Der kommentierte Aphorismus (VIII)

Denker

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Tolstoi - In seiner Kolumne kommentiert Hasso Mansfeld Aphorismen. In dieser Folge hat er sich ein Wort von Leo Tolstoi vorgenommen. Thema: zwischenmenschliche Beziehung.

Von Hasso Mansfeld

"Der Faulpelz hat viele Helfer."

Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi (Leo Tolstoi), geboren am 28. August 1828 bei Tula und gestorben am 7. November 1910 in Astapowo

Würde die Faulheit eines Menschen nur sein eigenes Leben betreffen, ohne Konsequenzen für den Rest der Gesellschaft zu entfalten, gäbe es keinen Grund, am Müßiggang eines Mitbürgers an sich Anstoß zu nehmen.

Wie es jedoch der russische Schriftsteller Tolstoi in seinem Aphorismus "Der Faulpelz hat viele Helfer" beschreibt , betrifft die Faulheit nicht nur das Leben des Faulen, sondern auch das Leben anderer. So finden sich im Leben eines Faulen immer Menschen, welche dem Faulen helfen, die bewusst die Aufgaben von jemand anderem übernehmen und sich weidlich ausnutzen lassen. Solange sie es freiwillig machen, gäbe es immer noch keinen Grund, das Verhalten eines Leistungsunwilligen zu kritisieren. Es gibt aber gleichwohl Aufgaben, die der Faule nicht zu übernehmen Willens ist, welche dann von anderen übernommen werden müssen, ohne dass sie es freiwillig täten oder sich gar bewusst wären, wessen Arbeit sie gerade verrichten. Das Faule hingegen weiß, dass er andere für sich arbeiten lässt und ist sich der Konsequenz seines Nichtstuns völlig im Klaren. So steht schon in der Bibel : "Der Faule dünkt sich weiser als sieben Kluge".

Durch sein Nichtstun zwingt der Faule andere Menschen, die eigentlich von ihm selbst zu erbringenden Leistungen zu übernehmen. Damit schränkt der Faule die Freiheit von anderen ein. Niemand hat daher in unserer arbeitsteiligen Solidargemeinschaft ein Recht auf Müßiggang - die Leistungsverweigerung von Faulen betrifft unsere gesamte Gesellschaft. Faulheit darf daher nicht tabuisiert, sondern wo man sie erkennt, sollte sie offen angesprochen werden.

Im Übrigen kann ein fauler Mensch das Geschenk des Lebens nicht in ausreichendem Maße füllen und macht nichts aus seinen von Gott geschenkten Möglichkeiten. Auch deshalb ist die Faulheit im Christentum eine Todsünde und wird von der Bibel verurteilt.


Über den Autor:

Hasso Mansfeld arbeitet als selbstständiger Kommunikations-Berater. Die Beschäftigung mit philosophischen Fragen ist fester Bestandteil seiner Beratungstätigkeit. Für seine Ideen und Kampagnen wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet.

Kommentare

RE: Der kommentierte Aphorismus (VIII)

Die Arbeit ist etwas Unnatürliches. Die Faulheit allein ist göttlich.

Anatole France,
16.04.1844 - 12.10.1924
frz. Schriftsteller und Nobelpreisträger

RE: Der kommentierte Aphorismus (VIII)

Zunächst mal herzlichen Dank für den Tolstoi-Spruch, den ich noch nicht kannte.

Allerdings bin ich der Meinung, dass der Sinn des Ganzen in der Erklärung nicht gut getroffen ist.

Meiner Auffassung nach geht es gerade um die Mitverantwortung der Umgebung des Faulen. Der Faule könnte gar nicht faul sein, wenn ihm die anderen das Faulsein nicht ermöglichen würden. Ich habe eine Zeitlang neben einem Kindergarten gewohnt. Jeden Morgen sah ich eine Mutter, die ihr Kind mit dem Auto dorthin brachte, obwohl die Entfernung vom Haus zum Kindergarten höchstens 150 m betrug. Es würde mich nicht wundern, wenn das Kind auch als Erwachsener einmal zu faul sein wird zu Fuß zu gehen. Auch - und gerade - das "freiwillige" Übernehmen der Aufgaben für die der Faule zu faul ist, ist das große Problem. Es geht also m.E. bei Tolstoi nicht darum, "Faulheit ist bäh" bzw. sogar (Moralkeule!) "Faulheit ist Todsünde" zu rufen (gibt es "Todsünde" in der evangelischen Theologie überhaupt?). Sondern darum die Bedingungen der Möglichkeit von Faulheit zu erkennen.

Natürlich gibt es, gerade in den Sprüchen, viele Bibelstellen, die zu Recht auch die Faulheit an sich kritisieren. Sie tun das aber gerade nicht, indem sie sagen: "Faulheit wird verurteilt:" Sondern sie tun es humovoll, entlarven, wie der Faule letztlich an seiner eigenen Faulheit Schaden nimmt, etwa, wenn Salomos sagt, der Faule stecke seine Hand in die Schüssel, sei aber sogar noch zu träge sie zm Munde zu führen - wird also auf Grund seiner Faulheit noch selber verhungern ...

Im Gegensatz zu dieser humorvollen Betrachtungsweise aber schmeckt der Duktus des Kommentars doch ein wenig danach, als ob es darum ginge, dem steigenden Leistungsdruck in unserer Gesellschaft eine christliche Soße überzugießen ...

Barnabas

RE: RE: Der kommentierte Aphorismus (VIII)

als Plädoyer für Leistung war es auch gedacht. Ich bin der Auffassung dass es unsere Aufgabe ist, das beste aus unsren Fähigkeiten zu machen. Und zwar nicht deshalb weil uns jemand dazu zwingt, sondern weil es Freude bereitet etwas leisten zu können.

Aus der andren Seite der Medaille mit der Gravur " Dir muss geholfen werden" steht: " Du kannst nichts!"

Hasso Mansfeld

RE: RE: RE: Der kommentierte Aphorismus (VIII)

"als Plädoyer für Leistung war es auch gedacht" - soll das heißen, ich habe Sie richtig verstanden? Dass Sie tatsächlich dem Leistungsdruck eine christliche Soße übergießen möchten? Wem wäre damit geholfen? Den Faulen nicht und den Fleißigen erst recht nicht ...

Wie gesagt: Mit den Sprüchen Salomos kann ich mich der Kritik an der Faulheit sehr wohl anschließen. Allerdings ist Ihre Behauptung "Niemand hat ein Recht auf Müßiggang" nur halb wahr. Niemand hat ein Recht auf ständigen Müßiggang. Aber "jeder hat die Pflicht zu einem zeitlich begrenzten Müßiggang" - das muss dazu gesagt werden, weil es dem Sabbatgebot entspricht. Immerhin haben das die Verfassungssrichter verstanden, wenn es schon leider viele andere in unserem Lande vergessen haben.

Interessant übrigens, dass es zwar ein ausdrückliches Sabbatgebot - also "Faulenz-Gebot" unter den Zehn geboten gibt, aber kein "Leistungsgebot". Wahrscheinlich ist es doch so, dass den meisten Menschen die Notwendigkeit von Leistung selbstverständlich ist. Das braucht man nicht zu betonen. Die Notwendigkeit der "Unterbrechung" (wörtl. Üebrsetzung von Sabbat), von Ruhe und Müßggang entbehrt dieser Selbstverständlichkeit anscheinend.

Deshalb finde ich an Tolstois Diktum auch gerade entscheiden, dass er nicht den Faulen sagt: "Seid gefälligst fleißig!". Sondern er sagt den Fleißigen: "Ihr seid (mit)schuld, dass die Faulen faul sind - weil Ihr im Übermaß Eures Fleißes ihnen das abnehmt, was sie tun müssten ..."

 

Barnabas

RE: RE: RE: Der kommentierte Aphorismus (VIII)

Ein gelungerer Kommentar, dem ich nur zustimmen kann. Der Faule lebt sein Leben auf Kosten anderer. Das ist letztlich respektlos, denn es schränkt die Freiheit anderer ein. Allerdings kann ich als Individuum auch entscheiden, ob ich mich dieser Zumutung verweigere. Wünsche allen darin viel Mut.

Bertold Höcker, Berlin

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