Erntedank - Respekt für Lebensmittel

Hände halten Blumenkohl und Möhren

Frisches Gemüse aus dem Garten - nicht nur zu Erntedank schön. Foto: iStockphoto

Kirchenfeier - An diesem Wochenende wird in den Gemeinden und Kirchen Erntedank gefeiert. "Als Kirche erinnern wir damit an die Segnungen von Gottes Schöpfung und an die harte Arbeit der Landwirte", sagt Bischöfin Maria Jepsen. Doch wie gehen wir mit unserer Ernährung, unseren Lebensmitteln täglich um?

Von Frauke Weber

Die Kirchen sind festlich geschmückt, mit Kürbissen, Getreide, Rüben oder Nüssen, in vielen Gemeinden haben Landfrauen aus Ähren eine Krone gebunden. Bischöfin Jepsen hat daher auch zu mehr Dankbarkeit in der Gesellschaft aufgerufen. "Mit dem Bezahlen an der Kasse ist es nicht getan", sagte Maria Jepsen, Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck in der Hamburger Hauptkirche St. Petri. Stattdessen müsse auch im Blick behalten werden, wer Lebensmittel und Waren herstelle. Der Wert menschlicher Arbeit werde oft zu wenig geschätzt. "Wir danken Gott, dass er uns seine Erde und ihre Ernten anvertraut. Er spricht seinen Segen nicht abstrakten Aktienkursen, sondern lebendigen Menschen und ihrer Arbeit zu." Doch wie gehen wir als Verbraucher im Alltag mit unseren Lebensmitteln und den Produzenten um? Wissen wir, was wir essen, woher unsere Nahrung kommt, wer sie produziert?

Beispiel Milch. In Supermärkten ist einen Liter Vollmilch schon für 48 Cent zu kaufen. Wer zugreift, muss sich unweigerlich die Frage stellen, wie ein Milchbauer davon leben kann. Von den 48 Cent Verkaufspreis erhält er 21 Cent. Davon muss er seine Kühe versorgen, Medikamente kaufen, Maschinen unterhalten, Strom und Personal bezahlen. Und natürlich davon sich und seine Familie ernähren. Kein Wunder also, dass Existenzängste viele Bauern plagen.

Natürliches Erdbeeraroma kann aus Baumrinde stammen

An dem Beispiel Milch lässt sich jedoch noch eine weitere Ebene illustrieren: In Kühltheken der Supermärkte wird sie gern als "länger frisch" oder "maxi frisch" gepriesen. Solche Milch ist bis zu 24 Tage haltbar. Und solche Milch ist vielleicht alles – nur leider nicht mehr frisch. Denn es handelt sich um sogenannte Extended Shelf Life-Milch, kurz ESL, die auf 120 Grad erhitzt und so länger haltbar gemacht wurde. Das hat dazu geführt, dass es in Supermärkten kaum noch wirklich frische Milch gibt.

Ähnliches passiert beim Joghurt. Wer glaubt, dass das Aroma bei einem Erdbeerjoghurt wirklich aus Erdbeeren hergestellt wurde, der irrt. Denn selbst die Bezeichnung "natürliches Aroma" bedeutet nicht, dass es sich um das Aroma aus Früchten des betreffenden Joghurts handeln muss. Natürliches Aroma heißt lediglich, dass Grundstoffe aus der Natur kommen müssen. Das kann auch eine Baumrinde sein. Künstlich produzierte natürliche Aromen sind also für Hersteller viel billiger als echte Vanille, echte Nüsse oder echte Bananen. Nach Angaben der Verbraucherzentrale Hamburg lässt sich mit einem Gramm Aroma ein Kilo Lebensmittel geschmacklich verändern. Und zu trauriger Berühmtheit hat es der "Analog-Käse" gebracht, gern verwendet bei Fertigprodukten. Dieser Käse hat mit einem klassisch hergestellten gar nichts mehr gemein, ist aber natürlich viel billiger.

Überhaupt, die Preise. Sie liegen in Deutschland so niedrig wie kaum irgendwo sonst in Westeuropa. Daran hat auch Bundespräsident Horst Köhler zu Erntedank erinnert.  Die Verbraucher müsssten sich "ehrlich prüfen". Jeder wolle für gute Arbeit einen angemessenen Lohn bekommen. Zugleich griffen Kunden aber oft zu Niedrigpreiserzeugnissen, die das gerade nicht möglich machten. Als mündige Bürger müssten sich alle fragen, wie es möglich sei, dass in Deutschland der niedrige Preis mittlerweile das einzige Verkaufsargument zu sein scheine: "Wer nicht möchte, dass seine Milch eines Tages als Trockenpulver aus Übersee importiert wird, sollte darüber nachdenken", mahnt der Bundespräsident.

Wer als günstigster Supermarkt gilt, gewinnt

Dass es mit den Tiefstpreisen soweit kommen konnte, liegt nach Angaben von Foodwatch daran, dass hierzulande Preiskämpfe toben und ein Verdrängungswettbewerb im Gange ist. Dieser Verdrängungsprozess führe dazu, dass der Handel versuche, über Masse Wachstum zu erreichen und die Stückkosten zu drücken, so die Verbraucherorganisation. Dem Handel geht es dabei um die sogenannte Preis-Marktführerschaft: Wer wird am Ende vom Kunden als günstigster Anbieter wahrgenommen? Gerade unter den Discountern sei der Konkurrenzdruck höher als in anderen Ländern, weshalb die Preise für identische Produkte in Norwegen, Schweden, Großbritannien, Frankreich oder Luxemburg häufig höher seien, so Christiane Groß von Foodwatch. Wird allerdings der Gesundheitsaspekt eines Produktes in den Vordergrund der Werbung gestellt, sind Verbraucher gern bereit, viel mehr zu bezahlen, als das eigentliche Produkt wert ist. Diese Erfahrung hat Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg gemacht.

Beide Organisationen wollen jedoch nicht einfach die Schuld den Verbrauchern zuschieben, die zum günstigsten Produkt greifen oder für andere überteuerte Preise zahlen. Es fehle an Information und Transparenz für die Verbraucher, damit diese entscheiden könnten, welche Produkte sie letztlich kaufen möchten. Als gutes Beispiel nennt Valet die Kennzeichnungspflicht bei Eiern. So gäbe es kaum noch Eier von Hühnern aus Käfighaltung, wie es noch vor einigen Jahren durchaus gängige Praxis war. Und auch bei gentechnisch veränderten Lebensmitteln haben deutsche Verbraucher eine einhellige Meinung: Sie lehnen sie ab. Deswegen seien solche Waren in deutschen Supermärkten kaum zu finden, so der Verbraucherschützer aus Hamburg.

Es ist also möglich, Lebensmitteln mit Bedacht und Respekt zu begegnen. Zu den Klassikern gehören natürlich regionale wie auch saisongemäße Produkte - also beispielsweise nicht die Erdbeeren im November, die aus Treibhäusern überall aus der Welt kommen.Was übrigens auch nichts bringt: regionale Ware aus dem Treibhaus - wie jüngst eine Studie gezeigt hat.


Wie sieht es bei Euch aus? Feiert Ihr Erntedank? Und wenn ja, wofür dankt Ihr? Schreibt es uns in der Community!

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