft, sind die Ansprüche der Medienhäuser an ihren journalistischen Nachwuchs teilweise dramatisch gesunken. Auf einer Ausbilderund Personalleiterkonferenz, die vor einiger Zeit der MedienCampus Bayern veranstaltet hat, berichtete die Volontärin einer Zeitschrift, wie man ihr und anderen interessierten Volontären gleich in den ersten Tagen eine Videokamera in Hand gedrückt habe mit der Aufforderung: Jetzt filmt einfach mal. Der Chefredakteur sei hinterher total begeistert gewesen und selbstverständlich seien die Filme sofort auf die Homepage der Zeitschrift gestellt worden...

Ausbilder machen sich zum Teil Sorgen wegen des Drucks, den Unternehmen, vor allem Verlage, in Sachen Internet-Journalismus ausüben. Die Verantwortlichen halten es für schwierig, etwa in einem vierwöchigen Volontärsgrundkurs beides unterzubringen: eine fundierte Ausbildung in den klassischen journalistischen Handwerkstugenden und eine halbwegs sinnvolle Anleitung zu crossmedialem Arbeiten – letzteres wird von den Verlagen massiv gefordert. Recherche, Schreibtraining, die verschiedenen Darstellungsformen, Kleintexte etc., solche traditionellen Ausbildungsinhalte, die für Qualitätsjournalismus unabdingbar sind, bleiben da leicht auf der Strecke.

"Crossmediales Denken"

Dennoch bin ich mir sicher: Multimediales, crossmediales Denken zu beherrschen, ist unabdingbar für eine erfolgreiche journalistische Laufbahn – heute schon, aber erst recht in der Zukunft. Wenn wir ein Thema erarbeiten, kann die Frage nicht mehr nur sein: Was ist für dieses Thema die optimale Darstellungsform? Oder: Wie machen wir daraus eine hervorragende Reportage für die Seite 3 oder einen spannenden Radiobeitrag fürs Mittagsmagazin? Die Frage lautet jetzt: Was machen wir wie für welches Medium?

Um crossmedial denken zu können, muss man Ahnung haben von der Technik in den verschiedenen Medien – von Printredaktionssystemen oder Layoutprogrammen, von Audioaufnahmegeräten und Kameras, und man muss die Schnittprogramme für Audio und Video beherrschen, dazu Grundlagen der Internettechnik. Deshalb trainieren wir das an der DJS intensiv.

Nicht alle Ausbilder vertreten diese Position, manche sagen, Technikkompetenz könne man sich später ganz schnell aneignen. Ich bin da skeptisch. Technikkompetenz, das Wissen, was technisch geht, ist die Grundlage für crossmediales Denken und ähnlich wichtig wie die eigentlichen, traditionellen journalistischen Qualitätskriterien der verschiedenen Medienbereiche.

Natürlich lauert da auch die Gefahr. Ulrike Maercks- Franzen, die Bundesgeschäftsführerin der dju, etwa meint, inhaltliches Engagement sei in der Ausbildung etwas in Misskredit geraten. Es bestehe die Gefahr, dass sich Technik und Handwerk zu sehr in den Vordergrund schieben, Fragen zum Stoff dagegen in den Hintergrund rücken.

An der DJS wollen wir die Dinge verbinden, alte Standards und neue Anforderungen. Trotz der heutigen Medienkonvergenz haben wir uns dafür entscheiden, die Ausbildungsblöcke Print, Radio und Fernsehen weiterhin hintereinander weg und aufeinander aufbauend abzuhandeln, und das jeweils sehr gründlich. Wir haben dabei gegenüber den Akademien den Vorteil, dass wir unsere 45 Schülerinnen und Schüler gut neun Monate lang bei uns haben und mit den drei 15er-Gruppen sehr intensiv arbeiten können.

Sie üben sich in

- den verschiedenen journalistischen Arbeitsinstrumenten (Recherche, Gesprächsführung usw., Sprache und Stil...),

- den Darstellungsformen (Nachricht, Bericht, Reportage, Wortlautinterview, im Radio Moderation, Kollegengespräch, im Fernsehen Filmdramaturgie, Live- Aufsager, ästhetische Kriterien usw.),

- den ressortspezifische Anforderungen vom Lokalen bis zu Politik und Wirtschaft

- der Vermittlung komplizierter Sachverhalte auf verständliche Weise

- der Bewertung von Nachrichten, um Wichtiges von Banalem zu unterscheiden, und in der Kommentierung usw. usw.

"Thematische Verzahnung"

Die Blöcke Print, Radio und TV stehen aber nicht mehr monolithisch nebeneinander wie früher, sondern sind immer wieder verzahnt – bei bestimmten Themen und in einem zentralen crossmedialen Projekt. Ein Beispiel für thematische Verzahnung: Wir haben schon mehrmals die Unterrichtseinheiten zum Thema Wirtschaftsberichterstattung von Anfang an mit drei Dozenten aus drei verschiedenen Medien besetzt: Print, Radio und Fernsehen und haben über die Blöcke hinweg mit der jeweiligen Klasse aktuelle Themenkomplexe beackert, etwa die "Nachfolge in mittelständischen Unternehmen" oder "nachhaltig wirtschaften".

Immer stand dabei die Frage im Raum:Was machen wir wie in welchem Medium? Es ging darum, zügig und sicher zu entscheiden, welches Element einer Geschichte in welchem Medium am besten erzählt werden kann. Und dies dann von allen Schülern, in allen drei Medien, zum Teil auch im Internet, umzusetzen. Wohlgemerkt, ich rede hier von der Journalistenschule.

Ich glaube nicht, dass das, was wir auf diese Weise im Unterricht trainieren, ein sinnvolles Modell für Qualitätsarbeit von Redaktionen sein kann. "Datenmüll" sei erfahrungsgemäß das Resultat eines solchen Generalismus’, sagt Wolfgang Büchner, der neue dpa-Chef, der von Spiegel Online kam. Da hat er Recht. Die Idee, die hinter unserem Ausbildungsmodell steht, lautet für jeden unserer Schüler: Alles wissen, kennen und können – crossmedial DENKEN und planen können –, aber nicht alles machen.

"Überblickswissen"

Noch wissen wir nicht, wo genau die Reise hingeht: Wird mehr die eierlegende Wollmilchsau gefragt sein oder der Spezialist?

Beim ersten Weltkongress für Journalismusausbildung, der 2007 in Singapur stattfand, war die Mehrheit der Teilnehmer der Ansicht, das Modell eines alle Mediengattungen beherrschenden Journalisten scheine "sich kaum voll durchzusetzen" – so vage hat es Sylvia Egli von Matt, die Direktorin der Schweizer Journalistenschule MAZ in Luzern, in der "Neuen Zürcher Zeitung" formuliert. Wahrscheinlicher sei aus heutiger Sicht, dass die Journalisten der Zukunft bimedial arbeiteten; auskennen müssten sie sich aber in allen Medien; sie sollten ein Überblickswissen haben, um entscheiden zu können, welches Thema in welchem Medium am besten erzählt werden könne.

Ich fürchte, es wird unter dem zunehmenden Kostendruck nicht bei bimedial bleiben. Je größer der ökonomische Druck wird, desto mehr wird womöglich die eierlegende Wollmilchsau zum Einsatz kommen.

Interessant ist übrigens, dass die Wissenschaftler, Journalisten und Ausbilder auf dem Kongress sehr stark auf die Haltung angehender Journalistinnen und Journalisten abhoben, die aber nur sehr bedingt vermittelt werden könne und eher eine Voraussetzung für den angestrebten Beruf sei, also von den Auszubildenden mitgebracht werden müsse. Gesucht seien demnach junge Frauen und Männer, die

- unvoreingenommen an ein Thema herangehen

- es genau wissen wollen

- eine skeptische Grundhaltung haben

- leidenschaftlich ihren Beruf ausüben und

- im Journalismus eine verantwortungsvolle gesellschaftliche Aufgabe sehen.

All das sind Kriterien bei der Aufnahmeprüfung der DJS, und all das kann man sehr wohl im Rahmen der Ausbildung auch fordern und fördern, das können Dozenten vermitteln und vorleben, täglich neu, und mit den Studentinnen und Studenten üben an jedem konkreten Thema, das auf dem Stundenplan steht.

Heute, mit unseren Ansprüchen und nach unserem Verständnis, Journalisten auszubilden, ist auch so etwas wie eine Abwehrschlacht – die Abwehr von Angriffen auf früher unbestrittene Wertmaßstäbe in diesem Beruf. Und es ist ein Balanceakt zwischen der Vermittlung dieser Wertmaßstäbe und den Erwartungen der Unternehmen oder den Bedingungen, die beispielsweise das Internet diktiert und die a priori ja nicht schlecht sein müssen.

Das lässt sich an vielen Beispielen festmachen. Ich kann sie hier nicht alle aufzählen, will aber an wenigen Beispielen deutlich machen, was ich meine: Völlig unwidersprochen sagen heute Chefredakteure oder Personalchefs, wenn es um die Qualifikation junger Medienschaffender geht, diese müssten Verständnis und Sinn für die ökonomischen Bedingungen mitbringen, unter denen sie arbeiteten. Und was heißt das dann konkret? Giovanni die Lorenzo, damals noch Chefredakteur des Berliner "Tagesspiegels", sagte schon vor Jahren beim Mainzer Mediendisput: Das "Ansinnen" und der Druck auf die Redaktion aus der Anzeigenabteilung und aus der Geschäftsführung werde immer massiver.

"Unabhängiger Journalist"

Und JanWeiler, einst Chefredakteur des "SZ-Magazins", inzwischen als Bestsellerautor selbst Gegenstand der Berichterstattung, sagte in einem Interview im Bayerischen Rundfunk: "Die Grenzen zwischen Marketing, Werbung und Information verschwimmen. In den Redaktionen findet ein schleichender Abschied von früher ganz festen moralischen Grundsätzen statt: zum Beispiel dem einfachen Grundsatz, dass man sich nicht zahlen lässt von dem, über den man schreibt."

Wir setzen dem an der DJS das Bild vom unabhängigen Journalisten gegenüber, der sorgfältig, umfassend und wahrhaftig berichtet und auf "jegliche Vorteilsnahme und Vergünstigung verzichtet", wie das Netzwerk Recherche in seinem Medienkodex formuliert hat.

Ein zweites Beispiel, Stichwort Balanceakt: Die Unternehmensberatung Roland Berger hat eine Studie darüber erarbeitet, was junge Unternehmer und Entscheider in der Wirtschaft von den Medien erwarten. Nicht schlecht, was dabei herauskam, ich zitiere aus der "Süddeutschen Zeitung": "Als größte Gefahr für qualitativ hochwertigen Journalismus sehen die Befragten insbesondere eine ‚Überhitzung’ bei bestimmten Themen, also den Wettbewerb um exklusives Material."

Soweit okay. Aber dann liest man den nächsten Satz in dem SZ-Bericht: "Laut Berger-Studie fordern gerade junge Leser alles auf einmal: hohe Qualität, Schnelligkeit und gute Analyse."

"Schnelles Entscheiden"

Sollen wir den Studenten sagen: Macht nicht mit beim "Rattenrennen um Information", wie das Hans Leyendecker genannt hat? Nehmt Euch Zeit für Gegenrecherche, fürs Abwägen und Gewichten, kapiert erst mal selbst einen Vorgang, bevor ihr dazu etwas publiziert.

Sehr sympathisch, diese Haltung – aber so richtig schnell geht das in der Regel nicht. Wir versuchen, beides an der DJS zu vermitteln: den Grundsatz "Sicherheit vor Schnelligkeit", aber wir bauen auch Druck auf, trainieren schnelles Entscheiden, Schreiben, Drehen und so weiter. Und wir gehen vermehrt raus aus dem Sandkasten der Schule, produzieren zum Beispiel unter realen Bedingungen – und das bedeutet Zeitdruck – Zeitungen und Zeitschriften, die zum Teil in hoher Auflage gedruckt werden und unter die Leute kommen.

Noch ein Zitat von Jan Weiler aus dem BR-Interview: "Was die Medien brauchen, ist immer mehr (er meint mehr geschriebene, gefilmte etc. Masse, Content) für immer weniger Geld von Leuten, die immer weniger qualifiziert ausgebildet sind."

"Allgemeine Verunsicherung"

Wenn das so stimmt, liegen wir dann überhaupt noch richtig mit unserer Ausbildung, in der wir sorgfältige, umfassende Recherche für unabdingbar halten, in der wir die große Reportage, das einfühlsame Porträt und den kundigen Kommentar pflegen und Wert auf gute Sprache legen? Wir meinen: Wenn wir unser Programm und unsere Ansprüche aufgäben, gäben wir uns selber auf.

Aber: Wir wissen nicht, wo genau die Reise hingeht.

Wenn man in den vergangenen Jahren auf den Münchner Medientagen die verschiedenen Foren besucht hat, auf denen es um die Entwicklung und die Zukunft der Medien ging, blieb einem als häufigster Satz "Ich glaube..." oder "Ich bin überzeugt, dass..." in Erinnerung.

Wir Journalistenausbilder stecken mitten drin in dieser allgemeinen Verunsicherung. Und auch da helfen zunächst mal nur "Ich-glaube-Sätze", um sich zu orientieren und Ausbildungskonzepte zu entwickeln.

Mein persönlicher Ich-glaube-Satz als Schulleiter: Ich glaube, dass es auch weiterhin ein Bedürfnis geben wird für das, was wir Qualitätsjournalismus nennen. Für das, was nur Journalistinnen und Journalisten liefern können, die mit einem hohen Qualitätsanspruch ausgebildet worden sind:

- Gründlich recherchierte, lebendig und verständlich aufbereitete, am Maßstab der journalistischen Verantwortung geprüfte Textgeschichten, Audiobeiträge oder Filme.

- Inhalte, die für Leser, Hörer, Seher oder User relevant sind. Journalistische Einordnung also, Bewertung, Kommentierung, von einem soliden Wissensfundament aus.

"Herumschwirrende Informationsatome"

Ich stimme also nicht ein in die Abgesänge auf den Qualitätsjournalismus. Ich tue das nicht, um mir selbst Mut zu machen und mich meiner Existenzberechtigung zu vergewissern. Sondern weil ich überzeugt bin, dass viele Menschen in der Flut von Informationen, die jetzt schon über sie hereinbricht und noch mehr hereinbrechen wird, auch der Flut von starren und bewegten Bildern, diese Leistungen des Qualitätsjournalismus abrufen und goutieren werden.

Christoph Süß hat vor wenigen Tagen auf einer CSUVeranstaltung von "herumschwirrenden Informationsatomen" gesprochen, die in eine "vernünftige Reihenfolge gebracht" werden müssten. Das können nur entsprechend ausgebildete Journalisten. Dabei geht es mir allerdings wie Alan Rusbridger, dem Chefredakteur des englischen "Guardian", der immer wieder sinngemäß sagt: Es ist mir egal, über welche Plattform der Qualitätsjournalismus, den meine Redaktion liefert, zu den Menschen kommt. Das kann auch elektronisch über einen Bildschirm sein.

Da hat er nicht unrecht, finde ich. Ich gehöre nicht zu denen, die dem Internet nur die kurze, schnelle Information zutrauen. Nur "Echtzeitjournalismus", wie das immer wieder genannt wird. Die User des Netzes schätzen und suchen dort durchaus neben der schnellen Information die gründlich recherchierte Geschichte, den Hintergrund; Inhalte, die nach dem Warum fragen und diese Fragen zu beantworten versuchen. Qualitätsjournalismus eben. Dirk von Gehlen, der Leiter des Onlineportals "jetzt.de" sagte in einem Vortrag, den er an der Münchner Uni hielt: "Ich glaube, dass gute Journalisten heute dringender gebraucht werden als vorher.

Denn es ist ja richtig: Verlässlichkeit, Qualität und auch Anstand haben nicht in dem Maße zugenommen, wie neue Weblogs im Netz entstehen und Empfänger auch zu Sendern werden. Aber gerade deshalb braucht es Inseln der Glaubwürdigkeit im weltweiten Web, es braucht Orientierungspunkte und vertrauenswürdige Einschätzung. Kurzum: Es braucht guten Journalismus im Internet." Wie setzen wir an der Journalistenschule dieses "Ich glaube an die Zukunft des Qualitätsjournalismus" um?

Unser Ziel ist es, die Schülerinnen und Schüler doppelt fitzumachen für einen erfolgreichen Start in den klassischen Medien, bei Zeitung, Zeitschrift, Radio und Fernsehen, mit dem Schwerpunkt auf der spezifischen Arbeit dort.

Gleichzeitig ist das Ziel, sie auch vorzubereiten auf die Arbeit in einer Onlineredaktion oder in einer Redaktion, die die Themen crossmedial angeht - also etwa am Newsdesk oder in der Konferenz überlegt: Wie setzen wir dieses Thema für die verschiedenen Plattformen um?

"Crossmediale Redakteurin"

Der crossmediale Ansatz scheint richtig zu sein. Vor einiger Zeit schrieb mir eine Absolventin, nachdem sie einen Redakteursvertrag bei der "Badischen Zeitung" unterschrieben hatte: "Was dich besonders freuen wird: Mein offizieller Titel lautet ‚Crossmediale Redakteurin’ . Ich werde also Artikel schreiben, am Newsdesk sitzen, Videos bearbeiten und wohl auch den ein oder anderen Audio-Podcast fabrizieren – DJS sei Dank werde ich das wohl auch stemmen..."

Vor wenigen Tagen kam die folgende Mail eines DJSlers: "Bei allem Krisengewitter eine gute Nachricht: Ich hatte gestern mein Vorstellungsgespräch bei Stefan Aust, und es hat auf Anhieb geklappt – vor allem, weil ich seit einiger Zeit Print und Video mache. Auf der DJS gelernt."

Konkret gehen wir es an der DJS so an: Wir beginnen klassisch mit den journalistischen Basics am Beispiel Print, nehmen hier aber schon onlinespezifische Dinge hinzu, etwa: Was ist anders, wenn man für das Netz schreibt als für eine Zeitung?

Zum Schluss dieses Printblocks produziert jede Klasse ein etwa 70-seitiges Printmagazin – produzieren heißt: konzipieren, recherchieren, schreiben, fotografieren, layouten, druckfertig machen – begleitet von einem vierköpfigen Dozententeam: Konzeption/Text, Fotograf, Grafiker – und Onliner.

"Work in process"

Onliner deshalb, weil das Heft von vornherein crossmedial angegangen wird, als Printprodukt und als Onlineausgabe. Dafür sind vier bis fünf Wochen Zeit. Mit dem Erscheinen des Heftes geht die Internetausgabe online.

Die Klassen rücken dann weiter in die Ausbildungsblöcke Radio/Audio und TV/Video, und mit dem dabei erworbenen Wissen wird der Onlineauftritt dann ergänzt durch Hörstücke oder bewegte Bilder: work in process und progress also.

Wer eines dieser Hefte aus unserer Reihe "Klartext" kennenlernen möchte, kann es mit einer Mail an die Adresse post@djs-online.de bestellen. Die Internetseiten der letzten Ausgaben sind online zu finden unter www.klartext-magazin.de. Die Domain ist damit gleichzeitig eine Übungswiese, eine Präsentationsmöglichkeit der Schülerinnen und Schüler, ein Aushängeschild der DJS und wird über die Jahre immer mehr ein Archiv der Arbeiten sein, die an der Schule entstanden sind.

Ob wir damit wirklich auf dem richtigen Gleis für die Reise in die Zukunft sind, wird sich herausstellen. Im Moment sind wir davon überzeugt. Und wir sind ziemlich stolz auf das, was unsere Schülerinnen und Schüler leisten – in Print, Radio, Fernsehen und Online.


Ulrich Brenner (geb. 1946) ist Leiter der Deutschen Journalistenschule.

Link: Evangelische Akademie Tutzing

 

© 2009 - 2012 evangelisch.de  |  Tel: 069 58 098 - 189  |  Fax: 069 58 098 - 418  |  Kontakt  |  Impressum  |  Presse  |  Datenschutz  |  AGB