Ist die "Generation Porno" ein Mythos?

Jugendlicher vor dem Laptop

Viele Jugendliche machen scho früh Erfahrungen mit Pornographie im Netz. Foto: iStockphoto

Jugendschutz - Immer mehr Jugendliche kommen in Kontakt mit Pornos im Internet. Medien und Sozialpädagogen warnen vor einer verrohten "Generation Porno". Bei einer Tagung in Hamburg gab es Widerspruch.

Von Henrik Schmitz

Irgendwann war es dem Mann mit dem weißen Hemd und dem grauen Pullover zu viel. Er hatte sich anhören müssen, dass Jugendliche mit Pornos im Internet und auf dem Handy eigentlich ganz gut umgehen können, junge Menschen einfach andere Einstellungen haben als Erwachsene und Tabubrüche für eine Gesellschaft heilsam seien, weil sie Grenzen versetzten und damit für Dynamik, ja vielleicht sogar für eine Befreiung von überkommenen Moralvorstellungen sorgten.

Unruhig war der Mann währenddessen auf seinem Stuhl hin und her gerutscht und hatte die Stirn gerunzelt. Er hatte Jugendliche im Kopf, die Gruppensexvideos auf dem Schulhof tauschen, Kinder, die im Internet Vergewaltigungsvideos sehen. Und er hatte Musik im Ohr, in denen Rapper Frauen – bestenfalls - als "Hure" bezeichnen. Jetzt nutzte er die Chance, griff zum Mikrofon, stellte sich als Sozialpädagoge vor und brach eine Lanze für den Jugendmedienschutz: "Es geht darum, die Gefährdeten zu schützen. Wir müssen Jugendliche vor Inhalten bewahren, mit denen sie nicht fertig werden. Auch, wenn die Mehrheit der Jugendlichen von diesen Inhalten nicht betroffen sein sollte."

Diskussionen und Vorträge

Das Statement hätte auch am Ende der Tagung "Tabubruch, Medienexhibitionismus und Jugendkultur – Herausforderungen für den Jugendmedienschutz" stehen können. Zwei Tage lang diskutierten Jugendmedienschützer und Medienmacher in Hamburg über das Thema Jugendschutz und Medien. Und wenn es so etwas wie ein Ergebnis gab nach vielen Diskussionen und Vorträgen zu den verschiedensten Aspekten dieses Themas, dann vielleicht, dass es vor allem Jugendliche aus bildungsfernen Schichten sind, die nicht zu einem reflektierten Umgang mit Medieninhalten in der Lage sind. Sie sind es, die deshalb Gefahr laufen, zu "verrohen", wie es ein Tagungsteilnehmer ausdrückte. Und noch ein Ergebnis gab es: Eine gewissen Diskrepanz zwischen den Ergebnissen der Forschung über Jugendliche und den Erfahrungen von Sozialpädagogen, die mit Jugendlichen arbeiten.

Was die drohende Verrohung angeht, war eine aktuelle Studie der ZDF-Medienforschung aufschlussreich, die auf der Tagung vorgestellt wurde. Demnach kennen rund 18 Prozent von 800 Befragten Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren Internetseiten mit Gewaltverherrlichung. 36 Prozent der Jungen und zehn Prozent der Mädchen von 16 bis 20 Jahren haben Pornos im Internet gesehen und sogar 13 Prozent der Jungen hatten schon Kontakt mit Kinderpornografie. Von einem 15-Jährigen, der ihm ein selbstgedrehtes Video mit Gruppensex auf dem Schulhof vorgespielt habe, berichtete der Journalist Wolfgang Büscher, Sprecher des Vereins "Arche". "In meiner Arbeit treffe ich auf Mütter, die Sex mit den Freunden ihrer 14-jährigen Töchter haben."

Falsches Bild

Ist die "Generation Porno" mit massenhaftem Pornokonsum und sexuellen Erfahrungen schon in sehr jungen dennoch ein Mythos? "Eigentlich ist nichts so langweilig wie das Sexualleben der Jugend", sagte Dagmar Hoffmann von der Universität Siegen. Im Schnitt hätten Jugendliche mit 15,8 Jahren ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Ein Wert, der im Grunde seit Jahren konstant sei. Und auch Studien, nach denen zwei Drittel der Jugendlichen angeben, sie hätten bereits Pornos geschaut, sieht sie kritisch. "Es ist einfach uncool zuzugeben, dass man noch keine Pornos gesehen hat." Das Bild, das Medien von Jugendlichen vermittelten, decke sich nicht mir der Realität, kritisierte sie. Zugleich nahm sie das Medium Fernsehen in Schutz. Sexualität nehme im Programm entgegen der landläufigen Meinung nur einen sehr geringen Raum ein. Am meisten nackte Haut finde man im Fernsehprogramm eigentlich in der Werbung. "Getreu dem Motto: Sex sells", erläuterte Hoffmann.

"Es gibt keine Belege für eine massenhafte Abstumpfung oder Gewalt im sexuellen Bereich, die bei Jugendlichen durch Pornos hervorgerufen wird", sagte auch Konrad Weller, Psychologe von der Universität Merseburg. Pornos seien Teil einer normalen sexuellen Entwicklung von Jugendlichen und gehörten quasi zum Erwachsenwerden dazu.

Falsche Rollenbilder

"Die Wirkung ist schwer zu erforschen, weil sie Jugendlichen keine Pornos vorspielen dürfen", erläuterte Petra Grimm (Universität Stuttgart) gewisse Lücken in der Forschung. Sie diagnostiziert bei Jugendlichen im Umgang mit Pornos aber ein "biologistisches Modell". Demnach begründeten Jungen ihren Pornokonsum mit vorhandenen Trieben, während Mädchen diese Triebe abgesprochen würden und Pornokonsum bei Mädchen und von diesen selbst daher kritischer gesehen werde.

Unproblematisch findet Grimm den Konsum der Pornos aber nicht und sprach von einem Wirkungspotenzial. So könne das eigene Körperbild Schaden nehmen und zudem würden falsche Rollenbilder vermittelt. Sie forderte daher eine medienpädagogische Initiative. "Die Aufklärung findet bislang kaum statt, Lehrern fehlen Handreichungen, wie sie mit dem Thema Porno umgehen sollen."

Mehr Geld!

"Mehr Geld für Medienpädagogen" lautete am Ende der Tagung dann auch eine Forderung aus dem Publikum. Um Jugendliche zu schützen, sei Bildung der Schlüssel. Jugendliche von gefährlichen Inhalten fernzuhalten sei kaum noch möglich. Ziel müsse es aber sein, sie in die Lage zu versetzen, Inhalte einzuordnen. Da nickte auch der Mann mit dem grauen Pullover.


Henrik Schmitz ist Redakteur bei evangelisch.de und betreut die Ressorts Kultur und Medien.

Kommentare

Verfasst von Gast am 29. April 2010 - 15:47.

Empfehlung zum Thema

Vielen Dank für die informative Zusammenfassung. Die Kollegen von der Jungen...

Vielen Dank für die informative Zusammenfassung. Die Kollegen von der Jungen Presse NRW e.V. haben die Jugendmedienschutztagung ebenfalls begleitet. Hier ein Kommentar eines Nachwuchsjournalisten zum Thema: http://jumeta.junge-presse.de/?p=143

Verfasst von HGF am 28. April 2010 - 16:22.

You can fool some people sometimes...

Der Mann im grauen Pullover stand vermutlich mit 14, 15 und womöglich...

Der Mann im grauen Pullover stand vermutlich mit 14, 15 und womöglich schon in eben diesem (Polyester?-)Pullover in überheizten Partykellern pflichteingeladen in der Ecke herum und nimmt jetzt halt Rache. – Zum Artikel: Die "Generation Porno" kann schon deshalb nichts als ein Mythos sein, weil die Brüsseler BürokratInnen in gleichsam "göttlicher" Weisheit vor wenigen Jahren zu dem Schluss gekommen sind, dass Jugendliche Kinder sind und sich bis zur Vollendung des 18. Lebensjahrs vor nichts so sehr ekeln wie vor Sex. – Und: gute Gründe hierfür hätten sie in der Tat; eine Sexualität, deren "Freiheit" darin besteht, Körper und Seele mit chemischen Verhütungsmitteln zu vergiften und sich im ökonomischen Zweifelsfall durch die "segensreiche" Möglichkeit der "Schwangerschaftsunterbrechung" gegen das dritte Kind und somit für den Zweitwagen zu entscheiden, eine Sexualität, deren bildliche und textliche Darstellung im Regelfall nicht sinnlich, sondern dümmlich und menschenverachtend daherkommt, sollte alles andere sein als erstrebens- bzw. nachahmenswert. Ob deswegen schon jede Konfrontation mit Pornographie irreparable Schäden anrichtet, wage ich trotzdem zu bezweifeln; das Extreme, ob nun in Sachen Sex oder Gewalt, reizt die Neugier des Heranwachsenden, der nun mal in der Entwicklungsphase seine Möglichkeiten und Grenzen sowie die Möglichkeiten und Grenzen der Welt ausloten will. Und dort, wo sich – wie in den 70er Jahren – das Extreme zu einem nicht geringen Teil als elitär, progressiv, avantgardistisch, nonkonformistisch, als fortschrittlich und somit als Fortschritt in Sachen Humanität versteht, wird es – wie etwa der Linksextremismus jener Jahre – am eigenen Anspruch scheitern; wirklich gefährlich, sowohl für den Einzelnen wie für die Gesellschaft, wird es m. E. erst dort, wo das Extreme als das "Normale" und somit bürgerlich-normativ daherkommt. Auch hier ist die Pornographie "als solche" das geringste Problem; wirklich übel aber wird es dort, wo etwa sexuelle Gewalt in den Texten der "Gangsta"-Rapper Ausdruck eines wahrlich nicht progressiven, sondern eines reaktionär-patriarchalischen (und erzkapitalistischen) Weltbildes ist – und darin folglich normativ. Schließlich will auch der "Gangsta"-Rapper am Ende seine treue Ehesklavin und Söhne, die, um es in der heute weltweit gängigen Jugendsprache zu sagen, weder "Spasten" ("Retards") noch "Schwuchteln" ("Faggots" bzw. "Fags")  sind – so, wie der "Held" am PC-Gewaltspiel kein Terrorist oder Revolutionär ist, sondern ein Verteidiger westlicher "Werte". – Werte, die keine sind, weil sie alles andere verkörpern als humanitären bzw. intellektuellen Fortschritt. Oder ist es, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren, etwa ein Fortschritt, wenn einem heutzutage vor jeder zweiten Fernsehsendung der Satz "Diese Sendung ist für Jugendliche ungeeignet" entgegenschlägt, ein Satz, der wie kaum ein zweiter den Mief und Muff der Bundesrepublik vor 1969 verkörpert? Wie soll eine Jugend die Welt humaner machen, wenn selbst der Umweltschutz fester Bestandteil des kapitalistischen Systems geworden ist und ansonsten, als Teil des heutzutage grassierenden Enthaltsamkeitskultes, vorzugsweise Verzicht predigt? Und: wie soll eine Jugend zu einer gesunden, sinnlichen und somit humanen Sexualität finden, wenn ihr quasi vom Kindergartenalter an Sexualität als etwas vorzugsweise Grauenvolles präsentiert wird? – Ich kann da nur noch mit Lincoln hoffen: You can fool some people sometimes, but you can't fool all the people all the times...

"You can fool some of the people all of the time, and all of the people some of the time, but you can not fool all of the people all of the time." (A. Lincoln zugesprochen)

Verfasst von Gast am 27. April 2010 - 18:50.

Falsches Bild von Sex

Vielleicht ist es auch so, dass Jugendliche in den Pornos finden wollen, wie...

Vielleicht ist es auch so, dass Jugendliche in den Pornos finden wollen, wie Sex geht. Woher sollen sie es schon wissen. Kaum ein Vater wird seinem Jungen sagen, wie die Mutter zum Orgasmus kommt. Und erst recht kein Lehrer. Also geht man in die Pornos und sieht das immer gleiche Szenarium, in dem Frauen gedemütigt und beschmutzt werden und trotzdem vor Lust schreien und wie Männer sie hart durchnehmen - so wie es in jeder billigen Anzeige in jedem kostenlosen Boulavardblatt zu lesen ist. Und das ist die Tragödie bei Pornos, sie leisten "Aufklärung", die, wenn man so will, einer Partnerschaft und erfüllenden Sexualität im Wege stehen. Eigentlich wäre der Konsum der Pornos nur einzudämmen durch eine solide und vertrauenswürdige "Aufklärung". Wenn die Jugendlichen kapieren, dass das nur inszeniert ist und weitab der Wirklichkeit, dann werden sie sich irgendwann vor dem Schwindel langweilen. Es sei denn, sie haben eine Haltung gelernt, die es genießt, wenn Frauen gedemütigt werden. Aber das geschieht nicht durch Pornos, sondern durch "Männergespräche" beim Grillabend mit entsprechenden Witzen und den betreten schweigenden Frauen. Ein Nachbar (70) hört den ganzen Tag, nur mit einem Slip begleitet, seine Lieblingsschlager hinter einen Vorhang im Garten, nachts geht der Fernseher bis früh, ab und an kommen die Enkel.....Ob das nicht der Anfang ist für Porno gucken?

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