Henri-Nannen-Preis: Reporter gesteht Recherche-Lücken

René Pfister

René Pfister freute sich über die Auszeichnung für die beste Reportage beim Henri-Nannen-Preis, der im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg vergeben wurde. Der "Spiegel"-Reporter räumte auf Nachfrage allerdings ein, manche Details in seinem preisgekrönten Text nicht aus eigener Anschauung beschrieben zu haben, was am Rande der Veranstaltung für lebhafte Diskussionen sorgte. Foto: dpa/Marcus Brandt

Medienpreis - Zum siebten Mal haben das Magazin "Stern" und der Verlag Gruner + Jahr am Freitagabend in Hamburg die Henri-Nannen-Preise für herausragende Leistungen im Print- und Onlinejournalismus vergeben. Im Deutschen Schauspielhaus wurden 18 Preisträger geehrt. Nach der Preisverleihung wurden Zweifel laut, ob René Pfister vom "Spiegel" zu Recht geehrt wurde.

Pfister bekam den Preis für die beste Reportage. Unter dem Titel "Am Stellpult" hatte er im "Spiegel" die private Seite des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) als Modelleisenbahner dargestellt und die Herrschaft über seine Miniaturwelt mit der über den Freistaat in Beziehung gesetzt.

Der Autor musste allerdings auf Nachfrage von Moderatorin Katrin Bauerfeind eingestehen, dass er die Modellbahn im Keller von Seehofers Ferienhaus nie selbst gesehen hat. Seine bis ins kleinste Detail gehenden Beschreibungen beruhten auf Erzählungen des Politikers über sein Hobby. Diese journalistische Vorgehensweise sorgte beim Gala-Abend für kritische Diskussionen unter den rund 1.200 Gästen. Die Auszeichnung für die beste Reportage steht in der Tradition des Egon-Erwin-Kisch-Preises und gilt als renommierteste Kategorie des Nannen-Preises.

Sollte Pfister den Preis zurückgeben?

Oscar Tiefenthal, Leiter der Evangelischen Journalistenschule in Berlin, hält Pfisters Beitrag nicht für preiswürdig. "Eine Reportage lebt vom Selbsterlebten, nicht vom Hörensagen", sagte Tiefenthal am Sonntag in einem epd-Gespräch. Ein Reporter schildere, was er beobachtet: "Dazu ist es zwingend erforderlich, persönlich vor Ort zu sein." Pfister habe zwar "ein schönes und sprachlich überzeugendes Stück geschrieben, nicht aber eine preiswürdige Reportage".

An der Integrität und an den journalistischen Fähigkeiten des Reporters René Pfister habe er keine Zweifel, sagte Tiefenthal: "Vielleicht war er nur schlecht beraten, sich in der Kategorie Reportage nominieren zu lassen. Ob er den Preis zurückgibt, muss er selbst entscheiden."

"Dankbar für die Ehre"

Den Henri-Nannen-Preis in der Kategorie Pressefreiheit erhielt die französische Zeitung "Le Canard enchainé". Die Vertreter des traditionsreichen Investigativ-Blattes erklärten, dass die Redaktion grundsätzlich keine Preise annehme und daher auch den Nannen-Preis ablehnen müsse. Sie sei aber dankbar für die Ehre und stelle das Preisgeld für die Hilfe von Journalisten in Not zur Verfügung. Für sein journalistisches Lebenswerk wurde Wolf Schneider geehrt. Der Gründungsleiter der heutigen Henri-Nannen-Schule und Autor zahlreicher sprachkritischer Sachbücher ("Deutsch für Profis") plädierte in seiner Dankesrede für strenge Maßstäbe in der Ausbildung von Journalisten.

Den Henri-Nannen-Preis für die "beste investigative Leistung" bekam Christine Kröger vom Bremer "Weser-Kurier". Ihre Arbeit "Im Zweifel für den Staatsanwalt" zeige, dass nicht nur die großen Magazine die investigative Kontrollfunktion der Presse wahrnehmen können, hieß es in der Begründung der Jury. Für den Beitrag "Ein deutsches Verbrechen", erschienen im "Spiegel", wurde ein elfköpfiges Autorenteam des Magazins in der Kategorie Dokumentation ausgezeichnet. Es habe in minuziöser Recherche die Abläufe, Vorgänge und Verantwortlichkeiten des von der Bundeswehr veranlassten Bombardements auf entführte Tanklaster bei Kundus analysiert.

Erfahrungsbericht als Opfer eines Raubüberfalls

Einen Sonderpreis vergab die Jury an Susanne Leinemann, die für das Magazin der Wochenzeitung "Die Zeit" eine persönliche Geschichte aufgeschrieben hat: Sie wurde Opfer eines Raubüberfalls, den sie nur knapp überlebte. Auch der ausgezeichnete Beitrag in der Kategorie "Herausragende unterhaltsame, humorvolle Berichterstattung" verarbeitet die Lebenserfahrung des Autors: Hans Zippert wurde für seinen Beitrag "Mich trifft der Schlag" ausgezeichnet, in der er in der Tageszeitung "Die Welt" pointiert über seinen eigenen Schlaganfall schreibt.

Der Fotograf Stephan Vanfleteren wurde für die beste fotografische Autorenleistung geehrt. Er porträtierte in seiner Fotoreportage "Es gibt was Neues hier seit gestern", die in der Kulturzeitschrift "Du" erschien, den Künstler Tomi Ungerer in seinem Studio in Irland

Der Henri-Nannen-Preis 2011 ist mit insgesamt 35.000 Euro dotiert. In diesem Jahr hatten sich Journalisten mit 791 Arbeiten aus 196 deutschsprachigen Presse- und Internetmedien beworben. Die Auszeichnung erinnert an das Werk des "Stern"-Gründers Henri Nannen (1913-1996).

epd

 

Kommentare

Verfasst von Ingo1971 am 9. Mai 2011 - 0:11.

>>Der Autor musste allerdings

>>Der Autor musste allerdings auf Nachfrage von Moderatorin Katrin...

>>Der Autor musste allerdings auf Nachfrage von Moderatorin Katrin Bauerfeind eingestehen, dass er die Modellbahn im Keller von Seehofers Ferienhaus nie selbst gesehen hat. Seine bis ins kleinste Detail gehenden Beschreibungen beruhten auf Erzählungen des Politikers über sein Hobby.<<

Ha...wer hätte das gedacht? 

Wozu auch recherchieren wenn man eh nur die Klischees der "Badezimmerutensil"-Leser bedienen möchte.  

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