Kolumne - Der Springer-Verlag hat für seine Zeitungen "Bild" und "Welt" neue, kostenpflichtige Applikationen fürs Iphone herausgebracht. Lohnt sich so ein Abo, beispielsweise von "Bild"? Unser Kolumnist Michael Stein hat Zweifel.
Mit der "Bild-Zeitung" ist es so wie mit McDonald's: Keiner gibt es zu, aber alle kaufen es. Jetzt kann man die Zeitung mit den großen Buchstaben also auch auf dem Iphone lesen. Und man mag es kaum glauben: Zur Zeit steht das kleine Iphone-Programm (im Smartphone-Jargon "App", sprich: "Äpp", genannt) auf Platz eins der Iphone-Hitparade. 79 Cent – da konnten die meisten offenbar nicht widerstehen. Schon ab 22 Uhr stehen die Themen der Ausgabe des nächsten Tages damit online zur Verfügung. "Sexy-Bild-Girl zum Ausziehen" inklusive. "Während andere erst am nächsten Tag wissen, welche Themen Deutschland bewegen, kennen Sie diese schon am Abend zuvor!" heißt es im Werbetext zur "Bild"-App. Ich bin sicher: Darauf hat Deutschland gewartet.
Kosten versteckt
Kleiner Schönheitsfehler: Offenbar ist es mit den 79 Cent nicht getan. Diese Information haben die App-Macher jedoch im langen Beschreibungstext zum Programm gut versteckt. Fast erinnert das ein wenig an die getarnten Gebühren-Hinweise so mancher Abzocker-Seiten, bei denen man eigentlich nur ein Kochrezept downloaden wollte, ruckzuck aber ein Jahresabo an der Backe hat. Wenn man also genau hinschaut, dann erfährt man, dass man für die 79 Cent das Programm nur einen Monat lang ausprobieren darf und danach noch einmal kräftiger zur virtuellen Kasse gebeten wird. 1,59 Euro pro Monat sind das allein für die Nutzung der Online-App. Wer dazu noch die PDF-Version des gedruckten Blattes online beziehen will, zahlt dafür insgesamt 3,99 Euro im Monat. Das alles aber schienen die meisten der Nutzer nicht zu ahnen, die die App direkt am ersten Tag geladen und auf diese Weise zum Spitzenreiter gemacht haben. Denn zunächst waren diese Preise auf der Beschreibungsseite der App nicht zu finden. Und so machten sich die ersten Nutzer im Internet bereits kräftig Luft. Mittlerweile sind die Preise daraufhin aber nachgetragen worden.
Aber unter uns: Wofür sollte man 1,59 Euro pro Monat für einen Online-Dienst bezahlen, den andere kostenlos bieten? Radio und Fernsehen oder Seiten wie tagesschau.de und die Homepages der Radio- und TV-Sender sind bei aktuellen Ereignissen so schnell und aktuell, dass ein Abo einer Boulevard-Zeitung nun so gar nicht einleuchten will. Zumal man mit seinem Iphone jede beliebige Website kostenlos aufrufen und anschauen kann. Also 1,59 Euro für das "Sexy Bild-Girl zum Ausziehen"?
Iphones müssen draußen bleiben
Übrigens war bei Springers wohl ursprünglich geplant, Iphone-Nutzer vom normalen Webangebot auszusperren, damit diese die kostenpflichtige Abo-App kaufen sollten. Davon scheint man sich mittlerweile aber wieder verabschiedet zu haben - die Proteste und Kommentare im Web waren wohl zu groß.
Der Vorstoß von "Bild-Zeitung" und auch "Welt" kommt fast zeitgleich mit der noch für Dezember erwarteten Einführung eines kostenpflichtigen Dienstes des "Spiegel". Der ist zwar noch nicht am Start, scheint aber deutlich mehr Sinn zu machen. Denn dort wird man die komplette Ausgabe des gedruckten "Spiegel" online per Iphone lesen können. Und für ein Heft mit gut recherchierten und ausführlichen Hintergrund-Geschichten sind eben nach wie vor mehr Menschen bereit, etwas zu bezahlen. Das gilt für die Print- und vermutlich auch für die Online-Ausgabe eines Nachrichtenmagazins. Tageszeitungen hingegen – und vermutlich auch kostenpflichtige Online-Angebote derselben – werden es da wohl deutlich schwerer haben. Das dürfte erst recht für solche mit großen Buchstaben und wenig Inhalt gelten. Noch ein kleines Häppchen Bilddeutsch ganz zum Schluss gefällig? "Jetzt geht Bild App" heißt es da in der Beschreibung des Programms. Ich habe erst gar nicht verstanden, was uns der Texter da sagen wollte.
Über den Autor:
Michael Stein (Konfirmation 1976) arbeitet seit 1986 als Wissenschaftsjournalist mit Schwerpunkt Technik für Radio, Fernsehen, Print- und Online-Medien. Parallel zum Beruf studiert er seit 2004 in Wuppertal und Bochum Evangelische Theologie, um irgendwann einmal Journalist und Pfarrer zu sein. Für evangelisch.de schreibt er in seiner Kolumne "Maschinenraum" jede Woche über Technik, was wir mit ihr machen -und was sie mit uns macht.

Kommentare
RE: Aus dem Maschinenraum (12): Die neue "Bild"-App
Warum haben Sie sich eigentlich nicht die Mühe gemacht, auch mal die App der WELT anzuschauen? Da Sie dies offenkundig nicht getan haben, bleiben Sie auch die Begründung für die in Ihrer Einleitung genannten Skepsis schuldig.
RE: Aus dem Maschinenraum (12): Die neue "Bild"-App
Zitat: "Aber unter uns: Wofür sollte man 1,59 Euro pro Monat für einen Online-Dienst bezahlen, den andere kostenlos bieten? Radio und Fernsehen oder Seiten wie tagesschau.de und die Homepages der Radio- und TV-Sender sind bei aktuellen Ereignissen so schnell und aktuell, dass ein Abo einer Boulevard-Zeitung nun so gar nicht einleuchten will. "
Ganz einfach. Den Zeitungsverlagen macht die Konkurrenz der kostenlosen Infos aus dem Internet zu schaffen. Das ist allgemein bekannt. Es müssen neue finanzierbare Modelle gefunden werden, damit der professionelle Print-Journalismus überleben kann. Egal was man vom Springer Verlag halten will. Die Idee ist gar nicht so blöd. Und für 1,59 € im Monat(!) jeden Tag das größte Boulevard-Magazin Deutschlands zu erhalten ist gar nicht so schlecht. Ich würds nicht kaufen, weil ich von der BILD nichts halte. Aber der Springer-Verlag hat ja auch bessere Print-Medien. Wie z.B. die WELT. Für die gibt es übrigens auch ein iPhone App (was in diesem Artikel unterschlagen wurde). Und wenn man ein Interesse hat, dass in Zukunft die großen Zeitunsgverlage überleben, der sollte schon überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre sich ein solches Abo zuzulegen, selbst wenn man die Infos anderswo kostenlos kriegt.
Vllt springen die ZEIT oder der FAZ ja auf dieses Modell mit auf oder erfinden etwas ähnliches. Dann wär ich bestimmt einer der ersten die sich ein Abo zulegen würden. Allein schon aus dem Grund morgens im Zug nicht mehr mit einer sperrigen Zeitung sitzen müsste, sondern gute Nachrichten, Reporte und Essays auf meinem iPhone konsumieren kann!