Pro life: Die Todesstrafe muss abgeschafft werden

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Standpunkt - In den USA sind es auch fromme Christen, die die Todesstrafe befürworten. Und das, obwohl der Glaube und die Bibel eben keine Rechtfertigung für diese Bestrafung liefern.

Von Ralf-Peter Reimann

"Pro life" – für das Leben – das ist der Slogan der Lebensschützer in den USA. Dieses Motto wird von den meisten frommen Amerikanern allerdings nur auf das ungeborene Leben bezogen, die Todesstrafe dagegen wird von einer Mehrheit der Amerikaner als notwendig betrachtet und als durch die Bibel gerechtfertigt angesehen.Das fünfte Gebot "Du sollst nicht töten!" scheint für den Bereich des staatlichen Handelns keine Geltung zu haben, wenn im Auftrage des Staates Menschen hingerichtet werden.

Für wen gelten die Gebote? Woher stammen sie?

Gemäß der biblischen Überlieferung hat Gott sie den Menschen gegeben, um das menschliche Zusammenzuleben zu regeln. Wer sich die biblischen Gebote im Kontext ansieht, macht zwei Beobachtungen: Auch im Regelwerk der Hebräischen Bibel, unseres Alten Testamentes, ist für bestimmte Vergehen die Todesstrafe vorgesehen. Aber auch diese Beobachtung gilt: die biblischen Gebote dienen der Eindämmung der Gewalt und Förderung des Lebens.

"Auge um Auge"

Das so genannte Talionsrecht, bekannt als "Auge um Auge, Zahn um Zahn", setzt der Bestrafung ganz enge Grenzen, sie darf nicht schlimmer sein, als die ursprüngliche Tat. Die jüdische Auslegung hat es dementsprechend als Regelung dafür verstanden, dass die Strafe für ein Verbrechen dem Schaden und den beteiligten Personen angemessen sein soll. Hiermit legt das Alte Testament - ganz im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Meinung - die Grundlage für ein Rechtssystem, in dem Verhältnismäßigkeit und Gerechtigkeit gewährleistet sind.

Wenn Jesus in der Bergpredigt dem Talionsgebot die Aussage gegenüberstellt: "Wenn dir einer auf die rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar" (Mt 5,39), so setzt er das Gebot der gerechten Bestrafung nicht außer Kraft, sondern ruft seine Jünger zum Verzicht auf Vergeltung für erlittenes Unrecht auf. In seiner Begegnung mit der Ehebrecherin stoppt Jesus nach der Überlieferung des Evangelisten Johannes den Vollzug einer Steinigung. Für Christen gelten daher die Regeln der Bergpredigt und das Vorbild Jesu, innerhalb der christlichen Gemeinschaft darf es keine Todesstrafe geben. Dies gilt natürlich unmittelbar für die Kirche.

Christentum als Staatsreligion

Als das Christentum im Laufe der geschichtlichen Entwicklung selbst zur Staatsreligion wurde, stelle sich die Frage, ob man die Bergpredigt als Anleitung für einen christlichen Staat nehmen dürfe. Wie kann man – nicht nur die Todesstrafe, sondern überhaupt jegliche staatliche Gewalt legitimieren, wenn man lieber die rechte Backe hinhalten soll, als für das eigene Recht einzutreten? Protestantische Theologie entwickelte darauf hin die Lehre von den zwei Regimenten, dem geistlichen Regiment, dem die Kirche zuzuordnen ist, in dem die Liebe regiert und die Bergpredigt anzuwenden sei, und das weltliche Regiment, in dem die Vernunft waltet und Gerechtigkeit notfalls mit Gewalt durchzusetzen sei.

Wenn auch nach eigenem Verständnis innerhalb des geistlichen Regimentes die Todesstrafe abgelehnt wurde, so billigte die Kirche diese dem Staat durchaus zu. Ist dieses Einschätzung heute noch zu teilen? Ich denke nicht. In der Zwei-Regimenten-Lehre wird vom weltlichen Regiment gefordert, Vernunft walten zu lassen und so Gerechtigkeit zu üben. Vernünftige Gründe, die gegen die Todesstrafe sprechen, überwiegen aber: die Todesstrafe senkt nicht durch ihr Abschreckungspotenzial die Zahl von Verbrechen, oft genug wurden Fehlurteile gesprochen, die nicht zu revidieren sind, die Todesstrafe kann politisch missbraucht werden, und bezogen auf die USA ist sie auch zu teuer, wenn man die Verfahrenskosten in Prozessen mit Todesstrafe und die besondere Unterbringung einrechnet.

Gerechtigkeit statt Vergeltung

Entscheidender als diese "vernünftigen" Gründe gegen die Todesstrafe, ist jedoch das Selbstverständnis des modernen Staates in der jüdisch-christlichen Tradition. Hier gibt es eine historische Entwicklungslinie. So wie bereits im Alten Testament das Recht auf Vergeltung eingeschränkt wurde und im Neuen Testament innerhalb der christlichen Gemeinschaft dieses Recht verneint wurde, so ist diese Entwicklung auch auf den modernen Staat zu übertragen: Gerechtigkeit statt Vergeltung ist das Ziel. Denn der Staat weiß darum, dass er Grundlagen hat, die jenseits seiner selbst liegen. Daher beginnt auch die Präambel des Grundgesetzes mit den Worten: "Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott…" und der erste Artikel lautet: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Das Recht auf Leben ist die elementarste Ableitung aus dieser Menschenwürde.

Kommentare

Verfasst von Gast am 12. Dezember 2009 - 13:25.

RE: Pro life: Die Todesstrafe muss abgeschafft werden

Ein gutgemeinter Artikel, dessen Zielpunkt einer kompromisslosen Ablehnung der...

Ein gutgemeinter Artikel, dessen Zielpunkt einer kompromisslosen Ablehnung der Todesstrafe man nur zustimmen kann. Und doch: ein unsäglicher Artikel! Ich setze mich nun 20 Jahre im gymnasialen Religionsunterricht mit den Argumenten um die Todesstrafe auseinander und die SchülerInnen lernen bei mir, dass gegenüber dem Argument "Die Todestrafe ist billiger!" unter keinen Umständen aufzurechnen ist, dass sie teurer kommen könnte, sondern dass dieser ganze ökonomische Denkansatz ebenso wie beim behinderten Leben unbedingt zu verwerfen ist als unvereinbar mit der Menschenwürde. Ich bin schockiert, dem Gegenteil auf evangelisch.de zu begegnen - aber ich bin nicht überrascht. Hier zeigt sich einmal mehr der ganze Schmusekurs der EKD mit der Wirtschaft und dem wirtschaftlichen Denken, das dann besinnungslos durch alle Fugen quillt. Die EKD-Linie wird weiterhin deutlich darin, dass mühselig mit Bibelstellen herumargumentiert wird, statt klipp und klar zu sagen: Bei der "biblischen Begründung" der Todesstrafe handelt es sich um einen evangelikalen Biblizismus (= Fundamentalismus!), der schon im Ansatz theologisch inakzeptabel ist. Seit dem skandalösen Ratswort, das sich gegen kritischen Journalismus und hinter fanatischen Missionseifer dieser Couleur stellte, ist klar: Bei denen müssen wir uns unterhaken und einen agnostischen Humanismus dürfen wir munter konfrontieren. Dazu gehört dann eben auch die gebetsmühlenartige Suggerieren, dass humane Positionen letztlich christlich begründet seien. Diese Behauptung ist falsch.

Verfasst von UliPontes am 12. Dezember 2009 - 14:07.

RE: RE: Pro life: Die Todesstrafe muss abgeschafft werden

Lieber Gast, hm, ich habe erst Ihren Nutzerkommentar gelesen - und fand vieles...

Lieber Gast,

hm, ich habe erst Ihren Nutzerkommentar gelesen - und fand vieles Bedenkenswerte darin. Dann habe ich den eigentlichen Artikel gelesen - und kann Ihre Vorwürfe nicht nachvollziehen. Dort wird nicht billiger gegen teurer aufgerechnet, sondern es werden ein paar Vernunftargumente der Vollständigkeit halber aufgeführt um dann deutlich zu sagen: Es geht aus christlicher Sicht aber ganz primär um die Menschenwürde. Es passt hier meiner Ansicht nach also kaum ein Blatt zwischen Ihre Position und die des Artikelschreibers. Und aus dessen Argumentation nun einen Schmusekurs mit Wirtschaftsdenken herauszulesen, scheint mir doch mindestens sehr fantasievoll.

Heftig widersprechen muss ich Ihnen aber mit Blick auf das angeblich "skandalöse" Ratswort: Hier wird in keiner Weise Position gegen kritischen Journalismus und für fanatischen Missionseifer bezogen, sondern Mitchristen werden gegen pauschale Verunglimpfung in Schutz genommen und undifferenziert-sensationsheischender Journalismus wird gerügt (wie jeder nachlesen kann: http://www.ekd.de/presse/pm199_2009_erklaerung_rat...). Das ist ja wohl ein Unterschied - und schließt nicht aus, dass man sich als EKD gleichzeitig auch durchaus kritisch mit manchen Phänomenen aus der evangelikalen Welt auseinandersetzt.

Verfasst von Gast am 12. Dezember 2009 - 17:58.

RE: RE: RE: Pro life: Die Todesstrafe muss abgeschafft werden

Lieber Herr Redakteur Pontes, hm, das ging aber schnell und Sie hatten den...

Lieber Herr Redakteur Pontes,
hm, das ging aber schnell und Sie hatten den Beitrag aus der eigenen Redaktion gar nicht gelesen? Aber zur Sache: Der Artikel deckt Ihre Apologie nicht. Da wird eindeutig ohne irgendeine kritische Relativierung das Kostenargument als ein Vernunftgrund im "Regiment zur Linken" aufgeführt, das - soviel theologische Nachhilfe darf wohl sein - bei Luther auch ein Regiment Gottes ist. Das Thema Menschenwürde taucht im Schlussabschnitt auf, dessen Intention einzig die ist, den modernen Staat christlich zu vereinnahmen; da besteht keinerlei Bezug. Das, was ich "Schmusekurs der EKD mit dem Wirtschaftsdenken" nenne, sollten Sie als Manager der Leserbriefempörung auf die neoliberalen Thesen des EKD-Wirtschaftsweisen Wagner kennen: http://www.evangelisch.de/themen/politik/dem-liberalen-weg-zu-gerechtigk... Die EKD-Linie ist auch bei evangelisch.de unverkennbar. Jetzt noch zur Presseschelte durch das Ratswort, auf das Sie verlinken, ohne dass der Leser sich ein Bild von der Sendung machen kann. Da kann ich helfen: http://www.youtube.com/watch?v=hLi_sRE_Otw (beanstandetes Frontal 21) und dazu noch die Panorama-Sendung, die darauf reagiert: http://www.youtube.com/watch?v=ZwCx2doeN5U Da mögen Zuschauer unserer Disputation sich dann selbst eine Meinung bilden. Ich selbst habe mit einer Abiturklasse die Frontal 21 Sendung getestet und nur feststellen können, das die berechtigte Warnung vor sich selbst und andere (Hilfsorganisationen!) gefährdendem Fanatismus gut verstanden worden ist. Gleichsetzung mit islamistischen Selbstmordattentätern liest die EKD hinein, unübersehbar Kirchenpolitik, um den rechten Rand zu befriedigen.

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