Aussteigerin - Sie kündigte ihre Wohnung und ihre Versicherungen, gab ihren Beruf auf und verschenkte fast ihren ganzen Besitz, um ein neues Leben zu beginnen – ein Leben ohne Geld. Die Geschichte von Heidemarie Schwermer.
Keine Minute kann sie stillhalten. Als stünde sie unter Strom, als hätte sie nicht genug Zeit, als müsste sie unbedingt noch eine lange Liste abarbeiten, bevor es zu spät ist. Sie ist ein Energiebündel. Ihre Hände sind ständig in Bewegung, ihre Augen auch. Wenn sie erzählt, dann erzählt ihr ganzer Körper mit: Er wippt und schwingt. Sie wirkt nicht fahrig, nicht zappelig, sondern voller Tatkraft. Man könnte auch sagen, dass sie ungeduldig ist. Sie selbst sieht es so nicht. Für sie ist das Verharren auf einem Punkt schwierig - denn es gibt noch so viel zu tun. Ein neuer Vortrag, ein Film, ein Interview. Aber vor allem treibt sie der Gedanke um, wie sie ihre Idee weiter in die Welt tragen kann – ein Leben ohne Geld.
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Vor 13 Jahren stieg Heidemarie Schwermer aus dem System aus. Um ein neues Leben zu beginnen – ohne Geld, ohne Sicherheit, ohne doppelten Boden. Sie gab ihren Beruf als Lehrerin und Psychotherapeutin auf, kündigte ihre Wohnung und die Versicherungen, verschenkte fast alle ihre Sachen. Einen konkreten Anlass, ein Aha-Erlebnis gab es nicht. Dafür aber einen Grund: "In unserer Gesellschaft hat sich das Geld verselbstständigt, es hat Zwangscharakter bekommen, und jeder denkt, dass es zum Menschsein dazu gehört. Aber das stimmt nicht," sagt sie. "Wir arbeiten und bekommen Geld dafür, dass wir für Dinge ausgeben, die wir gar nicht brauchen." Aus diesem Kreislauf wollte sie ausbrechen.
In der Gesellschaft zählt die Abrechnung
Anfangs versuchte es die heute 67-Jährige über den Gib-und-Nimm-Tauschring. Im Sinne von Nachbarschaftshilfe wurde dort kostenlos gekocht. Die Lebensmittel stellte ein Laden zur Verfügung. Bezahlt wurden sie nicht mit Geld, sondern mit kleinen Arbeiten wie Fegen, Aufräumen oder Unkraut jäten. Dort bot sie ihre Berufskenntnisse gegen Essen und Kleider an. Aber Schwermer merkte schnell, dass auch das nur ein Ersatz für Geld war. "In dieser Gesellschaft zählt die Abrechnerei. Wenn wir etwas verändern wollen, dann muss das Abrechnen aufhören", erklärt sie. Sie suchte nach einer anderen Lösung als dem bekannten Muster Gibst-du-mir-geb-ich-dir, um ohne Geld auszukommen und versuchte sich im Nehmen: "Als Nehmender bist du abhängig, und das wird in unserer Gesellschaft als schlecht propagiert." Doch eine Möglichkeit, sich zu revanchieren, gebe es aber immer.
Sie will etwas verändern, in ihrem Leben und in dieser Gesellschaft. "Ich will die Diskrepanz zwischen Arm und Reich abschaffen." Schwermer will sich gegen eine Welt zur Wehr setzt, in der nur das Geld zählt. Also hält sie Vorträge über ihr Leben ohne Geld: Sie spricht in Gemeindesälen und in Vereinen und tritt in Talk-Shows auf. Gerade jetzt, in Zeiten der Wirtschaftskrise, sind die Menschen neugierig, wie es eine schafft, auf Geld zu verzichten - und das auch noch freiwillig. Gegen den Begriff der Ideologie,der ihr immer wieder an den Kopf geworfen wird, wehrt sie sich: "Ich bin keine esoterische Missionarin. Ich verlange von niemandem, es genauso zu machen wie ich. Jeder muss seinen eigenen Weg finden und gehen." Für ihre Vorträge lässt sie sich nicht bezahlen. Statt dessen bekommt sie die Bahnfahrkarte zum Vortagsort und manchmal eine Prepaid-Karte fürs Handy - eines ihrer wenigen Besitztümer.
Aus Experiment wurde ein Lebensmodell
Meistens wohnt sie bei ihren Freunden, manchmal für Tage, meistens für zwei, drei Wochen. Ab und zu hütet sie Häuser, wenn die Bewohner im Urlaub sind, so wie jetzt über Weihnachten in Dortmund. Sie zieht weiter, wenn der Termin für einen Vortrag in einer neuen Stadt näher rückt. Sie sagt: "Ich bin überall Zuhause, das trage ich in meinem Inneren."
Aus dem ursprünglichen Leben-ohne-Geld-Experiment ist für sie längst ein Modell geworden, ein Lebensentwurf. Aufstehen, E-Mails checken, mit Freunden treffen, Vorträge vorbereiten – ein ganz normaler Tag im Leben von Heidemarie Schwermer: "Jeder Tag ist trotzdem anders, ein Abenteuer. Und das macht Spaß." Auch ohne Geld. Aber da gibt es auch noch die andere Seite - die der Angst. Angst vor Krankheiten, vor dem Alleinsein, vor dem Tod: "Wenn ich gar nicht weiß, was passiert, dann kommt die Angst vor dem Unbekannten." Von diesen Erlebnissen gab es einige. Ein Beispiel: Mehrere Monate wohnte sie in einer Stadt, in der sie niemanden kannte. Sie hatte nichts mehr zu essen, kein Telefon, kein Bahnticket, um zu reisen.
Sie bekam Todesängste: "Als Kind habe ich nach dem Krieg gehungert, jetzt musste ich wieder hungern. Da hab ich mir gesagt: Dann sterbe ich eben. Das war natürlich Quatsch. Ich war in Herne, 15 Kilometer von Dortmund entfernt. Ich hätte meine Freunde erreichen können. Aber das wollte ich nicht. Ich habe versucht, loszulassen. Und als ich soweit war, passierten die Wunder." Das Wunder von Schwermer stand in der Gestalt von Freunden vor ihr, die ihr Lebensmittel brachten, ohne dass sie von ihrer konkreten Situation wussten. Kleine Wunder wie diese würden jedem Menschen begegnen, sagt sie. "Die meisten nehmen sie aber gar nicht wahr." Früher sei es ihr auch so gegangen. Erst mit der Zeit habe sie gelernt, auf solche Besonderheiten zu achten.
Schwermer will keine Schnorrerin sein
Schwermer vermisst keine materiellen Dinge, keine Annehmlichkeiten in ihrem Leben. Im Licht blitzen die Perlen ihrer Halskette auf. Sie lacht, als sie den Blick zu dem Schmuckstück bemerkt: "Die Kette ist ein Geschenk – die habe ich nicht gekauft. Was ja ohne Geld sowieso nicht ginge." Sie hat gelernt, zu verzichten, obwohl sie es meist gar nicht braucht. Denn was sie zum Leben benötige, dass bekäme sie schon immer irgendwie. Irgendwie? "Vor ein paar Tagen brauchte ich dringend Zahnpasta. Und meine Freundin brachte zufällig welche mit, weil sie sie übrig hatte." Mittlerweile bekommt sie eine Rente, aber sie verschenkt das Geld an Menschen, die es nötiger brauchen als sie.
"Als Schnorrerin wollte ich nie da stehen", sagt Schwermer. Sie redet viel, ohne aus dem Takt zu kommen, ohne Erklärungsnot; ohne Scham; ihre Worte fügen sich leicht aneinander. Früher, wenn auf einem ihrer Vorträge dieser Vorwurf des Schnorrens kam – und er kam immer - dann war sie wütend, traurig, verletzt. Heute geht sie damit gelassener um. Sie nimmt den Vorwurf an und diskutiert ihn. Sie hat ihren Weg gefunden.
Maike Freund arbeitet als freie Journalistin und studiert in Dortmund Journalistik.

Kommentare
leben ohne Geld
Ein Leben ohne Geld, eine Publikation die lebenkluge Menschen nicht berührt.
Es ist einfach nur der Wunsch einer aussergewöhnlichen Machtaussübung mit dem Schleier der Provokation. Durchfüttern durch Andere, - auch Mülltonnen-nahrung bleibt in Besitz derer die ihn fabriziert haben! Schon gewusst? Schlafen bei ach den netten Freunden. Ja, nun sind diese auch angesteckt :von der modernen Machtausübung: wir müssen ihr helfen, sonst geraten wir in die Abteilung
"Egomanen", auch wenn sie uns nervt und eigentlich uns die Rolle aufdrückt.
Der gelebte Ansatz" glücklicher ohne Geld" im Vergleich zu armen indischen Kindern "hi,hi die lachen doch und sind zufrieden" ist eine grosse Beleidigung der Menschen die am Leben hängen und doch nicht leben dürfen, weil z.B. das GELD für Medikamente zum Überleben fehlt.
Die Dame möchte nicht als Schnorrerin bezeichnet werden, wäre auch falsch. Sie ist eine grosse Betrügerin nicht im materiellen Sinn, sondern im Sinn der Werte die für Milliarden Menschen untentbehrlich sind, darunter auch die menschliche Eigenschaft zu unterstützen, zu helfen, zu beschenken, sich anzustrengen, dass sie in gerechten Gemeinschaften leben, die die Kraft haben ein Miteinander zu leben, Kultur zu entwickeln, Freude an Fortschritt,
Ziele, Hoffnungen, überwinden der Furcht und die ewige Verteidigung der Freiheit,haben. GELD ist nicht nur ein notwendiges Übel, es ist auch überaus praktisch, wenn die Werteentwicklungenen erfolgreich sein sollen.
Frau Schwermer hat nichts erreicht mit Ihrer "Exratour"; sie ist so raffiniert und bewirbt sich selbst mit dem Erfolg, dass Viele ihr auf "den Leim, gehen. Und mit KIRCHE hat ihr "Hobby" schon gar nichts tun. Es ist reiner Populismus. KIRCHE werde nicht "dumm" . es grüßt Adelaide
RE: Wie es sich ohne Geld lebt: Portrait einer Aussteigerin
Obdachlos light nenne ich sowas. Warum muss diese Frau so leben? Das kann ich nirgendwo in dem Bericht erkennen. Ein Vorbild kann sie nicht sein. Wenn das alle so machen würden. Das erinnert mich so ein wenig an die Zeit, als viele nach Griechenland oder Indien gefahren sind und dort abgehängt sind. Wenn man da heute mal einen von diesen Leuten fragt, können sie einem den Grund nicht mehr sagen. Oder sie schwafeln dummes Zeug um interessant zu erscheinen. Jeder Mensch hat von seinem Schöpfer Verstand, Kraft und Verantwortungsbewußtsein mitbekommen, um wenigstens eine kleine Lebensleistung zu erfüllen und etwas für den Nächsten zu tun. Bestimmt wurde niemand geschaffen, um freiwillig ohne Sinn durch das Leben zu schlittern. Immer mit dem Gedanken, die Anderen werden mir schon helfen.
Die Sonne scheint auch über den Wolken
Gunther
RE: Wie es sich ohne Geld lebt: Portrait einer Aussteigerin
In dem Artikel scheint ein wenig Bewunderung durch: Toll, so eine Frau, die ohne Geld lebt. Sicher, sich von allem Besitz zu lösen, das verdient schon ein wenig Bewunderung. Schließlich sind die meisten von uns viel zu sehr auf Besitz fixiert.
Das Lebensmodell von Frau Schwermer funktioniert jedoch nur, weil nicht alle Menschen so leben. Sie profitiert davon, dass es Freunde gibt, die ihr kostenlos einen Platz zum Schlafen zur Verfügung stellen. Die ihr - auch wenn dies nicht gesagt wird - etwas zum Essen geben, vielleicht gelegentlich ein Kleidungsstück oder neue Schuhe, sie das Bad benutzen lassen, ihre Wäsche waschen. Die "zufällig" Zahnpasta übrig haben (wo kommt die wohl her?). Es wundert mich nicht, wenn bei ihren Vorträgen der Vorwurf des Schnorrens aufkommt - ich sehe es ähnlich. Gegenleistungen sind also auch eine Art Geld, und deswegen hat sie auch das eingestellt. Verstehe ich es richtig, dass sie nicht einmal als Gegenleistung bei ihren Freunden Geschirr spült, die Kinder hütet, eine Besorgung für sie übernimmt? Sie lebt von wenig - aber das auf Kosten anderer, die sehr wohl dafür arbeiten und etwas besitzen müssen. Man kann aber meiner Meinung nach schlecht eigenen Besitz ablehnen, um dann vom dem anderer zu leben. Als ich die Überschrift gelesen habe dachte ich, jetzt wird vielleicht ein Mensch beschrieben, der sein Obst und Gemüse komplett selbst anbaut, vielleicht ein paar Hühner hat und ein Schaf, der aus Abfällen nützliche Sachen bastelt, usw. Aber ein Handy hat sie, denn das braucht sie ja, um die Termine für Vorträge auszuhandeln, bei denen andere Leute für ihren Lebensstil begeistert werden sollen. Als Gegenleistung für die Vorträge gibt es Fahrtkostenübernahme, ganz sicher eine Übernachtung, Abendessen und Frühstück - also doch eine Bezahlung, wenn auch in Naturalien.
Was auch noch dazukommt: So kann nur jemand leben, der keine Verantwortung für andere trägt, zum Beispiel Kinder.
Nein, das ist für mich kein nachahmenswertes Modell!
RE: RE: Wie es sich ohne Geld lebt: Portrait einer Aussteigerin
Sie lebt wie Jesus gelebt hat.. sorget nicht für den morgigen Tag... Ich finde das sehr mutig, auch wenn ich nicht so leben wollte...
RE: Wie es sich ohne Geld lebt: Portrait einer Aussteigerin
Gerade habe ich dies Heft gelesen www.ojc.de/ojc-salzkorn-2009.html. Da steht ein bemerkenswerter Kommentar, dass wir inzwischen über alles reden, nur nicht über Geld. Da gibt diese Reportage auf jeden Fall einen Anstoß.
RE: Wie es sich ohne Geld lebt: Portrait einer Aussteigerin
Den Wunsch nach einer alternativen Lebensgestaltung kann ich sehr gut verstehen, die Opposition gegen "Geld" als zentralen Faktor eines Lebensmodells ebenfalls. Aber dieses konkrete Lebensmodell bleibt letztenendes, gewollt oder nicht gewollt, doch von eben der Haltung abhängig, gegen die es opponiert (übrigens wie alle andere Opposition auch). Es gibt inzwischen eine Reihe von alternativen Lebensmodellen, die es geschafft haben, eche Eigenständigkeit zu entwickeln und mit der monetären Gesellschaft in eine emanzipierte Beziehung einzutreten. Warum hat Frau Schwermer - ihr Motiv in allen Ehren - nicht versucht, einer solchen Bewegung sich beizugesellen? Wusste sie vielleicht nichts von ihrer Existenz?
Über die Rolle des Geldes auf der Werteskala unserer Gesellschaft und ihrer persönlichen zu sprechen - und zwar ehrlich - würde ich vor allem jenen empfehlen, die davon mehr als übergenug haben. Aber die schreiben hier wohl weniger. Wir würden aber, denke ich, dabei manche Überraschung erleben...