Blog statt Zeitung: Gegen Bratwürste und Wettergötter

Blog. Foto: iStockPhoto

Der "Bleisatz" der Zeitung wird inzwischen zum Teil durch Blogs ersetzt. Blogger füllen Lücken, die der Journalismus hinterlässt, wenn er sich aus der Region zurückzieht. Foto: iStockPhoto

Journalismus - Im badischen Heddesheim will ein Journalist kritischen Lokaljournalismus etablieren. Hardy Prothmann recherchiert und bloggt über seine Heimatstadt – wird viel gelesen, aber auch mit Klagen und Körpereinsatz bedroht. Expandieren will er trotzdem. Ein Beispiel, wie Blogs Lücken füllen, die durch den Abbau von Stellen im Lokaljournalismus entstehen können.

Von Miriam Bunjes

Seine Texte sind unbequem. Die Kritisierten wollen deshalb öffentlich am liebsten gar nichts über Hardy Prothmann und das "heddesheimblog" sagen. "Wir beobachten das Blog aufmerksam und kritisch", sagt ein Sprecher der Gemeinde Heddesheim, der namentlich nicht zitiert werden will. Mehr möchte er nicht über das "neue Medium in der Stadt" sagen.

Dass die badische Gemeinde seit Mai mehr journalistische Stimmen hat als eine Seite Berichterstattung in der Monopolzeitung "Mannheimer Morgen", mussten die Stadtoberen jetzt schon mehrfach erfahren. Denn das "heddesheimblog" wird viel gelesen und viel diskutiert in dem 11.400-Einwohner-Ort. Über eine Million Seitenaufrufe gab es seit Mai, dokumentiert Prothmann in seiner Statistik. Geschrieben hat er über 700 Artikel, dazu gab es 1.400 Kommentare – "und viele weitere, die ich nicht veröffentlicht habe, weil sie mich unflätig beschimpften." Denn der 42-Jährige, der vorher 15 Jahre lang fast ausschließlich für überregionale Zeitungen und Fernsehsender gearbeitet hat, polarisiert in seinem Wohnort mit dem, was er als Lokaljournalismus beschreibt, "der in dieser Form eigentlich normal sein sollte." Kritischen Journalismus. "So etwas fehlt hier völlig. Politische Entscheidungen werden unter dem Tisch getroffen. Berichterstattung darüber gibt es keine."

Braucht Baden ein Oktoberfest?

Das ändert Hardy Prothmann gerade – bei jedem Thema: Wenn in Heddesheim ein Oktoberfest mit Weißwurst und bayrischer Volksmusik steigt, fragt er in seinem Blog, ob die Gemeinde das wirklich braucht, wo sie doch gar nicht in Bayern liegt. Wenn beim internationalen Heddesheimer Schwimmfest Schwimmer Rekorde aufstellen, schreibt er das auf – aber auch, dass der veranstaltende Verein nur seine eigenen Siege auf die Homepage gestellt hat. "Ich schreibe über alle Themen, die in Heddesheim gerade anstehen", sagt der Journalist. "Nur gibt es bei mir keine ‚Die Bratwurst war lecker’ oder ‚Der Wettergott war uns gnädig’-Texte. Niemals."

Vor allem nicht, da in Heddesheim ein anderes Thema schwelt: Pfenning – die Ursache des "heddesheimblogs". Das Viernheimer Logistikunternehmen hat vor einem halben Jahr Prothmanns Arbeitsleben verändert. Als im April bekannt wurde, das Unternehme wolle sich in Heddesheim ansiedeln, packte Prothmann das Bedürfnis, selbst zu recherchieren. "Die Bürgerinitiative präsentierte Horrorzahlen über den zukünftigen Verkehr, der ‚Mannheimer Morgen’ berichtete völlig unkritisch und ohne erkennbare Recherche", erzählt Prothmann. "Und der Bürgermeister informierte lediglich, Pfenning sei ein bedeutendes Unternehmen. Und das war dann die Ausgangsfrage meiner Recherche: Was ist bedeutend?"

Die Ergebnisse seiner Recherche präsentierte er bei "blogger.de": Eine Presseschau aus dem "Mannheimer Morgen", der wohl nicht ins eigene Archiv geschaut hatte, mit Titeln wie "Betriebsratschef zusammengeschlagen" zusammen mit einem kritischen Veranstaltungsbericht bringen dort die Seite zum Abstürzen. Zu viele Zugriffe, denn die Unternehmensansiedlung erregt die örtlichen Gemüter. Das war für Prothmann die Geburtsstunde des "heddesheimblogs". "Dann habe ich die Sachen auf einen größeren Server gestellt und mir gesagt: Du probierst es jetzt ein paar Wochen mit richtigem Lokaljournalismus." Drei Wochen lang arbeitete er "wie ein Lokalredakteur". Zum Brennpunkt "Pfenning" stellte er andere lokale Meldungen, Kommentare, Kolumnen. Die Leser lasen – und kommentierten und schlugen ihm Themen vor.

16-Stunden-Tag

Seitdem steht für Prothmann fest, dass er es versuchen will. Er will das Heddesheimer Lokalmedium sein. 16 Stunden arbeitet er täglich dafür, den Großteil macht er allein. Den Terminkalender erstellt inzwischen seine Frau. Und auch bei Verwaltung und Werbung hat er Hilfe. "Finanziell hab ich ein Polster von etwa einem Jahr, das verbrauche ich für die Startphase, und dann geht es hoffentlich über Werbung auch so weiter." Denn Prothmann will hoch hinaus. Für zehn weitere Gemeinden im Rhein-Neckar-Kreis hat er bereits die Domains reserviert. Im Nachbarort Hirschberg soll schon im Laufe des Oktobers das "hirschbergblog" an den Start gehen. "Das werde ich noch selber bewältigen können", sagt er. "Kommt noch ein Ort hinzu, muss ich jemanden anstellen."

In Heddesheim hat er sich mit der Berichterstattung über Pfenning, dessen Ansiedlung vom Gros der Politik erwünscht ist, auch Feinde gemacht. "Ich bin von Vereinsoberen und Politikern angepöbelt und auch körperlich angegangen worden", sagt Prothmann. Vor einigen Tagen habe jemand ein Nagelbrett unter dem Familienauto platziert. "Das liegt vor allem an der aufgeheizten Pfenning-Debatte", sagt Prothmann. "Nach Jahrzehnten ohne öffentliche Kritik ist das für Heddesheim wohl gewöhnungsbedürftig."

Für den Erfolg seines Blogs ist die Pfenning-Diskussion wohl mitverantwortlich, glaubt Blogforscher Jan Schmidt vom Hamburger Hans-Bredow-Institut. "Ein brennendes Thema, wenig journalistische Versorgung im Ort – hier konnte ein Blog eine Lücke füllen", sagt Schmidt. "Und das Medium passt gut, denn es kostet kaum Geld für den Journalisten, ist leicht zu bedienen und passt wegen der Kommentarfunktion sehr gut zu einem Debattenthema." Dass ein Blog in die Rolle einer Lokalzeitung schlüpft, ist aber eher ungewöhnlich. "Ich kenne kein anderes Beispiel in Deutschland", sagt Jan Schmidt.

Blogs werden noch wenig genutzt

Tatsächlich halten sich die Deutschen beim Bloggen eher zurück. Elf Prozent der Internet-User nutzen Blogs, zeigt die aktuelle ARD/ZDF-Onlinestudie. Und höchstens ein Drittel dieser Blognutzer verfasst eigene Beiträge. Können diese Blogger für den etablierten Journalismus zur Konkurrenz werden? Nein, meint Jan Schmidt. Denn für ihn hat Bloggen nicht unbedingt etwas mit Journalismus zu tun. "Den meisten Bloggern geht es um persönliche Themen oder es werden in Fachblogs sehr spezielle Dinge diskutiert. Das steht dann aber nicht in Konkurrenz zum Journalismus."

Das "heddesheimblog" könnte ein Beispiel für das Gegenteil sein – auch, weil Hardy Prothmann, anders als die meisten Blogger, irgendwann von seinem Blog leben will. Auf der Seite stehen bereits erste lokale Anzeigen und Kleinanzeigen. "In Heddesheim haben mir aber schon einige Gewerbetreibende gesagt, sie wären unter Druck gesetzt worden, keine Anzeige bei mir zu schalten." Er hofft, dass es in den anderen Gemeinden einfacher wird. "Dauerhaft kann ich natürlich nicht von meinem Erspartem leben und viel nebenher frei arbeiten kann ich auch nicht." Als Konkurrenz wird er in jedem Fall empfunden. Der "Mannheimer Morgen" gibt keine Einschätzungen zu "Medien im Verbreitungsgebiet" ab, informiert die Redaktion. Das Verbreitungsgebiet von Hardy Prothmann wird jedenfalls erstmal weiter wachsen.

 

Das "heddesheimblog" finden Sie hier.

Kommentare

Heddesheimblog Frühjahr 2010

Es gibt drei aktuelle Beispiele für die Arbeit des Heddesheimblog:

Beispiel 1 Heddesheimblog.de
http://heddesheimblog.de/?s=blowjob

Beispiel 2 Heddesheimblog.de
http://heddesheimblog.de/2010/02/12/am-pranger-clemens-wlokas-chef-uber-...

Beispiel 3 Heddesheimblog.de
http://heddesheimblog.de/2010/02/09/kein-kinderlachen-fur-das-heddesheim...

Die Beispiele sprechen für sich.

Scheinheiligkeit und Ekel

Guten Tag!

"Hardy Prothmanns moralische Scheinheiligkeit ist selbst für neutrale Leser ziemlich unerträglich."

Hat diesen Satz ein "neutraler Leser" geschrieben? Wohl kaum. Dieser Kommentator unterstellt mir "Hetze", "kommerzielle Gründe", die "Spaltung der Gemeinde", dass ich mein "eigenes Süppchen koche" und das ich mich zum "vermeintlichen Retter der Meinungsfreiheit inszeniere".

Und er findet mich "EKLIG".

Der "neutrale" Kommentator ist so "neutral", weil er "Gast" ist. Er bleibt anonym und feuert seine "Hetze" ab. Schade auch, dass er zu FEIGE ist, sich per Name zu dem zu bekennen, was er so "neutral" schreibt.

Ein weiterer Kommentator titelt: "Biedermann oder Brandstifter". Guter Mann/Gute Frau. Sie scheinen nur eine geringe Bildung zu haben. "Biedermann" verhält sich dann doch wohl etwas anders, als ich es tue...

Und Sie sind ein Fälscher. Anscheinend kennen Sie meine Texte und meine Reflexionen über meine Art von Journalismus. Ganz im Gegenteil behaupte ich überhaupt nicht "objektiv" zu berichten. Ich kritisiere immer wieder die "Pseudo-Objektivität" des Journalismus und bekenne mich zu einem "subjektiven Journalismus".

Ich fordere die Leserinnen und Leser des heddesheimblogs auf, sich selbst ein Bild zu machen und andere Quellen zu nutzen. Konsequent verweise ich darauf und verlinke auf andere Medien. Weil ich eben nicht davon überzeugt bin, selbst alles am besten zu wissen.

Ich weiß nur, was ich recherchiert habe und belegen kann. Das schreibe ich auf.

Damit stelle ich Transparenz her. Regelmäßig. Ich dokumentiere meine Arbeit. Das heißt, ich bemühe mich, alle Seiten zu hören und ergebnisoffen in alle Richtungen zu recherchieren. Und ich schreibe auf, wenn ich auf verschlossene Türen und Behinderungen stoße oder es zu körperlichen Übergriffen kommt.

Ihr mangelndes Verständnis von Journalismus beschreibt Ihre "Carnegie"-Passage sehr gut. Es ist nicht die Aufgabe eines Journalisten, sich Freunde zu machen, sondern zu berichten.

Wahrscheinlich verstehen Sie das nicht, weil Sie als Journalist sich nur Freunde machen oder als Vereinsvorstand oder sonstwer am "Gemeinwohl" interessierter Mensch Ihre journalistischen Pappenheimer alle zu "Freunden" gemacht haben.

Sie haben also "genau" hingeschaut: "x-mal wurde schludrig recherchiert, mit Halbwahrheiten Stimmung gemacht, auf geradezu perfide Weise wurden Menschen systematisch an den Pranger gestellt und diffamiert", schreiben Sie.

Leider fehlt jeder Beleg.

Die einzige Antwort, die Ihnen einfällt, ist Ignoranz. Damit beschreiben Sie sich wahrscheinlich ganz ehrlich. Sie sind ein Weggucker. Einer, der nichts wissen und nichts sehen will.

Und leider sind Sie auch nicht besonders schlau, sondern eher dumm: Wenn Sie Ignoranz fordern und selbst reagieren - dann ist das erstens unlogisch und zweitens, zumindest aus meiner Sicht, sehr lustig.

Ganz ehrlich? Genau darüber berichte ich seit Monaten.

Über ignorante, bornierte, selbstgefällige und machtgeile Spießer, die dem Nachbarn die Scheibe Wurst auf dem Brot nicht gönnen.

Über eine Cliquen-Wirtschaft, die sich selbst was in die Tasche lügt und einen Ort zur Beute gemacht hat.

In den Kommentaren hier begegnen wir uns übrigens auf derselben Ebene. Ich bin hier auch nur ein Kommentator, der seine Meinung äußert.

Und ich meine, dass ist gut so: Wenn jeder lesen kann, was die Journalistin Miriam Bunjes recherchiert und geschrieben hat.

Und was verschiedenen Kommentatoren dazu sagen.

Das stärkt die Meinungsfreiheit der Menschen durch Transparenz.

Durch die Vielfalt an Meinungen.

Und das ist gut so.

Einen schönen Tag wünscht
Hardy Prothmann

RE: Blog statt Zeitung: Gegen Bratwürste und Wettergötter

Komisch, @"Gast am 15. Oktober 2009 - 10:38"

wenn die etablierten Medien, wie der Mannheimer Morgen eines ist, subjektiv über Politiker und Vereine berichten und sehr sehr vorteilhaft für gewisse Bevölkerungssschichten schreiben (politiker, Investoren etc), dann regt sich niemand auf. Auch Halbwahrheiten der Tageszeitung interessieren nicht. Profitieren ja genug davon ;)

Aber wenn ein einzelner Journalist die regionalen Eigenehiten beleuchtet, werden seine negativen Attitüden hervorgekramt.

Komische, undemokratische Sichtweise.

Biedermann oder Brandstifter?

Herr Prothmann gefällt sich in der Rolle des "unabhängigen Journalisten" der "objektiv, wahr und engagiert" schreibt. Schön wäre es ja. Es ist sicher seine Sache, wenn er keinen Fettnapf auslässt und durch persönliche Attitüden permanent Menschen auf die Palme bringt. Auch o.k. wenn er das Gegenteil von Dale Carnegies Buch "wie man Freunde gewinnt" praktiziert. Irritierend wird nur, wenn man mal genauer hinschaut und analysiert wie hier jemand das Recht auf Meinungsfreiheit missbraucht. x-mal wurde schludrig recherchiert, mit Halbwahrheiten Stimmung gemacht, auf geradezu perfide Weise wurden Menschen systematisch an den Pranger gestellt und diffamiert. Guter, fairer Journalismus sieht anders aus. Mit Nägeln bespickte Dachlatten sind die falsche Antwort - das ist einfach nur kriminell. Androhung von Gewalt ist auch nicht der richtige Weg. Die einzige Möglichkeit diesem Spuk ein Ende zu bereiten, ist Ignoranz eines hochgradig ignoranten Menschen. Herrn Prothmanns Blog wird sich totlaufen, wenn ihm der Pfenning Aufreger fehlt, denn irgendwann ist gut mit Stürmen im Wasserglas. Und was er an täglich Berichtenswertem in 8.000 Seelen Gemeinden entdeckt, wird sich zeigen.

RE: Blog statt Zeitung: Gegen Bratwürste und Wettergötter

Tja, auch ich komme aus der Region, in der der Mannheimer Morgen mit seinem lokalen Ableger eine Monopolstellung innehat.

Die Qualität des MaMo und seines Ablegers ist bekannt - einfach schlecht, schluddrig und greift eben keine wesentlichen Themen der Lokalpolitik auf. Seilschaften der Politik, zweifelhafte Geschäfte etc. werden komplett ignoriert, bzw. die Tatsachen werden verzerrt dargestellt.

Die Lokalredakteure des MaMo stellen sich eben gut mit den Politikern, Vereinsvorsitzenden etc - profitieren doch beide Seiten davon.

Nicht verwunderlich, wenn jemand mit journalistischem Anspruch ein eigenes Angebot auf die Beine stellt und die Ereignisse in seiner Gemeinde kritisch hinterfragt.

Die Reaktion der Politiker ist verständlich. Plötzlich wird ihre Arbeitsweise beleuchtet - sie müssen um ihre Vorteile bangen, die sonst im Dunkeln geblieben wären.

RE: Blog statt Zeitung: Gegen Bratwürste und Wettergötter

Guten Tag!

In Ihrem Bericht hat sich leider der Fehlerteufel eingeschlichen, es wird mehrfach "Stadt" in Bezug auf Heddesheim geschrieben. Heddesheim ist eine Gemeinde.

Mit freundlichen Grüßen
Liselotte

RE: RE: Blog statt Zeitung: Gegen Bratwürste und Wettergötter

Danke für den Hinweis, ist korrigiert!

Bernd Buchner - evangelisch.de

RE: Blog statt Zeitung: Gegen Bratwürste und Wettergötter

Hardy Prothmanns moralische Scheinheiligkeit ist selbst für neutrale Leser ziemlich unerträglich. Zweifelsfrei füllt er erfolgreich eine journalistische Lücke, ob neuer Lokaljournalismus auf Kampagnen- und Hetzniveau aber wirklich das ist, was wir uns alle vom Internet erhofft haben, sei dahingestellt. Fakt ist: Ein Journalist, der nebenbei im Gemeinderat sitzt und aus kommerziellen Interessen zur Spaltung einer Gemeinde beiträgt, fällt als neutrale Kontrollinstanz der Lokalpolitik aus. Hier kocht jemand sein ganz eigenes Süppchen und inszeniert sich dabei als vermeintlicher Retter der Meinungsfreiheit. Eklig.

RE: RE: Blog statt Zeitung: Gegen Bratwürste und Wettergötter

"Hier kocht jemand sein ganz eigenes Süppchen und inszeniert sich dabei als vermeintlicher Retter der Meinungsfreiheit."

*thumbs up*

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