Oper - Nicht nur in Bayreuth, sondern auch anderswo in Deutschland gibt es spannende Opern-Festivals. So wie in Wildbad, wo auch seltene Rossini-Stücke aufgeführt werden.
1856 nahm Gioachino Rossini, wie es damals so schön hieß, Bäder in Bad Wildbad im Nordschwarzwald. Erquickt reiste der von ganz Europa bewunderte Opernkomponist weiter durch deutsche Lande. So nach Kissingen, wo er vom bayerischen König Max II. Joseph empfangen wurde. Im Leben des Belcanto-Genies und Liebhabers der italienischen und französischen Küche waren die erholsamen Wochen in dem beschaulichen Heilbad an der Enz sicher kaum mehr als eine Episode. Für das gerade einmal 11.000 Einwohner zählende Wildbad hingegen ist sie bis heute lebendig und eine Art posthumes Geschenk des Schöpfers des "Barbier von Sevilla" und weiterer rund 40 Opern.
In der Zeit vom 15. bis 25. Juli bringt Intendant Jochen Schönleber bereits die 22. Ausgabe eines Festivals auf die Bretter diverser Spielstätten, das – gemessen an einer Vielzahl von Musikfestspielen in diesem Sommer – wirtschaftlich so gar nicht existieren könnte. "Wir sind in gewisser Weise der Provinzclub, der in der Championsleague spielt", nimmt es Schönleber sportlich. Und nennt das Projekt mit diesmal gleich 17 Veranstaltungen "jedes Mal eine Gratwanderung angesichts des Etats". Dieser betrage "nur ein Bruchteil dessen, was andere Festivals bekommen, die in einem Atemzug mit Rossini genannt werden". Wo sonst auch erspielen Musikfestspiele weit mehr als 50 Prozent ihrer Einnahmen aus dem Ticketverkauf?
Schwierige Finanzierung
Jahr für Jahr hängt die Finanzierung des Nischenfestivals mit seinen unprätentiösen Raumverhältnissen und einem der Zahl nach überschaubaren Publikum eh schon "wie ein Damoklesschwert" (Schönleber) über dem Festival. 2010 ist der Faden, an dem alles hängt, nochmals eine Idee dünner. Die Peter Moores Foundation, langjähriger Sponsor des Spektakels, sah sich nach Schönlebers Angaben gezwungen, ihr Engagement zu beenden, vorerst jedenfalls. Neue Mäzene sind in diesen Zeiten nicht über Nacht zu finden, zumal nicht im Umfeld der Kleinstadt im tiefen Enztal. Zum Glück verfügen die Rossini-Macher zu Wildbad mit dem Klassiklabel Naxos über einen Partner, der in den letzten Jahren etliche der vorzüglichen Aufführungen, darunter manche Entdeckung, dokumentiert und den Rossini-Fans zugänglich gemacht hat. In dieser Kooperation wird ein Stück des Wildbader Geheimnisses fassbar, mit kleinem Geld große Kunst zu machen. "Bei uns", erläutert Schönleber, "singen die Sänger nicht primär für Geld, sondern für ‚Silbertaler’, also CDs".
Die Bindung des Musikproduzenten an das Festival hat viel mit dem Konzept zu tun, das in Wildbad konsequent verfolgt wird. Im Kurtheater oder in der Trinkhalle gelangen immer wieder Rossini-Opern zur Aufführung, die der Afficionado des "Schwans von Pesaro" auf den Spielplänen der Opernhäuser lange suchen muss. So zum Beispiel der Buffo-Einakter "Il Signor Bruschino" im vorigen Jahr, eine munter perlende Farce mit köstlichen Anspielungen auf die Geldgier.
"Die Belagerung von Korinth"
Die konzertante Aufführung der monumentalen Seria "Le siège de Corinthe" ("Die Belagerung von Korinth") ist die Trouvaille dieses Jahres. Hinzu kommen alljährlich musikarchäologische Fundstücke von Rossini-Zeitgenossen, die die Spezialität des Spielplans ausmachen. Zu nennen wäre beispielsweise die Schiller-Oper „La sposa di Messina“ von Nicola Vaccai, die 2009 zu sehen war, oder „Adelina“ von Pietro Generali in diesem Jahr (Premiere 16.7.). Mit der Ausgrabung öffnet Wildbad gleichsam den Vorhang für ein etwas verstecktes Rossini-Jubiläum. Die einaktige Farsa kam vor 200 Jahren in Neapel heraus. Ebenfalls in Neapel erlebte Rossinis Erstling "La cambiale di matrimonio" seine Uraufführung. Es war der Beginn einer triumphalen Bühnenkarriere mit glanzvollen Stationen in Venedig und Mailand, Neapel und Madrid, London und Paris.
Im Sog dieses Konzepts hat es das künstlerische Team von Wildbad geschafft, regelmäßig Belcanto-Stars vom Schlage eines Bruno Praticò oder einer Joyce DiDonato für das Festival zu gewinnen. Praticò gibt ab 15.7. den Don Magnifico in der urkomischen Oper "La Cenerentola" ("Aschenputtel"), die – eine kleine Überraschung – erstmals szenisch in Wildbad eingerichtet wird. Das Festival profitiert nachhaltig von einem in den Jahren gewachsenen Netzwerk von Spezialisten des Metiers.
Rossini-Experte
Alberto Zedda, der Rossini-Experte unter den heutigen Dirigenten schlechthin, hat hier wiederholt Belcanto-Feuer entfacht, zuletzt mit einer konzertanten "La gazza ladra" vor Jahresfrist. Der Tenor Raúl Giminéz "castet" in Barcelona Sängertalente für Wildbad und unterrichtet dort die Stars von morgen in der Festspielzeit. Mit der Akademie BelCanto hat das Festival seiner Ambition, das sängerische Feintuning junger Stimmen anzugehen, nun auch ein formelles Aushängeschild gegeben.
Furore könnte Wildbad 2010 vor allem mit dem Korinth-Stoff machen (Premiere 18.7.), der eine bis heute aktuelle politische Dimension aufweist. Rossini hat das ursprünglich für Neapel 1820 unter dem Titel „Maometto II“ geschriebene Werk sechs Jahre später auf den Stil der französischen Oper neu ausgerichtet. Geblieben ist der kulturelle Zusammenprall der graeco-romanischen mit der islamischen Welt. Nur wird nun wohl eleganter und raffinierter - vor allem im Finale der Akte - gesungen als in der italienischen Urfassung. Und so majestätisch, opulent und verführerisch, dass selbst Kanonenschüsse auf der Bühne dem Ganzen nichts anzuhaben verstehen.
Weitere Informationen unter www.rossini-in-wildbad.de
Ralf Siepmann ist freier Journalist und lebt in Bonn.












