Stuttgart 21: Bahnchef Grube lädt zum runden Tisch

Protest gegen Stuttgart 21

Mehrere zehntausend Menschen sind am Freitagabend gegen das Bahn-Großprojekt Stuttgart 21 auf die Straße gegangen. Die Demonstranten durchbrachen die Bannmeile des Stuttgarter Landtags und bildeten eine Menschenkette. Foto: dpa/Marijan Murat

Proteste - Im Konflikt um das Milliarden-Bahnprojekt Stuttgart 21 hat Bahnchef Rüdiger Grube für seinen Vorschlag eines runden Tisches breite Zustimmung aus der Politik erhalten - doch einige Gegner bleiben skeptisch.

Ein Sprecher bezweifelte, ob das Angebot für ein Gespräch zwischen Kritikern und Projektträgern ernst gemeint sei, denn am Tag nach den bislang größten Protesten und Grubes Ankündigung seien die Abrissarbeiten an dem denkmalgeschützten Gebäude unvermindert weitergegangen. «Wir werden mit unserem Widerstand nicht aufhören», sagte Matthias von Herrmann von den «Parkschützern» am Samstag.

Grube hatte am Freitag angekündigt, dass er sich bereits im September erstmals mit Kritikern zum Meinungsaustausch treffen wolle. «Wir müssen uns jetzt wie erwachsene Leute verhalten.» Allerdings werde er für die Zusammenkünfte keine Vorbedingungen akzeptieren.

Als Teilnehmer war unter anderem Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) im Gespräch. Der langjährige Kritiker des Projekts hatte zuvor einen «Friedensgipfel» angeregt, aber dafür einen Baustopp bei gleichzeitigem Aussetzen der Proteste verlangt. Palmer sagte, wenn es keine Vorbedingungen gebe, gehöre dazu ebenfalls, dass dabei nicht von vornherein von einer «Unumkehrbarkeit» des Projekts gesprochen werden könne. Das wäre ein «großer Fortschritt», sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Der Fraktionschef der Landtags-Grünen, Winfried Kretschmann, sagte: «Die Gesprächsbereitschaft von Grube kommt spät, aber nicht zu spät.»

Auch die SPD, die im Landtag das Projekt befürwortet hatte, begrüßte den Vorschlag zum Gespräch. Man sei unabhängig davon auch bereits dabei, eine Veranstaltung zu organisieren, um mit den Gegnern des Projekts innerhalb der Partei in Dialog zu treten. FDP- Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke zeigte sich «skeptisch, was die Erfolgsaussichten anbelangt». «Ich hoffe aber, dass ein Gespräch zur Verbesserung der Atmosphäre beiträgt», sagte er.

Baustopp nicht mehr möglich

Aus Grubes Sicht ist die einzige Voraussetzung für den runden Tisch, zu dem vor allem die Grünen und auch Vertreter von Bürgerinitiativen eingeladen sein sollen, die Wahrheit zu sagen, Fakten offenzulegen und keine Informationen zurückzuhalten. Ein Baustopp sei aber nicht möglich: «Die Bauarbeiten gehen selbstverständlich unvermindert weiter», sagte Grube der Zeitung «Sonntag Aktuell». Die Bahn sei vertraglich zum Bauen verpflichtet.

Auf der Befürworterseite sind auch Ministerpräsident Stefan Mappus und Verkehrsministerin Tanja Gönner (beide CDU) vorgesehen. Sein Vorschlag sei mit Mappus abgestimmt, der die gleiche Idee gehabt habe, sagte Grube. Der Regierungschef will sich am Montag in Stuttgart zu dem geplanten runden Tisch äußern.

Bei dem 4,1 Milliarden Euro teuren Projekt soll der Stuttgarter Kopfbahnhof in eine unterirdische Durchgangsstation umgewandelt und an die künftige Schnellbahntrasse nach Ulm angeschlossen werden. Kritiker halten das Bauvorhaben unter anderem für zu teuer. Für den Verkehr bringe es keinen entscheidenden Nutzen.

Grube rechnet mit langen Protesten

Grube geht davon aus, dass die Proteste noch lange anhalten. Die Heftigkeit des Widerstands habe ihn überrascht und mache ihm Sorge mit Blick auf weitere große Infrastrukturprojekte in Deutschland. Der Bahnchef räumte ein: «Stuttgart 21 ist nicht richtig begleitet worden mit Kommunikation.» Er versicherte, er werde sich alle Ideen am runden Tisch genau anschauen, sofern sie bezahlbar seien.

Der Bahnchef lehnte einen Vergleich zu der von den Gegnern favorisierten Variante K21 ab, die Erhalt und Modernisierung des Kopfbahnhofes und eine Anbindung des Landesflughafens und der geplanten Trasse nach Ulm durch das Neckartal vorsieht. Allein die Sanierung des Hauptbahnhofes und des Gleisvorfeldes koste 1,8 Milliarden Euro, die noch nicht finanziert seien. Um K21 auf den gleichen Stand wie Stuttgart 21 zu bringen, müssten die Bauarbeiten mindestens zehn Jahre eingestellt werden.

Grube verteidigte das 4,1 Milliarden teure Vorhaben erneut. Das Projekt sei ein «Geschenk» für die Stadt und die Region: «Andere würden sich danach die Finger lecken.»

dpa

Kommentare

Verfasst von Frank Haberle am 29. August 2010 - 9:55.

Bei K 21 wären ähnlich hohe Kosten zu erwarten

Bei K 21 wären ähnlich hohe Kosten zu erwarten, so der Verkehrswissenschaftler...

Bei K 21 wären ähnlich hohe Kosten zu erwarten, so der Verkehrswissenschaftler Gerhard Heimerl, nämlich 3,739 Milliarden Euro anstatt der von den Gegnern genannten 1,2 bis 2,3 Milliarden Euro. „Die Behauptung, dass die Kosten von K 21 um zwei Drittel niedriger als bei Stuttgart 21 lägen, sind nicht haltbar.“ Grund dafür sei unter anderem, dass die Erneuerungs- und Ausbauarbeiten im Gleisvorfeld unter Betrieb erfolgen müssten, womit deutlich längere Behinderungen in Kauf genommen werden müssten, und dass die Arbeiten „weniger automatisierter und mechanisierbar“ durchführbar seien als bei den S-21-Neubaustrecken. Allein die Modernisierung des Kopfbahnhofs schlage hochgerechnet mit 1,155 Milliarden Euro zu Buche, der sechsgleisige Ausbau von Cannstatt nach Obertürkheim/Mettingen und weiter nach Wendlingen mit 1,05 Milliarden Euro, die Anbindung des Flughafens mit 365 Millionen Euro. „Man sollte daher konsequenterweise, wenn man vom Milliardenprojekt Stuttgart 21 spricht, auch vom Milliardenprojekt Kopfbahnhof 21 sprechen.“ Das größte Manko des K-21-Konzepts ist aus Sicht von Heimerl“: „Weder eine schlüssige Planung noch eine Finanzierung dafür ist in Sicht.“

Verfasst von Winterbach i.R. am 28. August 2010 - 17:40.

Fehler in der Kommunikation !?

Der Fehler in der Kommunikation besteht nicht darin, dass die Verantwortlichen...

Der Fehler in der Kommunikation besteht nicht darin, dass die Verantwortlichen nicht genug geworben hätten - sondern darin, dass die Verantwortlichen seit Jahren den Willen der gegnerischen Bürgerschaft missachten und nicht gehört haben!
Herr Grube spricht von einem Geschenk!? Es ist die größte Verschwendung von Steuergeldern in Deutschland -seit Jahrzehnten. Deswegen gehört der Protest ins ganze Land hinausgetragen.
Anderswo in den Schulen fällt der Putz von den Wänden und das Gesundheitssystem in Deutschland triftet seinem Ende entgegen. Und das größte Dorf Württembergs (meine Geburtsstadt) leistet sich für 4,5 Mrd. Euro einen neuen Bahnhof und eine neue Zugstrecke nach Ulm.
Heutige Schätzungen kommen schon auf 8 Mrd. Euro. Man sollte es eigentlich nicht mehr machen, aber rechnen Sie das mal in DM um! Derjenige der sich noch an die Mark erinnert und weiss, was sie wert war, dem muss doch spätestens jetzt klar werden, dass in Stuttgart der finanzielle Supergau droht.
Ich will keine "griechischen Verhältnisse" in Baden-Württemberg und Deutschland haben! Herr Mappus´ Lieblingsthema ist der Länderfinanzausgleich, er sollte aufpassen, dass wir nicht zum Nehmerland werden, wenn Generationen nach uns in die Schulden getrieben werden.
Thema Denkmalschutz: der Stuttgarter Hauptbahnhof wurde erbaut als Württemberg noch ein Königreich war. Er steht unter Denkmalschutz. Was das in Deutschland noch wert ist, sehen wir heute. Jeder der auf dem Land in einem Fachwerkhaus lebt, wird vom Denkmalamt mit Auflagen drangsaliert, wenn er etwas modernisieren will. In Stuttgart reißt man nach Gutsherrenart einen Teil des Denkmals ab, weil sich Politiker und Architekten ein neues Denkmal setzen möchten. Irgendwie erinnert mich das an Berlusconi - soweit sind wir also schon.
Herr Ministerpräsident Mappus und Herr OB Schuster müssen gewaltig aufpassen, dass S21 nicht zu Ihrem politischen Ende wird. Nächsten März ist Landtagswahl. Wenn Sie, sehr geehrte Herren, nicht mehr wissen, wer der Souverän ist, dann müssen wir es Ihnen zeigen.

Herr schmeiß Hirn ra ! -Denn Geld haben wir offenbar genug. Alex.

Verfasst von Gast am 29. August 2010 - 13:52.

"Die" Bürgerschaft

Von den Gegnern des Zukunftsprojektes "Stuttgart 21" wird seit Monaten die...

Von den Gegnern des Zukunftsprojektes "Stuttgart 21" wird seit Monaten die Behauptung wiederholt, "die Bevölkerung" sei mehrheitlich gegen das Projekt. Im Großraum Stuttgart leben knapp 2,7 Millionen Menschen (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Region_Stuttgart). Rund 50.000 davon kamen nach Veranstalterangaben zur bisher größten Demo gegen S21 - also rund 2 Prozent...

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