Journalismus - Journalisten sind oft Einzelkämpfer. Ein internationales Netzwerk hat es sich jedoch zur Aufgabe gemacht, Journalisten für grenzübergreifende Recherchen zusammenzubringen.
Nicht nur Strafverfolgungsbehörden brauchen gute internationale Strukturen, um mit dem globalisierten Verbrechen Schritt zu halten. Auch Medienschaffende müssen bei ihren Recherchen Grenzen überwinden, wenn sich ein Geflecht von Akteuren über mehrere Länder und sogar Kontinente zieht. Wie etwa im Fall des Blauflossenthunfischs,dessen Bestand durch einen internationalen Schwarzhandel gefährdet ist. Zwölf Journalisten aus mehreren Ländern recherchierten im vergangenen Jahr sieben Monaten lang in Europa, Nordafrika und Asien und stießen auf eine Mischung aus tolerierter Überfischung, schuldhafter Fahrlässigkeit der Behörden und Betrug.
Die Fäden dieser aufwändigen Untersuchung liefen in den USA zusammen, in der Redaktion des International Consortium of Investigative Journalism (ICIJ). Die stiftungsfinanzierte Organisation kann auf ein Netzwerk von mehr als hundert investigativen Journalisten in fünfzig Ländern zugreifen, darunter in Deutschland Hans Leyendecker von der "Süddeutschen Zeitung" und Georg Mascolo vom "Spiegel". Mitglied zu werden, kann man durchaus als Auszeichnung sehen, und trotzdem stehen alle erst mal nur "passiv" auf der Liste. Aus der stellt das ICIJ für ein Projekt Teams von drei bis zu zwanzig Reportern aus verschiedenen Ländern zusammen.
Fact-Checking und Anwälte
Manchmal treffen sie sich während der Recherche auch persönlich, zum größten Teil läuft die Zusammenarbeit aber über Internet und Telefon. Das Center koordiniert nicht nur, sondern unterstützt die Rechercheure auch aktiv bei der Arbeit, z.B. durch Spezialisten in Sachen Datenjournalismus, durch Fact-Checker und Anwälte.
"Gerade bei der Kontrolle und Dokumentation ist das ICIJ sehr gründlich", hat ICIJ-Mitglied Brigitte Alfter beobachtet. Die freie Europa-Journalistin in Kopenhagen schätzt das Gefühl, dass bei der Veröffentlichung dann alles wasserfest ist. "Deshalb trage ich gerne meinen Teil zu den Recherchen bei." Bei der Untersuchung des Fischerei-Betrugs waren es unter anderem die Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz, die sie auf EU-Ebene auf den Weg brachte. Am Ende hatte das ICIJ-Team Behörden- und Gerichtsdokumente sowie Unterlagen von Unternehmen aus zehn Ländern gesichtet, darunter Frankreich, Spanien, Japan and Tunesien und mehr als 200 Interviews mit Fischern und Fischerzüchtern, mit Beamten, Wissenschaftlern und Händlern geführt.
Nach geographischen und fachlichen Kriterien werden die Teilnehmer an einem konkreten Recherche-Projekt ausgewählt, erzählt Alfter. "Die Stories sind heute global, also müssen Journalisten auch global arbeiten. Das war von Anfang an die Idee beim ICIJ: Man wollte über das Netzwerk weltweit schnell auf qualifizierte Leute zugreifen können."
"Wachhund auf den Fluren der Macht"
Das ICIJ gehört zum Center for Public Integrity, eines der renommierten Nonprofit-Projekte für investigativen Journalismus in den USA. Das politische Wochenmagazin "National Journal" verlieh dem Center den Ehrentitel "Wachhund auf den Fluren der Macht", denn das 1990 gegründete CPI interessiert sich besonders für Lobbyismus und den Einfluss wirtschaftlicher Interessen auf die Politik. Früh hatten die Macher erkannt, dass Ländergrenzen kaum noch ein Hindernis darstellen – ob für Lobbyisten und Unternehmen oder für Korruption und Verbrechensnetzwerke. 1997 begann man deshalb mit dem Aufbau eines länderübergreifenden Recherche-Netzwerks – des International Consortium of Investigative Journalists.
In den vergangenen Jahren beschäftigte sich das ICIJ unter anderem mit dem Millionengeschäft des Tabakschmuggels, mit der zunehmenden Privatisierung der Wasservorräte in vielen Regionen der Welt, mit den Anti-Klima-Lobbyisten aus der Erdölindustrie und mit den weltweiten "Kollateralschäden" an den Menschenrechten im Terrorabwehrkampf der USA. 2009 deckte es ein globales Unternehmensnetzwerk auf, das unter kanadischer Führung den Einsatz von Asbest in Ländern wie China, Indien, Brasilien und Mexiko anheizte und mit Hilfe von gekauften Wissenschaftlern die Gesetzgebung in diesen Ländern beeinflusste, um das Verbot der billigen, aber hochgefährlichen Substanz zu verhindern.
Finanzierung durch Spender
Finanziert wird das Center for Public Integrity (und damit auch die Arbeit des ICIJ) durch Stiftungen und großzügige Spender: Rund 5,6 Millionen Dollar an solchen Zuwendungen weist das CPI in einem Steuerformular für 2009 aus. Manche Gelder werden für die gesamte Arbeit gestiftet, andere ganz gezielt für bestimmte Projekte eingeworben, erklärt Steve Carpinelli, Media Relations Manager des CPI. Man achte dabei aber strikt darauf, dass die Spender keinen Einfluss auf die redaktionelle Arbeit nehmen können.
Mit dem Budget werden nicht nur die festangestellten des ICIJ-Mitarbeiter in Washington finanziert. "Die Netzwerk-Mitglieder, die auf Recherchen angesetzt werden oder für bestimmte Projekte schreiben, erhalten einen Vertrag und werden – abhängig vom Umfang ihrer Arbeiten – bezahlt", so Carpinelli.
Für Brigitte Alfter ist allerdings nicht das Geld der Hauptanreiz, beim ICIJ mitzuarbeiten. Sie schätzt die Verbindung aus Redaktion und genau umrissenen Netzwerk. Es geht ihr um die Themen, um die internationalen Kontakte und nicht zuletzt. "Das ist einfach eine interessante Zusammenarbeit."
Corinna Blümel ist freie Journalistin und lebt in Köln



